02.01.2016

IndienKein schöner Land

„Clean Ganges“ soll den Fluss säubern. „Make in India“ Firmen locken. „Digital India“ Dörfer vernetzen. Premier Modi will aus dem Schwellenstaat eine Spitzennation machen. Eine Reise entlang seiner Versprechen. Von Katrin Kuntz
Die Fahrt durch das Land, das Narendra Modi verwandeln will, beginnt südwestlich von Varanasi nahe einer Biegung des Ganges. Dort liegt es, das Dorf. Modis Dorf. Ein riesiges Straßenschild weist den Weg dorthin, darauf ein Porträt des Politikers und "Modis Model-Village Jayapur", bitte abbiegen, bitte hier entlang, es gibt etwas zu sehen.
Jayapur gehört jetzt zu Modi und Modi zu Jayapur. Der indische Premier hat das Dorf nach seiner Wahl im Mai 2014 adoptiert, um daraus ein Utopia zu machen, das der Welt zeigen soll, was passiert, wenn er die Herrschaft über ein Fleckchen Erde übernimmt. Jayapur ist Modis Blaupause für das neue Indien – an vielen Orten soll es bald aussehen wie hier.
Die sandige Piste nach Jayapur führt vorbei an Reisfeldern und Tümpeln, in denen Wasserbüffel baden. Frauen in pinkfarbenen Saris waschen ihre Kinder, Hunde kläffen. Jayapur, im Bundesstaat Uttar Pradesh gelegen, ist eingebettet in eine Landschaft von unwirklicher Schönheit und Ruhe.
"Welcome", sagt Narayan Patel, der Ortsvorsteher. Er wartet am Eingangstor, er hat den Premier gewählt, jetzt führt er die Besucher herum.
Patel nimmt sich zwei Stunden Zeit, jedes einzelne von Modis Geschenken will er zeigen. "Unsere Bankfilialen", sagt er auf dem Dorfplatz, "mit Konten für alle." "Unsere Grundwasserpumpen", er steht vor einem Brunnen. "Schauen Sie die Straßenleuchten." Er zeigt nach oben in den Himmel: "Modi gab uns Solarkraftwerke. Und Biotoiletten." Er sagt: "Wenn ein Mädchen geboren wird, trauert Jayapur nicht mehr. Wir pflanzen fünf Bäume aus Freude. So hat Modi es uns gelehrt."
Er redet lange über all das Neue, aber er sagt nichts darüber, dass in Jayapur nur Hindus leben und dass die Menschen im Nachbardorf kürzlich einen Muslim aufgehängt haben. Patel schweigt darüber, dass auf den meisten Konten der neuen Banken kein Geld liegt und die Bewohner von Modis Betonhütten nachts ihre Pritschen unter den Himmel schieben, weil sie sich drinnen fühlen wie im Gefängnis. Patel sagt: "M steht für Modi, Indiens Modernisierer."
Gut anderthalb Jahre ist es her, dass Modi das Amt des Premierministers übernahm, um überall im Land Großes wie in Jayapur zu vollbringen. Um nach und nach aus einem Schwellenland eine Nation von Weltrang zu machen. Rund 1,3 Milliarden Menschen leben in Indien, es gibt 23 Sprachen, unzählige Götter, das Kastensystem, und nur wenige Inseln des Fortschritts. Versuche, das Land zu modernisieren und aus der Armut zu befreien, gab es viele, keiner war wirklich erfolgreich.
Jetzt also will Narendra Modi es versuchen, ein Politiker von 65 Jahren, Vertreter der Bharatiya Janata Party, kurz BJP, der "Indischen Volkspartei", religiös und nationalistisch; viele ihrer Anhänger träumen von einem Hindu-Staat. Früher war Modi Regierungschef des Bundesstaats Gujarat, wo er ein Wirtschaftswunder vollbrachte. Ein Mann mit zwei Gesichtern also, der – auch wenn es paradox klingt – Rückschritt und Fortschritt zugleich verkörpert.
Im Wahlkampf machte Modi jede Menge Versprechen, formuliert im megalomanischen Imperativ: "Säubert den Ganges." "Baut 100 Millionen Toiletten." "Eröffnet 75 Millionen Konten." "Baut jeden Tag 30 Kilometer Straßen." "Bildet Indien aus." Dazu die Slogans: "Make in India" und "Digital India", die den Rahmen bilden sollen für den wirtschaftlichen und technologischen Aufstieg.
Es war ein Feuerwerk, das Modi zündete, herrlich und atemlos. Die Frage war nur, ob und wie schnell es verpufft.
Und vielleicht ist dieser Moment jetzt gekommen. Brutale, hässliche Dinge passieren in Modis Indien. Mehr als einmal töteten Hindunationalisten Muslime, weil sie Rindfleisch gegessen oder geschmuggelt haben sollen. So sehr nahm die Intoleranz zu, dass zahlreiche indische Schriftsteller und Filmemacher aus Protest staatliche Auszeichnungen zurückgaben.
Die Fragen aber bleiben: Kann Modi ein Land wie Indien in kurzer Zeit umkrempeln? Verbessert er das Leben der Menschen, oder spaltet er die Nation? Ist er ein Modernisierer, vielleicht sogar ein echter Reformer? Oder sind all seine Versprechungen nur Symbolpolitik?
Eine Reise durch Modis neues Indien soll Antworten geben. Fünf Versprechen und Bereiche, die dem Premier am wichtigsten sind, sollen zeigen, wohin er mit seinem Land will: Der heilige Ganges soll sauber werden. Eine deutsche Firma in Bangalore hofft auf das Wirtschaftswunder. In der Nähe von Delhi freuen sich Dorfbewohner über Toiletten. Die muslimischen Metzger von Mumbai dürfen keine Rinder mehr schlachten. Und der Chef von Twitter in Indien erklärt Modis Digitalstrategie.
Die erste Station der Reise führt von dem Modelldorf Jayapur zum Ausgangspunkt von Modis Amtszeit, nach Varanasi, in die Stadt der Pracht und des Verfalls, wo er 2014 als Erneuerer kandidierte.
Varanasi: Die Würde des Flusses
Eine Stunde dauert die Fahrt von Jayapur in eine der ältesten Städte der Welt, eine dichte, verschlungene Ansammlung baufälliger Häuser und Gassen voller Schmutz. Wer durch sie geht, steigt über Kühe, riecht faules Obst und abgestandenes Wasser vom Ganges.
Hier, in Varanasi, feierte Modi am 17. Mai 2014 seinen Wahlsieg. Ein Video seiner Siegesrede zeigt ihn, seine Stimme klingt scharf. "Ich kam als Kandidat nach Varanasi", rief er da. "Jetzt bin ich ein Sohn dieser Stadt." Er betete im Tempel, dann feierte er mit den Gläubigen eine Zeremonie am Fluss. Überdeutlich war die Botschaft: Ein hindunationalistischer Premier wird Indien übernehmen.
"Der Ganges hat mich gerufen", sagte Modi in Varanasi. "Es ist die Pflicht eines jeden Hindus, dem Fluss seine Würde zurückzugeben." Bis 2019 soll der Ganges sauber sein. Das Versprechen war als Signal zu verstehen, und zwar nicht nur, was Umweltschutz angeht.
Noch ist der Ganges eines der schmutzigsten Gewässer der Welt. Industriebetriebe entlang seines 2500 Kilometer langen Laufes leiten täglich rund 500 Millionen Liter Abwasser hinein. Die Zahl der Kolibakterien liegt zum Teil 3000-fach über dem Grenzwert. 118 Orte leiten ihr Abwasser direkt in den Strom, nur ein Drittel wird gereinigt. In Varanasi entleeren sich die Menschen am Ufer, barfuß und halb nackt kommen viele Pilger, um sich von Sünden reinzuwaschen. Tote Kühe schwimmen im Fluss, am Ufer verbrennen die Toten, auch ihre Asche gelangt in den Ganges.
Seit 1986 haben sich die wechselnden Regierungen um die Säuberung des Ganges bemüht, doch es entstanden kaum effiziente Projekte. Das Oberste Gericht Indiens stellte Anfang 2015 fest, dass der Fall Ganges seit "29 Jahren verhandelt wird und nichts geschehen ist".
All das soll mit Modis Plan nun anders werden: In 118 Städten entlang des Flusses will er in den nächsten Jahren das Abwasser aufbereiten lassen, Müll soll entsorgt werden. Um Korruption zu vermeiden, übertrug Modi die Finanzierung von den Bundesstaaten auf die Zentralregierung. Passiert ist seither trotzdem nicht viel.
Umweltschützer kritisieren, dass Modi sich vor allem an europäischen und amerikanischen Konzepten orientiere, an teuren Technologien und Klärwerken. Viele indische Städte seien aber für moderne Abwassersysteme nicht gemacht. Wichtiger wäre es, das Naheliegende zu versuchen: die Verschmutzung zu stoppen und die Industriebetriebe stärker zu kontrollieren. Doch das passiere nicht entschieden genug. In Varanasi verliert sich das Projekt stattdessen in Absurditäten.
"Der saubere Ganges ist Heuchelei", sagt der Künstler Amer in seiner Werkstatt. Er gehört zu einer Kaste, deren Angehörige aus dem Schlamm des Ganges Götterstatuen formen. Hinter ihm stehen 25 Versionen von Durga, Göttin der Vollkommenheit, die einen Dämonen besiegt. Sie trägt Lidschatten, ihre Handflächen leuchten pink. Gläubige Hindus versenken sie nach religiösen Festen im Fluss. "Doch das ist jetzt verboten, wenn die Statuen mit chemischer Farbe bemalt sind", sagt Amer.
Vor ein paar Stunden waren wieder Polizisten da und prüften, welche Farbe er für seine Statuen benutzt. "Es ist Naturfarbe", sagt Amer. "Aber die Polizei behauptet das Gegenteil, und ich muss sie bestechen." In Varanasi stehen Wasserwerfer in den Straßen, um die Proteste der Gläubigen aufzulösen, die ihre Statuen weiter im Ganges versenken wollen.
Modi wollte sich die religiösen Gefühle seiner Wähler zunutze machen, um den Ganges zu säubern. Jetzt aber stellen sich religiöse Gefühle seinem Projekt in den Weg. Die Farbe der Statuen wird nicht über die Zukunft des Ganges entscheiden, doch die Diskussion stiftet Unfrieden – während der Ganges kein bisschen sauberer wird.
Einen Vorteil immerhin hat die Debatte: Modi ist der erste indische Premier, der öffentlich so entschieden über Umweltprobleme spricht. Bekannt wurde er aber vor allem als Regierungschef, der Gujarat in den unternehmerfreundlichsten Bundesstaat verwandelt hat. Wirtschaft müsste also sein Thema sein.
Bangalore: Wirtschaftswunder, bitte!
Im südwestlichen Bundesstaat Karnataka lässt sich Modis Kampagne "Make in India" am besten besichtigen. Zentrum ist Bangalore, einer der wichtigsten Hochtechnologiestandorte Indiens, eine Stadt voller verspiegelter Hochhäuser, an denen die Logos der Weltkonzerne kleben: Bosch, Siemens, Cisco, Microsoft, Google, Twitter, Tata Motors. Es sollen noch mehr werden, denn Modi hat versprochen, dass es leichter werden wird, in Indien Geschäfte zu machen. Er will Gesetze ändern, Steuern harmonisieren, die Infrastruktur verbessern.
Das ist auch dringend nötig, denn auf dem Index der Weltbank, der misst, wie leicht man in einem Land Geschäfte machen kann, liegt Indien auf Platz 130 von 189. Modi will, dass es in drei Jahren unter die Top 50 aufrückt. "Make in India" soll das neue "Made in China" werden, Indien die Werkbank der Welt.
"Großartige Aussichten", sagt Rashmikant Joshi trocken. Er empfängt in seinem Büro, Industriepark Electronic City, ein höflicher Mann im Anzug. Er hat in Berlin Ingenieurwesen studiert, seit 2002 ist er Geschäftsführer der indischen Niederlassung von Festo, einem deutschen Unternehmen mit Hauptsitz in Esslingen. Von weltweit 17 800 Beschäftigte arbeiten 550 in Bangalore. Festos Filiale in Indien wuchs 2014 um zwölf Prozent; fast alles, was in den Hallen hinter Joshi entsteht, ist für den eigenen Markt.
Der Geschäftsführer hat eine kleine Präsentation vorbereitet: Greifer, die Flaschen verschließen. Maschinen, die Reiskörner sortieren. Oder Dosen einpacken. Automatisierungstechnik, wie sie ein Industrieland benötigt. Schätzungsweise rund 400 Millionen Inder werden bald der Mittelschicht angehören.
Indien hat alles, was es für ein Wirtschaftswunder braucht: Rohstoffe, billige Arbeitskräfte, Unternehmergeist. Die Wirtschaft wuchs 2014 um gut 7 Prozent, durch "Make in India" sollen es jährlich 8,5 Prozent werden. Vorbild ist Gujarat, Modis Modell. Der Bundesstaat hat ein starkes Wachstum, Sonderwirtschaftszonen, hohe Forschungsausgaben. Es waren auch Modis Erfolge als Regierungschef dort, die ihn zum Premier machten. Kann "Make in India" den Erfolg von Gujarat wiederholen?
Joshi, der Festo-Ingenieur, geht mit weiten Schritten durch das Werk. Eine Million Inder drängten pro Monat neu auf den Arbeitsmarkt, sagt er. "Modi braucht dringend Jobs für sie." Da geschehe viel zu wenig. "Wir kämpfen jeden Tag mit der maroden Infrastruktur. Der Strom fällt oft aus. Wenn wir ein Produkt durch mehrere Bundesstaaten transportieren, schlagen wir uns überall mit einer anderen Steuer herum."
Das größte Problem aber ist eines, das Modi so schnell nicht lösen kann: die Bürokratie. Firmenlizenzen werden oft willkürlich vergeben; es bleibt kompliziert, Land zu kaufen. Die versprochene landesweite Harmonisierung der Mehrwertsteuer hat er bislang nicht durchgesetzt; Gerichtsverfahren dauern ewig. Schuld daran ist auch das politische System des Landes, oft auf Blockade ausgerichtet und nicht auf Kooperation, korrupt und elitär. Da Modis Partei im Oberhaus nicht die Mehrheit hat, stoppt die Opposition wichtige Reformen.
Als Befreiungsschlag plant Modi ein geradezu gigantisches Projekt: einen 1400 Kilometer langen und 300 Kilometer breiten Industriekorridor von Mumbai bis Delhi. In ihm sollen Flughäfen entstehen, Industriezentren, eine Autobahn und "Smart Cities" für jeweils bis zu drei Millionen Menschen, ein Schnellzug soll die Strecke Mumbai–Delhi in 24 Stunden schaffen.
Bisher kann es ganze sieben Tage dauern, einen Container von Mumbai an der Küste nach Delhi im Landesinneren zu schaffen. Rund 40 Prozent aller Lebensmittel verrotten wegen fehlender Kühlung und kaputter Straßen. Der Korridor gilt als größtes Infrastrukturprojekt der Welt, mit einem Investitionsvolumen von geschätzt 100 Milliarden Dollar.
Die Bahnverbindung soll bis 2017 fertig sein, aber private Geldgeber sind schwer zu mobilisieren, die Weltwirtschaft schwächelt, vor allem trauen viele Investoren Modis Versprechungen nicht. So könnte es sein, dass der Bau des Megaprojekts deutlich länger dauert – oder nie fertig wird.
"Indien braucht überall Entwicklung, nicht nur in ausgewählten Vorzeigeprojekten", sagt Ingenieur Joshi zum Abschied. Noch gibt es viele hundert Millionen arme Inder auf dem Land, sie brauchen keinen Flughafen. Sondern Toiletten.
Hirmathla: Toiletten für alle
In einem staubigen Dorf 70 Kilometer südlich von Delhi steht ein Mann mit rotem Seidenschal vor einem Plumpsklo. Bindeshwar Pathak, 72, ist Gründer der Organisation "Sulabh", er ist bekannt als der "Million Toilet Man". Die Frauen, die sich um ihn versammeln, verehren ihn wie einen Heiligen, sie hängen ihm Blumenketten um den Hals, eine Frau küsst seine Füße, dabei hat Pathak nichts anderes gemacht, als Toiletten nach Hirmathla zu bringen.
Es ist eine erstaunliche Lebensleistung, und Doktor Pathak, wie ihn hier alle nennen, ist sich seiner Sache sehr sicher. "Vor allem, seit ich Modi hinter mir habe."
Modis Ziel: 98 Millionen Toiletten bis 2019, also rund 67 000 pro Tag, 46 pro Minute. Viele Milliarden Dollar will die Regierung investieren. Im Moment allerdings braucht sie Männer wie Pathak, der dort einspringt, wo die Regierung ihren Versprechungen nicht schnell genug nachkommt. "Ich mache Modis Arbeit", sagt Pathak und grinst.
Etwa jeder siebte Mensch weltweit benutzt keine Toilette, in Indien sind es 595 Millionen, fast die Hälfte der Bevölkerung. Das befördert die Verbreitung von Krankheiten wie Typhus, Hepatitis und Cholera; 600 000 Inder sterben jährlich an Durchfall.
Frauen werden nachts auf den Feldern vergewaltigt. "Ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich meine drei Töchter abwechselnd nach draußen begleiten musste", sagt eine Frau. "Ich hatte ständig Unterleibsschmerzen, weil ich immer warten musste, bis es dunkel ist", sagt eine andere.
Es ist ein sinnvolles Projekt, mit klarem Ziel. Aber es gibt eben auch hier ein Problem: die mangelnde Kontrolle. Denn nicht die Zentralregierung, sondern die Bundesstaaten sind für die Umsetzung zuständig. Zurzeit werden nur elf Toiletten pro Minute gebaut, um bis 2019 fertig zu sein, müsste Modi viermal so schnell sein. Studien zeigen außerdem, dass 40 Prozent der Haushalte ihre Toilette nicht richtig nutzen, weil sie lieber aufs Feld gehen oder ein Wasseranschluss fehlt.
Modi hat Schauspieler und Kricketstars engagiert, um Toiletten populär zu machen, sein größter Verdienst ist es, dass Toiletten kein Tabu mehr sind.
Dadri und Mumbai: Heilige Rinder
Nur 50 Kilometer östlich der Hauptstadt liegt Dadri, ein idyllisches Dorf, in dem Grausames geschah: Die Bewohner haben hier vor Kurzem einen Muslim erschlagen. 20 Männer attackierten nachts den Bauern Mohammad Akhlaq, sie beschuldigten ihn, eine Kuh geschlachtet und gegessen zu haben. So zerrten sie ihn aus dem Bett und prügelten ihn zu Tode. Rind zu essen gilt frommen Hindus als Sakrileg.
An diesem Tag drängen sich vor dem Haus des toten Bauern Journalisten, Polizisten und der Politiker Arvind Kejriwal von der Antikorruptionspartei AAP, die im Februar 2015 bei den Wahlen zum Regionalparlament von Delhi einen spektakulären Sieg über Modis BJP errang. Kejriwal ist Modis Konkurrent – und in Dadri steht er besser da als der Premier, der zu dem Vorfall über eine Woche lang schwieg.
Der Politiker aus Delhi kondoliert der Familie, dann versucht er, auf dem Dorfplatz eine Rede zu halten. Doch die Bewohner wollen keine Fremden in ihrem Dorf, ein aufgebrachter Mob kreist die Besucher ein. Frauen in Saris schlagen mit Stöcken um sich. Sie zerren auch an uns Journalisten und unserem indischen Übersetzer und schreien: "Wir verbrennen euch!"
Kejriwal springt in sein Auto, da werden die Menschen um ihn herum erst richtig wütend. Auch wir Journalisten springen in einen Wagen der AAP. Der Fahrer hat die Hände fest um das Steuer gelegt, seine Knöchel sind weiß. Er spricht auf der Rückfahrt lange über den Vorfall. "Die BJP setzt ihren Willen überall im Land durch", sagt er. "Radikale Hindus fühlen sich durch die Agenda der BJP gestärkt. So etwas wie hier können Sie jetzt überall erleben."
1947 wurde der Subkontinent geteilt, Millionen Muslime flohen nach Pakistan. Heute sind gut 13 Prozent aller Inder Muslime, sie stellen aber nur 4 Prozent der Abgeordneten. Sie haben wenig zu sagen – das nutzen die Hindunationalisten aus. Sie missionieren und sprechen von "Dschihad", wenn ein Muslim eine Hindufrau heiratet. Sie fordern Hindus auf, zehn Kinder zu bekommen, um die Muslime zu verdrängen. Der Premier tut dagegen: zu wenig.
Modi wurde geboren als Sohn eines Teeverkäufers in Gujarat, er stammt aus der eher niedrigen Kaste der Ölpresser. Im Alter von acht Jahren kam er mit der RSS, einer hindunationalistischen Kaderorganisation, deren führende Vertreter früher Hitler bewunderten, in Kontakt. Die BJP unterhält noch heute enge Verbindungen zu der Organisation, viele wichtige Politiker sind in der RSS groß geworden.
Während Modi als Regierungschef von Gujarat die Modernisierung voranbrachte, starben im Jahr 2002 dort bei Pogromen Hunderte Muslime. Militante Hindus griffen sie an; Modi schritt weder ein noch entschuldigte er sich eindeutig. Nach Ansicht indischer Richter ist er strafrechtlich für die Vorgänge nicht zu belangen. Natürlich fühle er sich schlecht, sagte er dazu – genauso wie er sich schlecht fühlen würde, wenn er im Auto sitze und sein Fahrer einen Welpen überfahre.
Nicht nur im Dorf Dadri, auch in der Metropole Mumbai lässt sich eine von vielen Geschichten des hinduistischen Hasses erzählen. Der Schlachthof ist der größte der Stadt, gelegen im muslimischen Viertel, ein weitläufiger, heruntergekommener Ort, auf dessen Wegen blutige Häute und Knochen liegen. Doch viele Schlachträume sind leer, die Männer beten darin, aus der Abteilung "Zerlegen" dringt Techno-Musik.
Mukthar Hanif Qureshi, 55, ist der Aufseher hier, ein kleiner Mann mit einer ordentlichen Wut im Bauch. "Modi?", fragt er. "Seine Herrschaft zerstört unser Leben." Seit März dürfen die Muslime von Mumbai keine Stiere und Ochsen mehr schlachten. Seit Modi regiert, nehmen die Verbote im ganzen Land zu.
Junge Metzger mit Messern im Hosenbund versammeln sich um Qureshi. Bis vor Kurzem hätten sie noch 400 Stiere am Tag geschlachtet, klagen sie, jetzt seien nur noch Wasserbüffel erlaubt. 350 von 500 Männern haben bereits ihre Arbeit verloren. Rindfleisch war billig, das konnten sich viele Muslime leisten, Wasserbüffel ist fettig und schmeckt nicht. Die Kunden bleiben weg.
Der Innenminister verkündete, er würde das Schlachten von Rindern am liebsten im ganzen Land verbieten. Ein BJP-Landeschef sagte: Muslime könnten zwar weiter in Indien leben – aber sie müssten aufhören, Rind zu essen. Modi sagte nichts.
All das passt nicht in das Bild, das sich die Welt von seinem modernen Indien machen soll. Seit er Premier ist, war Modi schon in über 30 Ländern zu Besuch. Kurz nach Heiligabend fuhr er als erster indischer Regierungschef seit mehr als zehn Jahren nach Pakistan und weckte damit Hoffnungen auf die Annäherung zum Erzfeind.
Modi schert sich nicht um politische und gesellschaftliche Tabus, er twittert, er wirbt für seine Reformen, er will Investoren anlocken, ohne sie wird "Make in India" nur eine leere Formel bleiben.
Doch wie ernst ist es ihm wirklich mit seiner Fortschrittsagenda? Und wie oft überlagert Populismus die gute Idee?
Delhi: Ort der digitalen Revolution
Modi nutzt das Internet wie kein indischer Premier vor ihm. "Wenn wir Fortschritt wollen, müssen wir online die Führung übernehmen", solche Sätze sagt er oft.
Viele Entwickler im Silicon Valley kommen aus Indien, es sollen auch zu Hause mehr werden, im ganzen Land. Auch deshalb also der Plan "Digital India": Breitbandzugänge in 600 000 Dörfern. Öffentliche Internetstationen. WLAN in Schulen und Universitäten. E-Governance überall. Bürger können schon jetzt online Pässe beantragen oder per Twitter die Polizei rufen. Ausschreibungen finden online statt, und die Beamten in Delhi hält Modi mittels eines Iris-Scans, der ihre Anwesenheit protokolliert, zur Disziplin an. Die digitale Revolution soll auch das Bürokratiemonster bändigen.
940 Millionen Inder haben Zugang zu einem Handy, bis 2020 sollen 500 Millionen von ihnen Smartphones nutzen, mehr als doppelt so viele wie heute. An zweiter Stelle der mobilen Google-Anfragen steht Indien, nur aus den USA sind es mehr. Und es ist selbst in Indien keine Seltenheit mehr, Einkäufe per App zu erledigen.
Raheel Khursheed, 32, ist der Chef von Twitter in Indien und zugleich Modis Berater für alles Digitale. "Indien ist einer der am schnellsten wachsenden Märkte weltweit", sagt er. "Wir probieren hier neue Geschäftsmodelle aus. Keine Regierung hat sich bisher so für Twitter interessiert wie diese." Twitter ist für Modi ein wichtiges Werkzeug – und für Twitter ist Indien ein Labor mit riesigem Potenzial.
Noch allerdings ist von vernetzten Dörfern und Smartphone-Bauern nicht viel zu sehen. Und sogar in der Hauptstadt funktioniert das Internet so richtig gut nur über WLAN. Was macht man also als Chef von Twitter in einem Land, in dem es nicht mal einen stabilen Netzempfang gibt?
Indien sei eben ein normaler aufstrebender Markt, sagt Khursheed. Die schlechte Datenverbindung zwingt Twitter daher, mit vereinfachten Apps zu arbeiten und Programme für Menschen ohne Internetzugang zu entwickeln. Wer eine Nummer anruft und wieder auflegt, wird registriert und erhält dann etwa Modis Tweets kostenlos per SMS.
Was Khursheed nicht erwähnt: Indien kontrolliert das Internet zwar nicht so rigoros wie China, Zensur aber gibt es auch hier. 2014 erreichten Facebook 10 792 Löschanfragen der Regierung – weit mehr als aus jedem anderen Land.
Es ist die Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Rückschritt, die es so schwer macht, Narendra Modis Amtszeit zu beurteilen. Seine Kampagnen sind griffig – Säuberung des Ganges, "Make in India", Toiletten für alle, die Digitalisierung. Modi hat in diesen Bereichen wichtige Impulse gesetzt. Er hat viel angepackt, große Plakate drucken lassen, Slogans entwickelt und Fristen gesetzt. Die Modernisierung tut dem Land gut, doch der Premier muss sich jetzt an seinen Verheißungen messen lassen.
Und da fällt die Bilanz weniger positiv aus. Die ersten gut anderthalb Jahre zeigen: Modi wird viel mehr Zeit brauchen, um seine Versprechen zu erfüllen. In den Bereichen Umwelt und Soziales ist seine Politik wenig schlagkräftig, sie hat vor allem erzieherischen Wert und ebnet zivilgesellschaftlichen Akteuren den Weg. Bisher ist Modi höchstens ein Modernisierer. Ein echter Reformer ist er nicht.
Viele Experten fordern, Modi müsse dem Markt mehr vertrauen. Er müsse mehr in Ausbildung, öffentliche Gesundheit und ein erstklassiges Universitätssystem investieren. Davon ist kaum die Rede.
Auch Modis Führungsstil ist umstritten. "Modi betrachtet sich als Alleinherrscher", sagt ein enger Berater in Delhi. Er delegiere keine Kompetenzen, halte wichtige Ministerien klein, wolle jedes Papier selbst unterschreiben.
So setzt nun ein, was sich angesichts der unzähligen Versprechungen kaum vermeiden ließ: Viele Wähler spotten über ihren Premier und wünschen sich mehr Taten statt Worte. Selbst das Magazin "Forbes", das Modi auf Platz neun der einflussreichsten Menschen der Welt wählte, merkte an, dass es mehr als "Händeschütteln" brauche, um Indien zu regieren. Gerade erst hat die BJP die wichtige Landtagswahl in Bihar verloren.
Das liegt nicht nur an der Enttäuschung über nicht erfüllte Versprechen. Viele Inder fürchten, dass Modi ihr Land zurück statt nach vorne führt, dass antimuslimische Stimmung und religiöser Hass die Gesellschaft vergiften. Kritiker halten den Premier für einen religiösen Hardliner, der einen demokratischen, säkularen Staat wie Indien nicht regieren sollte. Gerade die jungen Inder, die sich von Modi einen überfälligen Wandel erhofften, entlarven viele seiner Worte nun als Symbolpolitik.
So überraschen die neuesten Nachrichten aus Varanasi kaum: Ausgerechnet dort, wo vor bald zwei Jahren Modis Aufstieg begann, verlor seine Partei bei einer wichtigen Wahl gerade so gut wie alle Sitze.
Twitter: @katrinkuntz

Über die Autorin

Katrin Kuntz, geboren 1982, arbeitet seit 2012 beim SPIEGEL. Sie war zuvor Mitarbeiterin der "Süddeutschen Zeitung" in München. Für die Reportage über Narendra Modis Indien reiste sie zwei Wochen lang durch das Land und besuchte sieben Orte. Im Schlachthaus von Mumbai erklärte ihr ein muslimischer Metzger das Rezept für ein Wasserbüffel-Ragout.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 1/2016
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