02.01.2016

StatistikenFrohe Botschaft

Krieg, Mord, Terror – Menschen leiden, hungern, flüchten, die Welt sieht düster aus. Oder? Die Berechnungen eines Ökonomen zeigen: Alles wird gut.
Das zurückliegende Jahr war fatal: Terrorismus in Paris, Krieg in Syrien, Hunger in Eritrea, wachsende Ungleichheit auf der ganzen Welt. Wer darüber nachdenkt, den befällt schon zu Beginn des neuen Jahres der Blues.
"Unsinn", sagt Max Roser. "So ist die Welt nicht." Okay. Wie ist sie dann?
"Die Lebensbedingungen werden immer besser. Die Armut zum Beispiel hat weltweit massiv abgenommen."
Roser stammt aus der pfälzischen Kleinstadt Kirchheimbolanden. Derzeit forscht der 32-jährige Ökonom an der Universität von Oxford. Er wischt über den Bildschirm seines iPads und ruft eine bunte Grafik auf: "Schauen Sie, vor 200 Jahren lebten rund 90 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze." Heute seien es nur noch etwa 10 Prozent: "Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte!"
Roser sitzt in der Institutscafeteria mit weitem Blick über Oxford, auf die mittelalterlichen Türmchen der Colleges, die im dämmrigen Dezemberlicht zu träumen scheinen. Leidet der Mann unter Realitätsverlust? Elfenbeinturm-Syndrom?
Hier, am Institute for New Economic Thinking, forscht Roser zum Thema Ungleichheit. Bis spät in die Nacht wühlt er sich durch Tabellen und Fußnoten, eine Parade globaler Fortschritte: Gesundheit und Bildung werden besser, Gewalt nimmt ab.
Doch nur wenigen ist das bekannt. Und weil das so ist, verkündet Roser seine frohe Botschaft nun im Netz: in Form von Zahlen, Daten, Analysen.
Rosers Website heißt "Our World in Data". Regelmäßig postet der Forscher dort ein weiteres überraschendes Diagramm und wirbt dafür auf Twitter: "Warum ich optimistisch bin". Weltweit, so zeigt die Grafik, konnte im Jahr 1900 nur jeder Fünfte lesen und schreiben; heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Nur jeder Fünfte ist Analphabet.
Die Netzöffentlichkeit lechzt nach derlei guten Nachrichten. Seit dem vergangenen Sommer hatte Rosers Website rund 1,5 Millionen Besucher. Auf Twitter folgen ihm mehr als 50 000 Menschen. "Mich überrascht selbst, auf wie viel Interesse ich da stoße", sagt er.
Aber stimmt eigentlich, was Max Roser verkündet? Auch wenn es prozentual gesehen weniger arme Menschen geben sollte – sind es vielleicht in absoluten Zahlen viel, viel mehr geworden, weil die Weltbevölkerung so rasant gewachsen ist?
"Moment", sagt Roser und wischt durch seine Website, bis er die passende Grafik findet: "Tatsächlich hat sich die absolute Zahl der Armen seit 1990 ungefähr halbiert auf heute etwa eine Milliarde Menschen." Das belegten die Zahlen der Weltbank.
"Die meisten Menschen haben ein übertrieben negatives Weltbild", sagt Max Roser. Die Ironie dabei: je gebildeter, desto pessimistischer. Das will er korrigieren mit seiner fröhlichen Datenwissenschaft.
Roser ist nicht allein; weltweit formiert sich seit ein paar Jahren eine Bewegung der rationalen Optimisten als Gegengewicht zu den apokalyptischen Warnern, die immerzu den globalen Kollaps heraufbeschwören. Statistikexperten wie Roser suchen den Fortschritt in den Tiefen akribisch erstellter Datenreihen.
Krieg und Mord würden nicht mehr, sondern weniger, argumentiert auch der Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem Buch "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit".
Und Hans Rosling, ein schwedischer Arzt, unterhält sein Publikum mit kurzweiligen Pointen, die von einer besseren Welt erzählen: "Don't Panic" heißt eine Filmreihe, die er mit der BBC produziert hat. Um die Daten zu besorgen, hockte Rosling nächtelang mit Roser in dessen Büro in Oxford. Seitdem schwärmt er von seinem deutschen Kollegen: "Max Roser ist der Picasso der Daten – und ich der Walt Disney."
Der rationale Optimismus ist durchaus umstritten. Gegner tun ihn teils als naive Fortschrittsfrömmigkeit ab, teils als zynischen Vorwand für Tatenlosigkeit, wenn es etwa um Klimawandel und Armut geht: Es läuft doch gut – wozu also aktiv werden?
"Es ist genau andersherum", sagt Roser und zitiert Albert Schweitzer: "Wirklicher Fortschritt ist eng verbunden mit dem Glauben einer Menschheit, die ihn für möglich hält."
An den Schulen müsste man anfangen, findet Roser, und den Kindern beibringen, wie erfolgreich die Welt sich verändern lässt. Ein Wisch, eine Grafik: "Im Jahr 1875 lag die Lebenserwartung in Deutschland bei 38 Jahren, heute ist sie bei 81. Diese Zahlen sollte jeder Schüler kennen!"
Roser ist weit gereist, den Nil hinauf bis zum Victoriasee, Trekking im Himalaja, mit dem Fahrrad durch die Anden. Die Armut schockierte ihn. Um sie zu verstehen, hat er nicht nur Ökonomie, sondern auch Geowissenschaften und Philosophie studiert. Doch beide Fächer sind ihm zu sehr auf Probleme fixiert statt auf Lösungen.
"Ich sehe meine Zahlen als Teil der Philosophie", sagt Roser: "Es geht ja um die uralte Frage nach dem guten Leben."
Leben wir demnach heute in der besten aller Welten? Eher nicht, meint Roser, aber das könnten wir, wenn wir unseren Blick weiteten: "Oft ignorieren wir die größten Probleme. Die offenen Feuer in den Hütten der Armen machen die Bewohner krank, daran sterben jedes Jahr über vier Millionen Menschen – mehr als doppelt so viele wie durch Aids und alle Naturkatastrophen zusammen."
In Büchern und Journalen fänden sich zwar jede Menge Beispiele für Fortschritt, so Roser. Doch in der Öffentlichkeit würden diese kaum wahrgenommen. "Oft sind die Medien mehr auf aktuelle Katastrophen fixiert als auf langsame Aufwärtstrends", sagt der Forscher. "Aber viele Akademiker, die das korrigieren könnten, schreiben eben leider immer nur für ein paar wenige Fachkollegen."
Daher versucht er, die verborgenen Wissensschätze zu heben, zu bewerten und via Twitter und Website zugänglich zu machen. Seine Daten lassen sich sämtlich herunterladen und weiterverwenden. Viele Kollegen bedienen sich bei ihm.
Doch im Sommer läuft seine Finanzierung an der Universität von Oxford aus. Eine Spendenkampagne im Netz brachte ihm 26 000 Dollar als Zwischenfinanzierung. Nicht viel. Aber Roser ist Optimist auch in eigener Sache. Derzeit sucht er nach freien Mitarbeitern; gleich zwei sollen es sein.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 1/2016
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