02.08.1999

KRIMINALITÄT„Sprache der Morde“

Familienclans aus dem Kosovo und Albanien haben über weite Teile Europas kriminelle Netzwerke gespannt. Gewalttätigkeit und Verschwiegenheit sind die Schlüssel ihres Erfolgs. Über Schattenbanken transferieren sie stattliche Summen in die Heimat.
Man nennt ihn in Hamburg den "Paten". Wer ihn kennt, ist wie hypnotisiert durch seine Ausstrahlung. Von seinen Landsleuten wird der Albaner aus dem Kosovo als Idol verehrt. Er führt ein rauschendes Nachtleben und ist tagsüber ein sorgender Familienvater.
Natürlich kann er sich die schicksten Autos leisten, im Glücksspiel fiel er als Genie auf, das Zockerprominenz schon einige hunderttausend Mark abzunehmen verstand. Mit seinen Brüdern und Vettern repräsentiert er eine amorphe Macht.
Nie würde der ehrenwerte Herr seine Hände mit Sexgeschäften schmutzig machen. Er hält sie bloß auf für freiwillige Zuwendungen von Landsleuten aus dem Rotlichtmilieu. Um die Kleindealer aus Albanien und dem Kosovo, die auf Hamburgs Straßen Kokain verkaufen, kümmert sich der Pate selbstverständlich nicht. Allerdings kam der Verdacht auf, dass er auf höherer Ebene vom Großhandel mit dem Rauschgift profitiert.
Dass der Pate möglicherweise auch am Krieg auf dem Balkan verdiente, ist aus seinen Aktivitäten zu schließen. In der heißen Phase zog er Fäden zur Omnipol, einer Dachfirma tschechischer Waffenschmieden, auch zu einem Gewehr-Großhändler in Monaco und schließlich zu italienischen Strategen, die sich im Schmuggel auskennen. Seine Beziehungen reichen bis zu Sali Berisha, der in Albanien eine mafiose Regierung führte.
Als die Kämpfe im Kosovo tobten, brüstete sich der Pate, dass er 100 bestens ausgerüstete Männer in die Heimat geschickt habe. Aber das nützte ihm nichts. Im Verlauf der ethnischen Säuberungen ließ ein serbischer Kommandeur die Liegenschaften des Paten im Kosovo samt Hotel und exklusivem Spielclub kurz und klein schlagen.
Immerhin blieben dem Clan reichlich Besitztümer in Hamburg, gut gehende Lokale, Grundstücke und ein Geflecht von Firmen. Allerdings weiß man nicht ganz genau, was ihm alles gehört. Derartige Kreise pflegen ihre Besitzverhältnisse durch Liechtensteiner Holdings zu tarnen. Wer die anonymen Anteilsscheine hält, ist am Ende nicht nachzuvollziehen.
Einige Schatten fielen schon auf den Clan: Ein Verwandter wurde rechtskräftig wegen Beihilfe zu einem Auftragsmord verurteilt, ein anderer sitzt unter dem Verdacht der räuberischen Erpressung in Untersuchungshaft.
"Es ist wie eine Sisyphusarbeit", sagt Kriminaldirektor Manfred Quedzuweit, in Hamburg zuständig für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (OK). Natürlich zielt er auf den "Charismatiker", den will er unbedingt kriegen. Quedzuweit weiß sehr viel über seine Zielperson: "Unser großes Problem ist nicht rechtlicher, nicht organisatorischer, nicht taktischer Natur, sondern die Mystifizierung der Gefahr, so dass sich viele Leute nicht trauen, gerichtsverwertbare Aussagen zu machen. Dabei könnten wir sie wirksam schützen."
In Hamburg zeigt sich exemplarisch das Problem, das Fahnder nicht nur in Deutschland, sondern europaweit haben. Es gibt eine ganze Reihe albanischer Paten: Dem bayerischen Landeskriminalamt fiel ein Dutzend albanischer Namen immer wieder in verschiedenen Verbrechenszusammenhängen auf. Auch einige "charismatische Führungsfiguren" hat der Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität, Josef Geißdörfer, ausgemacht.
In Frankfurt geriet eine Gruppierung, die in einem weit verzweigten Netzwerk mit Verbindungen nach Osteuropa, Italien, Skandinavien und zur Schweiz eine Art Knotenpunkt bildet, ins Visier der Polizei: "Hochkarätige Kriminelle", wie Steffen Lux sagt, in der Mainmetropole zuständig für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität. Die Leute, die er eingekreist hat, pflegen einen unauffälligen, aber gehobenen Lebensstil, haben komfortable Miet- oder Eigentumswohnungen und fahren Autos der Oberklasse. Sie treffen sich in Eiscafés oder Restaurants von Landsleuten. Wenn sie telefonieren, reden sie verschlüsselt und wechseln häufig die Karten ihrer Handys. Lux operiert "mit der ganzen Klaviatur unserer Möglichkeiten" und weiß doch: "Es bedarf der Geduld." Womöglich jahrelang.
Im neuesten "Lagebild" des Bundeskriminalamtes werden die erkannten, aber nicht überführten Größen aus dem Kosovo so skizziert: "Diese Führungspersonen hatten eine uneingeschränkte Entscheidungsgewalt innerhalb ihres regionalen Betätigungskreises. Der Kerngruppierung gehörten häufig Familienmitglieder des Anführers an. Innerhalb der Führungsebene wurden keine Angehörigen anderer Nationalitäten geduldet."
Die Bilder des Grauens im Kosovo haben sich der westeuropäischen Zivilisation eingeprägt. Aber zur Wahrheit gehört auch die andere Seite, die durch kollektives Erschrecken über Massaker, Vertreibungen und Brandstiftungen verdrängt worden ist.
Aus der leidgeprüften Gesellschaft des Kosovo, aus dem Armenhaus Albanien und den Minderheiten in Mazedonien und Montenegro stammen auch die Täter, die über weite Teile Europas mit einem hohen Grad an Gewalttätigkeit kriminelle Netze gespannt haben. Zwar haben die Fahnder diverse Fäden zu fassen bekommen, genug, um auf das Ausmaß und die Art der kriminellen Kooperation schließen zu können, aber noch lange nicht genug: Der große Durchblick fehlt.
"Wir sind aber nicht wehrlos", sagt Jürgen Storbeck, der aus Deutschland stammende Leiter von Europol in Den Haag. Mit dem Computerhirn des europäischen Polizeiamtes werden neuerdings von den Konventionsstaaten eingehende Informationen aus laufenden Ermittlungsverfahren und abgeschlossenen Prozessen, aus Zolldateien und vielfältigen anderen Quellen analysiert. Durch Vernetzung der lokal angefallenen Daten wurden verdächtige grenzüberschreitende Verbindungen sichtbar und schon eine Reihe neuer Ermittlungsverfahren in Schwung gebracht.
Nach jüngster Sprachregelung bei den Ermittlern Europas firmieren die Zielpersonen als "ethnische Albaner", egal, woher sie stammen. Die kriminellen Clans strukturieren sich nach ihren familiären Bindungen und Beziehungen, die über die Staatsgrenzen auf dem Balkan hinwegreichen.
Ihre Netze ziehen sich entlang der Balkanroute durch die osteuropäischen Staaten, sie verdichten sich in Griechenland und Italien, in der Schweiz und in Deutschland und führen schließlich bis nach Skandinavien. Einzelne Verästelungen reichen nach Spanien, Portugal und Großbritannien, sogar bis in die USA. Noch nie hat sich aus einer so kleinen Volksgruppe in so kurzer Zeit eine so starke Energie in der Illegalität entfaltet. Gleichwohl ist es nur eine Minderheit, die durch ihr Gangstertum ihre ganze Ethnie belastet, so dass viele andere durch ein Wechselbad zwischen kollektivem Erbarmen und ungerechtfertigtem Generalverdacht erschüttert werden.
Wie die Fische schwammen die Leute, die zu allem bereit waren, in dem riesigen Exodus ihrer Volksgruppe. Sie zählt nicht mehr als 6,6 Millionen Menschen, von denen etwa 3 Millionen in Albanien und 1,8 Millionen im Kosovo ihre Heimat haben.
1988 waren im Kosovo die ersten Massendemonstrationen von Albanern gegen die auftrumpfende Serbenmacht zu verzeichnen. Eine politische Emigration setzte ein. Vor allem junge Kosovaren, die sich nicht in den Wehrdienst bei der jugoslawischen Armee pressen lassen wollten, machten sich auf die Wanderschaft.
Wie im Kosovo kam auch im Nachbarstaat Albanien eine Mischung aus Armutsflucht und krimineller Emigration in Schwung. Als der stalinistische Hof zerfiel, setzte 1990 ein Sturm auf westliche Botschaften ein. Rostige Seelenverkäufer landeten 1991 an italienischen Küsten eine Flüchtlingsfracht zum Erbarmen an, danach flitzte eine wachsende Armada winziger Gummiboote durch die Lücken der stärker werdenden Patrouillen. Auf dem Landweg zog eine Karawane von 500 000 Menschen aus Albanien ins benachbarte Griechenland. Durch den serbischen Druck wuchs die Diaspora-Gemeinde von Kosovaren in Deutschland auf annähernd 400 000 und die nächstgrößte in der Schweiz auf knapp 200 000 Angehörige. In Italien sammelten sich um die 100 000 "ethnische Albaner", in Schweden 40 000, im kleinen Belgien 25 000 (siehe Grafik).
Nur 30 Albaner lebten vor zehn Jahren in Großbritannien, inzwischen nahm die kleine Gesellschaft um 30 000 Köpfe zu, vor allem aus der gebildeten, englisch sprechenden Elite des Kosovo. No problems. Dann aber schleuste Albaniens Bandenkultur durch eine Kanalconnection von Calais nach Dover mit Lastern ganz andere Leute ein, und auch in Großbritannien keimte auf, was in anderen Ländern längst ein Problem der inneren Sicherheit geworden war.
Chancenlos, wie die jungen Emigranten überwiegend waren, aber überwältigt von der glitzernden Konsumwelt liefen sie Landsleute an, Verwandte, Bekannte, die schon länger im Westen waren. Heutige Größen in den Netzwerken begriffen sehr schnell, dass ihnen eine willige Gefolgschaft zuwuchs.
Schweizer Strafverfolger merkten als erste schon 1989, wie sich da ein Gewaltpotenzial neuer Qualität zusammenbraute. In einem Drogenverfahren gegen Kosovo-Albaner gingen ernst zu nehmende Morddrohungen gegen den Ermittlungsrichter, seine Fahnder und den Dolmetscher ein. Zu ihrem Schutz mussten mehrere Beamte versetzt werden.
Kriminelle Clans "ethnischer Albaner" machen alles, was schnelles Geld verheißt. Auffällig ist, dass sie nicht "delikttreu" sind, wie Kriminalisten sagen, wohl aber ihre Spezialitäten haben. Im Drogenhandel legten sie in kurzer Zeit eine verblüffende Karriere hin. Brutalität kennzeichnet ihren Vormarsch im Rotlichtmilieu. Selbstverständlich waren sie zur Stelle, um auf dem Balkan den Durst nach Waffen zu stillen.
Phantastische Renditen warf auch der Transport Verzweifelter über die Adria oder über Landrouten ab, oft mit "Schleusungsgarantie" und "Kinderrabatt". Begnadete Schmuggelstrategen sorgten für einen umgekehrten Fluss der Waren, nach denen man daheim lechzte: Autos, Kameras, Schmuck, aber auch ganze Partien von gestohlener Kleidung und was sonst so die Lager westlicher Hehler hergaben.
Auch als organisierte Einbrecher wurden Albaner europaweit berüchtigt. Der Hamburger Polizei fiel bereits 1993 ein kosovarisches Einbrecherkollektiv auf: inzwischen ungefähr tausend Mann stark, die wie Heuschrecken über Straßenzüge herfielen und ein Haus nach dem anderen aufbohrten. Vor dem Fahndungsdruck wichen sie ins Umland aus und legten in einer Nacht hunderte von Kilometern zurück. Führende Köpfe wanderten ab und bildeten in Brüssel, Marbella und Madrid Filialen. Seither läuft die Verwertung von Schecks und Schmuck grenzüberschreitend. Ihr Erfolg inspirierte Landsleute zur Nachahmung auch in anderen Regionen.
Ein Bestandteil der Netzwerke ist ein weit verzweigtes System von kosovarischen Schattenbanken. Kuriere transportieren Bargeld in speziellen Gürteln und in Jacken mit vielen Taschen in die Heimat. Sie tragen Summen von bis zu sechs Millionen Mark am Leib.
Auf diese Weise wird nach Schätzung des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen "locker" über eine Milliarde Mark im Jahr transferiert, allein aus Deutschland. Das archaische Geschäft läuft auch in anderen Ländern. Emigranten, die mit ihren legalen Einkünften die Familie in der Heimat unterstützen, benutzen die Schattenbanken ebenso wie Unterweltler, für deren Zwecke sie ideal sind: Geldwäsche dieser Art hinterlässt keine Spuren.
Es war Zufall, dass die deutsche Polizei auf die Schattenbanken stieß. Als in Düsseldorf gegen das albanische Reiseunternehmen Eurolinda wegen illegaler Beschäftigung ermittelt wurde, ging ein Amtshilfeersuchen nach Braunschweig.
Die Fahnder, die dort ein Reisebüro durchsuchten, fanden weder Reiseprospekte noch Buchungsunterlagen. Die Computer waren nicht angeschlossen und die Drucker noch nie in Betrieb. "Die Büroeinrichtung", sagt der Braunschweiger Kriminaloberrat Rainer Bruckert, "war reine Kulisse." Schließlich zeigte sich, dass die Eurolinda-Filialen rund 150 Millionen Mark in das Kosovo transferiert hatten, angeblich für "humanitäre Zwecke" (SPIEGEL 51/1998).
Aber das ist nicht alles. Mittlerweile verfügen OK-Ermittler aus Salzgitter, die den Fall übernahmen, über eine Liste von 200 angeblichen Reisebüros, Lebensmittelgeschäften und Folkloreläden, die UÇK-Devotionalien und Tonträger mit Heldengesängen anbieten: womöglich Tarnfirmen, die nicht nur als Schattenbanken dienen. Als ein Kriminalbeamter die Standorte nach Postleitzahlen geordnet auf eine Karte übertrug, wurde ein Netz sichtbar, das sich quer durch die Republik zieht, mit Schwerpunkten in Hamburg, Hannover, im Ruhrgebiet, in Frankfurt, Ludwigshafen, Mannheim und Stuttgart. Lediglich der deutsche Osten fehlt, mit Ausnahme von Rostock.
Aber das ist noch immer nicht alles. Die Fahnder stießen auf professionelle Spendeneintreiber, die gegen Provision von drei bis zehn Prozent sowohl legal arbeitende Kosovaren als auch Kriminelle gleichermaßen abkassierten. Verdächtige Einbrecher gaben in Verhören zu, dass sie zwischen "10 und 15 Prozent der Beute" als Spende abliefern mussten. Die Eintreiber wussten also augenscheinlich, wer sein Geld wie verdiente, und sie hielten die Hand auf.
In einigen Fällen konnte verdächtigen Reisebüros Hehlerei mit Diebesbeute nachgewiesen werden. Auch Quittungen über 3000 Mark fielen auf, eine Summe, die in Albanerkreisen für die Schleusung aus dem Kosovo nach Deutschland gehandelt wird. "Tatsächlich tauchten innerhalb weniger Wochen Verwandte der Spender als Asylbewerber in Deutschland auf", fand Bruckert heraus. Und das ist noch immer nicht alles.
"Wir haben Hinweise", sagt Bruckert, "dass unter dem Deckmantel politischer Parteien und humanitärer Hilfe über dieses Netz von Tarnfirmen Gelder für einige Großfamilien im Kosovo eingesammelt wurden, die auch den Krieg der UÇK finanzierten." Als nordrhein-westfälische Staatsschützer die Vorstandsmitglieder eines offiziellen albanischen Geldsammel-Vereins überprüften, spuckte der Computer gleich zu mehreren "kriminalpolizeiliche Erkenntnisse" wegen fahrlässiger Körperverletzung, Missbrauch von Ausweispapieren, illegalen Waffenbesitzes und versuchten Diebstahls aus.
Überall, wo Banden "ethnischer Albaner" operieren, ist aus Kripo-Kreisen zu hören, was der Hamburger Fahnder Detlef Ubben knapp und nüchtern ausdrückt: "Sie drohen eher, sie prügeln eher, und sie schießen eher." Das Bundeskriminalamt verzeichnete im "Lagebild" bei der OK-Klientel aus dem Kosovo eine "extreme Gewaltbereitschaft" wie auch eine "äußerst massive und brutale Gewaltausübung". Die deutsche Polizei geht bei Einsätzen gegen albanisch sprechende Banden grundsätzlich davon aus, dass sie bewaffnet sind.
Die Gewaltbereitschaft ist einer der Schlüssel für ihre Erfolgsgeschichte. Bündelung und Kooperation verschiedener Clans ergeben gleichsam ein ganzes Schlüsselbund. Charakteristisch für die albanische Unterwelt ist, dass man weiß, wer wo sitzt, was er macht und wozu er sich bei Bedarf auch noch eignen könnte.
Mit allen Finessen der Kommunikationstechnik, mit Handys und Internet, werden die Bedingungen einer neuzeitlicharchaischen Welt erzeugt, in der jeder einen genauen Überblick über die anderen hat. Auch wenn man weit auseinander lebt, befindet man sich wie im Dorf.
"Man kennt sich, man ist verbunden durch gemeinsame Beziehungen und eine mehr oder minder hohe Wertschätzung, man kooperiert legal und kriminell, man registriert den Aufstieg und Abstieg der anderen in dem stetigen Wandel der Chancen", beobachtete Kriminaldirektor Quedzuweit.
Es sind Relikte einer archaischen Stammesgesellschaft, die sich nicht nur in vielen einheimischen Arenen zeigen, sondern gerade bei der Unterwanderung der westlichen Zivilisation einen enormen Wettbewerbsvorteil mit sich bringen. Aus einer uralten Tradition rührt er her, der "amoralische Familiarismus", den Ethnologen beschreiben.
Wie dick der Saft ist, der im "Blutbaum" fließt, zeigt ein vor allem in gebirgigen Regionen Albaniens und des Kosovo verbreitetes Denken in Abstammungskategorien. Männer können in der Regel ihre Linien bis ins 7., manchmal gar bis ins 15. Glied verfolgen, während die durch Verheiratung in andere Stämme weggegebenen Frauen oft nur zwei bis drei Verzweigungen ihres "Milchbaums" kennen und in der Genealogie unwichtig sind.
Getragen von den männlichen Mitgliedern der Sippe, ergibt sich ein Wir-Gefühl, das bei der Emigration in die vom Individualismus gezeichnete Außenwelt ein beträchtliches Potenzial darstellt. Eine typische Balkanfamilie hat heutzutage um die 60 Angehörige, bisweilen kommen auch 150 Verwandte zusammen. Verstärkt noch durch Allianzen mit Nachbarn und Freunden sind solche Beziehungsgeflechte, sofern sie sich in kriminelle Netzwerke einfügen, eine nahezu ideale Basis.
Ergänzend zur Clan-Solidarität steht nach der traditionellen Überlieferung eine extreme Abgrenzung gegen Fremde. Jeder, der nicht in das Wir-Gefühl einbezogen wird, gilt als potenzieller Feind. In epischen Liedern werden noch immer jene wilden Vorfahren als heldenhaft und ritterlich gepriesen, die Osmanen, Serben und Montenegrinern nicht nur den Beutel nahmen.
Fremden, Nichtzugehörigen, Nichtmenschen den "Kopf abzuschneiden" wurde in den Gesängen idealisiert - "eine Ideologie abgrenzender Dehumanisierung", für die die Ethnologin Stephanie Schwandner-Sievers in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe für Konfliktforschung an der Freien Universität Berlin zahlreiche Belege zusammentrug.
Das kompromisslose Freund-Feind-Denken, losgelöst aus den ursprünglichen Zusammenhängen, sieht sie in den "gewalttätigen Nationalismen auf dem Balkan" wiederkehren, aber auch als Moment der Rechtfertigung von Kriminalität in einer anderen Kultur. "Der Wolf leckt sein eigenes Fleisch, das fremde aber frisst er", heißt ein albanisches Sprichwort.
Familiäre Loyalität stellt nach alter Tradition den höchsten Wert dar. Im Darwinistischen Kampf ums Dasein hat das Wohlergehen des Clans Vorrang vor Recht und Moral. So kann es sogar geschehen, dass Töchter in die Prostitution verkauft werden, obwohl zum männlichen Kodex die Beschützung der weiblichen Angehörigen gehört. "Die Aufopferung für die Familie geht vor", sagt der Ethnologie-Professor Christian Giordano aus dem schweizerischen Freiburg, ein Spezialist für Fragen der Ehre auf dem Balkan und im Mittelmeerraum.
Auch auf den jungen Männern lastet durch einen "Kult des Heldentums", wie Giordano beobachtete, ein kolossaler Druck: "Sie müssen ungeheuer tapfer sein, Held ist der, der zu allem bereit ist, um seine Familie gut durchzubringen. Sie haben sehr wohl ein Unrechtsbewusstsein, aber sie erkennen es nicht an, weil für sie das andere System wichtiger ist."
Sie kommen aus einer konfliktreichen Gesellschaft mit einer traditionellen Wehrhaftigkeit. Jahrhundertelang wurde das Potenzial einer Familie an der Zahl ihrer waffentragenden Männer bewertet, die ihre Herden gegen Viehräuber verteidigten und "das Geheimnis des Hauses und seiner Integrität" hüteten; so wurde die Beschützung nicht wehrhafter Frauen und Kinder umschrieben. Bis heute sagt man: "Der Mann ohne Waffen ist ein Weib."
Wenn er entehrt wurde und nach der archaischen Symbolik als "Schwarzgesicht" dasteht, heißt es: "Die Seife des Mannes ist das Pulver." Ehre und Schande, zugeordnet den Farben Weiß und Schwarz, sind überragende Begriffe in der patriarchalischen Gesellschaft, die ihre Welt in extremen Gegensätzen beurteilt.
Will der Mann wieder weiß werden, hat er die heilige Pflicht zur Rache. So bestimmt es der Kanun, ein Gewohnheitsrecht, das dem mittelalterlichen Fürsten Lekë Dukagjin zugeschrieben wird: ein mythischer Held, der gegen die vordringenden Osmanen Widerstand geleistet haben soll, aber historisch nicht recht zu belegen ist. Erst 1933 schrieb der Franziskanermönch Shtjefen Gjeçov die mündlich durch Jahrhunderte überlieferten Regeln auf.
Der Kodex enthält etliche zivilrechtliche Vorschriften, aber auch Anweisungen zur familiären Arbeitsteilung, für Hochzeitszeremonien und die Sitzordnung bei Festgelagen. Wer die Normen befolgt, steigert sein Ansehen, Verstöße mindern es.
Für schwere Ehrverletzungen, wie sie durch Mord an einem Bruder, Vergewaltigung einer Frau aus der Sippe oder auch nur einen Wortbruch entstehen können, verlangt der Kanun Blutrache: "Wasch dir dein beschmutztes Gesicht oder werde ehrlos." Wer aber ehrlos bleibt, stirbt eine Art sozialen Tod.
Der Anspruch der Stämme auf rechtliche Selbstregulation bis hin zu Blutrache hielt sich Jahrhunderte gegen die osmanische Herrschaft, überdauerte, wenn auch geschwächt, im kommunistischen Totalitarismus und steht bis heute im Gegensatz zum staatlichen Gewaltmonopol. So stark die Loyalität zum eigenen Clan ist, so schwach blieb sie gegenüber einem abstrakten Staat, so dass sowohl in Albanien als auch im Kosovo rechtliche Strukturen unterentwickelt sind.
Angesichts der serbischen Unterdrückung versammelten sich im Kosovo 1990 tausende von Albanern, um nach dem Kanun Stammeszwisten abzuschwören und sich gemeinsam zu wehren. Dagegen flammten in Albanien gerade mit dem Wegfall des Kommunismus Blutfehden auf. So quittierte im vergangenen Jahr der Polizeichef der Banden-Hochburg Bajram Curri im Norden Albaniens den Dienst, um die Ermordung seines Bruders zu rächen: Er tötete neun Menschen - einen für jede Kugel, die den Bruder traf.
Umso schockierender wirken solche martialischen Rituale, wenn sie in die Großstädte des Westens importiert werden: Es ging um die verletzte Ehre des "Blonden Genci" in einer dubiosen Abrechnung beim Kokainhandel. Zwischen zwei Wir-Gruppen aus Albaniens Süden und Norden tobte 1994 in Hamburg monatelang ein Krieg.
Getroffen von zwei Kugeln, fiel im "Club 88" auf der Reeperbahn der nördliche Anführer sterbend vom Hocker, ein Gefolgsmann taumelte mit ausgetretenem Gedärm in die Davidwache. Am Ende waren sieben junge Albaner verletzt. Ganz wie ein Held, mit extremer Loyalität, befreite schließlich Albert Xhelo von der Südgang einen Kumpanen, der nach einer Schießerei von dem Kaufmann Bernd Heede festgehalten worden war. Er tötete den Deutschen mit einem Kopfschuss und wurde in der Öffentlichkeit zur Inkarnation hemmungsloser Kaltblütigkeit.
Auch die 36 Schüsse, die der Kosovo-Albaner Safet Azemaj ebenfalls 1994 am helllichten Tag in der belebten Frankfurter Zeil aus einer Maschinenpistole abfeuerte, kamen von weit her. Aus Rache für eine erlittene Erniedrigung in der Untersuchungshaft tötete er einen Landsmann am Tag von dessen Entlassung und verletzte nebenbei zwei Passanten.
"Brisant" ist für den Ethnologen Giordano angesichts der vielen Leichen, die Albaner im Westen hinterließen, das Thema der Blutrache: "Einerseits spielt sie eine Rolle, andererseits wird sie als Ressource ausgenutzt. Die Ehre wird inszeniert und instrumentalisiert." Mit archaischem Zinnober können die Anführer hierarchisch organisierter Gruppen ihre Soldaten motivieren, und die jungen Krieger schießen, um heldenhaftes Prestige zu gewinnen, obwohl es um ganz andere Hintergründe geht.
"Die Sprache der Morde" analysiert der Münchner Kriminaldirektor Geißdörfer nach "Sinn, Bedeutung und Aussagekraft": Ein gezielter Schuss kann den Anspruch auf Vorherrschaft signalisieren und als Investition in die Zukunft die Geschäfte erleichtern, sei es im Drogenhandel oder im Rotlichtmilieu.
Gewalt gegen Außenstehende stabilisiert das Wir-Gefühl. Handelt es sich, wie nicht selten in kriminellen Albaner-Kreisen, um eine interne Abrechnung, so wird allen Mitgliedern einer Gruppe gezeigt, "welche Art von Fehlverhalten welche Art von Sanktionen nach sich zieht", beobachtete Geißdörfer.
Zwar hat das Schießen und Morden nachgelassen, aber das ist ein Zeichen, dass eine höhere Stufe der Organisierten Kriminalität erreicht ist: Man profitiert von der Gewaltgeschichte, und viele Dinge fügen sich von selbst. "Es wird ungleich schwerer, einen polizeilichen Erfolg zu erzielen", vermerkt das Bundeskriminalamt.
Wenn schließlich doch ein Albaner im Verhör sitzt, sagt er in der Regel nichts und erst recht nichts über andere Albaner. Die Chance, Verdächtige zum Reden zu bringen, "tendiert gegen null", musste Geißdörfer immer wieder feststellen. Humane Umgangsformen können Männer aus einer Kultur, in der Gefangene rabiat behandelt und sogar gefoltert werden, nicht beeindrucken. "Rechtsstaatliches Verhalten der Strafverfolgungsbehörden in Deutschland wurde von kosovo-albanischen Tatverdächtigen oft als Schwäche gewertet", heißt es im "Lagebild" des Bundeskriminalamts.
Loyalität zur Wir-Gruppe führt zu einer Verschwiegenheit, gegen die sich die Omertà sizilianischer Mafia-Familien geradezu löchrig ausnimmt. Auch dann, wenn die Beweise erdrückend sind, leugnen Albaner in der Regel ihre Taten und verschmähen Strafmilderung durch ein Geständnis. Werden Männer mit Schusswunden abtransportiert, die nichts sagen wollen oder nichts mehr sagen können, wie in drei Münchner Fällen, kann die Polizei nur ermitteln: "Hintergrund Rauschgift."
Im Heroinhandel sind Albaner die Aufsteiger der neunziger Jahre. Türken vor allem kurdischer Herkunft, die traditionell Nummer eins auf diesem Gebiet waren, befinden sich im Abstieg. Unangefochten beherrschen sie allerdings den Großhandel und verkaufen nach Erkenntnissen des Schweizer Bundesamtes für Polizeiwesen auf höchster Ebene riesige Mengen von Heroin an Kunden aus der albanischen Minderheit in der Türkei.
Einher ging, wie auch das Kölner Zollkriminalamt registrierte, auf der Balkanroute ein struktureller Wandel im Schmuggel. Laster waren als Verstecke mittlerweile viel zu verdächtig. Um die Gefährdung der Ware zu minimieren, wurden entlang der Strecke durch Osteuropa Depots angelegt und Weitertransporte in kleinen Gebinden mit Familienautos, Kleinbussen und Wohnwagen organisiert. In der recht aufwendigen Logistik für den so simplen, aber überaus sicheren Ameisenverkehr, als Mieter von Wohnungen, als Halter von Depots, als Anwerber von Kurieren dominieren Albaner.
Manche ortskundigen Residenten bieten sich Landsleuten auch in anderen Gangsterangelegenheiten als Ansprechpartner an. Tschechien ist nicht nur bekannt für eine Perlenkette von Depots, sondern auch als Stammsitz hochkarätiger Hintermänner. Der Pilsener Pate, eine auch in Deutschland gesuchte Größe im Heroinhandel, trat allerdings ab: Bei einem Ausflug nach Ungarn wurde er kürzlich in der Budapester Pension Bety gefasst, mit einem tschechischen Pass, den ein korrupter Beamter ausgestellt hatte.
Bei der Aktion "Kanal" griff die tschechische Polizei mit Hilfe von Hinweisen britischer und skandinavischer Kollegen außerdem einen Klüngel von 19 Albanern ab, dem die Ausfuhr von rund 360 Kilogramm Heroin nachgewiesen werden konnte - im Straßenverkauf ein Wert von annähernd 30 Millionen Mark.
Das kleine Land mit seiner langen Grenze zu Bayern und Sachsen gilt auch als beliebtes Rückzugsgebiet für Leute, die vorübergehend aus dem Westen verschwinden müssen und sich eine neue Identität verschaffen wollen. In der Tschechischen Republik verästeln sich die Wege der Droge und mit ihr die Informationsflüsse nach Süd, West und Nord.
Nach Art der Dominotheorie fiel im süddeutschen Raum eine Stadt nach der anderen in die Hände albanischer Heroinringe: Das Bundeskriminalamt registrierte inzwischen eine "Marktbeherrschung" in Bayern und Baden-Württemberg.
In Rheinland-Pfalz wurde Ludwigshafen von hochwertigem Heroin zu Dumpingpreisen geradezu überschwemmt, bis eine 1997 eingesetzte Sonderkommission durch Zugriff auf maßgebliche "Führungspersönlichkeiten" eine Dealer-Clique von annähernd 200 Mitgliedern sprengen konnte. "Die Familienbande reichten von der Kleinfamilie bis zu ganzen Dörfern", sagt Kriminaldirektor Emil Sommer. Die einzelnen Bandenmitglieder seien bereits in der Heimat rekrutiert worden und hätten in Ludwigshafen ihre festen Ansprechpartner gehabt. Nun fielen in der Nachbarstadt Mannheim bei Heroingeschäften "ganze Dorfgemeinschaften" aus dem Kosovo auf, konnte der Leiter des Drogendezernats Karlheinz Mann bereits feststellen.
In Berlin haben sich Landsleute, die nach der Wende als Hütchenspieler anfingen, umorientiert auf einen Aufstieg im Rauschgifthandel und im Rotlichtmilieu - gegen die mächtige Konkurrenz von zehn arabischen Sippen, "die uns in Sachen Schutzgeld und Drogen vor große Probleme stellen", wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes sagt.
Zwei Jahre lang lieferten sich in Hannover Albaner und Türken vor allem kurdischer Abstammung einen regelrechten Krieg mit einem Dutzend Toten. Seither beherrschen Albaner das Geschäft mit harten Drogen.
Auf einem Strich in dem unwirtlichen Hamburger Industriegebiet an der Süderstraße erwirtschaftete eine Clique um "Albaner-Willi" mindestens 20 Millionen Mark im Jahr, seit die letzte Konkurrenz von Türken 1996 durch einen spektakulären Showdown vertrieben wurde. Im "Blue Night", einer türkischen Bar mit Geheimtür zu einem Puff, flogen in 20 Sekunden 19 Kugeln: zwei Tote, vier Verletzte, aber keine Angeklagten, da weder das mit Pudelmützen maskierte Kommando noch die Auftraggeber zu überführen waren.
Als "Albaner-Willi" in die Legalität abspringen und ein Hotel in seiner mazedonischen Heimat bauen wollte, wurde er Anfang Juli unter dem Vorwurf verhaftet, ausbeuterische Zuhälterei betrieben zu haben: "Punktgenau, wie das nur sehr selten gelingt", sagt Kriminalist Quedzuweit.
Die Rotlichtgröße hatte gerade im Lokal "Joker" an der Reeperbahn Hof gehalten und von Untergebenen lauter braune Umschläge entgegengenommen. In seinem Grand-Cherokee-Jeep wurden rund 80 000 Mark beschlagnahmt - Peanuts im Vergleich zu den Vermögenswerten von fünf Millionen Mark, auf welche die Polizei auf Grund von Finanzermittlungen noch reflektiert.
Was sich in deutschen Städten zeigt, hat etliche Parallelen jenseits der Grenzen. Auf dem Schweizer Heroinmarkt eroberten nach Angaben des Bundesamtes für Polizeiwesen Albaner vor allem aus dem Kosovo ein "Quasimonopol" - mit einer Mischung aus Gewalt und Dumping. Besonders empört schweizerische Fahnder der Einsatz von albanischen Kindern, die den Stoff in ihren Schulrucksäcken von Stadt zu Stadt transportieren.
Fast so erfolgreich sind ihre Landsleute im Norden Europas. Der oberste schwedische Drogenfahnder Walter Kegö verdächtigt einige wenige Kosovo-Clans, die strategisch günstig an der Süd- und Westküste wohnen, für 80 Prozent der Heroineinfuhr nach Skandinavien verantwortlich zu sein. Als er das öffentlich sagte, wurde er wegen Hetze gegen eine Volksgruppe kritisiert.
"Albaner sind die neuen Paten Mailands", schreibt das italienische Nachrichtenmagazin "L'Espresso". Albanische Clans haben Kontakte zur sizilianischen Cosa Nostra, der kalabrischen 'Ndrangehta und der neapolitanischen Camorra geknüpft, besonders eng ist die Allianz mit der in Apulien operierenden Sacra Corona Unita.
Die Kooperation zwischen der italienischen Mafia und albanischen Clans blitzte bereits 1993 in Hamburg auf: Aus Palermo flogen zwei Mafiosi ein und richteten den albanischen Glücksspieler Bahri Berisha aus dem Kosovo in einem Hinterhof von St. Pauli hin. Der Auftragsmord führte der Zockerszene vor, was passiert, wenn man wie Berisha seine Spielschulden, rund 60 000 Mark, nicht bezahlt. Zugleich wurde die verletzte Ehre eines Landsmannes durch Blutrache gesühnt.
In Italien behielten sich die Mafiosi den Handel und Schmuggel mit Waffen vor, überließen aber albanischen Zuhältern das schmuddelige Geschäft mit dem Sex. Oft sind es gekaufte, aber auch geraubte Töchter aus der Heimat, die sie mit brachialen Methoden in die Prostitution zwingen (siehe Kasten Seite 50).
Als ein Flüchtlingsmädchen aus dem Kosovo in der Nähe der albanischen Hafenstadt Vlorë entführt werden sollte, warf sich ihr Vater dazwischen. Die Bande schoss sofort. Jola Spasolli, 16, starb, ihr Vater wurde schwer verletzt. Eindringlich warnte die Uno-Flüchtlingskommissarin Sadako Ogata vor dem Unwesen der Frauenhändler, die auch in Lagern Ausschau hielten, um für Sexmärkte in der Europäischen Union Nachwuchs zu beschaffen.
Kinderprostitution ist auch in Griechenland eine perverse Spezialität, die vor allem Albaner zu bieten haben. Seit die Unruhen 1997 in Albaniens Süden Unmengen von Waffen aus geplünderten Militärdepots unters Volk brachten, sind die Verwandten in der griechischen Unterwelt bis an die Zähne gerüstet und expandieren dynamisch in den Handel mit Drogen, die Verbreitung von Falschgeld und bewaffnete Raubüberfälle.
Eine Welle von Gewalttaten alarmierte Griechenlands Öffentlichkeit. Allein im ersten Vierteljahr 1999 wurden 59 Albaner unter Mordverdacht verhaftet. Wie ein Fanal wirkte die Kaperung eines Busses in der Umgebung von Thessaloniki. Mit Waffen wurde er über die Grenze ins albanische Elbasan entführt. Als dort die Polizei den Bus stürmte, wurden ein Gangster und ein Fahrgast erschossen.
Sechs Wochen später die zweite Bus-Entführung in derselben Gegend: Der mit Handgranaten bewaffnete Albaner verlangte für seine fünf Geiseln ein Lösegeld von 250 Millionen Drachmen (rund 1,5 Millionen Mark). Nach 24 Stunden entriss ein griechischer Polizist dem übermüdeten Entführer eine Granate, ein Scharfschütze erschoss den Gangster.
In Belgien haben Albaner in kürzester Zeit die Vormacht im Rotlichtmilieu erobert und zehnmal mehr Mädchen aus der Heimat auf den Strich geschickt, als die stärkste Konkurrenz der Polinnen ausmacht. Wie eine Soldateska kämpfen die Zuhälter nun um den Zugriff auf alle osteuropäischen Prostituierten. "Der Krieg wütet bei uns", so überschrieb das belgische Nachrichten-Magazin "Knack" eine Titelgeschichte über das "Balkan-Kartell", das die ganze Palette der Kriminalität beherrsche, "normloser und gewalttätiger als alles andere, was man sich vorstellen kann".
Das sind die alarmierenden Begleiterscheinungen des albanischen Exodus. Als Lehrstück zeigt sich für das europäische Haus, dass vom Beben auf dem Balkan unzählige Auswirkungen ausgehen, die weit entfernt vom Epizentrum spürbar sind.
Solange Albaniens Gangsterkultur nicht durch ein funktionierendes Rechtssystem in Schach gehalten wird, solange in Europas erbärmlichstem Entwicklungsland die Not vorherrscht, dürfte der kriminelle Druck auf andere Länder anhalten.
Nachwuchs in den Jahrgängen, die in jeder Gesellschaft für ein kriminelles Abenteurertum anfällig sind, gibt es reichlich. "Die Bäuche albanischer Mütter sind stärker als die serbische Arroganz", lautete eine Parole des Widerstands im Kosovo. So ist zu erwarten, dass junge Männer als Speerspitzen ihrer Sippen das, was daheim kaputtgegangen ist, durch gesteigerte Aktivitäten ersetzen wollen. Die einen Hände bauen auf, die anderen schaffen im Westen herbei, was sie kriegen können.
Für Kriminaldirektor Quedzuweit "ist erkennbar, dass herausragende Täter aus der Kriminalität in die Legalität wechseln wollen". Dabei sieht er "die Gefahr, dass durch ihren Einfluss und ihre Einbindung in archaische Strukturen angestrebte Aufbauziele kleiner ausfallen und der Wohlstand dieser Leute größer wird".
ARIANE BARTH, WOLFRAM BICKERICH,
MAIK GROßEKATHÖFER, PETER ONNEKEN, HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Ariane Barth, Wolfram Bickerich, Maik Großekathöfer, Peter Onneken und Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 31/1999
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KRIMINALITÄT:
„Sprache der Morde“

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