02.08.1999

TOURISMUSSehnsucht nach dem Kick

Hunderttausende von Deutschen suchen im Urlaub Nervenkitzel und Naturerlebnisse - eine ganze Industrie hat sich auf diesen Trend eingestellt und liefert wohldosierte Abenteuer. Doch das jüngste Unglück in der Schweizer Saxet-Schlucht zeigt auch: Der Spaß kann tödlich enden.
Es war gegen halb fünf am Nachmittag, als 45 Abenteuertouristen, von acht Führern begleitet, in die tiefe Schlucht der Saxet in der Schweiz hinabstiegen. In der reißenden Klamm nahe Wilderswil im Berner Oberland waren sie beim sogenannten Canyoning auf der Suche nach dem ultimativen Urlaubskick.
Sie seilten sich am vergangenen Dienstag langsam in den Gebirgsbach ab. Geschützt durch Neoprenanzüge, Schwimmwesten und Helme, wollten sie eine Strecke von knapp 400 Metern zurücklegen - über Felsbrocken kraxeln, an flachen Stellen das ausgewaschene Flussbett entlangrutschen und, so weit es geht, durch das tobende Wasser schwimmen.
Rund 35 000 Frauen und Männer haben in den vergangenen sechs Jahren beim örtlichen Reiseveranstalter Adventure World solche Canyoning-Trips im Saxet-Bach gebucht, und Geschäftsführer Georg Hoedle war zufrieden damit, dass es "höchstens mal einen Beinbruch" gab.
Doch diesmal wurde die Suche nach dem Nervenkitzel zur Tragödie: Die Touristen aus Australien, Großbritannien, Neuseeland, Südafrika und der Schweiz ahnten nicht, was sich hoch über ihnen zusammenbraute. Viel zu beschäftigt waren sie damit, Halt zu finden in den Fluten des Gebirgsbachs. Immer wieder rutschten ihre Hände an den bemoosten Steilwänden ab, die sich zu beiden Seiten wohl 20 Meter hoch auftürmen.
Plötzlich brach über dem Gebirgsbach ein heftiges Gewitter los: Die Saxet-Klamm schwoll in Sekunden zu einem reißenden Strom an, Überlebende berichten von einer "kleinen Welle", auf die eine "massive Wasserwand" gefolgt sei, stellenweise sechs Meter hoch und von gewaltiger Kraft.
Für 16 Ausflügler und 3 Führer wurde der Wildbach zur tödlichen Falle, 2 wurden am Freitag noch vermißt. An der Unglücksstelle ist die Schlucht gerade zwei Meter breit, ein schneller Ausstieg war nicht möglich. Vergeblich versuchten die Kletterer, sich auf Felsvorsprünge zu retten. Hilflos wurden sie die Saxet hinabgerissen, etliche der Opfer, ertrunken oder von Geröll erschlagen, trieben 3,5 Kilometer weit durch das Flüsschen Lütschine
* Am australischen Mount Arapile.
in den Hafen von Bönigen am Brienzer See. Offenbar überlebten nur die Ersten und die Letzten, die in die Schlucht kamen.
Der Tod in der Schweiz zeigt, dass Extremtrips oder Abenteuerurlaube stets auch Flirts mit der Gefahr sind. In den Pyrenäen kommen nach Angaben des Deutschen Alpenvereins jährlich zwei bis drei Menschen beim Canyoning ums Leben, in den deutschen Alpen ein bis zwei.
Von Gefahren unbeirrt oder gar angezogen, begeben sich immer mehr Deutsche aller Alters- und Einkommensklassen auf die Suche nach dem Kick in der Freizeit, auf die kleine Flucht vor dem grauen Alltag.
Freeclimber hängen oft nur mit einer Hand an senkrechten Felswänden, Paraglider stürzen sich mit Gleitschirmen Hänge hinab. Je nach Mut, Budget und persönlichen Lebensumständen suchen Urlaubs-Abenteurer nach einer Welt, in der Nervenkitzel und Naturerlebnisse locken.
Der Tod der jungen Leute in der Schweiz wäre vielleicht vermeidbar gewesen. Ein Feuerwehrmann aus Wilderswil sei extra zur Schlucht gegangen, um die Gruppe angesichts des drohenden Gewitters zu warnen, gab Feuerwehrkommandant Markus Gerber zu Protokoll. Die Führer schlugen wohl auch eine Warnung des Bauern Martin Seematter in den Wind.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die fünf überlebenden Führer wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Gerichte werden klären müssen, ob der Veranstalter Adventure World am Saxet-Bach möglicherweise "die Sicherheit für den Profit" geopfert hat, wie der neuseeländische Canyoning-Führer David Erikson mutmaßt. Er verließ das Schweizer Unternehmen 1996, weil Sicherheitsstandards missachtet worden seien. Das Desaster habe er "kommen sehen".
Adventure World gehört zu einer boomenden Industrie, die sich auf die Freunde des Risikos eingestellt hat. Der Umsatz wächst mit zweistelligen Raten pro Jahr.
Entdecker auf Zeit wandern im Himalaya, paddeln in Kanus den kanadischen Yukon hinab oder tauchen in der Karibik zu Hai-Schwärmen hinab. Die Lateinlehrerin Barbara Thoms, 58, aus Hannover war zu Ostern zum fünften Mal in der Sahara unterwegs und bekennt, inzwischen "süchtig nach der Wüste" zu sein. In der gleichen Region war zuvor der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm auf den Geschmack gekommen. Er hatte sich zwei Wochen lang einer Kamelkarawane angeschlossen und verzehrte in den Weiten der Sahara "das beste Brot, das ich je in meinem Leben gegessen habe".
Die meisten brechen für ein paar Wochen aus, andere, wie Klaus Sparwasser, 41, für länger. Der Biologe aus dem hessischen Eppstein steckte rund 100 000 Mark in einen ausgedienten Bundeswehr-Unimog und rüstete ihn zu einem Allrad-Wohnmobil um. Mit Lebensgefährtin Andrea Heumann, 40, einer Apothekerin, will sich Sparwasser "ein, zwei Jahre lang" einen Lebenstraum erfüllen und die letzten frei lebenden Populationen des Przewalski-Pferdes suchen - in der Mongolei.
Manche Abenteuerurlauber hoffen, als veränderte Menschen in die gewohnte Umgebung zurückzukehren. Auch der CDU-Politiker Heiner Geißler, in seiner Freizeit Extremsportler, beschwört den "Transfereffekt des intimen Umgangs mit Extremsituationen in das private und berufliche Leben". Wer durch die Arktis gestapft ist, den kann der Abteilungsleiter daheim nur noch schwer schrecken.
Wenn es etwa im Himmel über Oberstdorf plötzlich rauscht und der gelernte Zimmermann Matthias Pinn, 38, in einer Linkskurve zur Landung neben seinem Elternhaus ansetzt, wissen die Einheimischen, dass der Gleitschirmpilot für die Verwirklichung seines Lebenstraums trainiert. Im Frühjahr 2000 will er, den Schirm im Gepäck, auf den Mount Everest klettern und von dort ins Basislager gleiten - er wäre der Erste, dem das gelingt.
Zwei Jahre radelten der Freiburger Industriemeister Peter Materne, 45, und die Sekretärin Elena Erat, 40, auf Mountainbikes um die Welt. Sie hatten ihre Jobs gekündigt; nach 45 000 strapaziösen Kilometern durch 28 Länder kehrten sie in den Breisgau zurück.
Heide und Erich Wilts, beide 57, hatten vor acht Jahren genug Geld zurückgelegt, um endgültig auszubrechen. Mit ihrer Stahljacht "Freydis" segeln sie seither um die Welt. Sie verloren die Lust am Segeln selbst dann nicht, als sie am Südpol strandeten und monatelang bei Außentemperaturen von minus 30 Grad in einer Schutzhütte ausharren mussten. Derzeit halten der frühere Geschäftsführer und die Ärztin aus Cuxhaven Kurs auf die Inselwelt Melanesiens.
Die Sehnsucht nach dem wilden Leben sei "ein Mega-Trend", sagt Remo Masala, Direktor der LTU-Touristik, die Entwicklung dieses Marktsegmentes sei "nach oben offen".
Fast 100 000 Urlauber haben in dieser Saison Erlebnisreisen aus dem Neckermann "Young & Sports"-Katalog des Branchenmultis C&N Touristik gebucht. Rund 30 000 Deutsche suchen mit der LTU-Tochter Marlboro Reisen ihr Abenteuer in den USA, in Kanada oder Australien; vor drei Jahren waren es erst knapp 5000.
Unter der Kuratel von Wikinger-Reisen pirschen in dieser Saison rund 20 000 Urlauber durch unwegsames Gelände. Allein in Ecuador, Südafrika und Nepal wollen dieses Jahr 5000 Deutsche, geführt von Wikinger-Guides, mit der Natur und sich selbst kämpfen.
12 604 Frauen und Männer, 15 Prozent mehr als 1997, erklommen im vergangenen Jahr mit dem Summit Club, dem Berg-
* Vor dem Flug vom Omu Di Cagna auf Korsika; am Südgipfel des Mount Everest.
reise-Veranstalter des Deutschen Alpenvereins, Gipfel dieser Welt. 7000 Abenteurer lassen sich von Bergführern des Unternehmens Hauser Exkursionen auf Trek-
king-Routen geleiten, die meisten in Nepal und Tibet.
Das Geschäft floriert nicht nur bei den Großen der Branche. In ihrem Schatten hat sich in Deutschland ein Netz von rund 500 Kleinveranstaltern etabliert, bei denen inzwischen jährlich weit über 100 000 Deutsche Erlebnisreisen buchen.
1990 wagte sich nicht einmal jeder zehnte deutsche Tourist auf eine Abenteuerreise, im Jahr 2010 werde, glaubt der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski, beinahe jeder dritte im Jahresurlaub nach irgendeiner Art Thrill suchen. Die Tourismusindustrie werde sich, so der Soziologe, zu einer "Erlebnisindustrie entwickeln, die Freiheit von der Stange verkauft".
"Im Urlaub faulenzen will heute kaum noch jemand", sagt Hauser-Exkursionen-Chef Manfred Häupl. Der Abenteuertrend habe sogar "die klassische Bildungsreise, den Trümmer-Tourismus, abgelöst", meint Daniel Kraus, Geschäftsführer von Wikinger-Reisen.
Es sind meist keine Zivilisationsdeserteure, die sich da, fast immer im Schutz von Gruppen, auf den Weg in die Natur machen. Mit Lehrern, Hausfrauen, einem Werkzeugmacher, einem Steinmetzmeister, einer Hebamme, einem Zahntechniker, einem Bauunternehmer und einem Fabrikanten schlug sich der Leimener Roland Kiemle, 62, vergangenes Jahr durch die Wildnis Alaskas.
Die Deutschen übernachteten in Zelten, brachten ihren Proviant nachts in Bäumen vor Grizzlys in Sicherheit und lebten drei Wochen fern der Zivilisation. Manch einer hatte "noch nie eine Axt in der Hand", sagt Kiemle, Chef der Adventure Company. Bei ihm lernten die Reisenden, wie sie bei Regen Feuer machen können - und dass Birkenrinde dafür am besten geeignet ist. Abends, so Kiemle, ein Pionier des Abenteuertourismus, "legen sich die Leute zufrieden in ihren Schlafsack".
Die scheinbare Gefahrlosigkeit in der westlichen Welt, glaubt Hans Hartmann, Psychologie-Professor in Augsburg, gebäre einen "Erlebniswahn" und treibe die Menschen dazu, "Gefahren zu provozieren und lustvoll ganz überflüssige Strapazen auf sich zu nehmen".
Der Kick wird überall gesucht. In den Alpen lassen sich jährlich rund 100 000 Frauen und Männer in Schlauchbooten von reißenden Flüssen durchschütteln. Tausende werfen sich beim Bungee-Jumping vom Hamburger Fernsehturm oder von österreichischen Staumauern, hunderte kraxeln mit bloßen Händen als Freeclimber durchs sächsische Elbsandsteingebirge.
Ihre Anfänge hatte die professionell organisierte Jagd nach dem Thrill jenseits des Atlantiks. In den Vereinigten Staaten werden die Barrieren festgelegt, die überwinden muss, wer Anerkennung in der Gemeinde der Extrem- und Funsportler gewinnen will.
Noch vor ein paar Jahren galt der Triathlon von Hawaii als das Spitzenereignis des Massenmartyriums. Wer an einem Tag 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer radeln und bei 32 Grad im Schatten einen Marathonlauf überstehen kann, wird zum "Ironman" - auch viele Deutsche geben Jahr für Jahr ihren Urlaub dafür her.
Inzwischen haben aber andere Herausforderungen die oberen Plätze in der Hierarchie der Plackereien errungen. Das "Furnace Creek"-Rennen, eine 508-Meilen-Schinderei per Fahrrad mit Start in Kalifornien, gilt als Meilenstein des modernen Freizeitmasochismus.
Hoch im Kurs steht in den USA auch eine andere Variante der Torturen: Base-Jumping, der Sprung von Brücken und Felsen mit der Hoffnung, dass sich der Fallschirm zeitig öffne. "Verletzte gibt es fast nie, nur Tote", sagt Base-Jumper Frank Garnbalie, der schon hunderte von Sprüngen überlebt hat. 1997 starben 39 Springer. Jedweden Extremsport hält Psychologe Hartmann für einen modernen Initiationsritus der Jugend, aber auch für "Vergewisserungsrituale verunsicherter Erwachsener".
"Die Reise aus der Warenwelt", analysiert der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, sei "ihrerseits zur Ware geworden". Die Tourismusindustrie produziere das Konsumgut Freiheit nach Maßgabe industrieller Logik - "durch Normung, Montage und Serienfertigung".
So servieren Tourismusfabriken das Abenteuer oft in mundgerechten Häppchen, die sie "Erlebnisbausteine" getauft haben. Wem der Mut fehlt, dem wird die Herausforderung stückweise offeriert. Alle Abenteuerangebote müssten, so LTU-Direktor Masala, "auf einen Tag heruntergefahren werden können".
Es sind nach Einschätzung der LTU vor allem Besserverdienende zwischen 20 und 35 Jahren mit mo-
natlichen Nettoeinkommen von
* In einer argentinischen Forschungsstation am Südpol.
3000 bis 4000 Mark, die in Massen
einen Pauschalurlaub mit "Erlebnisbausteinen" buchen. "Die haben einen Tennislehrer gehabt, Squash gespielt, sich irgendwann Rollerblades gekauft und wollen jetzt einen neuen Kick", sagt Masala.
Die Sehnsucht danach befällt erlebnishungrige Deutsche auch daheim. Rund 1000 Abenteuerprofis ziehen mit ihren Dia-Projektoren durch die Säle und Hallen der Republik. Die erstklassige fotografische Ausbeute von 63 Afrika-Reisen zeigte der Münchner Motorrad-Abenteurer Michael Martin, 35, in den vergangenen Monaten bundesweit mehr als 70 000 Zuschauern. Martin macht einen Jahresumsatz von deutlich mehr als einer Million Mark - den Erlös seines mit 30 000 Exemplaren bestverkauften Afrika-Bildbandes nicht eingerechnet.
Wer sich nicht nur mit Dias oder Büchern aufs Abenteuer vorbereiten will, findet gar reichlich Trainingsangebote: Karl-Josef Metzmacher etwa, ein Experte mit 16 Jahren Erfahrung an den eisigen Polkappen, veranstaltet "Arktische Seminare", deren Lerninhalte auch in den Schnee- und Eishöllen des Himalayas hilfreich sein können. Die Teilnehmer entscheiden, ob sie bei den Metzmachers "im Kühl- oder Gefrierhaus, in der freien Natur oder im Bett" nächtigen.
Auch den Spezialausrüstern bescheren die Abenteuereisenden zweistellige Zuwachsraten. Die Hamburger Firma Globetrotter, mit 200 000 Versandkunden und 90 Millionen Mark Jahresumsatz Marktführer in Europa, verkaufte im vergangenen Jahr rund 1000 Satelliten-Navigationsgeräte, vor fünf Jahren waren es gerade 10.
Globetrotter-Mitinhaber Klaus Denart, 56, erregte 1963 Aufsehen, als er in einem Sarg den Nil hinabpaddelte. Heute erfreut ihn, dass die Globetrottergemeinde pro Jahr allein bei ihm 50 000 Packungen Astronautennahrung ordert, für insgesamt 400 000 Mark.
Selbst brave Destinationen wie das Billigurlaubsland Türkei oder die Dominikanische Republik mühen sich, mit Abenteuerangeboten ihr Image zu verändern.
Auf Mallorca, einst Metapher für den zweiwöchigen Spießerurlaub mit Bratwurst, verspricht TUI "wilde Abenteuer" etwa beim Herabseilen in engen Schluchten und bei einer "Cavingtour" durch dunkle Tropfsteinhöhlen. Da mag LTU nicht nachstehen. Das Reiseunternehmen kreierte "Turkey Action" und testet erstmals in dieser Saison, ob Türkei-Urlauber Spaß an Rafting oder Jeep fahren finden.
Dabei sind selbst derartige Angestellten-Abenteuer keineswegs immer ungefährlich. Schon scheinbar harmloses Trekking in den unteren Höhenregionen des Himalaya kann unangenehm werden. Gerade noch rechtzeitig landete ein Helikopter im Frühjahr vergangenen Jahres in 3200 Meter Höhe auf einem nepalesischen Trekkingpfad, um eine höhenkranke junge Norddeutsche zu bergen. Zum Preis von 2500 US-Dollar flog er sie ins Spital von Katmandu. Der deutsche Reiseveranstalter hatte seine Guides nicht mit Funkgeräten ausstatten wollen - ein Sherpa musste stundenlang laufen, bevor er vom nächsten Funkposten aus Hilfe rufen konnte.
Eher für Heiterkeit sorgte unter deutschen Abenteuerführern das Ungemach, das einem etwas genierlichen deutschen Kanuten in Kanada am Yukon widerfuhr - obwohl es böse hätte ausgehen können. Der Zahnarzt aus Nordrhein-Westfalen wollte seine Notdurft nicht in Sichtweite seiner Reisegruppe verrichten und suchte einen wirklich stillen Ort. Erst drei Tage später fand die Besatzung eines Rettungshubschraubers den hoffnungslos Verirrten.
Viele der "Soft-Adventouristen" (Branchenjargon) verzichten freilich nur ungern auf heimischen Komfort. Sie nölen, wenn sie in ihrer Lodge am Everest in einem Sonnenstrahl das filigrane Muster eines Spinnennetzes entdecken, sie stöhnen auf, wenn auf dem Jomoson-Trekk am nepalesischen Annapurna-Massiv auf 3000 Meter Höhe die Solaranlage ihrer Lodge ausfällt und am Morgen kein warmes Wasser aus der Dusche fließt.
Seltsam mag auf die Einheimischen jener Zug von Maultieren gewirkt haben, der vor Jahresfrist bis ins knapp 2000 Meter hoch gelegene Himalaya-Dorf Gandrung führte. Über und über waren die Lasttiere mit Kloschüsseln westlicher Bauart bepackt - die Touristen aus den Industrieländern waren es leid, sich auf Plumpsklos zu hocken. Wie zu Hause soll es weitab der Heimat sein, aber doch exotisch, "zugleich zugänglich und unzugänglich, zivilisationsfern und komfortabel" (Enzensberger).
Viele deutsche Urlauber seien tagsüber auf der Suche nach einem Abenteuer "wie weiland Robinson Crusoe", sagt ein Tourismusexperte. Am Abend aber wollten sie "nun mal nicht Freitag treffen, sondern einen Ober, der ihnen Pasta serviert wie zu Hause beim Italiener um die Ecke".
Nur Kopfschütteln löst solches Treiben unter denen aus, die sich, wohl zu Recht, als wahre Abenteurer fühlen. Bierdosen im Kühlschrank sind der einzige Luxus, den sich die Segler Ute, 44, und Arwid Martinkat, 59, aus dem niedersächsischen Wedemark leisten, wenn sie mit ihrem Katamaran von Sansibar aus in See stechen, um kleine Inseln im Indischen Ozean anzulaufen.
Immer wieder arbeiten sie zwei, drei Jahre lang in der Umgebung von Hannover als Handwerker, ehe sie für längere Zeit aussteigen, um die Welt kennen zu lernen. Im kommenden Frühjahr wollen die Martinkats sich auf den Weg in den Pazifik machen und zurückkommen, "wenn das Geld alle ist". 25 000 Mark sollen für zwei Jahre reichen.
5000 Hochseeskipper sind inzwischen schon im Cuxhavener Verein "Trans Ocean" zusammengeschlossen, einer Organisation, die sich vor allem um Weltumsegler kümmert. Monat für Monat treten 40 bis 60 weitere Segler bei. Allein 1998 kamen 21 von einer Weltumseglung zurück.
Zunehmend gewinnt auch das World Wide Web an Bedeutung für Abenteurer. Erste Adresse ist der "Treffpunkt" der Deutschen Zentrale für Globetrotter (http://www.dzg.com). Eine Christina, 23, aus Bremen, sucht da beispielsweise Reisepartner für Neuseeland. Jemand anderes erbittet "News von Tinu und Daniella, die irgendwo zwischen Australien, Indien und Pakistan unterwegs sind".
"Was treibt den Menschen in Regionen, in denen er sich den Hintern abfriert, wenn er sich beim Stuhlgang nicht beeilt?", fragte sich Expeditionsleiter Michael Vogeley, 54, als er im vergangenen Jahr die erste Nordpol-Skiexpedition des Deutschen Alpenvereins zum Erfolg führte.
Ein pensionierter Eisenbahner, ein Holzunternehmer, der Produktionsleiter eines Optik-Fabrikanten, ein Gärtner, ein Malermeister und ein Apotheker hatten jeweils 15 000 Mark bezahlt und waren dabei, um sich im Urlaub durch das "Labyrinth gefrorenen Irrsinns" (Vogeley) zu schinden. Die Gruppe war sich nach den Worten ihres Führers am Schluss darin einig, "dass es glücklich macht, etwas zu tun, was vorher nur wenige aus eigener Kraft geschafft haben". CARSTEN HOLM
* Am australischen Mount Arapile. * Vor dem Flug vom Omu Di Cagna auf Korsika; am Südgipfel des Mount Everest. * In einer argentinischen Forschungsstation am Südpol.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 31/1999
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