09.01.2016

ZeitgeschichteDas Monstrum

Erstmals seit 1945 erscheint Hitlers „Mein Kampf“ wieder in Deutschland. Mit einer kritischen Ausgabe wollen Historiker dem Nazi-Bestseller „den Zünder rausdrehen“. Aber lässt sich das gefährlichste Buch der Welt überhaupt entschärfen?
Dieses verfluchte Buch! Der Minister braucht erst mal etwas Scharfes. Ludwig Spaenle greift zur Tabascoflasche, schüttet eine größere Menge in das Glas Gemüsesaft vor ihm und nimmt einen kräftigen Schluck. "Mein Kampf"? Ja, das sei schon eine ganz besondere Geschichte.
Ursprünglich habe er die Edition des Hitler-Buchs begrüßt, der Landtag habe sogar 500 000 Euro für das Projekt des Münchner Instituts für Zeitgeschichte bewilligt. Aber dann sei er mit dem bayerischen Ministerpräsidenten im September 2012 nach Israel gefahren. Und danach habe man eben die Meinung geändert. Punkt.
Bayerns Minister für Bildung und Wissenschaft schüttet nach. Erst den Gemüsesaft aus dem Tetrapak, dann Tabasco, er nimmt wieder einen großen Schluck. Was in Jerusalem passiert ist? Tja, die Opferverbände, die israelischen Minister, viele Gespräche. Und dann habe man gewusst: Das geht gar nicht. Eine neue Ausgabe von "Mein Kampf" mit dem bayerischen Staatswappen vorne drauf, das hätte in Israel niemand verstanden.
Spaenle trinkt noch einmal und blickt für einen Moment schweigend in sein auch für bayerische Verhältnisse riesiges Büro. Der Minister, eine barocke Gestalt, sitzt – oder besser: thront an diesem Abend im vorigen November mit aufgekrempelten Hemdsärmeln auf seinem Sofa, umrahmt von dunklen Ölgemälden an den Wänden, ein großes Foto von Franz Josef Strauß steht auf dem Schreibtisch.
Dieses Buch, die Opfer, die Wissenschaft – irgendwie passte das alles nicht zusammen. Und er, Spaenle, musste das Problem lösen, ohne es sich mit seinem Chef, Horst Seehofer, zu verderben.
Am 11. Dezember 2013, einen Tag nachdem Seehofer den Rückzug Bayerns aus dem Projekt verkündet hatte, schrieb Spaenle eine ziemlich schlitzohrige Pressemitteilung: "Aus Respekt" vor den Opfern des Holocausts lehne auch er es ab, "dass eine wissenschaftliche Edition dieser Schandschrift im Auftrag des Freistaats Bayern gedruckt wird". Dann aber fügte er den diplomatischen Satz hinzu: "Die Freiheit der Wissenschaft, sich den aus ihrer Sicht notwendigen Themen zu stellen, wird dadurch nicht berührt."
Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) konnte also weiterarbeiten, der Zuschuss wurde nicht zurückgefordert, sondern für "zweckfrei" erklärt. Mit dieser Sprachregelung hatte Spaenle das Problem erfolgreich vertagt.
Nun, gut zwei Jahre später, wird die Edition des IfZ tatsächlich veröffentlicht. Die ersten Exemplare des zweibändigen, insgesamt 1948 Seiten starken Werks werden in diesen Tagen an den Buchhandel ausgeliefert: der komplette Originaltext von "Mein Kampf", dazu mehr als 3500 kluge Anmerkungen – nur das bayerische Staatswappen auf dem grauen Einband fehlt. Und um jeden Verdacht eines kommerziellen Interesses zu entkräften, erscheint die Edition im Selbstverlag des Instituts für Zeitgeschichte.
Dennoch stößt das Projekt auch in der wissenschaftlichen Welt auf Bedenken. Der Berliner Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz konnte sich keinen Erkenntnisgewinn vorstellen, der Londoner Germanist Jeremy Adler wollte die Edition sogar noch am Donnerstag dieser Woche stoppen. Andernfalls, so empörte er sich in der "Süddeutschen Zeitung", würde "ein erbärmliches Machwerk eine Dignität erlangen, wie wir sie Homer und Platon, Bibel und Talmud zuordnen".
Adler räumt allerdings ein, dass er sein Urteil "ohne Zugang zum neuen Text" gefällt habe. Was schon ziemlich mutig ist. Denn nach gründlicher Lektüre des IfZ-Werks wäre er mit größter Wahrscheinlichkeit zu einer anderen Meinung gelangt. Tatsächlich ist diese Edition eines der wichtigsten Werke der Hitler-Forschung seit Jahren. Sie wird die Fachkollegen überzeugen und den historisch interessierten Laien eine Menge neuer Erkenntnisse vermitteln.
So viel öffentliche Aufmerksamkeit haben die IfZ-Historiker wohl noch nie erfahren. Seit Monaten bestürmen Journalisten, Diplomaten und Politiker die Wissenschaftler im Waschbetonbau in der Münchner Leonrodstraße. Douglas Davidson war vor Ort, der Sonderbeauftragte des US-Außenministeriums für Holocaustfragen, auch Dan Shaham, der israelische Generalkonsul in München, sowie die Grünen-Fraktion des Bayerischen Landtags.
Das Editionsprojekt schaffte es ins koreanische Frühstücksradio, in die BBC, zu CNN und Al Jazeera. Die italienische "La Stampa" berichtete ebenso wie das spanische Blatt "El País", "Asahi Shimbun" aus Tokio und die "New York Times". Gleich drei öffentlich-rechtliche Sender, WDR, ZDF, ARD-alpha, produzierten Dokumentationen, fast alle deutschen Zeitungen und Magazine druckten große Artikel.
Konnte man überhaupt etwas anderes erwarten? "Mein Kampf" wird seit 90 Jahren als Schlüsselwerk des Nationalsozialismus gehandelt und darf damit, in Anbetracht seiner Konsequenzen, als das gefährlichste Buch der Welt gelten: Erst beim Schreiben entstand bei Hitler der Glaube an die eigene Auserwähltheit; das Buch sollte diese Botschaft seinen Anhängern vermitteln. "Mein Kampf", meint der Historiker Ian Kershaw, legte bereits "den Grundstein für den Führer-Mythos".
In "Mein Kampf" entwarf Hitler jene mörderische Ideologie, die ihn bis zu seinem Tod im Berliner Führerbunker 1945 beherrschte. Mit diesem Buch, so schreibt Hitler-Biograf Peter Longerich, begann Hitler, "die Raumfrage konsequent mit der Rassenfrage zu verbinden", also die Zerschlagung der Sowjetunion mit dem Antisemitismus. Am Ende führten diese Wahnideen zur Doppelkatastrophe von Vernichtungskrieg und Holocaust.
Und dann diese unglaublichen Verbrechen: Ob Judenverfolgung, Kommunistenhass oder seine größte Obsession, der Krieg – Hitler enthüllte schon damals "mit einer frappierenden wie geradezu naiven Offenheit, was er sich vorgenommen hatte", urteilen die Historiker des IfZ. Knapp 52 Prozent der Deutschen stimmten bei der letzten halbwegs freien Reichstagswahl im März 1933 für Hitler und seine Koalition; sie hätten wissen können, was der NSDAP-Chef im Schilde führte.
Der erste Band von "Mein Kampf" war bereits im Sommer 1925, der zweite im Dezember 1926 erschienen. NS-Propagandachef Joseph Goebbels erklärte das Buch zum "Evangelium einer neuen Zeit", anderen galt es als "Bibel des Nationalsozialismus". Heute sprechen Kritiker nicht minder pathetisch von einem "Gral des Bösen" oder einer "Büchse der Pandora", die besser für immer verschlossen bleibe.
Wenn sie einmal geöffnet werde, so warnte im vergangenen Februar Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, in der "Washington Post", lasse sie sich nie mehr schließen. Was wohl so viel heißen soll wie: Eine Neuveröffentlichung von "Mein Kampf" setze Deutschland einer nicht zu kontrollierenden Gefahr aus.
Nervös ist deswegen nicht nur der bayerische Kultusminister. Auch die Justiz- und Innenminister der Länder haben sich vorbereitet. Denn nicht nur die Münchner Wissenschaftler dürfen nun "Mein Kampf" unters Volk bringen, seit dem 1. Januar kann – zumindest in der Theorie – jedermann das Buch verlegen und verkaufen. Gut 70 Jahre nach dem Tod des Autors sind die Urheberrechte, die seit 1948 beim Freistaat Bayern lagen und von ihm stets verteidigt wurden, erloschen.
Aber wie gefährlich ist "Mein Kampf" heute wirklich? Werden die Pegida-Leute hier neuen Stoff für ihre Hetze finden? Wird ein Ausländerfeind wie der AfD-Mann Björn Höcke seinen biologischen Rassismus ("Unsere Substanz wird aufgezehrt in allen Bereichen") in Zukunft mit "Mein Kampf" begründen? Werden sich Deutschlands latente Antisemiten – nach Umfragen etwa 20 Prozent der Bevölkerung – ab sofort auf Hitlers Buch berufen?
Die Herausgeber der neuen Ausgabe sehen durchaus die Risiken. Er wolle nicht ausschließen, sagt IfZ-Chef Andreas Wirsching, "dass Ausschnitte aus ,Mein Kampf' heute noch für rechtsradikales Denken instrumentalisierbar" seien. Wirsching verweist auf die "Stellungnahme zur Frage der Wesensverwandtschaft von NPD und historischem Nationalsozialismus", die sein Institut für das neue NPD-Verbotsverfahren in Karlsruhe vorgelegt habe. Offenbar haben sich die neuen Rechten immer wieder bei Hitlers Buch bedient, etwa wenn es um die Legitimierung politischer Gewalt geht oder um den Mythos des "jüdischen Weltherrschaftsstrebens".
Damit könnte in diesem Frühjahr das Paradox eintreten, dass die NPD verboten wird, ihr ideologisches Fundament hingegen so viel Verbreitung findet wie seit 1945 nicht mehr.
Wirsching verteidigt das Projekt seines Instituts. Die Angst, "im Umgang mit Hitlers Hinterlassenschaft moralisch falsch zu handeln oder politische Fehler zu machen", das Buch also weiterhin totzuschweigen, fördere nur dessen Tabuisierung. "Mein Kampf" besitze einen "eminenten Quellenwert für die Geschichte des Unheils". Kein Werk sage mehr über die Wahnwelt Adolf Hitlers aus.
Dass dieser Gedankenkosmos nicht etwa einzigartig oder gar originell war – diese Erkenntnis zählt zu den wichtigsten Ergebnissen der Münchner Historiker. Nach der Sichtung Hunderter Pamphlete und Bücher aus der völkisch-konservativen Welt des frühen 20. Jahrhunderts stellten sie fest, dass sich Hitlers apodiktische Urteile und seine biologistische Terminologie in den reaktionären Mainstream nahtlos einfügten.
Nicht nur der spätere "Führer" verachtete Slawen, hasste Juden und schwadronierte von "Auslese der Natur" und dem "Recht des Stärkeren". Der NSDAP-Chef habe sich vielmehr "aus dem populär- und pseudowissenschaftlichen Kenntnisschatz seiner Zeit" bedient, vor allem beim Sozialdarwinismus, meint IfZ-Direktor Wirsching. Einzigartig sei allerdings die Art und Weise, wie er die Versatzstücke montierte: Hitler, so Wirsching, "integrierte wesentliche Elemente der deutschen politischen Kultur, spitzte sie zu und radikalisierte sie für seine Zwecke".
Noch nie ist dieses "Monstrum" (IfZ-Jargon) so umfassend kommentiert – und widerlegt worden. Die Wissenschaftler haben 38 der 1122 Auflagen von "Mein Kampf" miteinander verglichen. Jede Korrektur ist vermerkt; etwa dass 1937 aus der "teuren" deutschen Mutter die "treue Mutter" wurde, 1939 erneut die "teure" und 1944 endgültig die "treue Mutter".
Vor allem aber wird jede Lüge und Halbwahrheit aufgedeckt: Schreibt Hitler, jüdische Theaterkritiker würden Aufführungen jüdischer Autoren schonen, zitiert das Autorenteam aus Verrissen, die Karl Kraus über Werke jüdischer Dramatiker geschrieben hat. Behauptet Hitler, "neun Zehntel alles literarischen Schmutzes" stamme von Juden, entlarvt das IfZ-Team die "9/10-Angabe" als beliebten Trick der Antisemiten: Gegenbeispiele, wie viele auch immer vorgetragen würden, zählten dann automatisch zum letzten Zehntel.
Vieles hat der Mann aus Braunau absichtlich verzerrt, manches auch nur schlampig recherchiert. Allein die Zahl der sachlichen Fehler geht in die Hunderte. Hitler schreibt, das Habsburger Thronfolgerpaar habe untereinander Tschechisch gesprochen. Falsch. Er selbst sei NSDAP-Mitglied Nr. 7 gewesen. Auch falsch (seine Mitgliedskarte trug die Nummer 555). Nach dem Ersten Weltkrieg habe sich "kein Mensch" für die Kriegsschuldfrage interessiert. Ganz falsch; über wenige Themen haben die Deutschen nach 1918 so gestritten.
Tatsächlich macht die Kommentierung manche Passagen des Buchs für viele Leser überhaupt erst verständlich. Das IfZ-Team um die Historiker Christian Hartmann und Thomas Vordermayer hat den fast 800 Seiten langen Originaltext nach allen Regeln der Historiografie auseinandergenommen. Eine Doppelseite der neuen Ausgabe enthält jeweils eine "Mein Kampf"-Seite sowie bis zu 15 erklärende Kommentare der Herausgeber. Die Lektüre ist zuweilen mühsam, aber ertragreich: Wer die neue Ausgabe gelesen hat, dürfte gegen das ideologische Gift des Buchs dauerhaft immunisiert worden sein. Oder, um es mit den Worten Christian Hartmanns zu sagen: "Wir sind der Kampfmittelräumdienst, wir drehen den Zünder raus."
Hitlers Schreibstil wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Stilblüten ("Ich traf dort Anwesende aus hauptsächlich den unteren Schichten des Lebens") und skurrile Metaphern ("Es liegen die ,Eier des Kolumbus' zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen") finden sich zuhauf in dem Text.
Hitler liebte Fremdwörter, Wiederholungen, Superlative. Parlamente waren bei ihm nicht nur verlogen, sondern "allerverlogenst", seiner Partei stand nicht ein Kampf, sondern ein "Riesenkampf" bevor. Und dann die fortwährende Beschimpfung seiner Feinde als "Schieber", "Volksvergifter", "hinterlistige Meuchelmörder", "blasierte Herrchen" und "Gelichter".
Auffallend auch der inflationäre Gebrauch eigentlich negativer Begriffe wie "rücksichtslos" und "brutal" in positivem Kontext: "Ich war vom schwächlichen Weltbürger zum fanatischen Antisemiten geworden", berichtete Hitler in "Mein Kampf" – und war erkennbar stolz darauf.
Erstaunlicherweise hielt der Autor, obwohl ihm Selbstkritik sonst fremd war, sein Buch für sprachlich nicht besonders gelungen. "Ich bin kein Mann der Feder und schreibe nur schlecht", notierte er 1924. Eine Einschätzung, die selbst der ihm treu ergebene Goebbels teilte: "Das Buch wirkt ehrlich und tapfer. Nur der Stil ist manchmal unausstehlich."
Die meisten Leser störte der merkwürdige Hitler-Sound offenbar wenig. Rezensenten der rechten Presse lobten damals das Werk. Ein Pastor dankte gar Gott "für die Stunden, in denen ich Adolf Hitlers Buch ,Mein Kampf' studieren konnte". Der Diplomat Ernst von Weizsäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten, war von der Lektüre offenbar so beeindruckt, dass er in einem Brief Hitlers "Warmherzigkeit gegenüber dem sozialen Elend" pries.
Der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel urteilt, dass das Buch – sprachlich – immerhin besser sei als sein Ruf. Kiesel hatte sich im vorletzten Sommer einem Selbstversuch ausgesetzt und "Mein Kampf" während eines Urlaubs vollständig gelesen. Den Inhalt fand er widerwärtig, ansonsten aber kam der Germanist aus Heidelberg in der "Frankfurter Allgemeinen" zu einem überraschenden Urteil: Hitler verfüge über ein "breites Register an rhetorischen und stilistischen Mitteln". Er sei "kein Stümper, sondern ein wirkungsbewusster Schreiber".
Hitlers Wortwahl, darauf verweist nun das IfZ-Team, sei durchaus zeitgemäß gewesen. Manche Begriffe, die heute als Nazi-Deutsch verpönt seien, wurden damals auch von Demokraten verwendet, etwa "Volksgemeinschaft" oder "Entartung".
Das Deutschland der frühen Zwanzigerjahre war eine Brutstätte wahnhafter Ideen und politischer Desperados. Mehr als 13 Millionen Soldaten hatte das Kaiserreich in den Krieg geschickt, mehr als zwei Millionen waren gefallen. Die "Dolchstoßlegende", also die Behauptung, dass vor allem Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten in der Heimat den Zusammenbruch herbeigeführt hätten, schien vielen die einzige Erklärung für das Desaster. Der von der Niederlage traumatisierten Gesellschaft fehlte der demokratische Konsens, die bürgerlichen Parteien und die SPD hatten sich durch die Annahme des Friedensvertrags von Versailles in weiten Teilen der Bevölkerung diskreditiert.
Linke Revolutionäre und rechtsradikale Freikorps versetzten das Land unterdessen an den Rand eines Bürgerkriegs; eine republikfeindliche Justiz sah dem mörderischen Treiben weitgehend untätig zu. Der politische Antisemitismus, im Kaiserreich noch eine Domäne kleinerer Parteien, verbreitete sich im gesamten konservativen, nationalen Spektrum.
Und schließlich ließ die Inflation des Jahres 1923 das Land und seine Bewohner verarmen. "Das Jahr 1923 machte Deutschland fertig", schrieb der Publizist und NS-Gegner Sebastian Haffner, "nicht speziell zum Nazismus, aber zu jedem phantastischen Abenteuer." Damals, so Haffner, sei das entstanden, was dem Nazismus "seinen Wahnsinnszug" gegeben habe: "die kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen".
Der Gefreite Adolf Hitler hatte das Ende des Krieges in einem Lazarett in Pasewalk erlebt. Der in bayerischen Diensten kämpfende Österreicher war bei einem Gasangriff vorübergehend erblindet. Wie viele andere Soldaten suchte er nach Schuldigen für die Niederlage. Deutschland sei einem "Haufen elender Verbrecher" in die Hände gefallen, schreibt er später in "Mein Kampf", diese Leute müsse man mit allen Mitteln bekämpfen. Er wolle das Seine dazu beitragen. Und dann folgt der berühmt-berüchtigte Satz: "Ich aber beschloss, Politiker zu werden."
Dass der verwundete Kriegsveteran wirklich schon im November 1918 eine Karriere in der Politik anstrebte, ist unwahrscheinlich. Allerdings fiel er seinen Kameraden bald durch lautstarke Hetztiraden gegen Juden und Kommunisten auf. Im Sommer 1919 kommandierte ihn sein Vorgesetzter, ein rechtsradikaler Offizier, in ein Reichswehrlager bei Augsburg, wo Hitler als Propagandist aus spartakistischen Soldaten überzeugte Nationalisten machen sollte.
Bayern litt damals noch unter den Folgen der Räterepublik, die das Land über Monate ins Chaos gestürzt hatte. Und da einige Anführer des sozialistischen Aufstands Juden waren, verfestigte sich bei Hitler die Überzeugung, dass Judentum und Bolschewismus untrennbar verbunden seien.
Im September 1919 schickte ihn der Offizier in eine Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei in München, einer der zahlreichen völkischen Kleinparteien der Nachkriegszeit. Und schon Hitlers erster Redebeitrag beeindruckte die Zuhörer so sehr, dass Parteichef Anton Drexler angeblich ausrief: "Mensch, der hat a Gosch'n, denn kunnt ma braucha."
Hitler genoss seine Auftritte und machte aus seinem rhetorischen Talent einen Beruf: Er redete immer öfter vor immer größerem Publikum. Er schimpfte auf Versailles und die Sozialdemokratie, nannte Juden Blutsauger und Kommunisten Verräter. Bald übernahm er die Partei, die inzwischen in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt worden war, und plante – die Inflation näherte sich nun ihrem Höhepunkt, ein Kilo Brot kostete 200 Milliarden Mark – den Umsturz: Von München aus wollte er Deutschland erobern und der Weimarer Republik den Todesstoß versetzen.
Logistisch war Hitlers Putsch in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 allerdings eine ziemlich amateurhafte Angelegenheit. Weder besaß er genügend Truppen, noch hatte er eine Strategie, wie er die Macht in Berlin erobern könnte. Bei der abschließenden Schießerei zwischen seinen Gefolgsleuten, von denen viele aus den Münchner Bierkellern rekrutiert worden waren, und der Polizei verfehlte ihn eine Kugel nur um wenige Zentimeter und tötete seinen Nebenmann.
Im anschließenden Prozess wurde der Münchner Putschist zu einer fünfjährigen Festungshaft verurteilt, die er zusammen mit einigen Gesinnungsgenossen in Landsberg am Lech antreten durfte. In dem Luxusknast – der Zellentrakt glich eher einer gutbürgerlich eingerichteten Wohnung – vertrieb sich der Häftling Hitler nun seine Zeit mit der Niederschrift eines Buchs, in dem er zunächst nur mit all jenen abrechnen wollte, die er zu den Verantwortlichen für Deutschlands Niederlage zählte.
Über die Entstehung von "Mein Kampf" gibt es allerlei Mythen, so soll der "Führer" in spe sein Werk seinem ebenfalls einsitzenden Weggefährten Rudolf Heß in die Schreibmaschine diktiert haben. In Wahrheit tippte Hitler selbst. Und um sich in Stimmung zu bringen, spielte er sogar ein bisschen Theater: "Eben höre ich aus dem gemeinsamen Wohn- und Esszimmer seine Stimme", notierte Rudolf Heß am 16. Mai 1924 in einem Brief an seine Mutter, "er scheint mitten im Auffrischen von Kriegserlebnissen zu sein, er ahmt Granaten und Maschinengewehre nach, springt wild im ganzen Zimmer herum, fortgerissen von seiner Phantasie."
Einige Wochen später kamen Hitler beim Vorlesen der Passagen über seinen ersten Fronteinsatz 1914 sogar die Tränen, so berauscht war er von seinen Worten.
Immer wieder trug er seinen Mithäftlingen aus dem entstehenden Werk vor. Verleger meldeten sich bei ihm und unterbreiteten erste Angebote, am Ende bekam der Eher-Verlag den Zuschlag, in dem auch der "Völkische Beobachter" erschien; wohlhabende Hitler-Fans aus der Münchner Schickeria, darunter die Gattin des Klavierfabrikanten Bechstein, schickten Präsentkörbe mit Lebensmitteln. Auch auf den Gefängnisdirektor durfte Hitler zählen, der Mann war ein glühender Anhänger seines prominenten Insassen.
Aus der geplanten Abrechnung wurde schon bald ein merkwürdiges Mischwerk aus stilisierter Autobiografie und ideologischem Programm, Parteigeschichte und Propagandaschrift. Im Vorwort des ersten Bands schreibt Hitler, er wolle die "Ziele unserer Bewegung klarlegen" und der Legendenbildung um seine Person entgegentreten, die von der jüdischen Presse betrieben werde. Tatsächlich ging es darum, die NSDAP gegenüber anderen rechtsextremen Parteien abzugrenzen und zu begründen, dass es nur einen "Führer" geben könne: Adolf Hitler.
Auf vielen Seiten rühmte der Demagoge die "Zauberkraft des gesprochenen Wortes", die allein imstande sei, die "großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen zu bringen". Allerdings sei ein herausragender Redner nur selten zugleich ein guter Theoretiker und Organisator. Erst die Vereinigung dieser Begabungen in einer Person schaffe "den großen Mann". Und zwischen den Zeilen ließ Hitler keinen Zweifel daran, wo dieser "große Mann" zu finden war: im Knast in Landsberg am Lech, vorübergehend.
Das Buch beginnt harmlos. Der 35-Jährige erzählt zunächst vom Elternhaus in Braunau am Inn, von der abgelehnten Bewerbung an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Trotzdem zog er 1908 dorthin, und "Mein Kampf" zufolge begann damit "die traurigste Zeit" seines Lebens, voll "Elend und Jammer".
Drastisch schildert er den Alkoholismus vieler Arbeiter und das soziale Elend der Millionenstadt, in der einfache Familien nach drei Tagen den Wochenlohn des Ernährers verzehrt hätten. Und Hitler behauptet, er sei Teil des Elends gewesen: "Der Hunger war damals mein getreuer Wächter, der mich als einziger fast nie verließ."
Das allerdings war mehr als übertrieben. Hitler besuchte regelmäßig die Wiener Kaffeehäuser und flanierte ansonsten entspannt durch die Großstadt, ging in Konzerte und Kneipen. Er war anfangs keineswegs so arm, wie von ihm behauptet, weist das IfZ-Team nach. Dank des mütterlichen Erbes, einer Waisenrente sowie eines Darlehens einer Tante musste er etwa ein Jahr lang überhaupt nicht arbeiten. Erst danach verdiente er seinen Unterhalt als Postkartenmaler, freilich mehr schlecht als recht.
Erfunden ist offenbar auch die Geschichte, mit der Hitler seine frühe Abneigung gegen die Sozialdemokratie begründet. Demnach hat er sich als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau verdingt. Während die Kollegen ins Wirtshaus gegangen seien, habe er sich zwar abseits gehalten ("Ich trank meine Flasche Milch und aß mein Stück Brot"). Dennoch sei ihm auf den Baustellen Schreckliches zu Ohren gekommen: Das Vaterland, die Religion oder die Moral – alles sei "in den Kot oder Schmutz einer entsetzlichen Tiefe gezogen" worden. Hitler will den Männern widersprochen haben und von den wortführenden Sozialdemokraten daraufhin bedroht worden sein: Entweder mache er sich aus dem Staub, oder sie würden ihn vom Gerüst stoßen. Da sei er lieber gegangen.
Eine schöne Anekdote, sie stimmt aber nach Recherchen des IfZ-Teams nicht. Adolf, den Bauarbeiter, hat es "wahrscheinlich nie" gegeben.
Mit solchen Episoden wollte Hitler den Eindruck vermitteln, Wien sei die "Schule" seines Lebens gewesen. Er habe bis dahin nichts gegen Sozialdemokraten, nichts gegen den Parlamentarismus, nichts gegen die Juden gehabt. Erst eigene Erfahrungen hätten ihn eines Besseren belehrt.
Auf wenigen Seiten nur schildert er seinen Weg zum überzeugten Antisemiten: Zuerst beeindruckt ihn der antisemitische Wiener Bürgermeister Karl Lueger, dann nimmt er Anstoß an den osteuropäischen Juden im Wiener Straßenbild: "Mir wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger manchmal übel."
Wenig später gelangt er zu der vermeintlich objektiven Erkenntnis von der verheerenden Wirkung des Judentums: "Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre? Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein."
Wie Fieberschübe durchziehen solche Passagen Hitlers Bestseller. In unregelmäßigen Abständen, aber von Mal zu Mal heftiger, ereifert sich der Autor über das Judentum als Hort des Bösen. Dabei sei die Wandlung zum Judenhasser, so kokettiert der spätere Massenmörder, seine "schwerste Wandlung überhaupt" gewesen, sie habe ihn die "meisten inneren seelischen Kämpfe gekostet".
Hitler, so erklären die Historiker aus München, hat diesen Prozess um etwa zehn Jahre vordatiert. Tatsächlich sei er nicht in Wien, sondern erst nach dem Krieg in München unter dem Eindruck von Niederlage und Revolution zum "dogmatischen Rassenantisemiten" geworden.
Das IfZ-Team ist bei seinen Recherchen auf die 1922 veröffentlichte "Rassenkunde des deutschen Volkes" des Freiburger Eugenikers Hans F. K. Günther gestoßen, die Hitler inspiriert habe. Demnach neigte der "nordische Mensch" zum "Einzeltum", sei abweisend, hart und schonungslos, hochbegabt, aber meist ein schlechter Schüler – was ziemlich genau dem Bild entsprach, das Hitler von sich entwarf.
Kein Zufall also, dass Hitler weder Förderer noch Freunde erwähnt (es gab nicht viele, aber es gab sie), auch seine Schwester Paula oder andere Familienmitglieder bleiben ausgespart. Die IfZ-Herausgeber sprechen von "planvoller Lückenhaftigkeit": Indem sich Hitler als "unbekannter Einzelner" stilisierte, habe er seinen Gefolgsleuten ein "besonders großes Identifikationspotential" geboten.
Hitler war verklemmt und von Ängsten verfolgt. So fabuliert er in klebrig-pubertären Passagen über Prostitution, Fortpflanzung als Zweck der Ehe, über das "Weib" an sich, dessen Empfinden durch eine "gefühlsmäßige Sehnsucht nach ergänzender Kraft" beherrscht werde. Klassische Vergewaltigungsfantasien tauchen auf, etwa die Geschichte vom "schwarzhaarigen Judenjungen", der mit "satanischer Freude" den Mädchen auflauere.
Nach ungefähr einem Drittel des Buchs hat der Leser das Jahr 1919 erreicht. Die Lektüre wird nun immer mühsamer. Volksverhetzende Passagen häufen sich, der Landsberger Häftling reiht Themen willkürlich aneinander, etwa in Kapitel 10 über die "Ursachen des Zusammenbruchs", also die Niederlage 1918: Er kritisiert die angebliche Übermacht der Industrie im Kaiserreich, beschimpft die Presse, empört sich über den Verfall des Kulturlebens, beklagt das Fehlen zeitgenössischer Denkmäler in den Städten, hält dem Reichstag Versagen vor, moniert die Flottenpolitik Kaiser Wilhelms II. und diskutiert Vor- und Nachteile der Monarchie.
Hinter diesem chaotischen Panorama verbirgt sich ein konkretes, wenn auch über mehrere Kapitel verstreutes, menschenverachtendes Ideengebäude. Am Anfang steht die These, "alles weltgeschichtliche Geschehen" sei eine "Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen". Historischer Fortschritt beruhe auf dem Kampf zwischen den Rassen, die stärkeren setzten sich durch – das sei ein Naturgesetz. Für Hitler ist Krieg daher kein Übel, sondern eine legitime Form des "großen ewigen Lebenskampfes um das Dasein".
"Pazifistisch-humane Ideen" führten hingegen zu "Barbarei und Chaos". Frieden und Rechtsstaatlichkeit sind für Hitler keine zivilisatorischen Errungenschaften, sondern Zeichen des Niedergangs. Das Münchner Forscherteam sieht die Ursachen für dieses "antizivilisatorische Programm" in den nicht aufgearbeiteten Erfahrungen Hitlers an der Westfront: "Hier schreibt einer, für den der Krieg im Grunde nie zu Ende gegangen ist."
"Wer leben will, der kämpfe", erklärt Hitler, "und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht." Das Ergebnis des Konkurrenzkampfes nimmt er freilich vorweg: Die sogenannten Arier sind die "wahrhaften Kulturbegründer dieser Erde". Und ihren edelsten Vertretern, nämlich den Deutschen, kommt die welthistorische Mission zu, die Juden zu stoppen, die ihrerseits als "Parasiten im Körper anderer Nationen" die Weltherrschaft anstrebten.
Hitler war – nach der Terminologie des Historikers Saul Friedländer – ein Erlösungsantisemit und zählte damit zu jenen Rassisten, die die Verfolgung von Juden als idealistische Tat begründeten. In "Mein Kampf" behauptet er, die Menschheit ginge unter, falls die Juden – der "Völkervampyr" – im bevorstehenden titanischen Ringen zwischen Schöpfung und Zerstörung, Gut und Böse obsiegten. In der Gedankenwelt Hitlers betreiben Juden durch "Rassenmischung" die Schwächung anderer Völker, auch der Arier. So-
bald deren Widerstandskräfte erlahmt seien, würden die Juden zuerst die Demokratie durchsetzen und dann mithilfe des Marxismus die "Diktatur des Proletariats". Mit dem Siegeszug des "jüdischen Bolschewismus" in der Sowjetunion hatte aus Sicht Hitlers bereits die "große, letzte Revolution" begonnen. Viel Zeit, so das Argument, bleibe nicht mehr. Seinen Anhängern empfahl er in "Mein Kampf" deshalb ein ebenso radikales wie brutales Gegenprogramm: Diktatur, Mord und Krieg.
Die Historiker des IfZ haben Hitlers Machwerk nicht nur analysiert, sie haben sich auch auf die Suche nach den Quellen gemacht. Hitler versah sein Buch weder mit Fußnoten noch mit einer Bibliografie. Soweit sich das rekonstruieren lässt, bediente er sich willkürlich aus der völkischen Literatur sowie den Bestsellern seiner Zeit.
Deren ideologischer Kern findet sich im 11. Kapitel des ersten Buchs von "Mein Kampf", Titel: "Volk und Rasse". Neben Hans F. K. Günthers "Rassenkunde des deutschen Volkes" nutzte Hitler vor allem die Bücher bekannter Judenhasser wie Henry Ford oder Wilhelm Marr sowie den antisemitischen Klassiker "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" von Houston Stewart Chamberlain, der bereits behauptet hatte, dass die Vermischung der Rassen zu "Verfall und Sterilität" führe.
Analogien gibt es zu Richard Wagners Aufsatz über "Das Judentum in der Musik", in dem der Wagner-Fan Hitler lesen konnte, dass "der Jude nur nachsprechen, nachkünsteln, nicht wirklich redend dichten oder Kunstwerke schaffen" könne. Und Hitlers Lieblingsautor Alfred Rosenberg hatte in seinem Pamphlet "Die Protokolle der Weisen von Zion" geschrieben, dass alle revolutionären Umstürze von Juden inszeniert worden seien.
Die Idee des großräumigen Landraubs im Osten schließlich hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg Konjunktur. Hitler fand sie etwa bei Heinrich Claß, dem Chef des "Alldeutschen Verbandes". Claß plädierte für eine Kolonisierung der slawischen Gebiete im Osten nach dem Vorbild der Deutschordensritter im Mittelalter.
IfZ-Mitherausgeber Roman Töppel hat noch eine ganze Reihe heute unbekannter Schriften und Bücher zusammengetragen, die in "Mein Kampf" Spuren hinterlassen haben, wie er in seinem Aufsatz "Volk und Rasse" darlegt, der demnächst in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" erscheint. "Auffällig" sei, meint Töppel, "dass Hitler weitaus einseitiger und radikaler argumentierte als die meisten Autoren, die ihn beeinflussten". Mit anderen Worten: Hitler suchte sich nur jene Bausteine für sein Werk zusammen, die ihm ins Bild passten, alles andere ließ er weg. Im "Handbuch der Judenfrage" des Antisemiten Theodor Fritsch heißt es am Ende, die "Judenfrage" könne nur "ein überragender genialer Geist mit unbegrenztem Mute" lösen, "der eigentliche Drachentöter, der wahre Siegfried". Offensichtlich träumte sich der Landsberger Häftling in die Rolle dieses Superhelden.
War "Mein Kampf" also mehr als nur eine wirre Hetzschrift gegen Juden und Kommunisten? War das Buch gar eine Art Regierungsprogramm der Nationalsozialisten? Die IfZ-Historiker sind auch diesen Fragen nachgegangen und haben eine Menge "direkter Verbindungen zur nationalsozialistischen Herrschaftspraxis" entdeckt. So schrieb Hitler bereits in "Mein Kampf",
‣ dass es die "allererste Aufgabe einer wirklich nationalen Regierung" sei, Kräfte zu bilden, die entschlossen seien, "dem Marxismus den Vernichtungskrieg anzusagen und diesen Kräften dann freie Bahn zu geben" – bis zum Sommer 1934 sperrten die Nazis etwa 100 000 Sozialdemokraten und Kommunisten in Gefängnisse, provisorische Haftanstalten und Konzentrationslager;
‣ dass der "völkische Staat" aus "Staatsbürgern, Staatsangehörigen und Ausländern" bestehen müsse, wobei nur "Staatsbürger" über alle politischen Rechte verfügen sollten – 1935 legten die Nürnberger Gesetze fest, dass allein derjenige als "Reichsbürger" gelte, der "deutschen oder artverwandten Blutes" sei;
‣ dass "erblich Belastete" und Behinderte zwangssterilisiert werden müssten und der "völkische Staat" dafür Sorge zu tragen habe, "dass nur, wer gesund ist, Kinder zeugt" – schon im Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschlossen, insgesamt 400 000 Menschen wurden zwangssterilisiert;
‣ dass Arier die "heiligste Verpflichtung" hätten, "dafür zu sorgen, dass das Blut rein erhalten bleibt" – 1935 erging das sogenannte Blutschutzgesetz, das Ehen zwischen Juden und Nichtjuden verbot und außerehelichen Verkehr unter Strafe stellte, im selben Jahr wurde das Eheverbot auf "Zigeuner, Neger und ihre Bastarde" ausgeweitet;
‣ dass die 80 Millionen Deutschen, die Hitler in Europa zählte, in einem Reich vereint sein sollten; er dachte an Österreich sowie die deutschsprachigen Minderheiten vor allem in Polen und der Tschechoslowakei – bis Ende 1939 hatte Hitler diese Staaten seiner Herrschaft unterworfen;
‣ dass Frankreich als "Todfeind unseres Volkes" zu gelten habe und eine "endgültige aktive Auseinandersetzung" mit dem Nachbarland anzustreben sei – 1940 überrollte die Wehrmacht das Nachbarland;
‣ dass die Deutschen im Osten neuen Lebensraum erobern müssten, wobei "Germanisation nur an Boden vorgenommen werden kann und niemals an Menschen" – der im Zweiten Weltkrieg entwickelte "Generalplan Ost" sah die Vertreibung und Ermordung von über 30 Millionen Slawen vor.
Wer 1925 wissen wollte, wofür Hitler stand, wurde also in "Mein Kampf" gut informiert. Doch in bürgerlichen oder linken Kreisen nahm man das Buch zunächst nicht ernst; es wurde als "pathetischer Blödsinn" verspottet, sein Autor als "sadistischer Oberkonfusionsrat" lächerlich gemacht.
Erst viel zu spät realisierten seine Gegner die politische Sprengwirkung. "Hitler ist gar kein heimtückischer Mensch. Im Gegenteil, er lässt jeden seine Seele betrachten", notierte der Sozialdemokrat Friedrich Kellner am 12. Dezember 1944 in seinem Tagebuch, "in ,Mein Kampf' hat Hitler seine intimsten Gedanken ganz offen zum Ausdruck gebracht."
Und doch darf das Elaborat nach Auffassung der IfZ-Historiker nicht als Blaupause für die Verbrechen des "Dritten Reichs" betrachtet werden. Der Holocaust etwa, das größte dieser Verbrechen, taucht in "Mein Kampf" nicht auf. Allenfalls eine Passage, in der Hitler den Juden die Schuld an der Niederlage 1918 gibt, scheint seine Pläne anzudeuten:
"Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mussten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen. Im Gegenteil: Zwölftausend Schurken zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht einer Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet."
Gemeint ist hier jedoch der Tod an der Front und nicht in einer Tötungsfabrik; einen Hinweis auf Auschwitz liefert dieses Zitat nicht. Bis 1941 wollten Hitler und seine Anhänger Juden nur aus den deutschen Herrschaftsgebieten vertreiben, sie scheuten dabei vor Mord und Terror nicht zurück, aber die systematische Vernichtung von Millionen war erst eine Folge des Kriegs gegen die Sowjetunion.
Als Hitler an "Mein Kampf" arbeitete, hielt er ein solches Unterfangen noch für unrealistisch. In einem Interview, das er kurz vor seinem Putschversuch in München gab und das in einer katalanischen Zeitung erschien, schwärmte er von den mittelalterlichen Pogromen ("eine großartige Sache"), hielt sie aber in Deutschland für nicht durchsetzbar: "Was wollen Sie tun? Sie alle über Nacht umbringen? Das wäre natürlich die beste Lösung, und wenn man das zu Wege brächte, wäre Deutschland gerettet. Aber das ist nicht möglich. Die Welt würde über uns herfallen, anstatt uns zu danken."
Hitler verhielt sich zunächst vorsichtig. Nach seiner vorzeitigen Freilassung aus der Landsberger Festungshaft im Dezember 1924 musste er seine desolate Partei neu formieren, weitere Provokationen oder gar ein neuer Putsch schienen aussichtslos. Auch hielten sich die Verkaufszahlen seines Buchs in Grenzen; erst mit der finalen Krise der Weimarer Republik und den immer besseren Wahlergebnissen der NSDAP stieg die Auflage rasant. Ende 1933 hatte er 1,5 Millionen Exemplare verkauft, 1945 waren es mehr als zwölf Millionen. "Mein Kampf" hat Hitler reich gemacht.
Über die Zahl der Leser des Buchs wird viel spekuliert. Offenbar war sie kleiner, als die Verkaufszahlen vermuten lassen, aber erheblich größer, als nach dem 8. Mai 1945 allgemein behauptet wurde. Die IfZ-Historiker verweisen auf zwei Umfragen in der amerikanischen Besatzungszone nach dem Krieg. Demnach gaben 1946 etwa 23 Prozent der Befragten zu Protokoll, "Mein Kampf" gelesen zu haben, 7 Prozent vollständig und 16 Prozent in Teilen.
Wenn diese Zahlen repräsentativ sind, hätten rund 15 Millionen Deutsche das Buch gekannt. In Umrissen vertraut war "Mein Kampf" auch Millionen von "Volksgenossen", die in der Hitlerjugend, in der SA oder SS sowie bei der Wehrmacht mit Zitaten indoktriniert wurden.
1945 verboten die Alliierten das Buch. Auch in den Niederlanden und, allerdings erst 2010, in Russland wurde es auf den Index gesetzt. In Frankreich, Italien, Großbritannien, den USA und vielen anderen Ländern wird es nach wie vor gedruckt und verkauft, immerhin spendet der Onlinehändler Amazon die Erlöse wohltätigen Zwecken.
Der Freistaat Bayern kämpfte international gegen die Verbreitung des Buchs, doch die Mittel des Urheberrechts waren schon vor dem 1. Januar begrenzt. In der arabischen Welt, in Indien und Bangladesch ist das Buch ein Renner, ebenso in der Türkei, trotz eines Verbots. Dort begeistert man sich noch für historische Gestalten, die es den Juden oder Amerika einmal ordentlich gezeigt haben – egal wie viel Unheil sie angerichtet haben.
Antiquariate dürfen es übrigens fast überall verkaufen, auch in Deutschland. Exemplare mit einer Widmung des "Führers" bringen es in den USA bei Auktionen auf fünfstellige Preise.
Das IfZ, das schon 1961 Hitlers "Zweites Buch" – eine Darstellung seiner außenpolitischen Ziele, die zu seinen Lebzeiten nie erschienen war – veröffentlicht hatte, wollte bereits in den Neunzigerjahren eine kommentierte Fassung von "Mein Kampf" publizieren. Doch der Freistaat Bayern ließ das nicht zu.
Nun ist die Hürde des Urheberrechts gefallen, noch allerdings hat kein Buchhändler erklärt, er wolle die IfZ-Ausgabe vorrätig halten und anbieten. Der Handel wird vorerst nur auf Bestellung ausliefern. Ohnehin kann das IfZ nach Belieben die Verkaufszahlen (Startauflage 4000 Stück) steuern, da das Buch im Selbstverlag erscheint. Wenn es die Historiker so wollen, wird "Mein Kampf" – trotz der jetzt schon großen Nachfrage – auf keiner Bestsellerliste auftauchen.
Immerhin hat sich der Deutsche Lehrerverband bereits für eine Nutzung im Unterricht ausgesprochen – was bestimmt keine schlechte Idee wäre, auch wenn sich Bayerns Kultusminister Spaenle noch nicht festlegen möchte, ob er die Edition für die Schulen freigeben wird.
Ob auch andere Ausgaben erscheinen werden, ist fraglich. Schon im Juni 2014 beschloss die Konferenz der Justizminister der Länder, "dass eine unkommentierte Verbreitung von Hitlers ,Mein Kampf' auch nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist verhindert werden soll".
Die Minister setzen vor allem auf den Paragrafen 130, Absatz 2 des Strafgesetzbuchs: den Tatbestand der "Volksverhetzung". Ist der erfüllt, muss die Meinungsfreiheit zurücktreten. Dass "Mein Kampf" volksverhetzende Züge trägt, dürfte wohl kein deutsches Gericht bestreiten. Und da die Verbreitung volksverhetzender Schriften zu jenen Taten zählt, bei denen bereits der Versuch strafbar ist, warten die Staatsanwaltschaften nur darauf, dass ein Verlag eine unkommentierte Ausgabe zu drucken beginnt. Dann könne es, so heißt es im Bayerischen Justizministerium, "sehr schnell" gehen.
Immerhin hätten die Täter anschließend Zeit genug, um die 1948 Seiten der Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte in Muße zu studieren. Volksverhetzung wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Die Wahnideen führten zur Doppelkatastrophe von Vernichtungskrieg und Holocaust.

Werden die Pegida-Leute in Hitlers "Mein Kampf" neuen Stoff für ihre Hetze finden?

"Die kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen."

"Hitler argumentierte noch radikaler als die meisten Autoren, die ihn beeinflussten."

Die Vernichtung von Millionen war eine Folge des Kriegs gegen die Sowjetunion.

Über den Autor

Martin Doerry, geboren 1955, ist promovierter Historiker und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte des Nationalsozialismus. Seit 1987 arbeitet er beim SPIEGEL, unter anderem als Leiter des Kultur- und des Deutschlandressorts, von 1998 bis 2014 als stellvertretender Chefredakteur. Seither schreibt er als Autor für den SPIEGEL. Mail: martin.doerry@spiegel.de

Über den Autor

Klaus Wiegrefe, geboren 1965, ist Autor beim SPIEGEL und betreut dort seit 1997 die Zeitgeschichte. Zuletzt hat der promovierte Historiker den Band "Acht Tage, die die Welt veränderten. Die Revolution in Deutschland 1989/90" (gemeinsam mit Alfred Weinzierl bei der DVA) sowie das SPIEGEL E-Book " SPIEGEL-Gespräche mit Helmut Schmidt" herausgeben.
* Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel (Hg.): "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition". Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte, München – Berlin; 1948 Seiten; 59 Euro.
* Mit seiner Schwiegermutter Cosima Wagner.
Von Martin Doerry und Klaus Wiegrefe

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