Von Gatterburg, Angela
Eltern produzieren sie, ohne Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken, und nach neun Monaten werden sie frei Haus geliefert - ohne Gebrauchsanweisung. Dann sind sie da, die süßen Kleinen. Manchmal dürfen sie mit ins Restaurant, wo sie sich, unbeeindruckt von sämtlichen Ermahnungen, mit Pommes bewerfen, den Kellnern die Zunge herausstrecken, vor Vergnügen kreischen. Andere Restaurantbesucher, vornehmlich solche ohne Kinder, erteilen Ratschläge aller Art, und je mehr davon sie zum Besten geben, desto weniger kann man sie leiden, diese Klugscheißer.
"Wenn Paare Kinder bekommen, sind sie nicht automatisch Experten in Sachen Erziehung", sagt Professor Kurt Hahlweg vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig.
Die Braunschweigerin Brigitte Oppermann, 37, Mutter von Helen, 5, und Niko, 7, interessiert sich schon lange für die Frage, ob und wie sich Erziehungsverhalten optimieren lässt. Sie nahm an einem Trainingsprogramm für entnervte Eltern teil, das die Christoph-Dornier-Stiftung zusammen mit der Technischen Universität Braunschweig jetzt in Deutschland einführt. "Triple P" (Positive Parenting Program) heißt das in Australien entwickelte Elterntraining, das seit kurzem auch von den stiftungseigenen Instituten in Dresden, Marburg und Münster angeboten wird.
Zwölf Jahre forschte die Arbeitsgruppe um den Psychologen Matt Sanders an der Universität von Queensland, Australien, in enger Zusammenarbeit mit Familien. Das Ziel war, praxisnahe, pragmatische Erziehungshilfen zu finden für die Situationen, die den alltäglichen Elternnotstand bestimmen: nächtliches Schreien, Wut- und Trotzanfälle, Schlagen anderer Kinder, Ungehorsam, Einschlafprobleme. Auch bei fortgesetztem Bettnässen, Schulschwierigkeiten, Ängsten oder Aggressionen verspricht das Konzept Hilfe.
Triple P ist ein umfangreiches Programm, das die verschiedenen Entwicklungsphasen der Kinder berücksichtigt. Die Überlebenshilfe für Eltern ist nicht neu, wurde aber noch nie so konsequent ausgearbeitet: eine kompakte Lektion in Form von Videokassetten, Broschüren, Einzel- oder Gruppentraining bis hin zu intensiven Familientherapien. Wichtigster Grundsatz: Konsequenz. Um sie zu erreichen, müssen sich die Eltern einig sein. Triple P arbeitet mit viel Lob und positiver Verstärkung, aber auch mit klaren "Strafen" bei Ungehorsam und Wutanfällen.
Eine Chance, das Programm auch in Deutschland zu verbreiten, besteht nur, wenn etliche Erzieher, Lehrer, Kinderärzte, Psychologen und Pädagogen an speziellen Ausbildungskursen teilnehmen und ihre Kenntnisse dann weitergeben.
Hahlweg findet ein Elterntraining unerlässlich, denn schnell wüchsen sich kindliche Macken zum Terror für die ganze Familie aus. Tatsächlich ist der Bedarf an Beratung groß: Fast zwei Millionen Alleinerziehende mühen sich um die richtige Mischung aus Strenge und Nachsicht, rund 15 Prozent aller deutschen Kinder leben unter der Armutsgrenze - ein Umstand, der Erziehung sicher erschwert.
Bereits ein Viertel aller Kindergartenkinder von drei bis sechs Jahren zeigt Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität, Konzentrationsprobleme sowie Ängstlichkeit. Das ergab eine Kindergartenstudie der Dornier-Stiftung und der Stadt Braunschweig. Und kindliches Fehlverhalten wachse sich nicht einfach irgendwie aus, so Hahlweg, sondern chronifiziere sich - bis hin zur Kriminalität. Auch der Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie schätzt die Zahl der "Problemkinder" auf rund eine Million. Die Erziehungskompetenz der Eltern ist nicht besonders ausgeprägt, wie 2419 Opfer von Kindesmisshandlung (36 davon mit Todesfolge) im letzten Jahr zeigen. Immer mehr Kinder werden straffällig, die Zahl der Tatverdächtigen unter 14 Jahren stieg im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent auf rund 150 000.
Früher wurden Kinder mit dem Rohrstock verprügelt oder weggesperrt, wenn sie nicht spurten, dieses Verfahren wurde als "schwarze Pädagogik" diskreditiert und in den bewegten sechziger Jahren von der antiautoritären Erziehung abgelöst, als deren Gründer der Schotte Alexander Sutherland Neill gilt. "Keiner ist weise oder gut genug, um den Charakter eines Kindes zu formen", schrieb Neill. Einer Generation, die auf zwei Weltkriege zurückschaue und dennoch drauf und dran sei, einen dritten vom Zaun zu brechen, dürfe man nicht mal "die Charakterbildung einer Ratte" anvertrauen.
Neills optimistische Empfehlung lief mehr oder weniger darauf hinaus, seine Kinder zu lieben, zu respektieren, nicht zu verprügeln und ohne rüde Disziplinierung gedeihen zu lassen. Die für ein Zusammenleben unerlässliche Disziplin würden sich die lieben Kleinen selber beibringen, "Selbstregulierung" nannte Neill das. Die entsprechenden Experimente überforderten Eltern und Kinder und endeten nicht selten mit Nervenzusammenbrüchen und chronischer Erschöpfung.
"Ordnung und Disziplin sind üble, reaktionär belegte Begriffe und gleichzeitig wichtig im Zusammenleben", sagt der Münchner Schriftsteller Joseph von Westphalen, "setzen Sie dieses Paradoxon mal in einem fortschrittlichen Haushalt durch." Von Westphalen, Vater zweier Kinder, hat gerade den amüsanten Ratgeber "Wie man seine Eltern erzieht" veröffentlicht, der entnervten Teenagern beibringt, die jeweiligen Erzeuger auf Vordermann zu bringen. Eine der Erkenntnisse von Westphalens: "Erziehung ist ein Handel."
Kardinalfehler der heutigen Elterngeneration sei der Hü-und-hott-Erziehungsstil, der zwischen Strenge und Nachgiebigkeit schwanke, sagt auch Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der an der Universität Bielefeld unterrichtet. "Wankelpädagogik" nennt die Schweizer Jugendpsychologin und Buchautorin Eva Zeltner elterliche Unentschiedenheit. "Das Geheimnis erfolgreicher Erziehung besteht in einer gewissen Konsequenz, die Klarheit vermittelt." Genau das will Triple P, so Hahlweg, der davon überzeugt ist, dass das Programm vielen Eltern eine Orientierung gibt. Hahlweg: "Die meisten Eltern wurschteln sich halt so durch, sind mal konsequent und mal nicht."
Mutter Oppermann etwa wollte, dass Helen, 5, lernt, ihr Zimmer aufzuräumen. Helen sagte "nö", bis ihre Mutter eine Karte in ihrem Zimmer aufhängte, auf der nach jedem erfolgreichen Aufräumen ein lustiger Aufkleber gepappt wurde. Helen räumte auf. Nach zehnmal Zimmeraufräumen gibt es eine Belohnung für Helen, etwas, was sie sich dringend wünscht, etwa Kuchen backen mit ihrer Mutter oder ein Zoobesuch mit ihrem Vater.
Auch wird Helen, sollte sie einen ihrer beeindruckenden Schreianfälle bekommen, zwei Minuten auf einen Stuhl gesetzt, um sich "runterzukühlen", wie ihre Mutter sagt. Helen wird in dieser Zeit ignoriert. Anfangs sei ihr die Maßnahme "Stiller Stuhl" schwer gefallen, so Oppermann, "ich dachte, ich sei zu hart".
Ihr schlechtes Gewissen schwand in dem Maße, in dem Helen sich mit den verschiedenen Belobigungs- und Bestrafungsmaßnahmen anfreundete und aus Wut- und Trotzanfällen "viel schneller herauskam", wie ihre Mutter beobachtete.
Auch das Braunschweiger Ehepaar Krieger nahm an dem Elterntraining teil, weil es seine drei Kinder "ohne ständige Brüllerei" mit Erfolg erziehen wollen. Schauen die Kinder verbotenerweise fern, gibt es eine Woche Fernsehverbot, für alle. Manscht Mark, 6, mit den Fingern im Essen herum und schaut dabei träumerisch in die Gegend, ermutigt und verstärkt die Mutter jede Geste, die zu der Hoffnung Anlass gibt, er werde nun doch einen Bissen zu sich nehmen. Nimmt Mark die Gabel in die Hand, fängt Sonja Krieger an zu loben, isst Sven drei Bissen schnell und zügig, lobt sie weiter. Die Reaktionen ihres verträumten Kindes seien verblüffend positiv. Krügers Bilanz: weniger Motzerei, weniger Ärger bei Tisch und eine sehr viel geregeltere Nahrungsaufnahme als bisher.
Wie wenig sie ihre Kinder gelobt hätte und wie wenig sie mit ihnen spielte und kuschelte, sei ihr erst durch das Programm klar geworden, sagt Krieger. Insgesamt seien die Kinder viel ausgeglichener, und die ganze Familie sei stärker zusammengerückt.
Es sei ein gefährlicher Gedanke, sagt Psychologin Zeltner, "Grenzsetzung mit Liebesentzug zu verwechseln. Kinder müssen lernen, dass sie nicht alles erreichen - und deshalb trotzdem geliebt werden". Kinder sind nicht die Kumpel ihrer Eltern, sie sind keineswegs immer teamfähig, manchmal buhlen sie mit renitentem Geschrei um Aufmerksamkeit, manchmal trödeln sie herum, manchmal verprügeln sie andere Kinder. Eltern können nicht jede ihrer Forderungen endlos debattieren. "Früher hab' ich viel zu viel geredet und herumargumentiert", sagt Frau Oppermann, "heute handle ich schneller und mit großer Entschiedenheit." Dass ihr dabei auch mal Fehler unterlaufen, nimmt sie sich nicht mehr so übel. Eltern müssen weg von dauernden Schuldgefühlen - auch das lehrt Triple P.
In Australien lief das Überlebenstraining für Eltern als Serie im Fernsehen sehr erfolgreich. Hahlweg sucht nun auch in Deutschland nach einem Sender. Denn via Bildschirm, sagt Hahlweg, "könnte sich das Ratgeberprogramm am schnellsten verbreiten". ANGELA GATTERBURG
DER SPIEGEL 32/1999
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