Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


09.08.1999

Spiegel des 20. Jahrhunderts

Neues Denken, schöne Träume

X. DAS JAHRHUNDERT DES KOMMUNISMUS: 1. Lenin und die Oktoberrevolution (29/1999); 2. Stalin und der Gulag-Staat (30/1999); 3. Das Sowjetimperium (31/1999); 4. Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion (32/1999)

Von Mettke, Jörg R.

DAS JAHRHUNDERT DES KOMMUNISMUS Gorbatschow und das Ende der Sowjetunion Mit radikalen Reformen wollte Michail Gorbatschow die Sowjetunion erneuern. Er versprach Demokratisierung und Abrüstung, er beendete den Kalten Krieg und die Zweiteilung der Welt - und er zerstörte das kommunistische System.

"Ich sehe in Gorbatschow den größten Reformer des

Jahrhunderts."

ALEXANDER JAKOWLEW, GORBATSCHOWS VERTRAUTER, 1995

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

GORBATSCHOW ZU DDR-STAATSCHEF ERICH HONECKER IN OST-BERLIN AM

7. OKTOBER 1989

Am Leningrader Prospekt Nr. 30 in Moskau wächst ein ausladendes, noch ohne Putz bereits auf Pracht angelegtes Gebäude fünf Geschosse hoch, mal in Backstein und mal Beton - mit Säulen rechts und links und einem Paradeeingang in der Mitte.

Kaum einer der Passanten weiß, wer hier so herrschaftlich residieren will in wirtschaftlich schwerer Zeit. Nur ein Polizist gibt Bescheid: "Hier baut doch euer Gorbi sein Stiftungshauptquartier mit einem Millionenkredit der Deutschen Bank."

Das ist auf knappe Weise die historische Jahrhundertbilanz deutsch-russischer Beziehungen: zum Beginn die von der kaiserlichen Heeresleitung organisierte Reise Lenins aus der Schweiz nach Russland, gegen Ende ein günstiger Zinsfuß aus Frankfurt am Main für Michail Sergejewitsch Gorbatschow und seine feste Burg.

Der erste und letzte gewählte Staatspräsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken hat Kredite, Spenden, Vortrags- und Buchhonorare und auch die halbe Dollar-Million fürs Werbe-Essen mit Enkelin bei "Pizza Hut" in diesen Palast gesteckt. Noch in diesem Jahr will er ihn eintauschen gegen seine bescheidene Untermieterschaft bei der Russischen Finanzakademie ein paar hundert Meter die Straße hinunter.

Michail Gorbatschow, Ehrenbürger von Berlin, Aberdeen, Bologna, Piräus, El Paso, Florenz, Sesto San Giovanni und Karda- mylla auf der griechischen Insel Chios, dazu Träger des Großkreuzes der heiligen Agatha von San Marino, der Goldmedaille der Athener Prometheus-Universität und anderer ähnlicher Bürden, ist ein beneidenswerter Mann.

Er lebt in seinem russischen Land wie die personifizierte Zeitenwende. Geschätzt, gehasst wie nur einer, der keinen Stein eines alten Gemäuers auf dem anderen ließ, der sich jedem in die Erinnerung ätzte mit seiner Sechs-Jahre-Herrschaft, als habe sie Jahrzehnte gedauert. Und der einen Aufbruch gewagt, ein Zeichen gesetzt, eine Lehre hinterlassen hat.

Seine politischen Schalmeien hat er der Sowjetgesellschaft so oft und so lange vorpfeifen lassen, bis sich die rote Macht taumelnd von der Weltbühne verabschiedete. Sein Credo hat Platz in einem russischen Zwei-Wörter-Satz, den das Volksgedächtnis als Quintessenz des Gorbianismus aufbewahrt: èpo ecc no¯oÎ, Prozess poscholl, die Dinge sind in Gang gekommen. Bewegung war ihm beinahe alles. Viel hat er angestoßen, ans Ende gebracht beinahe nichts - bis auf die beiden Saurier UdSSR und KPdSU.

Die von Gorbatschow ausgelösten, mit seinem Namen verbundenen Wirkungen sind jedermann sichtbar. Friedrich Engels muss den vorwärts drängenden Russen vorausgeahnt haben mit seinem altersweisen Satz, in der Politik strebten immer alle nach dem Besten, aber heraus komme, was keiner gewollt habe. "Wesentliche Veränderungen sehe ich nicht", bilanzierte Gorbatschow im vergangenen Jahr den weiter anhaltenden Verfall seines Vaterlandes, "aber ich hoffe." Und die Hoffnung, sagen die Russen, stirbt als Letztes.

Negative Veränderungen freilich spüren die meisten. Auch wer bis heute Gorbatschow für die Befreiung des Bewusstseins durchaus Kredit gibt, kreidet ihm die Verelendung des Seins umso heftiger an. Landauf, landab teilen die Russen inzwischen ihre neueste Geschichte ein in "vor Gorbatschow", "während Gorbatschow" und "nach Gorbatschow".

Hat er die Demokratie gebracht - oder nur das Volk um seinen bescheidenen Wohlstand? Hat er einträgliche Reichsterritorien verschleudert und Russlands Supermacht-Status dazu? Hat er Deutschland die Wiedervereinigung geschenkt, der "beste Deutsche", wie ihn daheim einige verächtlich nennen?

Der Mann, der das alles und noch mehr geleistet haben soll nach Meinung wechselnder Mehr- und Minderheiten, "der Mann, der die Welt verändert hat" (so die amerikanische Gorbatschow-Biografin Gail Sheehy), reist zu den Symposien dieser Welt, hat zu allem etwas zu sagen in den Gazetten von Japan bis Italien und verzehrt seine Rente nun schon länger, als er regiert hat - wie ein Napoleon, der nach dem großen Aufmischen Europas unfreiwillig, aber nicht unglücklich den Vorsitz eines Pariser Museumsvereins übernommen hätte zur Erforschung der eigenen Bedeutung.

Aufzuklären ist noch vieles rund um das Phänomen Gorbatschow, um diesen lupenreinen Typ eines politischen, von Politik umgetriebenen Funktionärsmenschen. Schon zu Beginn wurde Gorbatschow von vielen als mythische Figur wahrgenommen. Für die Mütterchen an Russlands Kirchentüren, die so behände das Kreuz schlagen und dabei ihre Bettel-Kopeken in der Schürzentasche verschwinden lassen können, war der neue "Gensek" (Generalsekretär, im Sowjetjargon) der Partei schon 1985 ein alter Bekannter: ein Geweissagter, ein von Gott Gesandter. Er hatte das Blutmal auf der Stirn und Besessenheit in der Stimme, die nach südrussischem Dorf klang und nach Schicksalsträchtigkeit - was denn auch rasch Gorbatschows liebste Vokabel wurde.

Ein Beweger von der Art Gorbatschows war erwartet worden wie der Messias, schon lange. Nicht nur von den Alten, die noch an Gott glaubten, sondern vor allem von den aktiven 30- bis 50-Jährigen, welche die Partei in eine lichte Zukunft zu führen versprochen hatte: Gerade sie spürten Tag für Tag in ihren Fabriken, Kolchosen, Ämtern und Kontoren, wie und in welchem Maße sich das sowjetische Regime erschöpft hatte und sozialistische Glaubenssätze zu Gemeinplätzen staatlicher Selbstbeweihräucherung verkommen waren.

Alles stockte, stagnierte, wurde defizitär: das freie Wort, der aufrechte Gang, die un- gegängelte Wahl von Arbeitsplatz und Auf- enthaltsort, Material- und Ersatzteillieferungen für die Produktion, Waren für die Geschäfte, Saatgut und Dünger für die Landwirtschaft, Benzin für die Kraftfahrer, Milch für die Kinder, selbst Särge und Begräbnisplätze für die Toten.

Von Brot allein, das drei Kopeken kostete Mitte der achtziger Jahre - heute vier Rubel -, mochte das Sowjetvolk vier Jahrzehnte nach Kriegsende nicht länger leben. Andere Kost war Mangelware oder ungenießbar: Wer eine einzelne Zeitung studiert hatte, der hatte sie zugleich alle gelesen. Radio und Fernsehen gaben rund um die Uhr propagandistischen Schein für die Wirklichkeit aus. Die Sowjetunion, deren Geburt "die Welt erschüttert" hatte (so US-Augenzeuge John Reed), litt zwei Jahre vor ihrem Siebzigsten an allen Gebresten des Greisenalters:

Ideologisch und militärisch zu Tode gerüstet, ihre widerspenstigen Geister ins innere Exil, in Irrenanstalten oder per Ausbürgerung ins Ausland verbannt, ihre jungen Soldaten in den mörderischen Afghanistan-Krieg gepresst, ihre Bodenschätze gegen Dollar und Getreidelieferungen verschleudert, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse versteinert, ihre Partei-Nomenklatur zu einer korrupten Clique herabgesunken - nichts war geblieben von den sozialistischen Verheißungen der frühen Jahre, die einst Proletarier aller Länder in ihren Bann gezogen hatten.

Selbst die schiere staatliche Existenz der Sowjetunion wurde im Inneren, so urteilt der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawm, "nur noch durch ein System aus Protektion, Vetternwirtschaft und Barzahlung zusammengehalten".

Dazu hatte die KPdSU-Spitze in etwas mehr als zwei Jahren gleich dreimal einen Chef an der Kremlmauer begraben müssen: Im November 1982 starb Leonid Breschnew, der Vater allen Stillstandes, mit 75 Jahren; im Februar 1984 Jurij Andropow, 69, der das Land mit strenger Tschekistenhand hatte kurieren wollen, und am 10. März 1985 dessen schon bei der Wahl hinfälliger Nachfolger Konstantin Tschernenko, 73.

Einen Tag später war Michail Gorbatschow am Ziel. Seine Genossen in Politbüro und Zentralkomitee wählten ihn, einen studierten Juristen wie Wladimir Uljanow, zur Nummer eins der Partei Lenins.

"Die Zeit der Wirren ist vorbei, die Gerontokratie zu Ende", schrieb der SPIEGEL, als der 54-Jährige ans Werk ging und den ungeheuren Satz sprach, sein Land brauche die Demokratie "so notwendig wie die Luft zum Atmen".

Doch die Wirren für Russland sollten mit ihm, dem Ketzer in der Maske des agilen Managers, erst richtig in Gang kommen. Dass weniger als zehn Jahre später die Welt ein ruiniertes Rest-Russland glaubte abwickeln zu müssen, ohne dass es dabei sich selbst und anderen zur Gefahr wird, ahnte damals niemand - so stark, vielleicht zu stark war die Faszination, die vom neuen Mann im Kreml und seinen ersten Absichtserklärungen ausging.

Gorbatschow glaubte zunächst noch unbeirrbar an die Renovierbarkeit des sozialistischen Staates. Er wollte, "dass unsere sowjetische Heimat noch reicher und mächtiger wird" und "in das neue Jahrtausend als eine große und gedeihende Macht eintritt".

Für jene, die damals als Erste im Westen seine Bekanntschaft machten, war gerade das keine angenehme Zukunftsvision. Die meisten von ihnen hatten es noch gut ein Jahr zuvor, beim Amtsantritt des greisen Tschernenko, eher mit dem ehemaligen US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski gehalten, der dieser "denkbar besten Wahl" applaudierte, weil damit "der am wenigsten kompetente" Kandidat an die Spitze des US-Rivalen gerückt war.

Gleichwohl fand Michail Gorbatschow, der mit dem doppelten Anspruch des Bewahrers und Erneuerers antrat, sofortigen Beifall. Den einen galt er als Reinkarnation des großen Zaren Peter I., der im 18. Jahrhundert die Fenster nach Westen aufgestoßen und seinen reformfaulen Bojaren die Bärte zum Teil persönlich abgeschnitten hatte. Andere hofften, die Sowjetunion werde sich mit Hilfe des neuen Bewegers sozialdemokratisieren und darüber an internationalistischer Aggressivität verlieren.

Freilich: Die meisten Gorbatschow-Bewunderer der ersten Stunde waren vornehmlich fasziniert durch die Art und Weise, wie er Dinge sagte, durch die Lebendigkeit seiner Gebärden, die suggestive Kraft seiner braunen Augen, die warme persönliche Hinwendung zu Gesprächspartnern, welche Menschlichkeit ausdrückte, Verständnis, Realitätsnähe und zugleich demonstrative Abkehr vom bislang gewohnten Funktionärtypus aus der grauen Partei-Retorte.

Was der neue KPdSU-Chef hingegen öffentlich aussprach, unterschied sich zunächst kaum von den Neuerungstiraden seiner Vorgänger: Er predigte "Unversöhnlichkeit gegenüber uns fremden Ansichten" und Treue zum "unerschütterlichen bolschewistischen Prinzip", beschuldigte "den Kapitalismus" pauschal als weltweiten Produzenten von "Krieg" und "Terror", lobte die Heimat als Hort "wahrer Freiheit und Demokratie" und forderte zur Korrektur "negativer Erscheinungen" auf - durch "strenge Arbeits-, Partei- und Staatsdisziplin". Verbal klang aus dem Osten nichts Neues.

Doch zu diesem Zeitpunkt waren solche parteifrommen Sprüche, wie er seinem Bonner Besucher Helmut Kohl am 15. Juli 1990 gestand, schon lange nur noch Camouflage seines neuen Denkens. Diese Schlüsselepisode am Rande der Wiedervereinigungsgespräche im Kaukasus, bei einer Rundfahrt durch Gorbatschows Heimatstadt Stawropol, hat Horst Teltschik, damals außenpolitischer Kanzlerberater, aufgezeichnet:

"Gorbatschow erzählt von einem Spaziergang mit Schewardnadse, den er in Stawropol kennen gelernt habe. Bei diesem Spaziergang 1979 seien sie sich einig gewesen, dass sie das Land retten müssten, weil alles verfault sei. Besonders deutlich sei ihnen das nach dem militärischen Einmarsch in Afghanistan geworden. Aus dieser Zeit des Leidens sei die Perestroika geboren worden."

Im Jahr 1979 waren beide Parteifürsten - Gorbatschow als ZK-Sekretär für Landwirtschaft und vormaliger Gebietsparteichef in Stawropol, Eduard Schewardnadse im benachbarten Georgien - und damit privilegierte Führungskader, deren geschmeidige Anpassung an die Parteilinie weithin bekannt war, nicht zuletzt auch der ZK-Personalverwaltung. Schon Mitte der siebziger Jahre hörte Professor Georgij Arbatow vom damaligen KGB-Chef Jurij Andropow erstmals rühmend den Namen Gorbatschow (siehe Seite 136) als aussichtsreichen Kandidaten für eine Moskauer Karriere: ein Mann von unten, aus den Niederungen des Landes und der Partei.

1931, während der Stalinschen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, wurde Michail Sergejewitsch im Dorf Priwolnoje bei Stawropol geboren. Sein Großvater mütterlicherseits, Pantelej Gopkalo, leitete den Kolchos "Roter Oktober" im Nachbarort, las Marx, Lenin, Stalin, aber Großmutter Wassilissa achtete darauf, dass die Lampe neben der Ikone nicht verlosch. Der Knabe Mischa erlebte "zwei friedlich nebeneinander existierende Welten", wie er sich später als Anwalt des postsowjetischen Pluralismus erinnerte. Und erhielt vom Opa eine elementare praktische Weisheit mit auf den Lebensweg: "Das Wichtigste für den Menschen ist bequemes Schuhwerk, das die Zehen nicht quetscht."

Gopkalo wird 1937 wegen angedichteter "rechtstrotzkistischer" Umtriebe verhaftet. Andrej Gorbatschow, den anderen Großvater, hatten NKWD-Leute bereits 1934 eingesperrt - als angeblichen "Saboteur" während der schweren Hungersnot, bei der mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Priwolnoje starb, darunter nicht wenige Gorbatschow-Verwandte.

Als im Krieg die Deutschen kommen, ist Michail Gorbatschow elf Jahre alt. Monatelang herrschen die fremden Eindringlinge in Priwolnoje. Später wird Michail Erntehelfer und Hilfsarbeiter der örtlichen Traktoren-Ausleihstation. Doch er will heraus aus der provinziellen Enge und nach oben. Er bewirbt sich erfolgreich an der renommierten Lomonossow-Universität.

1953, in seinem vierten Studienjahr, erlebt er zunächst die schleichende Pogromstimmung wegen eines von der Geheimpolizei frei erfundenen Komplotts jüdischer Ärzte gegen Stalin. Hitzig verteidigt er seinen Freund Wladimir Liberman gegen einen Denunzianten, ein, so Gorbatschow, "Vieh ohne Rückgrat". Diese Szene bestätigt eindrucksvoll die Gesamteinschätzung seines tschechischen Mitstudenten Zdenek Mlynár, der 1977 nach Wien emigrieren musste: Gorbatschow sei "einfach keine Persönlichkeit mit Autorität", er sei vielmehr "offen, neugierig, hat die Fähigkeit, zuzuhören, zu lernen, sich anzupassen" - und alles zusammen bilde "die Wurzel seines Selbstvertrauens".

Nach Studienabschluss erhält er in Stawropol einen Posten beim kommunistischen Jugendverband Komsomol, wird Agitationssekretär, später Ortsleiter, 1961 Gebietsjugendführer. Sieben Jahre später steigt er zum Personalchef der Gebietsparteileitung auf, 1970 wird er deren Chef.

Nun endlich kann Gorbatschow Verbindungen knüpfen, Beziehungen pflegen, sich erkenntlich zeigen - er hat eine ansehnliche Pfründe, und zu der gehören der Nomenklatur liebste Kurorte im Vorkaukasus mit ihren heilenden Quellen.

1978 wird er nach Moskau beordert, als ZK-Sekretär für Landwirtschaft. Die verlotterte sowjetische Agrarproduktion bringt zwar auch der neue Mann nicht nach vorn. Aber trotz katastrophaler Missernten in den sieben Jahren seiner Amtsführung übersteht er unbeschadet einen Job, der seit Stalin als beliebter Beerdigungsort für hochfliegende Karrierepläne galt.

Er wird von Andropow als Gegengewicht zum Breschnew-Clan ins Politbüro gehievt und auch sonst von seinem Gönner immer deutlicher ins Vertrauen gezogen - vor allem, nachdem dieser selbst zur Nummer eins aufgestiegen ist. In seiner Autobiografie gibt Gorbatschow an, von Andropow bereits kurz nach dessen Amtsantritt auf die Kronprinzenrolle vorbereitet worden zu sein: "Weißt du, Michail", habe der gestrenge Generalsekretär schon Ende 1982 zu ihm gesagt, "du musst jetzt so handeln, als ob du eines Tages alle Verantwortung übernehmen müsstest."

Ein 13 Monate lang waltender Generalsekretär Tschernenko war nach Andropows Ableben der letzte Versuch der sowjetischen Nomenklatura, mit den klassischen Methoden des Poststalinismus - gewalttätigem Festhalten an der alten Ordnung - die Fassade der östlichen Supermacht von innen notdürftig abzustützen. Michail Gorbatschow hatte bei diesem Flick- und Blendwerk ein halbes Leben lang mitgetan -, wie viele seiner Generation anfangs mit Enthusiasmus, mit wachsender Verantwortung und Erfahrung, aber auch mit wachsenden Zweifeln.

Zugleich hatte er sich - und hat sich bis heute - eine Art diffuser Dankbarkeit gegenüber dem System bewahrt, das ihn, den Knaben aus kleinen Verhältnissen, aus dem deprimierenden Landleben herausgeführt, zum Studium geschickt, auf verantwortungsvolle Posten gestellt hat. So blieb Gorbatschows Kritik systemimmanent.

Mit der viel gerühmten Auslandserfahrung des 1985 gewählten Generalsekretärs war es nicht weit her: Ein Staatsbesuch in England, Stippvisiten in Belgien, Frankreich, Italien, Kanada und Portugal, eine frühe Deutschlandreise 1975 auf Einladung der DKP - darin erschöpfte sich seine Bekanntschaft mit dem angeblich siechenden Kapitalismus.

Aber Gorbatschow hatte das Tauwetter nach Stalins Tod in lebhafter Erinnerung, an dessen Einschätzung er bis heute festhält: "Chruschtschow gab der Gesellschaft einen Schluck Freiheit, aber danach drehte er den Hahn selbst wieder zu." Er wollte es im Kreml anders machen; die von ihm gewährten Freiheiten sollten nicht sogleich zurückgenommen, sie sollten zur Triebkraft werden für eine Kettenreaktion selbsttätiger, nicht aufhaltbarer Veränderungen.

Dieser Vorsatz entsprang Gorbatschows Neigung zum demokratischen Interessenausgleich, zum Kompromiss. Schon als Student hatte er in Diskussionen stets empfohlen, Probleme "dialektisch anzugehen". Er wollte Knoten aufdröseln, nicht abhacken; zum Diktator war er ungeeignet.

Zum anderen ahnte er wohl, dass ein Modernisierungsschub für die abgeschlagene Sowjetunion an der Schwelle von Globalisierung und dritter industrieller Revolution abermals einen neuen Menschen brauchen würde: Kader mit Initiative, Entscheidungsspielräumen, Mut zu Risiko und Verantwortung - eine am Ende der Stagnationszeit von Breschnew bis Tschernenko fast ausgestorbene Spezies.

Er proklamierte, in der Geschichte dürfe es keine "weißen Flecken" geben. Zusammen mit seinem engsten Vertrauten Alexander Jakowlew, dem ideologischen Hirn und Blockadebrecher der Perestroika, riss er Denkverbote nieder: Jahrelang zurückgehaltene Bücher und Filme gelangten in die Öffentlichkeit, es gab die ersten Einreisevisa für ins Ausland verbannte Dissidenten. Und historische Alternativen wie die liberale Neue Ökonomische Politik (NEP) der zwanziger Jahre wurden freigelegt, deren auf Stalins Befehl ermordeter Propagandist Nikolai Bucharin rehabilitiert.

Doch das Aufbrechen von Tabus, die jahrzehntelang unangefochten gegolten hatten, war nicht das eigentliche Ziel der Gorbatschowschen Offenheitskampagne: Die neue Transparenz (Glasnost) sollte dem Reformer an der KPdSU-Spitze vor allem das Instrument sein, abgebrochene Entwicklungswege erneut begehbar zu machen - wobei ihm ein großer Sprung nach vorn, ein rasches Aufschließen zur industriellen Potenz und sozialen Wohlfahrt der USA und Westeuropas schlicht unrealistisch erschien.

Und so folgte der intellektuellen NEP-Diskussion sogleich die revolutionäre Entscheidung, individuelle Wirtschaftstätigkeit wieder zu erlauben: Die ersten Kooperativen bildeten sich. In Handel, Handwerk, Ausbildung und im Dienstleistungsbereich entstanden schmale nichtstaatliche Sektoren, Produktionsmittel kamen in private Hände, die bis dahin illegale Schattenwirtschaft wagte sich Schritt für Schritt ans Tageslicht. Russlands Oligarchen, die den Reichtum des Landes unter sich aufteilten und binnen weniger Jahre Dollarmilliarden zusammenrafften, erlebten ihre Gründerzeit; sie müssten dafür noch heute Gorbatschow dankbar sein.

Kaum eine andere Neuerung während der Ära Gorbatschow entwickelte vergleichbare Sprengkraft, mobilisierte stärker den Widerstand reformfeindlicher Kräfte in der Sowjetunion. Sie begriffen rasch, dass der neue Führer sich anschickte, die ehemalige Kommandokette der Bürokratie an einer entscheidenden Stelle zu unterbrechen - und damit die eigentliche Machtfrage stellte: Produkt- und Preisentscheidungen waren künftig am Markt zu treffen statt per Diktat zentraler Planbehörden.

Und Gorbatschow selbst hatte seinen Widersachern gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein massenwirksames Gegenargument frei Haus geliefert. Seine Kampagne "zur Überwindung von Trunksucht und Alkoholismus", untermauert durch entsprechende Partei- und Staatsbeschlüsse, war kläglich gescheitert: Die Staatseinnahmen sanken, der Wodka wurde rar, die Preise stiegen, das Volk murrte - und trotz alledem wurde weitergezecht.

Bis heute begreift er nicht das Ausmaß dieses Fiaskos: Der Aufbruch in die Schimäre allgemeiner Nüchternheit kostete ihn das Vertrauen des Volkes. Seine Gegner hatten es fortan einfacher, seine immer noch mit Charme und Charisma vorangeboxten Wirtschaftsreformen zu torpedieren: Wartet nur ab, sagten sie den für Andeutungen empfänglichen Sowjetmenschen, es wird wieder so werden wie mit dem "trockenen Gesetz".

Ebenso wie die instinktiven Ängste der Bevölkerung vor Neuerungen, die Teuerung und Verelendung im Gefolge haben mochten, unterschätzte Gorbatschow den Autoritätsverfall der Partei. Sie war im letzten Stadium angekommen, welches die Geschichte für selbst ernannte Eliten bereithält: Sie war lächerlich geworden. Ihr Leitungspersonal wirkte auf Iwan Normalverbraucher mitunter wie ein komisches Panoptikum.

Statt sich von den Gestrigen deutlich zu distanzieren, setzte Gorbatschow bis zu seinem politischen Ende auf die Reformierbarkeit der KPdSU: Zwar zwang er die verknöcherte Hierarchie, halbdemokratische Wahlen und Alternativ-Kandidaten zu akzeptieren, aber als eine Demokratische Plattform jüngerer Genossen seine klare Unterstützung benötigt hätte, lavierte er zwischen den Fronten und schlug sich schließlich zum orthodoxen Flügel.

Zwar holte er den Mahner Andrej Sacharow aus der Verbannung in Gorki zurück, doch auf dem ersten fast frei gewählten Kongress der Volksdeputierten 1989 trat er der wütenden Funktionärsmeute, die über den aufrechten Kernphysiker herfiel wie über einen Vaterlandsverräter, mit keinem Wort entgegen.

Gorbatschow versuchte das Kunststück, den Kuchen gleichzeitig zu essen und zu behalten. Und eine Zeit lang schien es, als könne er das schaffen. Heute weiß er, welchen Illusionen er nachhing: Sein "größter Fehler" sei gewesen, "die Partei für reformierbar zu halten". Jedenfalls hat er dieser Fiktion gegen Ende der achtziger Jahre in immer größerem Maße seine Glaubwürdigkeit an der sowjetischen Basis geopfert.

Je mehr er im Inneren des Riesenreichs auf Widerstand stieß, umso mehr wuchs sein Renommee im Westen. Er vollzog den Ausstieg aus Wettrüsten und Kaltem Krieg, setzte den Truppenabzug aus den Warschauer-Pakt-Staaten durch und die Freigabe der DDR.

Seine Vision vom "gemeinsamen europäischen Haus", die ersten sowjetischamerikanischen Gipfeltreffen nach mehr als sechsjähriger Pause in Genf und Reykjavik, die bilateralen Dialoge mit Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, das vorsichtige Abtasten der Europäischen Gemeinschaft - all das verlief schon zu Beginn nach der Grundformel der ein Jahrzehnt zuvor erfolgreich erprobten deutschen Ostpolitik "Wandel durch Annäherung".

Gorbatschow wusste, dass sein Land unbedingt nicht nur aus dem Wettrüsten, sondern aus der Ost-West-Konfrontation überhaupt aussteigen musste, wenn die Sowjetwirtschaft nicht ihre letzte Genesungschance versäumen sollte. Er kannte aber auch die Gefahr westlicher Hybris. Trotz aller Hoffnungen auf eine neue Weltordnung konnte vor allem in den USA leicht das Gefühl um sich greifen, aus dem Kalten Krieg als Sieger hervorgegangen zu sein und deshalb die Bedingungen für den Frieden diktieren zu dürfen. Analog dazu keimte in der Sowjetunion die reaktionäre Trotzhaltung, die geradewegs in eine neue Selbstisolation der größten Territorialmacht des Planeten münden könnte.

Deshalb schlug Gorbatschow Ende 1988 in einer Aufsehen erregenden Rede vor der Uno-Vollversammlung in New York den neuen Sicherheitspartnern einen dritten Weg vor: Alle Großmächte sollten zu absolutem Gewaltverzicht verpflichtet, die internationalen Beziehungen "entideologisiert", "humanisiert" sowie an "allgemein menschlichen Werten und Ideen" ausgerichtet werden. Alle sollten nach vorn, niemand mehr zurückblicken: Damit würden sich, so hoffte der große Anreger aus Moskau, die Unterschiede zwischen Erster und Zweiter Welt abschleifen - und es der Sowjetunion erspart bleiben, in die Dritte abzusinken.

Es war ein schöner Traum, er scheint nun ausgeträumt.

Die Botschaft wurde vernommen, die Aufforderung zu einem globalen New Deal allenthalben verstanden: Die "Washington Post" lobte überschwänglich "Offenheit, Ehrlichkeit und Mut" des Redners, die "New York Times" pries den Vortrag als ebenbürtig "der Verkündung der Atlantik- Charta durch Franklin Roosevelt und Winston Churchill im Jahre 1941".

Man war gerührt, nichts weiter. Dann musste Gorbatschow hastig abreisen: In Armenien hatte ein schreckliches Erdbeben getobt.

Die erzwungene Rückkehr in sein niedergehendes Reich hatte etwas Symbolisches: Fortan waren es meist politische Katastrophen, die Michail Gorbatschow immer häufiger zum Abstieg aus den Wolken der Weltbeglückung zwangen.

Die nichtrussischen Sowjetrepubliken fügten seinem neuen Denken neues, souveräneres Handeln hinzu. Politisch-ethnische Konflikte flammten auf: Vom georgischen Tiflis (April 1989) über Baku in Aserbaidschan (Januar 1990) bis ins litauische Vilnius (Januar 1991) zog sich eine Welle des Aufbegehrens. Und die Partei, deren führende Rolle längst aus der Verfassung gestrichen war, kannte keine anderen Mittel, sie zu brechen, als die alten: Gewalt.

Für den Militäreinsatz in Baku gab es einen Politbüro-Beschluss. Wer für das Morden in Tiflis und Vilnius die entscheidenden Kommandos erteilte, ist bis heute unbekannt. Gorbatschow schwört, von den Schießbefehlen erst nachträglich erfahren zu haben: In beiden Fällen sei es zu "Handlungen" gekommen, "die vollständig der Linie der Führung widersprachen".

Doch das war ja das Dilemma: Diese "Linie der Führung" war schon seit langem nicht mehr zu erkennen. Der "Baumeister Europas" (Hans-Dietrich Genscher über Gorbatschow) genoss höchste Anerkennung in der Welt und erhielt im Oktober 1990 auch den Friedensnobelpreis. Doch daheim saß er zwischen halbfertigen, mitunter wieder einstürzenden Neubauten - und zugleich zerfiel unaufhaltsam die alte Völker-Zwingburg Sowjetunion, für deren Erhalt sich noch im März 1991 über 113 Millionen Menschen, 76,4 Prozent der Wähler, ausgesprochen hatten.

Von Gorbatschow enttäuscht, verbündeten sich die demokratischen Aktivisten der überregionalen Parlamentarier-Gruppe mit den Nationalisten in den Republiken - gegen den lästigen Vormund und Übervater im Kreml, der die Oberaufsicht über die Union, freilich eine neue, behalten wollte. Doch nicht über diese neuen Gegner stürzte der sowjetische Präsident - seine alten Freunde und falsch gewählten Verbündeten kamen ihnen zuvor:

Am 18. August 1991 setzten sie Michail Gorbatschow in seinem Krim-Urlaubsort Foros fest. Mit von der Putsch-Partie: sein Stellvertreter und der Verteidigungsminister, der KGB-Chef und der Ministerpräsident.

Aber die Verschwörung war, trotz der vielen Fachleute, nicht professionell inszeniert, sondern luftige Operette, die schon nach drei Tagen wieder abgesetzt werden konnte. Gorbatschow kam zurück aus seiner, wie er es seitdem nennt, "Gefangenschaft". Doch es war keine Heimkehr im Triumph, sondern die Repatriierung eines Geschlagenen, an dem nun auch kleinere Präsidentenkollegen aus den Republiken ihr Souveränitäts-Mütchen kühlen konnten.

Keine vier Monate später, am 8. Dezember 1991, verabredeten Russland, die Ukraine und Belorussland auf Betreiben Boris Jelzins einen separaten Staatenbund und ließen dem Kreml wie der Welt kühl mitteilen: "Die UdSSR als Völkerrechtssubjekt und geopolitische Realität hört auf zu bestehen." Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1991 trat Gorbatschow von einem Posten zurück, den es nur noch auf dem Papier gab.

Wenn sich überhaupt ein Mensch messbare Meriten erworben hat bei der Beendigung des Kalten Krieges und der atomaren Teil-Entwaffnung der Menschheit, bei der Einebnung von Grenzen und der Überwindung von Denkverboten, so ist dies Michail Gorbatschow. Nur: Dieser Prozess, als er an Tempo gewann, zerstörte das Imperium, welches Gorbatschow vor allem hatte retten wollen.

* Nach dem Putschversuch im August 1991.

Seine Glasnost zerlöcherte die Autorität im Lande, zuletzt auch seine eigene. Seine Perestroika zerschlug die bis dahin recht und schlecht funktionierende Sowjetwirtschaft, ohne der Bevölkerung im freien Fall ihres Lebensstandards wirkliche Alternativen zu bieten. Und schließlich: Seine Öffnung nach Westen brachte jene Jungradikalen der letzten Komsomol-Generation an die Macht, deren neoliberale Rezepte jämmerlich versagten und bei vielen eine endgültige Abkehr vom westlichen Demokratie-Modell bewirkten.

Entsprechend wenig galt der Weltveränderer lange Zeit im eigenen Lande. Als er sich vor drei Jahren um die russische Präsidentschaft bewarb, mochten ihm gerade 0,5 Prozent der Wähler (386 000) ihre Stimme geben: "Träumer", so bekannte sich die renommierte Moskauer Schriftstellerin Tatjana Tolstaja zu ihrem Gorbatschow-Kreuz, "die jene helle, aber kurze Periode nicht vergessen haben, als eine Kette nach der anderen zerbrach, als jeder Tag mehr Freiheit und Hoffnung brachte, als Leben wieder einen Sinn bekam."

Doch die Zahl jener, die sich erinnern wollen, wächst: Als die Moskauer Radiostation Echo Moskwy in diesem Sommer aus einer Zehner-Liste - Lenin/Stalin inklusive - die russische Persönlichkeit des Jahrhunderts auszuwählen bat, stimmten 40 Prozent der Hörer für Gorbatschow.

Der bedankte sich für die Ehrung auf lateinisch mit der wichtigsten Lehre, die ihm sein Leben erteilt habe: Errare humanum est.

Jörg R. Mettke, 56, ist seit 1987 Korrespondent des SPIEGEL in Moskau.

* Mit Enkelin Oksana. * 1991 im litauischen Vilnius. * Nach dem Putschversuch im August 1991.


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