16.01.2016

Familien Alltag mit Papa

Jedes zweite Wochenende und einmal während der Woche – so selten sehen viele Trennungsväter ihre Kinder. Der Europarat empfiehlt nun ein anderes Modell.
Kürzlich hat seine Tochter ihn davon überzeugt, dass sie mehr Platz zum Spielen braucht. Also räumte Johannes Zink sein Wohnzimmer aus, verfrachtete die Kindermöbel hinein und schob zusätzlich einen alten Esstisch in die Mitte. Auf dem hat das Mädchen eine Playmobil-Hochzeit samt Pfarrer, Brautjungfern und Blumenschmuck aufgebaut.
Sein Wohnzimmer verlegte Zink in einen kleinen Raum mit Schräge, den seine Tochter mittlerweile nach ihrem Geschmack umdekoriert hat. An einer Wand hängen Bilder von Kaninchen. Im Türrahmen klebt ein Maßband: So kann die Grundschülerin kontrollieren, wie viel sie gewachsen ist. Beim letzten Mal machte ihr Vater einen Strich bei 1,49 Meter.
Der 54-jährige Zink, ein selbstständiger Ingenieur aus Norderstedt bei Hamburg, ist kein Wochenendpapa, er ist Alltagspapa. Nachdem er sich vor sieben Jahren von seiner Partnerin getrennt hatte, wollte er wie vorher einen großen Teil der Betreuung übernehmen. Derzeit lebt seine Tochter fast die Hälfte der Zeit bei ihm, die andere Hälfte ist sie bei ihrer Mutter, die etwa drei Kilometer entfernt wohnt.
Man könnte annehmen, der Staat würde es begrüßen und befördern, wenn sich Vater und Mutter auch nach Trennung oder Scheidung die Kinderbetreuung aufteilen. In Wahrheit aber werden Modelle wie jenes, das Zink und seine Expartnerin leben, von Politik und Justiz eher verhindert als befördert – Zink merkt das unter anderem daran, dass sich seine frühere Partnerin trotz der Unterstützung, die sie von ihm erhält, offiziell als "alleinerziehend" bezeichnen darf.
Der Europarat hat nun Deutschland und andere Staaten für den Umgang mit Trennungseltern und -kindern kritisiert. In einer Resolution zur "Gleichheit und gemeinsamen elterlichen Verantwortung" verlangt das Gremium, den familienpolitischen Kurs zu ändern und die "Rechte der Väter" zu stärken. Kindern müsse es grundsätzlich ermöglicht werden, nach der Trennung zu ungefähr gleichen Teilen bei Mutter und Vater zu wohnen. Ausnahmen vom "Wechselmodell" sollten nur gemacht werden, wenn das Kindeswohl in Gefahr sei.
Die Bundesregierung ist an eine solche Resolution nicht gebunden, eine Umsetzung wäre aber durchaus konsequent. Schließlich wird hierzulande seit Jahren darauf hingearbeitet, dass sich Mutter und Vater gleichermaßen um den Nachwuchs kümmern können, zum Beispiel durch die Einführung des Elterngeldes. Beiden soll beides möglich sein: Kind und Karriere.
Allerdings beschränkte sich das politische Engagement bisher auf Eltern, die noch zusammen sind. Wenn die Beziehung scheitert, gilt meist die alte Regel: Mama betreut, Papa zahlt. "Deutschland ist da in den Fünfzigerjahren stecken geblieben", kritisiert Hildegund Sünderhauf, Professorin für Familienrecht an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.
Zwar können sich Eltern nach einer Trennung einvernehmlich und außergerichtlich auf die Betreuungs- und Unterhaltsmodelle einigen, die am besten zu ihnen passen. Viele Paare sind aber so zerstritten, dass ihnen das nicht gelingt. 2013 mussten die deutschen Familiengerichte in mehr als 56 000 Fällen über Fragen des Umgangsrechts entscheiden. Gerade wenn Väter auf eine Fifty-fifty-Betreuung drängten, hatten sie kaum Chancen. Anders als in Ländern wie Belgien oder Tschechien entwirft das Gesetz das Leitbild des sogenannten Residenzmodells. Danach lebt der Nachwuchs überwiegend bei einem Elternteil.
Laut einer Schätzung des Deutschen Familiengerichtstages (DFGT) entscheiden die Gerichte in fast 95 Prozent der strittigen Fälle, dass der Nachwuchs seinen Lebensmittelpunkt bei der Mutter hat und der Vater nur ein "Umgangsrecht" bekommt. Manchmal sei das für die Kinder "am besten", sagt Heinrich Schürmann, Sprecher des DFGT und Richter am Oberlandesgericht Oldenburg. "Wir reagieren in der Rechtsprechung aber oft noch viel zu wenig darauf, dass die Gesellschaft sich verändert hat."
Johannes Zink aus Norderstedt ahnte, dass er schlechte Karten hat, als sich seine frühere Partnerin nicht mit ihm einigen wollte, wer die gemeinsame Tochter wann und wie viel betreut. Seine eigene Rechtsanwältin riet ihm, sich nicht zu sehr in die Idee eines Wechselmodells zu verbeißen. Er solle doch auch die Vorteile daran sehen, ein Wochenendpapa zu sein – das bringe Freiheiten mit sich, die er vorher nicht gehabt habe. Zink wollte das nicht, er fand es absurd. Und kämpfte.
Im Laufe des Gerichtsprozesses einigte man sich zwar darauf, dass die Tochter "überwiegend" bei der Mutter lebt und dort auch gemeldet wird. Doch an 6 von 14 Tagen sollte das Mädchen beim Vater wohnen. Das sicherte Zink ein Alltagsleben mit seiner Kleinen, und wenn es stimmt, was er berichtet, geht es ihr damit "prächtig". Wiederholt habe sie von Freundinnen erzählt, die nur alle 14 Tage ein Wochenende bei ihren Vätern verbrächten. "Total doof" sei das, habe sie gesagt.
Die Nürnberger Juristin Sünderhauf wundert es nicht, dass Zinks Tochter offenbar zufrieden ist mit dem Leben, das sie führt. Anfangs, räumt die Forscherin ein, sei sie skeptisch gewesen, ob den Kindern das Wechselmodell guttue. Und tatsächlich gebe es Fälle, in denen es unmöglich zu organisieren sei – zum Beispiel, wenn die Elternteile zu weit voneinander entfernt wohnten oder die Betreuung zuvor fast ausschließlich von der Mutter übernommen worden sei. In vielen Fällen sei es aber ratsam, entschlossener auf eine "möglichst paritätische Betreuung" hinzuwirken, resümiert Sünderhauf.
Die Forscherin hat mehr als 50 Studien ausgewertet. Das Ergebnis: Mädchen und Jungen, die zu gleichen Anteilen bei Mutter und Vater leben, seien "allgemein zufriedener", hätten eine stabilere Beziehung zu beiden Elternteilen und kämen in der Schule besser zurecht. "In der empirischen Forschung ist klar, dass das Wechselmodell besser für Kinder ist – alles andere ist Ideologie", resümiert Sünderhauf.
Einige Forscherkollegen halten allerdings etliche der Studien, auf die sich Sünderhauf bezieht, für nicht repräsentativ. Zudem geben sie zu bedenken, dass ein "Wechselmodell" besonders für Kinder unter drei Jahren mit Stress verbunden ist und bei Eltern, die viel streiten, wegen der vielen nötigen Absprachen nicht funktionieren könne. Sünderhauf hält das für "unlogisch". Wenn das Kind ganz überwiegend bei einem Elternteil sei, fühle sich unweigerlich einer als Verlierer. "Das ist der häufigste Grund für Streit, und unter Streit leiden Kinder am meisten", sagt sie.
Die Juristin begrüßt daher die Resolution des Europarats: Im Zweifelsfall müssten Mütter und Väter in einer Mediation davon überzeugt werden, dass das Wechselmodell "eine sinnvolle Option im besten Interesse des Kindes darstellt". Erschwert wird das, weil oft auch "monetäre Interessen" eine Rolle spielten, glaubt Sünderhauf. Nach der Logik des deutschen Rechtsstaats genügt schon ein geringer Zeitvorsprung bei der Kinderbetreuung, um als "alleinerziehend" zu gelten und sämtliche finanziellen Vorteile zu bekommen, die damit verbunden sind.
Der Fall des Lehrers Hans Engelmayer zeigt das eindrucksvoll. Auf Grundlage eines Beschlusses des Amtsgerichts Rosenheim kümmert sich der 46-Jährige "im 14-tägigen Turnus jeweils von Freitag nach Schulende bis Montag vor Schulbeginn" und "jede Woche jeweils von Mittwoch nach Schulende bis Donnerstag, 19.15 Uhr" um seine beiden Töchter. Die Regelung geht laut der Richterin im Interesse der Kinder "über das normale in Deutschland praktizierte Umgangsregelungsmodell hinaus" und bedeutet, dass sich die Elternteile die Betreuung des Nachwuchses genau aufteilen – allerdings nur tagsüber. Was die Nächte angeht, hat Engelmayers Exfrau einen kleinen Vorsprung, da die Töchter das Haus des Vaters am Donnerstagabend verlassen müssen. Die Mädchen schlafen also nur etwas öfter bei ihr – doch das genügt, dass die Mutter nach der bekannten Logik als "alleinerziehend" gilt und die gleichen finanziellen Rechte hat wie jene Frauen, deren Expartner keinerlei Interesse an Kontakt zum Kind haben.
Für den Staat sind alle Alleinerziehenden gleich. "Was sich Elternpaare teilen können, schultern sie allein", heißt es zum Beispiel verallgemeinernd in einem Beschluss der Regierungskoalition vom April vergangenen Jahres, der den 2,7 Millionen Alleinerziehenden höhere steuerliche Vorteile beschert.
Engelmayers Exfrau stehen Kindesunterhalt, das Kindergeld und Steuererleichterungen zu – insgesamt etwa 1400 Euro pro Monat. Dass sie ebenfalls Lehrerin ist und genauso viel verdienen würde wie Engelmayer, wenn sie Vollzeit arbeitete, spielt keine Rolle. Er habe gleich hohe Kosten für Verpflegung, Wohnraum und Kinderkleidung wie sie, sagt Engelmayer. "So gesehen haben ausgerechnet oft jene Väter, die viel betreuen, die höchsten Kosten", sagt er, "das ist doch absurd."
Fälle wie der aus Rosenheim haben einige Juristen und Politiker zum Nachdenken gebracht. Ein paar Richter kamen klagenden Vätern entgegen und beschlossen Abweichungen von der sogenannten Düsseldorfer Tabelle, die die Höhe des Kindesunterhalts regelt. Außerdem befasst sich eine Expertengruppe des Bundesjustizministeriums, der auch Sünderhauf angehört, mit der Problematik. Was die Umsetzung der Europarats-Resolution angeht, sieht es allerdings nicht nach einer schnellen Lösung aus. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat eine Studie zu "Kindeswohl und Umgangsrecht" in Auftrag gegeben, die erst in zwei Jahren fertig sein soll. "Das Wechselmodell kann eine gute Lösung sein", sagt Schwesig, "ob es die Regel per Gesetz sein kann, muss noch geprüft werden."
Um fürs Wechselmodell zu werben, gründete der Norderstedter Vater Zink die Eltern-Initiative "Gemeinsam Erziehende Mütter und Väter". Er organisierte Tagungen, betreibt eine Internetseite und berät Elternteile, die vor Gericht für mehr Zeit mit dem Nachwuchs kämpfen. "Wenn sich Väter stärker als früher in die Betreuung einbringen und das auch gesellschaftlich erwünscht ist, dann muss ihnen das auch nach einer Trennung möglich sein", sagt auch der betroffene Vater Tim Walter, der als FDP-Mitglied für das Wechselmodell kämpft. So was nenne man Gleichberechtigung – nur andersherum.
Zink und Walter begrüßen es trotz allem, dass der Bund noch einmal erforschen will, was das beste Modell für Kinder ist. Es dürfe nichts in Gesetzesform gegossen werden, was dem Nachwuchs schade, bekräftigen sie. Eine Sache wollen sie aber sofort: ein wenig Anerkennung.
Zink findet es "ungeheuerlich", dass seine frühere Partnerin als "alleinerziehend" gilt – und seine Arbeit somit negiert wird. Er schlägt vor, dass Deutschlands Politiker, die doch sonst viel Wert auf politische Korrektheit in Geschlechterfragen legten, in Fällen wie seinem von "Getrennterziehenden" sprechen. Um zu belegen, dass das nur fair wäre, brauche es keine Studie. "Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand", sagt Zink.
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Kleinhubbert, Guido

DER SPIEGEL 3/2016
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