16.01.2016

TunesienDas Phantom der Revolution

Der Arabische Frühling begann vor fünf Jahren damit, dass sich zwei Männer in Brand steckten. Einer der beiden hat überlebt. Und sagt, er wäre heute lieber tot. Von Clemens Höges
Hosni Kaliya zieht mit dem Mund eine Zigarette aus der Schachtel. Als er sich mit Benzin übergoss und anzündete, fraß das Feuer seine rechte Hand. Jetzt ist da nur noch ein Klumpen ohne Finger. Und an der linken Hand hat er zwar vier Finger, aber sie stehen ab wie Klauen, verbrannt, steif und gekrümmt. Die Fingernägel kräuseln sich. Die Hände stecken in schwarzen Wollhandschuhen, die Spitzen abgeschnitten, damit sie nicht leer herumbaumeln. Eine Strickmütze schützt Kaliyas kahl gebrannten Schädel und seine seltsam kleinen Ohren. Aber das entstellte Gesicht, dieses Werk der Ärzte aus alter und neuer Haut, wie sollte er das verstecken?
Schlaf findet Hosni Kaliya nur mit Medikamenten. Fällt ihm der Kopf dann nach hinten, kann die Haut am Hals ihn erwürgen, weil sie sich zu eng über den Kehlkopf spannt. Er sollte auch nicht rauchen, denn die Flammen und der Qualm haben Lunge und Luftröhre schwer geschädigt. Aber er raucht trotzdem, als wollte er zerstören, was aus ihm geworden ist: diese Gestalt, vor der Kinder sich fürchten. Diesen Gefangenen seiner selbst. "Ich wünschte, ich könnte sterben", sagt Hosni Kaliya.
Alles brenne, innen und außen. Alles schmerze, der Körper und die Seele, weil er sich die Schuld gebe: am Ruin seiner Familie, am Tod seines Bruders und mehrerer Freunde und, ja, auch ein wenig am Arabischen Frühling, an diesem Aufstand, der vor fünf Jahren in Tunesien begann und der inzwischen zur Tragödie wurde. Es waren zwei Männer, die ihn auslösten. An einen erinnert sich die Welt, es war der Obstverkäufer Mohamed Bouazizi. Der andere war Hosni Kaliya.
Aus den Verzweiflungstaten wurde ein politischer Wirbelsturm. Er fegte Afrikas Mittelmeerküste entlang und hoch bis zur türkischen Grenze. Diktatoren stürzten, neue Herrscher stiegen auf, Islamisten und Terroristen breiteten sich aus. Staaten zerbrachen, Hunderttausende starben und sterben immer noch in Bürgerkriegen, in Syrien, Libyen, im Jemen. Die Ausläufer dieses Sturms haben auch Europa erfasst, durch die Massenflucht und durch Terroranschläge wie in Paris und in Istanbul.
Und wofür? Hosni Kaliya sagt: "Es war alles ein Fehler. Ich wusste nicht, was passieren würde. Ich glaube nicht mehr an die Revolution."
Um zu verstehen, wie es zu all dem kam und warum es noch lange nicht vorbei ist, hilft es, an einen der beiden Ausgangspunkte dieses Wirbelsturms zurückzugehen: in Hosni Kaliyas Heimatstadt Kasserine, gut drei Autostunden südwestlich von Tunis und gefühlt noch viel weiter, im kargen Hochland Tunesiens, wie auf einem anderen Planeten. Gelegen am Fuß des Djebel Chambi, des höchsten Berges in Tunesien, in dessen Schluchten sich heute Terroristen verstecken, alle paar Wochen greift die Armee sie mit Artillerie und Helikoptern an. Schon immer wurde das Geld an der Küste verdient, dorthin flossen die Investitionen. Das Hinterland um Kasserine ließ Diktator Zine el-Abidine Ben Ali verarmen.
In diesem Kasserine, in einem Haus in einer schmuddeligen Gasse, sitzt Hosni Kaliya und zu seinen Füßen die Mutter Zhina. Sie ist sehr klein und viel zu schwach, um einen schweren Mann von 42 Jahren zu pflegen, der sich nicht allein anziehen kann. Die Mutter versucht, einen alten Heizstrahler anzuwerfen. Denn wenn es kalt wird, versteifen Kaliyas Gelenke, die Hände schmerzen. Aber sein Kopf ist klar, als er erzählt, wie es anfing, damals, vor fünf Jahren.
In der Region um Kasserine brodelte es in den letzten Tagen des Jahres 2010. Am 17. Dezember hatte sich nicht weit entfernt, in Sidi Bouzid, der Obsthändler Bouazizi verbrannt, weil er von Behörden schikaniert wurde. Danach gingen die Menschen auf die Straße, sie protestierten erst gegen die Willkür des Staates und dann bald auch gegen den Diktator und die Verschwendungssucht seines Clans, gegen die enorme Jugendarbeitslosigkeit und gestiegene Preise für Brot und Gemüse. Sie wollten Freiheit und etwas Würde.
Hosni Kaliya, der damals im Badeort Sousse als Türsteher in Hotels arbeitete, nahm sich ein paar Tage frei und fuhr wie immer nach Hause, zur Familie und den Freunden in Kasserine. Er verdiente gut an der Küste, und das zeigte er gern. Er sagte seinen Freunden, sie sollten doch auch etwas aus sich machen: weggehen aus Kasserine, wo die Zeit stillsteht, wo das Leben keine Richtung hat.
Und er redete wie viele in jenen Tagen davon, dass man das Regime wegfegen müsse. Aber Kaliya war kein Revolutionär, da war kein Gedanke, keine Idee, schon gar kein Plan. Nur der Hass auf eine Regierung, für die Menschen wie er nicht existierten.
Am 3. Januar stoppten Polizisten ihn in der Stadt. Ausweiskontrolle. "Ich hatte Geld in den Taschen, ich sah gut aus", sagt Kaliya. Vielleicht waren es die teuren Stiefel, vielleicht sein breiter Gang, der Gang eines Türstehers, eines Kickboxers, der die Polizisten störte. Sicher war es der dicke Ring, den ein Franzose in Sousse ihm geschenkt hatte. Der Ring mit dem großen Kreuz drauf. Einer der Polizisten habe diesen Ring gesehen und zu ihm gesagt: "Weißt du, warum wir hier sind? Um Typen wie dich zu ficken."
Und dann habe er ihm die Faust in den Magen gerammt. Kaliya übergab sich, ging zu Boden, lag in seinem Erbrochenen, und die Polizisten lachten. Am nächsten Tag beschwerte er sich auf der Wache: ein Fehler in einer Diktatur. Oder ein Akt des Aufstands.
Drei Tage später ging Kaliya an der großen Busstation vorbei, da war wieder der Polizist. Er habe sich also beschwert, sagte der Mann. Dann habe er auch schon zugeschlagen, erzählt Kaliya, mit dem Knüppel: auf die Hände, ins Gesicht.
Diesmal schlug Kaliya zurück. Das war sein zweiter Fehler. Sofort waren andere Beamte über ihm, sie schlugen ihn zusammen. Am Ende jagte ihm einer noch eine Ladung Tränengas ins Gesicht. "Als sie mich liegen ließen, fühlte ich mich wie ein Insekt, das sie zertreten hatten."
Er rappelte sich auf, torkelte zu einer der vielen illegalen Tankstellen, die nur aus einem Fass und einer Handpumpe bestehen. An denen verkaufen Kasserines Schmuggler billiges Benzin aus Algerien. Kaliya nahm eine Flasche und ging zurück zur Busstation. "Ich war nicht mehr ich selbst, ich wusste nicht, was ich tat." Er wollte kein Held sein, er wollte kein politisches Signal setzen. Er konnte wohl nur die Demütigung nicht ertragen.
Einen Moment lang, so Kaliya, habe er noch gedacht, er könnte die Flasche anzünden und gegen die Polizisten schleudern. "Aber ich hatte keine Chance, es waren zu viele, sie waren bewaffnet." Er hob die Flasche also über den Kopf, drehte sie um, das Benzin lief langsam seinen Körper hinunter. Dann zog er sein Feuerzeug.
Er hörte noch, wie sein Fett verbrannte: mit einem Zischen, als würden Tropfen von einem Grill in die Glut fallen. Er wankte wohl noch auf die Polizisten zu. Danach wurde alles schwarz. Die Nachricht von seiner Tat verbreitete sich schnell in Kasserine.
"Wir glaubten alle, Hosni Kaliya wäre tot", sagt Ali Rebah, Brille und Dreitagebart, einer der jungen Intellektuellen von Kasserine. Er lief zum Haus der Familie, andere waren schon da. In der Nacht brannten dann Autoreifen in den Straßen von Kasserine.
Rebah ist Tontechniker, er wollte auch etwas tun, auf seine Art. "Die staatlichen Medien bezeichneten alle Demonstranten nur als Kriminelle. Wir brauchten deshalb etwas Eigenes: unabhängige Informationen. Niemand erfuhr ja, was hier passierte." Über einen Streamingdienst im Netz und über Facebook verbreitete er noch am selben Tag die Nachrichten vom brennenden Kaliya.
In den nächsten drei Tagen eskalierte die Gewalt. Demonstranten warfen Steine und Molotowcocktails. Spezialeinheiten des Regimes tauchten auf, sie schossen scharf auf Köpfe und Herzen, töteten wohl über 20 Demonstranten und verletzten Dutzende. Es war das erste Massaker des Arabischen Frühlings. Und Ali Rebah sorgte mit dafür, dass die Welt davon erfuhr.
Hosni Kaliya bekam von all dem nichts mit, er lag im Koma, in einer Klinik bei Tunis, spezialisiert auf Brandopfer. Drei Tage vor seiner Selbstverbrennung war hier Mohamed Bouazizi gestorben, in jener Zeit sollen auch andere Menschen versucht haben, sich zu verbrennen. Diktator Ben Ali hatte Bouazizi noch am Krankenbett besucht. Er hatte versucht einzulenken, redete von einem Ende der Gewalt, versprach Hunderttausende Arbeitsplätze für Jugendliche. Aber es war zu spät. Eine Woche nachdem Kaliya sich angezündet hatte, floh der Diktator aus dem Land.
Sofort sprang der Funke über: Am 25. Januar 2011 begann in Ägypten der Aufstand gegen Hosni Mubarak, nur Tage später rebellierten die Jemeniten gegen ihren Präsidenten Ali Abdullah Saleh, Mitte Februar die Libyer gegen Muammar al-Gaddafi, im März dann die Syrer gegen Baschar al-Assad.
Kaliya wurde in dieser Zeit wieder und wieder operiert, Haut wurde von einer Stelle seines Körpers an eine andere transplantiert, seine Kehle neu aufgebaut. Ein paarmal mussten die Ärzte ihn wiederbeleben. Kaliya glaubt, sich an einen Albtraum zu erinnern: Er sah sich eine Straße entlanggehen. Auf einmal flogen die Häuser auf ihn zu und erdrückten ihn.
Erst nach acht Monaten kam er wieder zu sich. Zunächst hörte er nur gedämpfte Geräusche, er war ja in Verbände eingewickelt wie eine Mumie. Auch die Augen hatten die Ärzte ihm zugeklebt. Er wusste nicht, wo er war. Und er hatte vergessen, wer er war. Dann nahmen ihm die Ärzte die Binden von den Augen.
Kurz darauf wurde zum ersten Mal in Tunesien frei und demokratisch gewählt. Es gewann die Islamisten-Partei Ennahda. Ein Desaster, dachten viele der liberalen Tunesier. Immerhin konnten die Islamisten nicht allein regieren, sondern nur mit zwei anderen Parteien zusammen. Premier wurde ein Islamist, Präsident jedoch der Menschenrechtsaktivist Moncef Marzouki.
Es war ein Patt, das Land geriet an den Rand des Ausnahmezustands. Die Islamisten wollten die Scharia in der Verfassung verankern und die Rechte der Frauen einschränken. Sie setzten sich nicht durch, aber Salafisten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, und Zehntausende demonstrierten gegen die Islamisten. Denn die Arbeitslosigkeit stieg weiter. Und die Demonstranten warfen der Ennahda-Partei vor, die Terroristen von Ansar al-Scharia zu unterstützen.
All das bekam Kaliya nur aus der Ferne mit. Seine Mutter Zhina, die ihn viele Monate lang nur durch ein Fenster hatte sehen dürfen, erzählte von all dem, was in der Welt passierte. Sie erzählte zudem von seinen Freunden und Bekannten. Elf waren beim Aufstand gestorben. Auch eine Psychologin kam Tag für Tag. Sie sagte ihm seinen Namen, sprach mit ihm über Kasserine, den Polizisten, das Benzin.
Langsam kehrte Hosni Kaliyas Erinnerung zurück. Und er verstand, wie groß dieser Wirbelsturm war, den der Obsthändler und er ausgelöst hatten.
Immerhin sorgte Präsident Marzouki dafür, dass die Verwundeten der Revolution gut versorgt wurden. Kaliyas Mutter durfte eine Wohnung in der Hauptstadt beziehen, um ihren Sohn pflegen zu können.
Im Sommer 2013 stand dann auch Tunesien kurz vor einem Bürgerkrieg. Zwei Oppositionspolitiker waren ermordet worden, wahrscheinlich von Islamisten. Die Ennahda musste fürchten, dass die Armee putschen würde, so wie in Ägypten. In dem Moment schaltete sich ein ungewöhnliches Quartett von vier Organisationen ein, um zu vermitteln, angeführt vom Gewerkschaftsbund. Ennahda stimmte einer Übergangsregierung und Neuwahlen zu; dafür erhielt das Quartett später den Friedensnobelpreis.
Die Neuwahl im Oktober 2014 aber gewann Nidaa Tounes, eine Partei, in der sich viele alte Gefolgsleute von Ben Ali sammeln. Béji Caïd Essebsi, 89 Jahre alt, wurde Präsident. Er war einst Innenminister der Diktatur. Und Essebsi machte seinen Sohn zum zweiten Mann in der Partei. Eine neue politische Dynastie, so sehen es viele Tunesier. Ist das Land wieder da angekommen, wo es war, bevor er, Hosni Kaliya, sich verbrannte?
"Wir hatten Hoffnung, aber wir Tunesier sind nicht an die Freiheit gewöhnt", sagt Kaliya.
Überlebende Helden können zur Last werden, wenn sie die Erben der Revolution kritisieren. Unter der neuen Regierung wurde Kaliya abgeschoben, in eine Unterkunft für ledige Mütter. Seit Monaten wartet er auf mehrere dringende Operationen. Ein Komitee müsste sie genehmigen, doch das Komitee rührt sich nicht. "Sie lassen mich in diesem Heim vergammeln", klagt Kaliya. Wie ein Phantom, das niemand sehen und hören soll.
Nach Kasserine kann er nicht zurückziehen, denn nur die Ärzte in Tunis könnten ihm im Notfall helfen. Ab und zu besucht er seine Freunde und seine Mutter in der Heimatstadt. Wenn er sich jetzt umschaut, findet er nichts, wofür sich all das gelohnt haben könnte.
"Es gab gar keinen Arabischen Frühling", sagt Kaliya. In Libyen bekämpfen sich diverse Fraktionen, während der "Islamische Staat" Ort um Ort erobert. In Ägypten herrscht der frühere General Abdel Fattah el-Sisi wie einst Mubarak. Der Jemen wird von Saudi-Arabien bombardiert, schiitische und sunnitische Milizen kämpfen gegeneinander. Und dann noch Syrien, mit seinen über 250 000 Toten. Kann man sich Schuld anmaßen?
Natürlich geht es Tunesien besser, es gilt noch immer als ein Hoffnungsschimmer in der arabischen Katastrophe. Immerhin gehen die Tunesier wählen, statt aufeinander zu schießen. Aber das Land steht auf der Kippe. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, gerade unter den jungen Leuten. Mehrere Tausend Tunesier kämpfen für den "Islamischen Staat" in Syrien, dem Irak und Libyen. Oder sie verüben Anschläge in ihrer Heimat.
Im vergangenen März ermordeten Islamisten 20 Touristen im Nationalmuseum von Tunis. Im Juni erschoss ein Attentäter 38 Touristen am Strand bei Sousse. Zu den Anschlägen bekannten sich Terrorgruppen, die dem "Islamischen Staat" nahestehen. Vor zwei Monaten sprengte schließlich ein Selbstmordattentäter einen Bus der Präsidentengarde in die Luft, 13 Soldaten starben, mitten in der Hauptstadt. Und so bleiben jetzt auch noch die Urlauber weg, die viel Geld ins Land brachten.
Hosni Kaliyas Heimat Kasserine und die Schluchten des Djebel Chambi gelten nun als Brutstätte des Dschihad, als unsicheres Gebiet, von hier sollen viele Terroristen kommen. "Wo Menschen marginalisiert werden, entsteht Terror", sagt Hizi Med Raouf, ein Ökonom, bedächtig, systematisch. Ein paar Monate nach Beginn des Aufstands ist er aus Tunis in seine Heimatstadt Kasserine zurückgekehrt.
Hizi Med Raouf dachte, jetzt würde sich alles ändern, nach dem Ende der Diktatur könnten neue Unternehmer etwas wagen. Er mietete ein kleines Büro an der Hauptstraße von Kasserine. In Los Angeles oder Berlin würde man seine Firma einen Start-up-Inkubator nennen: Hizi Med Raouf berät angehende Firmengründer, erstellt Machbarkeitsstudien, lässt Kontakte spielen. Doch immer wieder stößt er auf die alten Cliquen aus Ben Alis Zeiten in Banken und Behörden, auf Männer, die wenig Interesse daran haben, dass sich etwas ändert.
Der Unternehmer hat die Zahlen studiert: Die Hälfte der ausgebildeten jungen Leute in Kasserine sei arbeitslos, sagt er. Die wichtigste Branche hier, nahe der Grenze zu Algerien, sei der Schmuggel, wie immer schon. "Ich bin Optimist, sonst könnte ich das hier nicht machen. Selbst wenn nichts funktioniert, will ich weiter glauben, dass alles besser wird."
Ein paar Häuser weiter sitzt Ali Rebah, der sein Radio im Internet startete an jenem Tag, an dem sich Hosni Kaliya anzündete. Inzwischen ist daraus ein richtiger Radiosender geworden. KFM heißt er, 70 Mitarbeiter, im Sendegebiet leben über 400 000 Menschen. Aber keiner der KFM-Leute bekommt auch nur einen Dinar, selbst Rebah nicht, weil das bisschen Werbung nur die Betriebskosten deckt. Die meisten seiner Leute sind aber sowieso arbeitslos, sie haben nichts Besseres zu tun.
"In Tunesien kann jetzt jeder sagen, was er denkt. Ansonsten hat sich nicht viel geändert", sagt Rebah. "Wir brauchen mehr Zeit. Viel mehr Zeit." Deshalb arbeitet KFM mit Schulen zusammen, Kinder machen Radio und lernen dabei, wie Wahlen funktionieren, dass man andere Meinungen akzeptiert, und vor allem, dass man etwas verändern kann. Rebah setzt bereits auf die nächste Generation. Er glaubt nicht mehr, dass sich so schnell etwas ändern wird, wohl kaum für seine Generation, die den Arabischen Frühling doch angestoßen hat. Nicht alle halten das aus.
Hosni Kaliya hatte einen jüngeren Bruder. Saber war 35 Jahre alt, er arbeitete als Pförtner. Er konnte davon leben, er konnte sogar seine Mutter unterstützen. Doch im vergangenen Sommer verlor Saber seinen Job. Viele in Kasserine verlieren ihre Arbeit, weil Betriebe pleitegehen oder die Produktion an die Küste verlagern. Weil neue Projekte nicht vorankommen. Weil die Revolution, die Hosni Kaliya mit ausgelöst hatte, zwar die Demokratie brachte, aber keine Jobs.
Saber kämpfte um seine Stelle, er bettelte und bat, drei Monate lang. Etwas anderes war ja auch nicht in Sicht. Als er keine Chance mehr sah, kaufte er sich eine Flasche Benzin, genau wie sein Bruder. Und zündete sich an, nicht weit weg von zu Hause. Seine Mutter hörte die Schreie, sie lief aus dem Haus, da lag Saber brennend am Boden. Er starb am 14. Oktober.
"Ich verfluche diese Revolution, ich will meine Söhne zurück", sagt die Mutter und weint in einen Fetzen Stoff, nass und dunkel von ihren Tränen. "Mehr werden sterben, mehr werden kämpfen, mehr werden sich anzünden. Sie haben keine Zukunft."
Hosni Kaliya sitzt stumm daneben. Nicht einmal bei der Beerdigung seines Bruders konnte er richtig weinen. Die Flammen haben seine rechte Tränendrüse zerstört.
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 3/2016
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