16.01.2016

AffärenLiebe Grüße, Dein Ulrich

Ein Biologe aus Ägypten geriet in Leipzig in einen Albtraum, der sein Leben zerstörte. Trieben ihn deutsche Kollegen in den Ruin, weil er beim Erproben eines neuen Medikaments nicht die gewünschten Resultate lieferte?
Eine Sekunde, und ein Leben geht entzwei. Nasr Hemdan hört noch heute das Türklingeln, es war morgens an einem Frühlingstag. Wer das wohl sein mochte? Seine Frau ging aufmachen.
Draußen stand ein Kommando des Leipziger Landeskriminalamts. Sie seien gekommen, erklärten die Beamten, um die Wohnung zu durchsuchen. "Ich bin furchtbar erschrocken", sagt Hemdan, "sie sagten, es bestehe dringender Verdacht auf Industriespionage."
Bis zum Mittag waren die Polizisten in der Wohnung des Biologen zugange. Sie leerten die Mülleimer, sie drehten die Bilderrahmen um, und sie sparten auch die Toilette nicht aus. Am Ende nahmen sie zwei Computer, USB-Sticks und eine Festplatte mit.
Der Forscher sah fassungslos zu, in der Hand einen Umschlag, den ihm der Einsatzleiter gegeben hatte. Es war eine fristlose Kündigung. Hemdan dürfe sein Büro am Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie, kurz IZI, ab sofort nicht mehr betreten.
An diesem Tag, es war der 20. April 2010, dachte der Mann noch, es könne schlimmer nicht kommen.
Das Fraunhofer-Institut ist eine große Wissensfabrik in Leipzig. Fast 500 Leute arbeiten dort, viele erledigen Auftragsforschung für die Pharmaindustrie. Der Ägypter Nasr Hemdan war einer von ihnen.
Er arbeitete an einem Mittel gegen Arthritis, eine meist schmerzhafte Entzündung der Gelenke. Eine Pharmafirma hatte dem IZI einen neuen Wirkstoff zum Testen gegeben Sein Name: WF10.
Es ging um eine große Sache, so viel war dem Forscher klar. Wer imstande wäre, die Volksplage Arthritis zu lindern, könnte Milliarden verdienen. Hemdan erprobte das Mittel an Labormäusen – keine lustige Arbeit, die Tiere hatten einiges auszustehen: Zuerst löste der Forscher bei ihnen künstlich eine Gelenkentzündung aus. Dann bekam ein Teil der Mäuse das neue Mittel gespritzt. 
"Wir haben alles versucht", sagt Hemdan, "aber keiner einzigen Maus ging es besser. Im Gegenteil, bei den behandelten Tieren verlief die Krankheit besonders schlimm, ihre Gelenke schwollen weiter an." Viele Mäuse seien nicht einmal mehr imstande gewesen, sich aufzurichten, um den Futterspender zu erreichen. "Einigen fiel sogar der Schwanz ab", sagt der Biologe. "Die meisten verendeten bald."
Doch Hemdans Vorgesetzter am IZI, der Mediziner Ulrich Sack, habe diesen Befund nicht akzeptiert. "Sack sagte immer wieder, wir brauchten vernünftige Resultate", erzählt Hemdan. "Er drängte auf weitere Versuche."
Für den Mann im Labor wurde die Lage allmählich unerträglich. Schon mehrere Monate hatte er mit der Arbeit an WF10 vertan – und er sagt, er habe dabei, mit steigendem Widerwillen, Hunderte Mäuse geopfert. "Ich dachte, ich muss hier sinnlos Tiere quälen", sagt er, "und am Ende habe ich nicht einmal etwas davon."
Ulrich Sack bestreitet, dass es Konflikte wegen der Befunde gegeben habe; zudem sei es beim Erproben von Wirkstoffen normal, dass man etwa die richtige Dosis erst nach etlichen Anläufen herausfinde. Im Übrigen sei Hemdan nur an einem Versuch mit 60 Tieren beteiligt gewesen, bei dem auch nur eine Maus an den Folgen des Versuchs gestorben sei. Die übrigen Mäuse habe man nach Beendigung des Versuchs "kontrolliert und scherzfrei mit CO2 getötet". Auch habe keine Maus ihren Schwanz verloren. Im Gegenteil habe sich gezeigt, dass geringe Dosen des Wirkstoffs durchaus geeignet waren, positive Effekte auszulösen. Mit dieser Erkenntnis sei das Versuchsziel bereits erreicht gewesen. Um den Nachweis einer heilenden Wirkung sei es bei dem Versuch nicht gegangen. Sack muss allerdings einräumen, dass Hemdans Versuch "keine statistisch signifikanten Ergebnisse lieferte". Zu weiteren Versuchen habe er Hemdan nicht gedrängt.
Unstrittig ist, wie es weiterging: Noch während der letzte Tierversuch lief, stand plötzlich das Polizeiaufgebot in Hemdans Wohnung. Es hieß, er habe unbefugt Dateien anderer Arbeitsgruppen auf seine Festplatte kopiert – ein seltsamer Vorwurf für einen Wissenschaftler, der mit vielen Kollegen zusammenarbeitet und naturgemäß auch die Daten mit ihnen teilt. Das Fraunhofer-Institut hält dem entgegen, dass der Anschluss von privaten Datenträgern am Institut nicht erlaubt sei und Hemdan keine Ausnahmegenehmigung gehabt habe. Da das Institut Auftragsforschung betreibe, stehe einer Verwendung der Daten auch nicht im Belieben der Wissenschaftler, sondern müsse jeweils mit dem Auftraggeber abgestimmt werden. Ausgerechnet Sack hatte Hemdan allerdings sehr wohl die Nutzung einer externen Festplatte gestattet und bestätigte ihm später, dass er berechtigt war, Daten mitzunehmen. Das Institut wiederum verweist auf den großen Umfang der kopierten Daten von etwa 70 GB. Hemdan habe die kompletten Daten einer Arbeitsgruppe des Instituts einschließlich sensibler Informationen zu Industrieaufträgen und einer laufenden Patentanmeldung kopiert. Nur ein einziger Unterordner habe Bezug zu Hemdans Arbeit gehabt. Die Festplatte mit dem vollständigen Datensatz konnte die Polizei bei der Durchsuchung nicht sicherstellen. Zu ihrem Verbleib hat Hemdan widersprüchliche Angaben gemacht.
Hemdan jedenfalls hoffte, das Ganze werde sich bald aufklären.
Wenige Tage später fand der Forscher im Briefkasten ein Schreiben der Leipziger Ausländerbehörde: Das Fraunhofer-Institut habe gemeldet, er sei dort ausgeschieden. Sein Aufenthaltsrecht sei damit verwirkt, er müsse das Land verlassen.
Damit stand der Biologe, Vater von drei Kindern, vor dem Ruin. Er besaß nicht einmal mehr seine Forschungsdaten, die Ausbeute vieler Arbeitsjahre. Das alles lagerte auf den beschlagnahmten Festplatten. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen des Spionagevorwurfs.
"Ich habe nur noch geheult", sagt Hemdan. Seine Frau, Apothekerin und ebenfalls aus Ägypten gebürtig, litt seit der Razzia unter Panikattacken. "Sie wachte nachts auf und dachte, jetzt sind sie wieder da." Eine Woche später ließ sie sich in eine psychiatrische Klinik einweisen.
Er habe nicht mehr begreifen können, was da geschah, sagt Hemdan: "Warum tut jemand so was?" All die Jahre seither ging ihm die Frage im Kopf um.
Heute glaubt er die Antwort zu wissen.
Nasr Hemdan ist aufgewachsen in der Nähe der Küstenstadt Alexandria. Dort, am Rande des Nildeltas, gibt es einen großen, flachen Brackwassersee, den Marjut. Er ist stark mit Schwermetallen belastet. Ungeklärte Abwässer fließen hinein. "Die Menschen in der Gegend sind oft krank", sagt er, "viele leben vom Fischfang."
Der Marjut gab dem jungen Biologen die Aufgabe vor. "Ich wollte herausfinden", sagt er, "wie der Organismus mit solchen Umweltgiften fertig werden kann."
Schwermetalle schwächen die Immunabwehr; Entzündungen nehmen dann oft einen schlimmeren Verlauf. Verstünde man genauer, was da geschieht, wäre viel gewonnen – womöglich gibt es ja Wirkstoffe, die dem Körper beim Abbau der Gifte helfen.
So wurde Hemdan zum Experten für Entzündungen. 2001 kam er nach Deutschland, damals noch als Gaststudent. Es fing gut an, bald publizierte er in angesehenen Journalen. Inzwischen hat der Forscher zwei Doktortitel. Den ersten schloss er noch an der Uni von Alexandria ab. Zur Verteidigung der Arbeit reisten seine Vorgesetzten mit ihm nach Ägypten: Ulrich Sack und Frank Emmrich, der Leiter des Leipziger Fraunhofer-Instituts. "Eine Woche lang", sagt Hemdan, "waren die beiden bei mir zu Gast."
Mit Sack war Hemdan viele Jahre befreundet – zumindest schien es ihm so. Er hat E-Mails aufgehoben, der Ton zwischen den beiden ist fast familiär. Sack schließt meist mit lieben Grüßen, "Dein Ulrich".
Mit der Zeit aber geriet Hemdan, so schildert er es, mehr und mehr in Gegensatz zu seinem Institut. Stets sei es um angeblich entzündungshemmende Proteine gegangen, deren Nutzen Hemdan hartnäckig bezweifelt haben wolle. Seine Befunde, sagt er, hätten einfach nicht gepasst.
Im Frühjahr 2010 habe sich der Streit um das Wundermittel WF10 und die arthritischen Mäuse zugespitzt. Damals wusste Hemdan nicht, wie viel Geld für das IZI im Spiel war. Es ging um Millionen.
Kurz bevor Hemdans Verhängnis begann, hatte sich eine Pharmafirma aus Kanada in Leipzig angesiedelt. Ihr Name: Nuvo Research. Sie brachte den sagenhaften Entzündungshemmer WF10 mit. Die neue deutsche Filiale sollte ihn zur Marktreife entwickeln. Als Erstes waren dafür Mäuseversuche nötig; diesen Auftrag bekam das Fraunhofer-Institut. So geriet Hemdan ins Spiel.
Es ging um große Erwartungen. Die Firma sah in WF10 nicht nur ein Mittel gegen Arthritis. Der Wirkstoff, so hieß es damals, könnte womöglich auch Allergien lindern. Allein für den Einsatz gegen Heuschnupfen rechnete sich Nuvo Research einen Umsatz von jährlich bis zu 1,1 Milliarden Dollar aus.
Die Niederlassung zog in ein schickes Büroquartier namens Bio City. Den weiträumigen Bau hatte die Stadt Leipzig eigens errichtet, um zukunftsträchtige Unternehmen anzulocken. Damals träumte die Politik vom Biotech-Boom.
Die Ankunft der Kanadier galt als großer Erfolg – zu verdanken vor allem Frank Emmrich, dem Chef des Fraunhofer-Instituts. Emmrich ist ein mächtiger Mann im Leipziger Wissenschaftsbetrieb, er zieht an vielen Strippen. Auch der Bau der Bio City geht auf seine Initiative zurück.
Emmrich verstand es, Firmen anzuwerben oder selbst welche zu gründen – ganz so wie die Politik sich das wünschte. Freilich war der jüngste Erfolg teuer erkauft. In einem Anlegerprospekt rühmte Nuvo die Spendabilität der Sachsen: Die Firma musste für ihr famoses Medikament erfreulich wenig bezahlen. Den Großteil der Entwicklungskosten übernahm die Sächsische Aufbaubank. Insgesamt überwies sie 6,6 Millionen Euro an Steuergeldern. Über 4 Millionen davon flossen direkt an Emmrichs Fraunhofer-Institut.
Hemdan mit seinen geplagten Labortieren war also, ohne es recht zu begreifen, zur Schlüsselfigur in einem Millionenspiel geworden. Negative Befunde hätten möglicherweise alles verderben können.
Nach Hemdans Kündigung übernahm eine andere Forschergruppe am Institut das Experiment. Und bei den Kollegen klappte dann plötzlich alles. 2013 präsentierten sie ihren Durchbruch auf einem internationalen Fachkongress in Honolulu: Es sei gelungen, mit WF10 arthritische Entzündungen bei Mäusen einzudämmen.
Um diese Zeit kämpfte der verstoßene Hemdan schon im dritten Jahr um seine Existenz. Seit seinem plötzlichen Rauswurf hat er praktisch nichts anderes mehr getan.
Zunächst zog er gegen die Kündigung vor Gericht und gewann in erster Instanz; das rettete ihn vor der Abschiebung. Danach halfen befreundete Hochschullehrer der Familie über die ersten Monate hinweg. Sie beschafften dem Forscher Arbeitsstellen in Kiel und in Gießen. Doch Hemdan ertrug es auf Dauer nicht, die Familie alleine in Leipzig zu wissen.
"Wir lebten ja immer in Angst", sagt er. "In der ersten Zeit bekamen wir Anrufe von einem Unbekannten. Ich solle mich aus dem Land scheren." Wenn Hemdan zwischendurch arbeitslos wurde, drohte ihm, dem Ausländer, gleich wieder die Ausweisung. Und ohne Aufenthaltstitel stand ihm nicht einmal Arbeitslosengeld zu.
Der Forscher musste prozessieren, Beschwerden einreichen, Papierkriege führen. Neun Monate lang wurde er wegen Depressionen behandelt. Stand ein Gerichtstermin an, schleppte er sich trotzdem hin.
Mitunter gab es aber auch Anlass zur Hoffnung: Der angebliche Datendiebstahl, mit dem das Unglück begonnen hatte, löste sich nach zwei Jahren in nichts auf. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen Zahlung eines wohl eher symbolischen Betrags von 500 Euro ein.
Da glaubte Hemdan, nun endlich müsse sich alles wenden. Nun werde er seine beschlagnahmten Daten zurückbekommen: all die Experimente mit Mäusen und menschlichen Zellkulturen aus mehreren Jahren. "Diese Daten waren ja alles, was ich hatte", sagt Hemdan. Sein ganzes Forscherleben gedachte er darauf aufzubauen. Einige Publikationen waren schon so gut wie fertig, eine Habilitation sollte folgen. Mit etwas Glück konnte er auf eine Professur hoffen.
Und jetzt schien der Weg wieder frei. Das war allerdings eine Illusion.
Das Fraunhofer-Institut wand sich jahrelang um die Herausgabe herum. Hemdan hat den Schriftverkehr aufgehoben. Mal behauptete Ulrich Sack, er habe keine Daten und wisse nichts darüber, dann wieder vermutete er sie beim Fraunhofer-Anwalt. Eines Tages rückte er kleine, unbedeutende Teilbestände heraus, dann wieder wollte er immerhin auf "eine Spur" vom großen Rest gestoßen sein. Man werde sich melden. Aber nichts geschah.
Institutsleiter Emmrich sagt auf Anfrage, Hemdan könne einen Teil der Daten jederzeit erhalten – vorausgesetzt, er sei bereit, strittige Fragen der Urheberschaft zu klären. Im Übrigen frage er sich aber, ob ein Großteil der Daten nicht ohnehin dem Arbeitgeber gehöre.
Am Ende lief es stets aufs Gleiche hinaus: Hemdan wartet bis heute.
Stattdessen fingen die Kollegen an, seinen Nachlass auszuschlachten. Schon 2011 erschien in einem Sammelband ein ganzes Buchkapitel über Schwermetalle, verfasst von einer Autorengruppe mit Ulrich Sack. Es beruht teils auf Arbeiten, die Hemdan mangels Daten nicht mehr selbst veröffentlichen konnte; er wird sogar mehrfach erwähnt.
Hemdan fing an, sich zu fühlen wie jemand, dessen Identität gekapert wurde. Er kam damit der Wahrheit möglicherweise näher, als er ahnte.
Denn wie es scheint, hatte Professor Sack, sein lieber Ulrich, die Identität des Freundes aus Ägypten bereits heimlich benutzt: als Strohmann, als Autor eines gefälschten Gutachtens für eine Schwindelfirma.
Zu dieser bizarren Geschichte gehört ein weiteres Unternehmen aus der Leipziger Bio City: die Indago GmbH. Sie verfügt angeblich über einen wundertätigen Bluttest. Ihr "Forschungsleiter" Luis Gómez behauptet, er finde in den Rückständen hocherhitzter Blutproben gewisse Kristalle, aus denen er vielerlei Krankheiten herauslesen könne.
Unabhängige Wissenschaftler halten das für Hokuspokus; kein halbwegs verständiger Hausarzt sollte darauf hereinfallen. Professor Sack jedoch arbeitete jahrelang mit dieser Firma zusammen. Es ging um ein beispiellos windiges Projekt: Sack und Gómez wollten eine Variante dieses dubiosen Bluttests für den Masseneinsatz automatisieren. Eine Art Roboterlabor sollte die magischen Blutkristalle künftig quasi am Fließband deuten.
Ulrich Sack hatte die Mittel für so ein Unterfangen. Er war damals Forschungsdirektor am Leipziger Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM). Dieses stolze Haus mit rund 130 Beschäftigten und hochmodernen Geräten war der Universität angegliedert, an der Spitze aber stand Frank Emmrich. Das TRM gehörte, nebst dem Fraunhofer-Institut, zu seinem kleinen Imperium.
Und ein solches Vorzeigezentrum macht gemeinsame Sache mit einer Quacksalberbude? Wie ist das möglich?
Nun, die Firma Indago konnte Kritikern ein umfängliches Gutachten entgegenhalten, das ihrem Humbug Seriosität bescheinigt. Es trägt den Briefkopf des angesehenen Fraunhofer-Instituts, und als Verfasser firmiert – Nasr Hemdan.
Der versichert freilich an Eides Statt, er habe niemals das Labor dieser Firma betreten. Von dem Schriftstück habe er erst erfahren, als der SPIEGEL über die Indago-Affäre berichtete (29/2014).
Der Biologe vermutet, Sack habe das Gutachten selbst gedichtet – was dieser bestreitet. Aber es gibt Indizien: Im Briefkopf steht seltsamerweise eine private E-Mail-Adresse; Hemdan versichert, er habe sie seit Jahren nicht mehr benutzt. Nur der vormalige Busenfreund Sack habe sie gekannt. Außerdem ist Hemdans Name falsch geschrieben: Abdel-Wahed statt Abdelwahed. "Den Fehler hat Sack immer gemacht", sagt Hemdan. Er zeigt alte Schriftstücke, die dies belegen.
Und nun sind auch noch Mails aufgetaucht, aus denen hervorgeht: Tatsächlich hat Forschungsdirektor Sack höchstselbst dieses Schwindelgutachten organisiert. Am 21. März 2009, einem Samstag, schickte Sack eine Mail an den Indago-"Forschungsleiter" Goméz; angehängt war der Entwurf des Dokuments, versehen mit allerlei Anmerkungen. Der "liebe Luis" möge das Gutachten bitte gegenlesen und bei Bedarf korrigieren. "Ich lasse dann am Montag unterschreiben", fügte Sack hinzu.
Sack räumt ein, dass die Mails echt sind. Das Gutachten selbst, so behauptet er nach wie vor, habe Hemdan verfasst.
Inzwischen ermittelte aber auch die Uni gegen den Forschungsdirektor. Dabei tauchten verräterische Belege auf: Sack hatte sich von der Quacksalberfirma jahrelang ein kleines Monatsgehalt auszahlen lassen – ordentlich genehmigt von seinem Vorgesetzten Emmrich. Insgesamt 59 400 Euro kassierte der Professor für "wissenschaftliche Beratung".
Für Hemdan fügt sich nun endlich alles zu einem stimmigen Bild: Hat man ihn wegen unbotmäßiger Befunde aus dem Weg geräumt? Und dann gleich noch als Strohmann für die anstehenden Geschäfte mit der Schwindelfirma benutzt?
Frank Emmrich, damals der unmittelbare Vorgesetzte Sacks, will von dem gefälschten Gutachten und der ganzen Affäre nichts gewusst haben. Aber Ulrich Sack zählt zu seinen engsten Vertrauten; die beiden kennen einander seit Jahrzehnten. "Sack war immer schon Emmrichs Kofferträger", sagt ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des Leipziger Fraunhofer-Instituts. Emmrich und Sack und mit ihnen das Institut beteuern, es gebe "keinen kausalen Zusammenhang" zwischen Hemdans Befunden und seiner Kündigung bzw. der gegen ihn erstatteten Strafanzeige. Sack und Emmrich versichern zudem, sie hätten von dem Vorwurf des Datendiebstahls und der Kündigung Hemdans erst im Nachhinein erfahren. Vielmehr sei es so gewesen, dass der Leiter der betroffenen Arbeitsgruppe mit Unterstützung des IT-Administrators auf der Suche nach einer verschollenen Datei zufällig auf die Datenkopiererei Hemdans gestoßen sei. Unter Hinzuziehung nur des Verwaltungsleiters hätten diese die Münchner Zentrale informiert. Die dortige Rechtsabteilung habe dann Kündigung und Strafanzeige empfohlen.
In Emmrichs funkelnder Bio City ist offenbar Platz für allerhand Umtriebe. Über seine Geschäftstüchtigkeit wird in Leipziger Wissenschaftskreisen viel gemunkelt. Er sei, heißt es, auch politisch bestens vernetzt. Wer aber genauer nachforscht, stößt früher oder später auf Schweigen. Gestandene Professoren sagen, dass sie dazu nichts sagen. Andere antworten erst gar nicht auf eine Bitte um ein Gespräch. Eine Forscherin zieht eine Zusage plötzlich wieder zurück, eine andere gesteht, sie habe Angst um ihren Arbeitsplatz.
In den vergangenen Jahren hat sich herumgesprochen, wie es Nasr Hemdan ergangen ist. Der ruinierte Forscher ist dennoch in der Gegend geblieben, er macht einfach weiter. Er hat jetzt Professor Sack wegen Urkundenfälschung angezeigt – wenigstens die Sache mit dem Schwindelgutachten soll vor Gericht kommen. Wieder ein Papierkrieg. Aber was bleibt ihm übrig?
Es gab eine Zeit, da hätte Hemdan noch aussteigen können. In Alexandria wartete seine alte Stelle als Dozent auf ihn; die Universität hatte ihn damals für seine Forschung in Deutschland beurlaubt. Vor zwei Jahren lief die Frist für die Rückkehr aus, Hemdan musste sich entscheiden.
Der Mann grübelte lange. Seine Frau drängte ihn, Deutschland zu verlassen, sie hoffte auf einen Neuanfang in Ägypten. Hemdan hätte viel verloren, aber nicht alles. Am Ende brachte er es nicht über sich. "Ich dachte, sie müssten irgendwann Vernunft annehmen", sagt er.
Um den Wunderstoff WF10 ist es mittlerweile still geworden. Heute, nachdem die Fördergelder verzehrt sind, ist von einem Medikament gegen Arthritis nicht mehr die Rede. Die Firma Nuvo Research hat kürzlich sämtliche Arbeiten an WF10 eingestellt – nach zwei fehlgeschlagenen klinischen Studien steht fest, dass das Mittel nicht einmal gegen Heuschnupfen hilft.
Den obskuren Bluttest dagegen gibt es noch. Die Quacksalberklitsche Indago bietet ihn weiterhin im Internet an. Nur Ulrich Sack ist nicht mehr ihm Spiel. Die Universität Leipzig stoppte das Kooperationsprojekt; Sack musste als Forschungsdirektor des Translationszentrums zurücktreten.
Frank Emmrich gab die Gesamtleitung ab, bleibt aber Chef des Leipziger Fraunhofer-Instituts. Er behält auch das Ehrenamt, das er seit 2008 innehat: Als Mitglied des Deutschen Ethikrats berät er die Bundesregierung in den Grenzfragen von Gut und Böse.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.

Über den Autor

Manfred Dworschak, Jahrgang 1959, hat Sprachwissenschaft und Geschichte studiert. 1990 ging er als Kulturredakteur zur Bremer Lokalausgabe der "taz". 1995 wechselte er nach Hamburg zur "Zeit", wo er sich um die frisch gegründete Computerseite kümmerte. Seit 1998 ist er Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 3/2016
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