16.01.2016

BallettTanz oder stirb

Nach einem Säureanschlag war der Ruf des Moskauer Bolschoi-Theaters ruiniert. Drei Jahre danach ist es wieder Schauplatz großer Kunst – und noch immer ein Schlachtfeld.
Seine Feinde haben es nicht geschafft, sein Gesicht zu zerstören. Weiß und ohne Makel ist es, ein schönes Gesicht, umrahmt von dunklem Haar. Der Mund lächelt, die Augen sind hinter einer dunklen Brille verborgen.
Sogar hier im Universitätsklinikum Aachen, wo er seit jenem 17. Januar 2013 36-mal operiert wurde, bewahrt Sergej Filin, 45, die königliche Haltung eines Tänzers.
Er sitzt in einer Cafeteria mit Neonlicht und giftgrünem Linoleumboden, kein offensichtlicher Patient wie die Frau am Nebentisch, die aus den Sehschlitzen ihres Verbands herausschaut. Filin trägt edle Jeans und einen dunklen Rollkragenpullover, und er ist erleichtert, fast aufgekratzt. Vorhin hat ein Arzt seine Augen untersucht und festgestellt, dass er sich vorerst kein 37. Mal unters Messer zu legen braucht. So ist es diesmal nur ein kurzer Aufenthalt in Deutschland: Am Abend zuvor ist er angekommen, in Begleitung seiner Mutter, am nächsten Morgen fliegen sie nach Moskau zurück. In knapp zwei Wochen erwarten ihn seine Ärzte dann wieder hier, zur nächsten Untersuchung.
In diesem Takt lebt Filin seit drei Jahren – seit jener Moskauer Winternacht, als ein vermummter Angreifer ihm im Hof vor seiner Wohnung auflauerte und ihm, als er von einer Gala heimkehrte, einen Becher Schwefelsäure ins Gesicht schleuderte. In diesem Moment wurde aus Sergej Filin, dem Chef des weltberühmten Bolschoi-Balletts, das berühmteste Säureopfer der Welt. Teile seiner Kopfhaut, sein Gesicht und seine Augen waren verätzt. Seit dem Attentat ist er auf dem rechten Auge so gut wie blind, mit dem linken sieht er inzwischen, je nach Tagesform, wieder mehr als 50 Prozent.
"Wenn es dabei bliebe, wäre das auch schon ziemlich gut", sagt er, "aber die Ärzte meinen, es wären sogar bis zu 80 Prozent möglich." Wenn er es schaffen würde, ihren Vorgaben zu folgen: Er muss jetzt immer daran denken, seine Augen zu schonen. Überhaupt soll er sich körperlich nicht anstrengen, einen Anstieg des Blutdrucks vermeiden. Er sei langsamer als früher, erzählt Filin. Er kann zwar wieder arbeiten, aber er sollte keine Ballerinen durch die Luft wirbeln, wie er es bei Proben gern tut, um männlichen Tänzern zu demonstrieren, wie eine perfekte Hebefigur aussieht.
Und halten Sie sich daran?
Filin grinst: "Nicht immer."
Seine Mutter, eine stattliche Frau mit strengem Zopf und melancholischem Blick, erscheint in der Cafeteria, sie hat ein Fläschchen in der Hand: Es ist Zeit für Filins Augentropfen aus Eigenblut. Er nimmt die dunkle Brille ab. Auf einmal sieht er schutzbedürftig aus, versehrt; sein rechtes Auge ist milchig-trüb. Natalia Filina beugt sich über ihn, wortlos, eine routinierte Bewegung, er blinzelt und setzt rasch seine Brille wieder auf.
Nach dem Attentat dauerte es sieben Wochen, dann wurden drei Männer verhaftet: der Angreifer, ein 35-jähriger Exhäftling namens Jurij Saruzki, sein 31-jähriger Komplize Andrej Lipatow, der in einem Auto in der Nähe des Tatorts gewartet hatte – und, als mutmaßlicher Auftraggeber, der Tänzer Pawel Dmitritschenko, zu jener Zeit 29 Jahre alt und ein Star des Bolschoi. Noch am Tag ihrer Verhaftung unterzeichneten alle drei ein Geständnis.
Die Polizei war zufrieden, der Fall, so hieß es, sei gelöst: Dmitritschenko sei wütend auf Filin gewesen, weil der Ballettchef ihm und seiner Freundin nicht die großen Rollen gegeben habe, die sie sich wünschten. Also habe Dmitritschenko dem Kleinganoven Saruzki 50 000 Rubel, damals etwa 1250 Euro, gegeben, damit dieser das Attentat ausführe.
Die Medien stürzten sich auf die Geschichte, in Russland und überall. Dass das Bolschoi für seine Kunst berühmt war, für seine Tanztruppe, die als beste der Welt gilt, interessierte kaum noch. Von Intrigen und Sexaffären war nun die Rede, von Korruption und dunklen Geschäften.
Mehr als 300 Angestellte des Theaters, darunter Solotänzer und Mitglieder des Corps de Ballet, solidarisierten sich mit Dmitritschenko: "Die Schlussfolgerungen der Ermittler erscheinen uns voreilig", schrieben sie in einem offenen Brief. Dmitritschenkos Geständnis sei unter Druck entstanden. In einem weiteren Brief hieß es: "Es ist unmöglich, die extrem komplizierte und schmerzhafte Situation im Bolschoi-Ballett außer Acht zu lassen."
Doch wer im korrupten System der russischen Justiz vor Gericht landet, hat schon verloren: 99,6 Prozent aller Angeklagten werden schuldig gesprochen. Im Dezember 2013 wurde Saruzki zu zehn Jahren Haft verurteilt, Lipatow zu vier, Dmitritschenko zu sechs.
Fall gelöst?
Sergej Filin, das Opfer, kämpft noch immer um jedes Prozent seines Sehvermögens, um seine berufliche Existenz, gegen die Verbitterung. In jedem Menschen lebten zwei Wölfe , sagt Filin, der erste Wolf bedeute Liebe und Güte, der zweite: Verzweiflung und Finsternis. "Welcher Wolf siegt?", fragt er. "Der, den du fütterst." Manchmal denke er, dass er gezwungen worden sei, seine Augen zu opfern, "um all die Attacken auf das Bolschoi zu stoppen". Er lacht, kurz und hart. "Es ist wirklich bedauerlich, dass ausgerechnet ich zum Symbol für diese Zeit der totalen Aggression geworden bin."
Welche Attacken? Wessen Aggression? Filin schweigt und malt ein großes Fragezeichen in die Luft. "In Moskau sprechen wir weiter", sagt er zum Abschied.
Im Winter gibt es Tage in der russischen Hauptstadt, an denen es gar nicht richtig hell wird. Doch je grauer die Stadt wirkt, desto heller strahlt in ihrem Zentrum, knapp zehn Minuten Fußweg vom Kreml entfernt, das Bolschoi. Prächtig thront es auf seinem Theaterplatz, ein Säulenbau in Weiß und Champagner, von dessen Vordach Apollo, der Gott der Künste, eine Quadriga aus Bronze in den Himmel aufsteigen lässt.
Das Säureattentat auf Sergej Filin war ein Tiefpunkt in der Geschichte dieses Theaters, das ein paar Monate älter ist als die Vereinigten Staaten und ein russisches Nationalheiligtum. "Bolschoi Teatr" heißt "großes Theater" – und es war immer schon größer und spektakulärer als andere. Dreimal brannte es nieder und wurde wiederaufgebaut; es hat die Herrschaft der Zaren überdauert, Umstürze und Weltkriege, Aufstieg und Fall der Sowjetunion.
Das Bolschoi-Theater war stets ein Spiegel, in dem das Schicksal Russlands aufleuchtete – manchmal verzerrt, manchmal prophetisch, manchmal zeitverzögert. Im Bolschoi wie in Russland wechselten sich Perioden idealistischen Aufbruchs mit strammer Diktatur ab. Der Reformzar Alexander II., der die Leibeigenschaft der Bauern aufhob, ließ 1856 am Abend seiner Krönung und als Zeichen seiner liberalen und nach Europa orientierten Weltsicht die Oper eines Ausländers geben: die "Puritaner" des Italieners Vincenzo Bellini. Der konservative Nachfolger Alexander III. drängte den ausländischen Einfluss wieder zurück. Zu seiner Krönung im Jahr 1883 ließ er im Bolschoi Szenen aus der Oper "Ein Leben für den Zaren" spielen. Am Ende erhoben sich alle Zuschauer und sangen die Nationalhymne "Gott schütze den Zaren".
Der Revolutionsführer Lenin hielt hier 36 Reden vor Arbeiter- und Bauernräten, ehe ein Genosse seinen Tod verkündete, natürlich von der Bühne des Bolschoi. Und hier, beklatscht von 2200 Delegierten, rief Josef Stalin im Dezember 1922 einen neuen Staat aus: die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. In den Trümmern des Zweiten Weltkriegs brachte das Bolschoi 1946 eine Neuproduktion des Balletts "Romeo und Julia" auf die Bühne. Später, im Kalten Krieg, tanzten seine Stars vor Mao Zedong und Fidel Castro wie vor Konrad Adenauer und Richard Nixon. Und bezauberten alle.
Die Russen lieben den klassischen Tanz. Ballettstars sind in Russland so bekannt wie Beckenbauer oder Schweinsteiger in Deutschland. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Medien über ihre Aufführungen, Formschwächen, Eskapaden und Affären berichten. "Italiener müssen singen, wir Russen müssen tanzen. Das ist unsere Natur", sagt Wadim Gajewski, mit 87 Jahren der Doyen der Moskauer Ballettkritiker.
Und die Truppe des Bolschoi ist mit über 200 Tänzern die größte und berühmteste der Welt. Deshalb verkörpert keine andere Institution so sehr das nationale Selbstbewusstsein wie das "Staatliche Akademische Große Theater Russlands", wie es offiziell heißt. Von 2005 bis 2011 wurde es renoviert, der Umbau kostete mehr als 800 Millionen Euro. Danach erstrahlte es innen in Gold und Marmor, blendend schön.
Doch seit dem Attentat auf den Ballettchef hat der Prunk etwas Unheimliches. Wie ein aufplatzendes Geschwür machte es die Krankheiten, an denen Russland und sein großes Theater leiden, sichtbar: Intrigen, Korruption, politische Abhängigkeiten und Richtungskämpfe. Seither ringt das Bolschoi um seinen Ruf – darum, dass dieser Anschlag, so klein und so niederträchtig, nicht alles überschattet.
Sergej Filin glaubte zu wissen, was ihn erwartete, als er im Frühling 2011 den Posten des künstlerischen Direktors antrat. Schließlich hatte er schon den größten Teil seines Lebens am Bolschoi verbracht. Als er sieben Jahre alt war, ein Junge, der nicht still sitzen konnte, wenn er Musik hörte, schickte ihn seine Mutter zum Volkstanz. Dort wurde er von einem Lehrer der Bolschoi-Ballettakademie entdeckt.
Filins Eltern verstanden nichts von Ballett – seine Mutter war Hausfrau, der Vater fuhr Lastwagen. Aber sie schickten ihren Sohn zur Aufnahmeprüfung der Akademie, und er bestand, zu seiner abgrundtiefen Verzweiflung. Er hatte Ballett nicht gewählt, er hatte keine Lust, diese strenge Schule zu besuchen, und der Tag, an dem er aufgenommen wurde, war einer der schlimmsten Tage seiner Kindheit. Es war auch einer der letzten: Wer in die Ballettakademie des Bolschoi eintritt, dessen Kindheit ist vorbei.
Tausende Mädchen und Jungen kämpfen jedes Jahr um ein paar Dutzend Ausbildungsplätze. Von denen, die das an Folter grenzende Training überstehen, wird am Ende vielleicht jeder Zehnte in die Kompanie des Bolschoi aufgenommen. Voraussetzung dafür ist, neben Talent und Leidensbereitschaft, ein idealer Körper: noch ein wenig feingliedriger, leichter und geschmeidiger als der der anderen.
Wer so weit gekommen ist, dem bleiben etwa 15, vielleicht 20 Jahre. In dieser Zeit kann er unsterblich werden, wie die Ulanowa oder die Plissezkaja, bis heute verehrte Bolschoi-Diven des vergangenen Jahrhunderts. Oder er kann, dem Olymp so grausam nah, alles geben, seinen Körper ruinieren, von Ehrgeiz zerfressen all die Schmerzen und Entbehrungen erdulden, die das Leben von Balletttänzern prägen – und dennoch untergehen wie eine Sternschnuppe, die keiner bemerkt hat.
Ein einziger Mann entscheidet am Bolschoi darüber, wer als Tänzer im Licht steht und wer im Schatten: der Ballettchef.
Als Filin 1988 in die Kompanie eintrat, hieß dieser Allmächtige Jurij Grigorowitsch. Der heute 89-Jährige ist noch immer der Übervater des Bolschoi, bewundert von den einen, verhasst bei den anderen. Eine Moskauer Ballettkritikerin, deren Eltern am Bolschoi tanzten, bezeichnet ihn als "Stalin des Bolschoi-Theaters".
Wie Stalin über die Sowjetunion so herrschte Grigorowitsch drei Jahrzehnte lang über das Theater. Er verlangte unbedingten Gehorsam und ließ keinen Nachfolger groß werden, weil er jeden Konkurrenten wegbiss. Als Stalin 1953 starb, brach in Moskau eine Massenhysterie aus. Als Grigorowitsch 1995 – die Zeit des demokratischen Aufbruchs in Russland – entlassen wurde, traten viele Tänzer in den Streik. Seine Anhänger schrieben ihm alles zu, was das Bolschoi auszeichnete: die technische Perfektion der Tänzer, den vollendeten "Schwanensee". Bis heute ist es für seine Nachfolger unmöglich, Klassiker wie "Schwanensee" in einer anderen Fassung als jener Grigorowitschs aufzuführen.
Filin bewunderte den eisernen Ballettchef, und er stieg rasch auf: Nach nur zwei Jahren wurde er 1990 Solist. Er war ein eleganter Tänzer und einer der schönsten – wie geschaffen für die Rolle des Prinzen. Auf der Bühne wie im Leben fiel es Frauen schwer, seinem Charme zu widerstehen.
In der Ballettakademie wuchs in dieser Zeit ein Tänzer aus Georgien heran, drei Jahre jünger als Filin, der auf andere Weise spektakulär zu werden versprach: Nikolai Ziskaridse. Er tanzte mit der Kraft eines wütenden Stiers, so, als wäre er jederzeit bereit, für diesen einen Tanz zu sterben. 1992 trat er in die Kompanie ein, wild entschlossen. Auch er verehrte Grigorowitsch. 1995 wurde auch er Solist.
Ein paar Jahre lang teilten sie sich eine Garderobe, Prinz Filin und Berserker Ziskaridse. Sie waren Rivalen, aber es sei, so erinnern sich beide, ein kollegialer Wettkampf gewesen. Beide tanzten Hauptrollen, beide wurden vom Publikum gefeiert. Im selben Jahr, 2001, wurden sie als Volkskünstler Russlands ausgezeichnet.
Eine der vielen Grausamkeiten des Tänzerlebens ist, dass es so kurz ist. Mit Ende dreißig macht sich bei den meisten körperlicher Verschleiß bemerkbar; die Kraft schwindet. Bei Ballerinen ist dann öfters zu beobachten, dass sie einen Verehrer heiraten und sich ins Private zurückziehen. Aber was wird aus den Männern?
Filin, inzwischen in zweiter Ehe verheiratet mit einer Ensembletänzerin und Vater von drei Söhnen, schaffte rechtzeitig den Absprung. 2008 beendete er seine Tanzkarriere und wechselte als Ballettchef ans kleinere Stanislawski-Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater.
Ziskaridse tanzte, von wachsender Unruhe getrieben, weiter. Nebenbei trainierte er junge Kollegen und trat in Fernsehshows auf. Er war perfekt fürs Fernsehen: eine mächtige Tolle aus dunklem Haar, immer leicht gequält dreinblickende dunkle Augen unter scharf gezupften Brauen, dazu seine unverblümte Gewissheit, der Größte zu sein. Unter den Tänzern seiner Generation war er der berühmteste, doch seine Zeit wurde knapp. Ziskaridse wollte das Bolschoi nicht verlassen. Er wollte sein Ballettchef werden.
Nach Grigorowitschs Entlassung war der Posten zu einem Schleudersitz geworden. Dem Patriarchen folgten, im Abstand weniger Jahre, vier mehr oder weniger glücklose Ballettchefs; er selbst kehrte 2008 als Berater ans Bolschoi zurück.
Im März 2011 wurde wieder ein künstlerischer Direktor gesucht. Gennadij Janin, der bisherige Assistent des Ballettchefs, hatte gute Chancen. Bis zu jenem Morgen, an dem 3847 Journalisten und Theaterleute eine anonyme E-Mail mit einem Link erhielten – zu mehr als 180 Fotos, die Janin beim Sex mit Männern zeigten. Homosexualität ist keine Seltenheit bei Tänzern, aber in Russland wird sie geächtet. Janin war erledigt.
Und Ziskaridse, inzwischen 37 Jahre alt, war nur noch einen Sprung von der Macht entfernt. Er hatte Freunde in höchsten politischen Kreisen, die Gattinnen mächtiger Kremloligarchen schmückten sich gern mit ihm. Bei jeder Gelegenheit verkündete er, dass er der einzig würdige Nachfolger Grigorowitschs sei. Alle anderen: Stümper und Dilettanten.
Der Generaldirektor des Bolschoi war anderer Ansicht: Eine Diva war Ziskaridse immer schon gewesen, aber allmählich entwickelte er sich zu einer fürchterlichen Nervensäge, die alles und jeden kritisierte. Filin hingegen hatte sich ohne allzu offenkundige Allüren als Ballettchef am Stanislawski bewährt. Das Bolschoi bot ihm den Job an.
Nun hatte Filin die Macht: Er bestimmte, welche Tänzer welche Rollen tanzen durften, wer arm blieb, weil er keine gut bezahlten Auftritte bekam, und wessen Karriere von Geld und Ruhm gekrönt wurde. Ziskaridse aber tanzte, immer noch. Schnell gerieten die einstigen Rivalen aneinander – auch deshalb, weil ihr Verständnis von Vergangenheit und Zukunft des russischen Balletts sie trennt. Filin versteht sich als Reformer, der die Kunst für ausländische Einflüsse öffnen möchte. Ziskaridse hingegen beschwört die russische Tradition und passt damit perfekt zum neo-imperialen Zeitgeist der dritten Präsidentschaft Wladimir Putins.
Zwei Monate vor dem Attentat, im November 2012, schrieb ein Dutzend landesweit bekannte Kulturschaffende einen Brief an Putin: Der Präsident möge Ziskaridse per Dekret zum Generaldirektor des Bolschoi ernennen, um dessen Status als "Weltbühne des großen Balletts" zu retten. Doch Putin, eher an Eishockey interessiert als an Spitzentanz, reagierte nicht.
Ziskaridse trainierte nach wie vor einige jüngere Kollegen. Zu seinem Gefolge gehörten der Solist Pawel Dmitritschenko, der heute in Lagerhaft sitzt, und dessen damalige Freundin, eine aufstrebende Nachwuchstänzerin. Was er ihnen beibrachte, erzählte Ziskaridse in einem Fernsehinterview: "Das Gesetz des Bolschoi lautet: Töte oder werde getötet. Du musst dich bewaffnen. Wenn du nicht zuerst schießt, bist du tot."
Das White Rabbit im 16. Stock eines noblen Einkaufszentrums ist eines dieser Moskauer Restaurants, wo sich die Neureichen und Schönen treffen, um Champagner schlürfend durch gläserne Wände auf ihre Stadt herabzublicken. Ziskaridse erscheint mit wohldosierter Verspätung, von Weitem erkennbar an seiner imposanten Haartolle, in einen Umhang aus grauer Wolle gehüllt. An seinem kleinen Finger blitzt ein Diamantring. Es ist früher Nachmittag, er bestellt Wasser und eine französische Zwiebelsuppe.
"Dieses Attentat auf Filin interessiert mich nicht", sagt er, "denn ich weiß ja gar nicht, wer das ist. Kennen Sie etwa einen Tänzer namens Sergej Filin?" Ziskaridse seufzt theatralisch und fährt sich mit den Fingern durchs Haar. "Fragen Sie die Menschen auf der Straße, wer Nikolai Ziskaridse ist, und jeder wird es Ihnen sagen", fährt er fort. "Aber keiner wird Ihnen sagen können, wer dieser Filin ist, leider. Obwohl man ihn in den vergangenen drei Jahren ständig im Fernsehen gezeigt hat."
Nach dem Anschlag stand die Frage elefantengroß im Raum: War es möglich, dass Dmitritschenko so etwas geplant hatte, ohne dass sein Mentor Ziskaridse, Filins Erzrivale, davon wusste?
"Verstehen Sie", sagt Ziskaridse, "das hat nur eine bestimmte Gruppe im Bolschoi beschäftigt, die gegen mich gekämpft hat, mir aber nichts antun konnte, weil ich der herausragendste Tänzer in der ganzen Truppe war." Er seufzt erneut. "Das wäre alles zu diesem Thema."
Er spricht dann doch weiter: "Ich verstehe die Menschen, die schlecht über mich reden", sagt er, "sie haben Angst vor mir, weil mir alles so gut gelingt." Er sei der Einzige, der sowohl die Geschäftsführung als auch die künstlerische Leitung des Bolschoi übernehmen könnte, so Ziskaridse. Er blinzelt wie eine zufriedene Katze. "Filin hat mir damals zugeschrien: ,Deine Schüler werden nie auf die Bühne kommen, ich lasse es nicht zu!' Aber sie sind alle zu Stars aufgestiegen."
Eigentlich ist in Moskau auch ein zweites Gespräch mit Filin verabredet. Am Telefon hört er von dem Treffen mit Ziskaridse. Er nimmt es zur Kenntnis, scheinbar vergnügt. Danach ist er plötzlich nicht mehr erreichbar, tagelang.
Die Polizei fand bei ihren Ermittlungen seinerzeit keine Hinweise darauf, dass Ziskaridse etwas mit dem Attentat zu tun hatte. Dmitritschenko belastete ihn nicht. Der Generaldirektor des Bolschoi aber, Anatolij Iksanow, hatte genug von Ziskaridses "Schlammschlachten" und "Intrigen", wie er es nannte. Als Ziskaridses Verträge am Bolschoi Ende Juni 2013 ausliefen, musste er gehen, nach 21 Jahren.
Zehn Tage später war auch Iksanow unversehens seinen Job los: Der Kulturminister, Wladimir Medinski, gab überraschend die vorzeitige Entlassung des Bolschoi-Generaldirektors bekannt. Für Ziskaridse fand der Minister kurz darauf eine schöne, neue Aufgabe: Er ernannte ihn zum Direktor der Waganowa-Ballettakademie in Sankt Petersburg, 1738 als Kaiserliche Theaterschule der Zaren gegründet und bis heute eine der renommiertesten Ballettschulen der Welt.
Der Mann, der das Bolschoi-Theater befrieden soll, sitzt in einem holzgetäfelten, aber für die Position eines Generaldirektors eher kleinen Büro. Iksanows Nachfolger Wladimir Urin, 68, trägt einen blauen Wollpullover und ein blaues Jackett, an dessen rechtem Ärmel der unterste von vier Knöpfen fehlt. Äußerlichkeiten sind ihm nicht wichtig. Urin ist der größtmögliche Antipode zu Filin und Ziskaridse.
Er hat seinen Vorgesetzten, den Kulturminister, in die Schranken gewiesen, als dieser Ziskaridses Rückkehr ans Bolschoi vorbereitete. Und er hat Filins Vertrag nicht verlängert, der im März ausläuft. Filins Nachfolger wird Machar Wasijew, der erst am Petersburger Mariinski-Theater eine ausgezeichnete Balletttruppe geformt und dann die eher blasse Kompanie der Mailänder Scala zu einer der besten Europas gemacht hat. Er habe Filin angeboten zu bleiben, sagt Urin, aber in einer anderen Rolle, ohne seine bisherige Macht. Urin will einen Neuanfang.
Hinter seinem Bürosessel aus braunem Leder, dort, wo es in Russland seit Langem Mode ist, ein Putin-Porträt zu platzieren, hängt ein alter Stich des Bolschoi-Theaters. Am Kopf seines Schreibtischs steht ein Holzschild mit der Aufschrift: "Passt auf mich auf. Ich bin unersetzlich." Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit sind Urins Stärke: Er fühlt sich keiner der alten Seilschaften im Bolschoi und Kreml verpflichtet. Bei der ersten Mitgliederversammlung kündigte er an, ohne Rücksicht auf Rang und Namen jeden rauszuwerfen, den er bei Korruption erwischt.
Seine Unabhängigkeit ist aber auch seine Achillesferse. Der erzkonservative Kulturminister will ihn gern loswerden; Urin ist ihm zu liberal. Als Medinski einen Theaterdirektor in der sibirischen Metropole Nowosibirsk feuern ließ, weil in einer Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" eine nackte Schauspielerin zu sehen war, die ein Kruzifix zwischen ihre Beine hielt, kritisierte Urin die Zensur öffentlich. Der junge Regisseur der Skandalaufführung darf in diesem Frühjahr am Bolschoi Donizettis Oper "Don Pasquale" inszenieren.
Direktoren und Ballettchefs, die alles bestimmen, hält Urin für Relikte aus der Vergangenheit. "Nur mit Teamarbeit lassen sich Erfolge erzielen", sagt er, "die Zeit des totalitären Theaters ist vorbei."
Sergej Filins Vermächtnis lässt sich an diesem Nachmittag ein paar Stockwerke höher auf einer Probebühne besichtigen. Eine junge Tänzerin von unwirklicher Schönheit übt mit ihrem Partner ein Pas de deux aus der "Kameliendame", einem Ballett des Hamburger Choreografen John Neumeier. Es war Filin, der Neumeiers Ballett, das zeitgenössische Werk eines Ausländers, ans Bolschoi geholt hat.
Die Tänzerin ist Olga Smirnowa, 24, von Filin bei ihrer Abschlussprüfung an der Petersburger Waganowa-Ballettakademie entdeckt und nach Moskau abgeworben. Smirnowa hat ein Alabastergesicht mit großen braunen Augen und einen federleichten Körper. Als sie den ersten Schritt tut, ist klar, dass sie ein Ausnahmetalent ist. Ihr Partner aber, der Solist Artjom Owcharenko, ist ihr gewachsen, ein kraftvoller, mutiger Tänzer – und ein ehemaliger Schüler Nikolai Ziskaridses.
Smirnowa und Owcharenko sind ein tragisches Liebespaar, sie umgarnen sich, sie verzweifeln aneinander, und sie tun das mit einer Hingabe, die verzaubert. Dass sie aus verfeindeten Lagern kommen, scheint nicht mehr wichtig, es geht um ihre Kunst, und die ist, zumindest in diesem Moment, größer als alles andere.
Smirnowas Lehrmeisterin sitzt am Bühnenrand und schaut zu. Marina Kondratjewa, 81, ist seit 63 Jahren am Bolschoi. Als junges Mädchen tanzte sie für Stalin, sie sah Grigorowitsch aufsteigen und fallen, und sie ist geblieben, weil das Bolschoi, wie sie sagt, ihr Zuhause sei. Wegen des Balletts, trotz allem anderen. "Als Tänzer müssen wir dem Publikum das Gefühl geben, durch das Betrachten unserer Kunst gereinigt zu werden", sagt Kondratjewa. "Wer ins Bolschoi geht, soll sich danach leichter und besser fühlen." Das versuche sie, ihren Schülern zu vermitteln: "Sie sollen nicht neidisch aufeinander sein. Sie sollen der Kunst und dem Volk dienen."
Draußen auf dem Theaterplatz eilt ein Mann mit dunkler Brille auf den Künstlereingang zu; es ist Filin. Eine kurze Begrüßung, er sagt, er habe jetzt keine Zeit für ein zweites Gespräch. Morgen vielleicht, man könne sich zum Frühstück treffen oder auch nicht, mal sehen. Dann bricht es aus ihm heraus: "Warum reden Sie mit Ziskaridse? Ich habe keine Angst, dass er gut wegkommt und ich schlecht, aber ich fühle mich beschmutzt, wenn ich im selben Artikel vorkomme wie er." Filin versucht, seine Stimme zu kontrollieren, seinen bösen, zweiten Wolf, den er nicht füttern will, aber es gelingt ihm nicht: "Wir haben eine Garderobe geteilt, wussten Sie das? Alles war bestens, bis ich Chef wurde."
Filin steht vor der Sicherheitsschranke am Eingang, er will hindurchgehen und weitermachen, noch ist er der Ballettchef. Aber er kann nicht aufhören zu schreien: "Ziskaridse sollte im Gefängnis sitzen, er hat diesen Anschlag mitgeplant! Stattdessen läuft er herum und erzählt Dreck!" Er wisse Dinge, die nie publiziert worden seien, schreit Filin, "seit dem Tag, an dem mir das passiert ist, weiß ich alles!" Er verstummt und zögert einen Moment lang, als würde er plötzlich wieder zu sich kommen. Dann dreht er sich um und verschwindet im Theater.

Twitter: @samihashafy

Er war ein eleganter Tänzer und einer der schönsten – wie geschaffen für die Rolle des Prinzen.

Über die Autorin

Samiha Shafy, geboren 1979 in Basel, ist seit 2007 Redakteurin beim SPIEGEL. Nach dem Studium der Umweltnaturwissenschaften in Zürich und Stationen bei verschiedenen schweizerischen und deutschen Medien arbeitete sie zunächst im Ressort Wissenschaft. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Harvard wechselte sie 2013 ins Auslandsressort.

Über den Autor

Matthias Schepp, 51, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 25 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und Asien. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, "Von Peking nach Berlin" (2006).

* Für "Die Kameliendame" von John Neumeier.
Von Schepp, Matthias, Shafy, Samiha

DER SPIEGEL 3/2016
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