23.01.2016

SteuernZwischen Erde und Mond

Auf Mitglieder der Unternehmerfamilie Engelhorn fiel ein schwerer Verdacht: 440 Millionen Euro Schulden beim Staat. Sie kommen wohl glimpflich davon.
Das Chalet Souleiadou im schweizerischen Gstaad, in den Fünfzigerjahren für Aga Khan erbaut, diente dem Jetset jahrzehntelang als nobler Rückzugsort. 2006 kehrte Ruhe ein, als ein älteres Ehepaar in das Anwesen zog: der Milliardär Curt Engelhorn und seine ebenfalls vermögende vierte Gattin Heidemarie.
Doch am 10. Februar vorigen Jahres, einem milden Dienstag, zeichnet eine Überwachungskamera am Gartentor kurz vor elf Uhr eine Szene wie aus einem billigen Agentenfilm auf. Aus einem Škoda Octavia mit einem alten tschechischen Kennzeichen, PMU-95-27, springen zwei Männer mit Schlapphut und Mantel. Sie rennen zur Einfahrt, klingeln und rufen in die Gegensprechanlage: "Engelhorn, du Steuersünder, zahl deine Schulden beim Finanzamt." Sie rasen mit quietschen Reifen davon, bevor Sicherheitsleute des Ehepaars auf die Straße gelangen.
Den seltsamen Auftritt kann sich in der Luxusvilla in Gstaad angeblich noch heute niemand erklären, die Insassen des Wagens ließen sich nicht feststellen. Sie schienen jedenfalls Bescheid zu wissen über ein ebenso geheimes wie aufwendiges Strafverfahren: Steuerfahnder gingen davon aus, dass Mitglieder der Familie Engelhorn dem deutschen Staat eine riesige Summe schulden, Steuern in Höhe von rund 440 Millionen Euro.
Zentrale Figur ist der Hausherr des Chalets Souleiadou, Curt Engelhorn, 89 Jahre alt, ehemals Konzernchef und Hauptanteilseigner des Pharmariesen Boehringer Mannheim. Drei Jahre lang waren Staatsanwälte und Steuerfahnder aus Augsburg der Familie jenes Mannes auf den Fersen, dem die Welt unter anderem schnelle Diabetestests verdankt und dessen Büste schon zu Lebzeiten im Foyer des Deutschen Museums in München aufgestellt wurde.
1997 gelang ihm einer der bis dahin größten Firmenverkäufe Europas. Für elf Milliarden Dollar übernahm der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche die Boehringer-Mannheim-Werke. Ein Megadeal, den Engelhorn durch eine Verlagerung seines Wohnsitzes und des Firmensitzes ins Ausland so clever vorbereitet hatte, dass kein einziger Pfennig für den deutschen Fiskus abfiel. Man habe "die Steuerfalle" erfolgreich umgangen, sagte Engelhorn, "Herr Waigel wird sich ärgern".
Jetzt scheint doch noch ein Teil des sagenhaften Familienvermögens in staatlichen Kassen zu landen. Es wäre nur ein kleiner Teil, aber immer noch sehr viel Geld, mehr als 145 Millionen Euro.
Curt Engelhorn soll seine beiden jüngsten Töchter nach dem Konzernverkauf üppig beschenkt haben, unter anderem mit einem Pferdegestüt nahe dem oberbayerischen Landsberg und mit einer Villa samt Park am Ufer des Starnberger Sees sowie mit einer halben Karibikinsel – und offenbar wurden die Millionengaben allenfalls zu einem sehr geringen Teil versteuert.
So zumindest lautet der Vorwurf der Augsburger Steuerfahnder. Der zweite Vorwurf: Auch bei der Angabe ihrer Einkünfte sollen die Töchter gegenüber dem Finanzamt stark untertrieben haben. Der dritte Vorwurf: Die Töchter hätten ihrer in der Schweiz lebenden Mutter Anne viele Jahre großzügig Geld gegeben, auch dafür sei keine Schenkungsteuern gezahlt worden.
Die Ermittlungen treffen zwei Frauen, die beide etwas über 40 Jahre alt sind und nicht gerade die Öffentlichkeit suchen. Die ältere der beiden liebt Tiere und die Natur. Eigenes Geld musste sie jedenfalls nie verdienen, sie trainiert und züchtet Pferde. Die andere ist promovierte Medizinerin. Trotz ihres Vermögens ging sie einer Arbeit nach, sie war Ärztin in einem Krankenhaus. Gemeinsam mit einer Freundin hat sie eine Stiftung gegründet, die sich um Kinder mit seltenen Krankheiten kümmert.
Zu den Beschuldigten gehört zudem einer der bekanntesten Wirtschaftsanwälte Deutschlands. Der langjährige Finanzverwalter des Clans, der Münchner Steuerrechtsprofessor Reinhard Pöllath, 68, soll etliche Transaktionen durchgeführt haben. Pöllath verdient zudem als Aufsichtsratsvorsitzender der Beiersdorf AG und der Tchibo-Holding Maxingvest AG sein Geld, ist Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse und Namensgeber des Asteroiden 7448, der am Tag vor seiner Geburt entdeckt wurde. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung.
Auch ein ehemaliger Kollege Pöllaths, der inzwischen dessen Nachfolge in der Kanzlei angetreten hat, und der frühere Sicherheitschef und Ex-Lebenspartner einer Tochter sollen geholfen haben, Steuern zu sparen.
Die Augsburger Fahnder rechneten damit, inklusive Zinsen mindestens 440 Millionen Euro einfordern zu können. Doch die aufwendigen Ermittlungen verloren sich teilweise in einem Knäuel ausländischer Konten und Firmensitze, Belege sind angeblich unauffindbar, werden von Offshore-Staaten nicht übermittelt oder von der Familie im Ausland verwahrt. So kommen die Engelhorns wohl glimpflich davon: Die bayerische Justiz will die Sache noch in diesem Monat mit einem Deal beenden.
Die Vermögensverhältnisse des Engelhorn-Clans – inklusive Dutzender Trusts und Firmen in Europa und Mittelamerika, mit denen der Vater seinen Reichtum verwaltet – sind nicht leicht zu entwirren. Dem SPIEGEL sagte Engelhorn 1997, solch ein System werde gern als Mittel der Steuerhinterziehung gedeutet. "In Wahrheit ist es ein lebendes Testament."
Zur Altersvorsorge des Patriarchen gehörte es bereits, den Firmensitz der Holding Corange Ltd., der Muttergesellschaft des Pharmariesen Boehringer Mannheim, in Hamilton auf den Bermudainseln anzusiedeln. Dort hatte er schon einen Wohnsitz. Curt Engelhorn hielt an Corange Ltd. 42 Prozent. Nach dem Verkauf an Roche blieben ihm rund 4,6 Milliarden Dollar.
Der gebürtige Münchner behauptet in Interviews gern, er ziehe ein Leben jenseits von Luxus vor, "ohne Jachten und all die Sachen". Die Familie neige "eher zum Geiz". Auf der Liste der reichsten Deutschen des "Manager Magazins" stand sie 2015 mit 3,2 Milliarden Euro auf Platz 37.
Wahrscheinlich ist es Ansichtssache, wo Geiz endet und Luxus beginnt. Der "schillernde Curt", wie ihn Freunde nennen, leistete sich als Zweitwohnsitz die Bermudainsel Five Star Island. Die legendären Feste, die Ehefrau Heidi arrangierte und auf denen die Damen mit Handkuss begrüßt wurden, wirkten wenig bescheiden.
Zum 80. Geburtstag des Familienoberhaupts im Frühjahr 2006 wurden Gäste aus dem In- und Ausland in die Münchner Residenz geladen, in der Allerheiligen-Hofkirche sang der Chor der Staatsoper. Tag zwei des Jubiläums begann im Barockgarten des Schlosses Schleißheim, wieder floss der Champagner, auf blau beleuchteten Eiswürfeln wurde Kaviar serviert. Bei Einbruch der Dunkelheit ließ die Familie Vater Curt mit einem Feuerwerk hochleben, zum Ausklang sang Elton John im Park.
Auch die Gäste wurden beschenkt: mit der druckfrischen, 300 Seiten starken Autobiografie des Jubilars, Titel: "Hefe im Teig".
Darin äußert sich der Milliardär über "große Ausschüttungen" an seine Kinder. Für die Augsburger Steuerfahnder sollte diese Passage auf Seite 263 Jahre später überaus interessant werden, nachdem sich die Finanzbehörden in Deutschlang lange nicht mit Curt Engelhorn beschäftigt hatten: Seine Wohnsitze lagen im Ausland.
Engelhorn pendelte zwischen Bermuda und der Schweiz, dazu gab es eine viktorianische Villa in London und ein Luxusappartement in New York. Nach der Hochzeit mit Heidi erwarb der Trust Homestead Settlement für das Paar das Anwesen La Fiorentina am Cap Ferrat, Ehefrau Heidi nannte es "Curt's Folly", eines der schönsten Prachtschlösser an der Côte d'Azur.
Die Schwierigkeiten begannen für den Engelhorn-Clan mit dem Kauf einer Steuer-CD mit Daten der Schweizer Merrill Lynch Bank durch das Land Nordrhein-Westfalen 2012. Es fanden sich Konten der New Corange Ltd., Portfolionummern 424 609 und 428 329, mit mehr als zehn Millionen Dollar. Verfügungsberechtigt waren Curt Engelhorn, seine Frau Heidi und die beiden jüngsten Töchter. Bei der New Corange soll ein Teil der Summe gelandet sein, die Engelhorn beim Verkauf des Konzerns erhalten hatte.
Den Steuerfahndern in Aachen blieb verborgen, wem der vier Berechtigten wie viele Prozent der Millionen gehörten. Die Daten wurden nach Augsburg übermittelt, an die zuständige Steuerfahndungsstelle für Reichling bei Landsberg: den Sitz jenes Gestüts, das Vater Curt den Töchtern geschenkt haben soll. Der Fall galt zunächst als wenig brisant. Dennoch machte sich dort ein Ermittler die Mühe, in alten Unterlagen zu suchen, und stieß auf Briefwechsel eines Anwalts der Familie mit dem Finanzamt.
Der Jurist hatte 1998 befürchtet, beim Kauf des Gestüts Classic S Ranch und der Villa am See durch die Engelhorn-Trusts könnte es sich um Geschenke an die Töchter handeln, die nicht versteuert worden waren. Von dem Bekenntnis des Kollegen aufgeschreckt, hatte sich Pöllath, inzwischen Miteigentümer der Ranch, wenig später an das Amt gewandt, um "Unregelmäßigkeiten" im Zusammenhang mit dem Gestüt zu bereinigen. Das Ganze sei, soll Pöllath vorgetragen haben, keine böse Absicht gewesen.
Immerhin wurden für Zuwendungen der Mutter an die ältere Tochter im Jahr 2000 rund 70 000 D-Mark Schenkungsteuer gezahlt.
Für die Zukunft einigte man sich auf eine Jahres-Sammelschätzung. Allein: Die Schätzung blieb in den folgenden Jahren aus. Das fiel niemandem auf, weil dem Finanzamt die dafür erforderliche Software fehlte. Doch der aufmerksame Steuerfahnder, der auf den Briefwechsel gestoßen war, und seine Kollegen machten nun Ernst. Sie kamen in einer Hochrechnung auf rund 440 Millionen hinterzogene Steuern. Das war eine Hochrechnung, nicht mehr, nicht weniger; sie reichte jedenfalls für Durchsuchungsbeschlüsse und Haftbefehle aus.
Am 8. Oktober 2013 um neun Uhr trafen 18 Beamte beim Gestüt am Lech ein. Gleichzeitig gab es Razzien im nahen Haus des Sicherheitschefs, an zwei Adressen von Pöllaths früherer Kanzlei P+P und bei der SOCIO Verwaltungsgesellschaft in der Münchner Innenstadt, zudem in Pöllaths Wohnungen in München und Hamburg sowie in der Villa am Starnberger See. Die Ermittler beschlagnahmten an diesem Tag zahlreiche Beweismittel, später zählten sie insgesamt 750 Asservate.
Auf der Ranch trafen die Ermittler nur den Verwalter und die Hausdame an. Die ältere Tochter befand sich auf Einkaufstour in München und eilte dort ebenso wie ihre jüngere Schwester in die Kanzlei des Steuerrechtsanwalts Jörg Weigell. Wenig später wurden beide dort festgenommen.
Ein Augsburger Ermittlungsrichter ließ die ältere Tochter in die Haftanstalt Stadelheim bringen; die andere Tochter, die ihre beiden kleinen Kinder bei sich hatte, kam zur Untersuchungshaft in das Mutter-Kind-Haus Aichach. Dort durfte sie ihr Ehemann kurzfristig besuchen, Justizbeamte schilderten später, das Paar sei von einem langen Abschied ausgegangen, womöglich von "mehreren Jahren".
In Hamburg stoppte die Nachricht von den Razzien den Anwalt Pöllath am Flughafen, er ging zurück in seine Wohnung und erreichte nach seiner Festnahme immerhin eine schnelle Verlegung nach München.
Doch das prominente Trio konnte die Zellen rasch wieder verlassen. Ein knappes Dutzend renommierter Verteidiger legte der Augsburger Staatsanwaltschaft lange Listen mit Argumenten vor, die gegen eine Haft sprachen, jeweils bezeichnet als "Entwurf" einer Haftbeschwerde. Darin verneinte etwa der Verteidiger der älteren Tochter eine Fluchtgefahr, unter anderem weil seine Mandantin unter panischer Flugangst leide und hundert Fische, vier Hunde und fünf Ziegen zu versorgen habe.
Außerdem suchten sie nach Schwächen in den Haftbefehlen. Den Ermittlern waren tatsächlich Fehler unterlaufen. So hatten sie als Fall von Steuerhinterziehung auch die halbe Karibikinsel Five Star Island aufgelistet, welche die jüngere Tochter auf einem rauschenden Hochzeitsfest von Vater Curt bekommen hatte. Doch diese Immobilienübertragung war dem Finanzamt mitgeteilt worden, ein Tatverdacht bestand deshalb nicht.
Am 17. Oktober 2013 erreichten die "Entwürfe" der Verteidiger den Augsburger Leitenden Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Nach neun Tagen Haft ließ er, ohne Auflagen und ohne die Ermittler zu informieren, alle drei Beschuldigten frei – eine riskante Entscheidung, wie sich rasch zeigte. Die Töchter reisten sofort in die Schweiz und gaben bald darauf die deutsche Staatsbürgerschaft auf.
Die Ermittler entdeckten in den beschlagnahmten Akten unter anderem Hinweise darauf, wie Steuervorteile in diversen Ländern genutzt wurden. Es existieren Trusts etwa in Bermuda, Spanien und den Niederlanden. Beispielsweise soll Heidis Sohn von den Erträgen einer Trustgruppe profitieren, welche die Villa La Fiorentina hält, eingerichtet mit 70 Millionen Euro. Die beiden jüngsten Töchter wiederum sollen "nachrangig Begünstigte" zweier ausländischer Trusts sein, die mit jeweils 35 Millionen ausgestattet sind.
Die Konstruktionen sind schwer durchschaubar und rechtlich oft umstritten. Die Fahnder waren zunächst überzeugt, dass beide Töchter größere Zuwendungen erhalten hatten – und wiederum ihrer Mutter Anne Millionen zukommen ließen. Der Generalbevollmächtigte zweier Trusts, Pöllath, habe sich dazu eines Treuhänders bedient, der die Summen zum Teil auf ein "Durchschleusekonto" der Mutter bei der UBS Bank Zürich überwiesen habe. Von dort sollen sie auf Konten in München gegangen sein.
Mehrere Millionen Euro seien unter den Codenamen "Erde" und "Mond" abgerufen worden – damit die Beschenkte wusste, welche der beiden Töchter jeweils die Summe spendiert hatte.
In einem Interview mit Curt Engelhorn von 2007 lasen Fahnder zudem, es habe bereits großzügige Zahlungen an die älteren Kinder gegeben: an den Sohn in Spanien und an zwei Töchter in den USA. Sie sollen, wie Medien damals berichteten, mit jeweils bis zu 450 Millionen Euro abgefunden worden sein.
Seither hegt die Augsburger Steuerfahndung den Verdacht, die Summe für die beiden Lieblingstöchter des Milliardärs dürfte kaum geringer ausgefallen sein. Beweise fand man nicht. Die wichtigsten Unterlagen könnten sich im Family Office des Clans in Monaco befinden.
Immerhin fanden die Ermittler bei den Durchsuchungen ein Dokument, wonach die beiden Töchter zusammen rund 383 Millionen Euro aus dem Vermögen des Vaters erhalten sollten. Diesen Schluss legt eine aufgefundene "Pflichtteilsverzichterklärung" sehr nahe. Die Ermittler stießen zudem auf ein schriftliches Versprechen von Vater Curt Engelhorn aus dem Jahr 2010: 180 Tage nach seinem Tod solle die ältere Tochter gut 230 Millionen und die jüngere rund 220 Millionen Euro erhalten.
Die Steuerfahnder rechneten diese und weitere Beträge zusammen und kamen damit – für jede der beiden Töchter – ungefähr auf jene Summe von 450 Millionen Euro, die an die älteren Kinder geflossen sein soll.
Die Ermittler glauben: Auch die jüngsten beiden Töchter haben die Millionen längst erhalten. Sie seien nur auf dem Papier als Erbe deklariert, um keine Steuern zahlen zu müssen: Mit der Aufgabe der deutschen Staatsbürgerschaft könnten die Töchter nun den Vorteil genießen, den künftigen Nachlass steuerfrei zu behalten.
Den Durchsuchungen im Oktober 2013 folgten zähe Verhandlungen mit bis zu 18 Verteidigern, Termine mussten wegen Krankheiten und Urlaub verschoben werden. Im Mai 2015 sollen Curt Engelhorns Anwälte das Angebot gemacht haben, ihr Mandant sei auch angesichts seines fortgeschrittenen Alters bereit, eine stattliche Summe nachzuzahlen.
Im Sommer machte das Landesamt für Steuern – die Behörde ist den Finanzämtern übergeordnet – einen Vorschlag: Man gebe sich mit dem Zugeständnis zufrieden, jede Tochter habe 100 Millionen Euro erhalten. Also weit weniger als jene 440 Millionen Euro, von denen die Fahnder ausgegangen waren.
Kurz vor Weihnachten wurden zwischen allen Parteien vier "tatsächliche Verständigungen" niedergeschrieben. Die Bedingung der Anwälte für ihre Einwilligung lautete: Niemand geht ins Gefängnis. Dafür lieferten sie das Geständnis, noch vor 2003 habe jede Tochter 108 Millionen Euro erhalten und inklusive Zinsen eine Schenkungsteuerschuld von je 56,9 Millionen Euro angehäuft. Dazu kommen einmal 13 und einmal 16 Millionen aus nicht angemeldeten Kapitalerträgen und Schenkungsteuer für das Geld an Mutter Anne. Insgesamt fast 145 Millionen Euro sollen so geräuschlos und rasch an die Finanzbehörden fließen.
Erledigt wären damit auch etwaige Steuern für einen Großteil der jahrelangen Millioneneinkünfte der Töchter, etwa aus Trusts oder dem Gestüt. Über die Trusts hätten die Töchter keine Verfügungsgewalt, argumentierten die Anwälte, und die Ranch gelte als Liebhaberei.
Das Finanzamt erklärt in den "Verständigungen" kleinlaut, es habe sich herausgestellt, dass "ein Fall der erschwerten Sachverhaltsermittlung" vorliege. Am Ende scheute offenbar der Freistaat eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der vermögenden Familie. Man befürchtete, die Prozesskosten könnten sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen.
Dafür muss nun alles schnell zu Ende gehen. In den nächsten Tagen soll ein Richter die mit der Generalstaatsanwaltschaft abgestimmten Strafbefehle an den Verteidiger der älteren Tochter, Rainer Spatscheck, faxen. Die Töchter erhalten jeweils eine Geldstrafe in Höhe von 720 Tagessätzen à 3000 Euro. Das Geld soll von Spatscheck zusammen mit zweimal 50 Millionen Vorauszahlung auf die Steuerschuld per Blitztransfer bezahlt werden.
Anwalt Pöllath soll einen Strafbefehl wegen nicht gezahlter Umsatzsteuer erhalten. Keiner der Beschuldigten wollte sich gegenüber dem SPIEGEL zu den Vorwürfen äußern.
Curt Engelhorn hatte vermutlich in seiner Biografie schon die richtigen Worte gefunden. Als hätte er geahnt, was noch auf ihn oder seine Familie zukommt, schrieb er damals: "Möglicherweise ist meine Lebensgeschichte ein Wirtschaftskrimi."
Von Conny Neumann und Peter Richter

DER SPIEGEL 4/2016
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