23.01.2016

NächstenliebeAuge um Auge

Zweimal im Jahr fährt ein marokkanischer Arzt übers Land, um Patienten mit grauem Star zu operieren. Der Eingriff ist kurz, ein deutsches Netzwerk hilft mit Geld und Kunst, es ist eine Geschichte vom Gelingen – und doch kein Märchen. Von Fiona Ehlers
Es ist ein Augenblick, unvergesslich, der Moment, in dem es wieder Licht wird, in dem, ganz behutsam, der Doktor das Pflaster vom Auge zieht. Sein Patient, der Schaffellgerber und Gelegenheitssänger Omar Banni, 81 Jahre alt, einer von vielen, blinzelt. Er kehrt gerade zurück in eine Welt ohne Nebel und Unschärfen. Es ist wie bei taub geborenen Babys, die dank eines Implantats zum ersten Mal hören: Sie lachen. Omar Banni lacht.
"Alhamdulillah", ruft er, Gott sei es gedankt. Der Doktor hat seinen grauen Star operiert, an dem Banni fast erblindet wäre, er hat ihm das Augenlicht zurückgegeben. Die Operation ist keine große Sache, eigentlich, sie ist nicht einmal besonders teuer. Aber für Omar Banni, den alten Gerber, acht Kinder, noch viel mehr Enkel, ist es eine Erschütterung: Er springt vom Krankenbett auf und umarmt den Doktor, einen Hünen im weißen Kittel, er drückt den Kopf an dessen Brust und spricht unter Tränen aus seinen neuen Augen – von einem Wunder. Alhamdulillah.
Das Erste, das jeder Patient nach der Operation sieht, ist er, der Doktor: Abderrahmane Raiss, 50 Jahre alt, ein Mann von mächtiger Gestalt, Typ gutmütiger Schwergewichtsboxer, mit einem Gesicht, in dem immer ein großes Lachen steckt, dazu Hände wie Pranken, eine breite Brust. Doktor Raiss ist ein Mann mit zwei Leben.
"Schuf?", fragt er die Armen, die Schaffellgerber und Korbflechter, die Töpfer und Bauarbeiter, die er kostenlos am grauen Star operiert. "Schuf?", das heißt so viel wie: Siehst du? Und die Antwort lautet immer: Ja. In seinem anderen Leben macht der Doktor Geld, indem er reichen Privatpatienten die Hornhaut dioptriefrei lasert, mit ultrakurzen Lichtimpulsen. Raiss ist als Augenarzt eine Koryphäe.
Aus ganz Afrika kommen sie in seine Klinik in Casablanca, edle Steinböden, Blumengebinde, Massagesessel, zehn Angestellte, nur die wenigsten Augenkranken können sich einen Besuch leisten, in Marokko nur eine winzige Oberschicht. Deshalb zieht Doktor Raiss zweimal im Jahr mit einer medizinischen Karawane übers Land, um auch den mittellosen Marokkanern zu helfen. Es ist, in dieser Zeit, in dieser Weltlage, in dieser Weltgegend, eine andere Geschichte. Eine Geschichte nicht über das Scheitern, sondern über das Gelingen. Und trotzdem kein Märchen.
Seit fünf Jahren fährt Doktor Raiss mit einem alten Campingmobil voller Medikamente und Mikroskope die Küste ab, fährt hinauf nach Ouarzazate im Atlasgebirge oder in die Oasenstadt Zagora am Rande der Sahara – und operiert unentgeltlich augenkranke Menschen.
Es ist eine Karawane des Lichts, eine Art mobiles Einsatzkommando mit internationaler Beteiligung, das sich da auf den Weg macht. Ein pensionierter Lastwagenfahrer aus Montpellier sitzt am Steuer, jahrzehntelang hat er Waren durch Europa gekarrt, alles, von der Tomate bis zum Sarg, jetzt fährt er das mehrere Hundert Kilogramm schwere Mikroskop von Carl Zeiss aus Jena, Germany, durch Marokko. Doktor Raiss und seine Krankenschwestern folgen in Geländewagen, im Gepäck Plastiklinsen von Eagle Optics aus Mumbai, Indien.
Es geht diesmal zu den Kunsthandwerkern in die Medina von Marrakesch, die Altstadt, ein deutscher Fotograf ist dabei; auch er wird Teil des Projekts und gehört zur Geschichte des Gelingens, Thomas Rusch, 53 Jahre alt, ein zierlicher Mann mit großen, runden Augen, normalerweise fotografiert er Models in Modekleidung oder nackt.
Auch Rusch hat ein anderes, erstes Leben neben diesem zweiten, er arbeitet als Porträtfotograf und für die Werbung, setzt manchmal Produkte in Szene, manchmal Politiker; sein Beitrag zur Blindenmission des Doktor Raiss: Rusch fotografiert die am grauen Star erkrankten Patienten, fertigt aufwendige, anrührende Porträts von ihnen an, die in Deutschland ausgestellt und verkauft werden. Und mit dem Erlös, 460 Euro pro Bild, werden die vielen Operationen an den Augen mitfinanziert; es soll ein Modell sein.
Fotograf Rusch und beteiligte Stiftungen glauben daran, Ähnliches für andere Krankheiten und Weltprobleme auf die Beine zu stellen, Hilfe zu organisieren, wirklich unbürokratisch, für Menschen, die nicht lesen und schreiben können, für Minenopfer, für Kriegsversehrte, für Menschen mit Gaumenspalten. Die Liste der Gebrechen und Probleme, die schnell und einfach behoben werden könnten, ist lang.

Weit aufgesperrt ist das Auge der Tänzerin. Klammern, die Wimpernzangen ähneln, ziehen ihre Lider auseinander, ihr Kopf ist mangels Stütze mit Kreppband an der Liege festgeklebt, es wird im Folgenden um Mikrometer gehen. Malika Benchouchou, eine Dame Mitte sechzig, des traditionellen Bauchtanzes mit dem ausladenden Hüftschwung mächtig, spürt nichts. Mit einer Spritze wurde ihr linkes Auge betäubt, sie merkt nur den grellen Lichtstrahl.
In einem ärmlichen Operationssaal beugt sich Doktor Raiss in Marrakesch über sie, rechts neben ihm das OP-Besteck, ein mobiler Monitor, der die Herztöne der Tänzerin als wellenförmige Linien zeichnet, und ein Laptop, aus dem in voller Lautstärke das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dröhnt, ein altes YouTube-Video.
Als der Walzer "An der schönen blauen Donau" erklingt, dirigiert von Daniel Barenboim, ruft in Marrakesch der Doktor Raiss "Jalla!", auf geht's, und dirigiert seinerseits mit nacktem Fuß das Pedal seines großen Mikroskops aus Jena. Ritzt mit einem Skalpell flink drei Löcher in die Hornhaut der Madame Benchouchou, zerteilt die trübe, altersschwache Linse in vier Teile, saugt sie ab durch einen klitzekleinen Schlauch und bringt dann die künstliche Linse aus Indien in den Augapfel der Tänzerin, farblos, um die zehn Euro wert, man erkennt sie kaum auf dem zehnfach vergrößerten Monitorbild über Raiss' Kopf.
Und während sie im Laptop, in Wien, bei Barenboim "Prosit Neujahr" rufen, stehen dem Doktor Schweißperlen auf der Stirn. Es war sein 14. Auge heute, auf 25 wird er es bringen an diesem einen Tag. Das Auge der Bauchtänzerin braucht jetzt Ruhe, es verschwindet unter einem dicken Pflaster und bleibt bis auf Weiteres geschlossen.
Grauer Star ist eine Volkskrankheit. Weltweit, schätzt die Weltgesundheitsorganisation, sind 20 Millionen Menschen durch sie erblindet, die meisten leben in Entwicklungsländern. Das Leiden ist erblich und meistens altersbedingt. Weitere Ursachen sind schlechte Ernährung oder zu viel Sonne.
Die Krankheit, auch Katarakt genannt, ist mit bloßem Auge erkennbar: hellgraue Schlieren werden sichtbar, die Linse hinter der Pupille trübt sich ein. Der Kranke sieht die Welt nur noch wie durch ein ungeputztes Fenster und bemerkt das unter Umständen erst spät, weil er Analphabet ist. Wird er nicht operiert, verliert er sein Augenlicht und mit dem Augenlicht seine Arbeit, und dann kann er die Familie nicht mehr ernähren; diese Geschichten ereignen sich in ärmeren Weltgegenden oft, viel zu oft.
In Deutschland ist der graue Star meist ein Leiden des Alters und ambulant zu operieren. Ein Routineeingriff, zehn Minuten, bei dem die altersschwache Linse durch eine künstliche ersetzt wird. In Deutschland ist es einer der häufigsten Gründe für eine Operation am menschlichen Körper, die Krankenkassen übernehmen meist die Kosten.
Woanders sieht das anders aus: Weltweit leben schätzungsweise 40 Millionen Blinde, alle paar Sekunden verliert ein Mensch sein Augenlicht. Und jeder zweite wird blind durch Katarakt, hätte also rechtzeitig geheilt werden können.
Doktor Raiss will Teil der Lösung dieses Problems sein, dafür lässt er zweimal im Jahr seine Frau, selbst Augenärztin, und seine drei Kinder allein, die vornehme Praxis nahe der von Palmen gesäumten Strandpromenade von Casablanca muss dann ohne ihn funktionieren. 90 000 Menschen müssten Marokkos Augenärzte im Jahr operieren, um die Krankheit im Land zu besiegen. Sie schaffen gut die Hälfte, und Raiss ist der einzige, der mit Equipment und Personal die Elendsviertel um Rabat, Fès und Marrakesch besucht und in entlegene Dörfer in den Bergen und in der Wüste reist.
Als er zum ersten Mal aufbrach, in die Oasenstadt Zagora, standen Tausende Berber, unter ihnen auch Nomaden, vor seinem notdürftig aufgestellten Operationszelt Schlange, um sich operieren zu lassen. Er konnte nur einem Bruchteil von ihnen helfen. Diese Not in Zagora, seine eigene Hilflosigkeit damals, ließen ihn schwören, zurückzukehren und immer wieder zu operieren, bis am Ende alle geheilt sind, die Hilfe brauchen.
Die Arbeit habe ihn demütiger werden lassen, sagt Doktor Raiss, aber auch zufriedener mit dem Leben. Gleichzeitig hat ihn die Arbeit zum Pragmatiker gemacht. "Zwei Marokkaner mit einem Auge", erklärt er seinen Patienten jedes Mal, "sehen mehr als ein Marokkaner mit zwei Augen", deshalb operiere er jeweils nur ein Auge. So könne er doppelt so vielen Menschen helfen.
Raiss' Karawane erreicht Marrakesch, hier kommt Maha Elmadi ins Spiel, die den Doktor kennenlernte, als er ihr mit dem Laser die Augen schärfte. In der Medina, dem Zentrum der alten Königsstadt, kennt jedes Kind diese selbstbewusste Frau von 44 Jahren in ihrer wallenden Dschellaba. Wo Elmadi aufwuchs, in der Medina mit ihren Moscheen, Basaren und dem berühmten Dschamaa al-Fana, dem Platz der Gaukler, ist Marrakesch noch nicht ganz zum orientalischen Themenpark verkommen, hier sitzen noch echte Handwerker in Holzverschlägen entlang den Gassen und fertigen traditionelles Kunsthandwerk.
Damit das so bleibt, leitet sie, Maha Elmadi, stolz und schön und verheiratet mit einem Polizisten in der Leibgarde der Königsmutter, das Storchenhaus, einen alten Werkhof mit offenem Dach. Sie hat daraus das Sozialzentrum Dar Bellarj gemacht, eine Art Fortbildungsstätte. Bei ihren Werkstattbesuchen in der Altstadt von Marrakesch war sie es, die als Erste die Schlieren in den Augen der Schneider, Weber, Silberschmiede erkannte.
Also stellte Maha Elmadi den Kontakt her zwischen Doktor Raiss' Stiftung "Albassar" und der deutschen Stiftung "Abury", die einerseits marokkanische Handwerker unterstützt und andererseits Handtaschen im Berberstil in der Berliner Kastanienallee verkauft – und die bald den Fotografen Rusch mit ins Spiel brachte.
Bald kam der Doktor zur Visite und wählte drei Tage lang seine Patienten aus. Untersuchte sie mit seinen Spaltlampen, sah sofort, ob sie am grauen Star litten, und hämmerte, falls das so war, einen Stempel in ihre Krankenakte: "On doit opérer", muss operiert werden.
Ein paar Monate später kehrte Doktor Raiss zurück, wieder unterwegs mit seiner Karawane, und operierte im schmuddeligen Krankenhaus nebenan. 90 Handwerker würde er an drei Tagen heilen, und Maha Elmadi tätschelte Patienten, trocknete Tränen, sie kannte jeden Einzelnen mit Namen und sprach ihnen Mut zu. Auch sie gehört in diese Geschichte vom Gelingen, von Menschen, die Zeit, Kraft und Talent einsetzen, um zu helfen, um Gemeinschaft zu stiften, um eine Gesellschaft am Laufen zu halten; der eine als Arzt, der operiert, der andere als Fotograf, der Bilder macht, die Dritte als Mitbürgerin, die sich kümmert und die hervorragend kommunizieren kann.
Nachmittags, als die Crew operierte, führte Maha Elmadi durch ihr Viertel, durch schummrige Gassen, in denen sich die Hitze staute. An der Hutmacherin vorbei, die schon kurz nach ihrer eigenen Augenoperation wieder unterm Sonnenschirm saß und Stroh flocht, als wäre nichts gewesen.
Im Basar schaufelten Gewürzhändler Zimt und Kardamom, Kreuzkümmel und orangefarbenen Safran zu appetitlichen Pyramiden, und in den Cafés zielten Kellner in hohem Bogen den Minztee aus silbernen Kannen in kleine Gläser. Maha Elmadi kennt das alles, seit ihrer Kindheit, beim Spaziergang im vergangenen Jahr sah sie Verfall und Künstlichkeit.
Das neue, glitzernde Marrakesch macht sich breit in der alten, echten, mittelalterlichen Welt rund um die Altstadt. Protzige Araber und Partyvolk aus Europa rücken der Medina gefährlich nahe, Letztere sind die Kinder der Hippies, die in den Siebzigerjahren schon diese Stadt heimsuchten. Und mit ihnen kommen Wellnesstempel für Westler, Shoppingcenter, Stretchlimousinen, das Klicken von Kameras, das Klackern der Rollkoffer.
Die Medina ist zum Ziel der globalen Touristenströme geworden, und auf dem Weg durch die Gassen kann man sich fragen, was echter ist: der als Schlangenbeschwörer verkleidete Anglistikstudent oder der chinesische Plunder, um dessen Preis er feilscht.
Touristen ersetzen Einwohner, Airbnb-Kunden verdrängen Eingesessene, und die Handwerker haben bald niemanden mehr, dem sie ihre Fertigkeiten vererben könnten. "Cataracte morale" nennt Maha Elmadi dieses Phänomen, Doktor Raiss und sie wollen dagegen kämpfen.
Maha bog ein ins alte Gerberviertel, den Wirkungsort von Omar Banni, dem der Doktor am Morgen den Verband vom Auge gezogen hatte. Männer standen knöcheltief in Farbpfützen, blau, gelb, rot, in denen sie die Schaffelle erst gerben, dann färben. Jeden Tag, 60 Jahre lang, stand hier auch Omar Banni, die bloßen Füße umspült von ätzender Säure. Heute steht da sein Sohn, immerhin in Gummistiefeln, aber es stinkt immer noch bestialisch. Und der Alte kommt noch täglich vorbei und bellt Befehle, wie sie die Pantoffeln zu färben haben, die Gürtel und die Sofakissen.
Bannis Haus liegt nicht weit von hier, ein Haus voller Andenken an die Zeit, als er mit einem bekannten Folkloreorchester durch die Lande zog. Er spielte die Oud, die traditionelle, dickbauchige Laute, und sang dazu. Seine Stimme ist immer noch voll, und seine Augen sind wieder klar, dank Doktor Raiss. Er kann sie wiedersehen, die Frau, mit der er seit 62 Jahren verheiratet ist, eine Marokkanerin mit breiten Hüften und noch breiterem Lachen, er nennt sie bis heute "ma gazelle".
Es gibt ein Foto von Omar Banni, es hängt jetzt in einem Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg. Es zeigt einen Mann mit bestickter Gebetskappe, vollen Lippen, dunkler Haut und einem dunklen Fleck auf der Stirn vom vielen Beten auf dem Boden der Moschee. Das Bild hält einen kurzen intimen Moment fest, den Anflug eines Lächelns, es ist eines der schönsten Porträts aus der marokkanischen Serie von Thomas Rusch. Das Foto entstand im Storchenhaus von Maha Elmadi, bei der Voruntersuchung zur Augenoperation. Rusch setzte die Patienten vor einen schwarzen Hintergrund, redete mit ihnen und sie mit ihm – obwohl keiner des anderen Sprache verstand.
Der Fotograf tat, was er am besten kann, er brachte sie dazu, sich zu öffnen, wartete den besten Moment ab und drückte auf den Auslöser. So rang er dem strengen Imam ein Lächeln ab, ließ die zehnjährige Firdaus eine Augenbraue hochziehen, entlockte dem Gesicht des 50-jährigen Metallarbeiters das verschmitzte Grinsen.
So entstanden 88 frontale Close-ups, fotografiert mit einer Kleinbildkamera, schöne, menschliche Momente, die so anders sind als lange arrangierte Begegnungen mit Schauspielern und Politikern, sagt Rusch, das Projekt mit dem Augenarzt habe auch sein Leben verändert. Es habe ihm geholfen, Prioritäten neu zu setzen, Perspektiven zu verändern, besser zu sehen.
Was ihn am meisten fasziniere an "Portraid", sagt der Fotograf, sei die Einfachheit der Idee. Jeder, dem er von ihr erzähle, verstehe sofort, worum es gehe und wie es funktioniere – und auch, warum Rusch seinen Jahresurlaub dafür drangibt. Dass Menschen helfen, einfach weil sie etwas können, das andere brauchen. Entwicklungshilfe, von Mensch zu Mensch.
Ruschs Bilder hingen eine Zeit lang in der marokkanischen Botschaft nahe dem Berliner Gendarmenmarkt, 88 Fotografien, 40 mal 60 Zentimeter groß, in schwarzen Rahmen, beleuchtet von oben wie in einer Galerie. Die Ausstellung der Abury-Stiftung war ein Erfolg, aber vor allem erfüllte sie ihren Zweck – alle Porträts wurden verkauft, alle Marokkaner konnten vom Erlös operiert werden, und damit hatte erst niemand gerechnet.
Auch das Porträt von Malika Benchouchou, der alten Tänzerin mit der indigoblauen Berbertätowierung zwischen den Augenbrauen, hing in Berlin. Bei seiner Tour nach Marrakesch operierte Doktor Raiss sie als Letzte, sie leidet obendrein an schwerer Diabetes, das machte den Eingriff kompliziert. Ihren Sohn hatte sie nicht um Erlaubnis gefragt, er hätte sie ihr nicht gegeben, aus Sorge, dass sie den Eingriff womöglich nicht übersteht. Aber Benchouchou wollte wieder scharf sehen, und sie hat einen Dickkopf, von jeher.
Alles ging gut, mit dem Pflaster noch, aber erleichtert ließ sie sich nach der OP in ihr windschiefes Haus begleiten, zeigte Fotos von damals, als sie auf Hochzeiten und Festen die Hüften schwang, stets hochgeschlossen in Taft und Seide, und mit den anderen Frauen in den hohen Gesang der flirrenden Zungen einstimmte.
Ihre Enkelin, eine Hebamme, kam vorbei, eine verschleierte junge Frau mit Brille und ernstem Blick. Sie hat die alten Berberbräuche stets abgelehnt. Wenn ihre Großmutter tanzt, findet sie das unanständig. Keine junge Frau, sagte sie, die Enkelin, würde heute so leben wollen.
Als sie von der Operation erfuhr, als sie verstand, dass ihre Großmutter bald wieder gestochen scharf sehen kann, als sie hörte, dass das Porträt der Alten nun bei einem Berliner Autor in der Wohnung hängt und wie viel Geld der dafür bezahlt hat, schnaubte sie verächtlich und ärgerte sich, nicht eingeweiht gewesen zu sein.
Aber dann lächelte sie doch.
Doktor Raiss war längst zurück in Casablanca. Mittagspause an der Strandpromenade am Fuß der Hassan-II.-Moschee. Die Menschen saßen wie immer am Wasser mit Sonnenbrille und pickten Meeresfrüchte von silbernen Tabletts.
Raiss sah wortlos den Wellen zu, die sich am Strand brachen. Er kommt täglich her, zum Schweigen, zum Nachdenken. Er sagt, er brauche den Atlantik, um seine Augen zu entspannen und gedanklich die nächste Karawane zu planen. Sie wird ihn wieder in die Oasenstadt Zagora führen, wo alles begann, wo die Arbeit noch lange nicht erledigt ist. ■

"Siehst du?", fragt der Doktor. Die Antwort heißt: Ja.

Die Porträts der Patienten schmücken Altbauten in Berlin.

Menschen helfen, weil sie können, was andere brauchen.

Über die Autorin

Fiona Ehlers, Jahrgang 1970, wich dem marokkanischen Augenarzt Abderrahmane Raiss drei Tage lang nicht von der Seite, als er 88 Patienten mit grauem Star operierte, ihnen das Pflaster vom Auge zog und sie wieder scharf sehen konnten. "Die Freudenschreie, ihre Gebete und ihr Lachen", so Ehlers, "werde ich nie vergessen."
Die gezeigten Porträts entstammen der Fotoserie, die der Hamburger Fotograf Thomas Rusch von Patienten vor deren Operation gemacht hat. Die Fotos wurden in Deutschland verkauft, der Erlös wird für die Finanzierung der OP-Karawane verwendet.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 4/2016
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