23.01.2016

ItalienIm Bauch von Neapel

Noch immer kämpft die Stadt am Vesuv gegen die Camorra: Dutzende Menschen starben vergangenes Jahr im Bandenkrieg. Ein Besuch im Problemviertel Sanità.
Bis hinab ins Reich des Todes sind es zwölf Sekunden. Vom Stadtteil Santa Teresa aus rauscht der Fahrstuhl hinunter ins Viertel Sanità.
"Ghetto" nennen die Bewohner von Neapel ihren zwischen Tuffsteinfelsen am Rand der Altstadt eingekeilten Bezirk. Schon zu vorchristlicher Zeit wurden hier Tote bestattet, in Katakomben und Grotten. Später kamen Zehntausende Opfer von Pest und Cholera in der Nekropole am Hügel unter. Ihre Schädel und Gebeine, säuberlich in einer Gruft gestapelt, zählen zu den Sehenswürdigkeiten des Viertels.
Für die Toten der Gegenwart, Opfer des Bandenkriegs der Camorra vor allem, wurde ein stillerer Ort gefunden: ein Verschlag im linken Kirchenschiff der Basilika Santa Maria della Sanità. Darin ruhen nun, im Tod vereint: "Pierino" Esposito, Camorra-Chef des Viertels, erschossen und verblutet vor der Kirche am 14. November 2015. Sein Sohn Ciro Esposito, hingerichtet am 7. Januar 2015. Und Gennaro Cesarano, am 6. September 2015 im Alter von 17 Jahren vor der Basilika ermordet. Ein Grabstein auf der Piazza, dem Jungen gewidmet, trägt die Inschrift: "Unschuldiges Opfer".
Ob schuldig oder nicht, Friede ihrer Asche, sagt Don Antonio Loffredo und steckt sich eine Marlboro an. Er ist Priester in Sanità seit 15 Jahren, einer von dem Schlag, der Papst Franziskus gefällt: ein Hirte, der nach seiner Herde riecht. Don Antonio unterteilt die Welt nicht in Gut und Böse; eher in Arm und Reich, in unten und oben. Befragt, wie die Camorra zu bekämpfen sei, sagt er zornig: "Wir Priester in den schwierigen Vierteln sind es leid, dass man uns auf dieses Thema reduziert. Was zählen denn schon die Straftaten hier bei uns, gemessen an denen, die in Montecitorio – im Parlament zu Rom – begangen werden?"
Ein schräger Vergleich. Nirgendwo sonst in Neapel, vielleicht nirgendwo sonst in Italien, ist das lukrative Geschäft mit Drogen so umkämpft wie in Sanità: Es wird gemordet und geballert am helllichten Tag; in Wohnungen fliegen Waffenlager und Kokaindepots auf. Die Bezirksbürgermeisterin beklagt Zustände "wie in Bagdad", während die Bewohner, ohnmächtige Mütter allen voran, mehr Hilfe vom Staat fordern. Die zumeist jungen Camorristi von Sanità aber machen unverdrossen weiter.
Don Antonio kennt sie alle, die Unbescholtenen wie die kleinen Gauner, die Mörder wie die Dealer: "Sie waren ja schließlich bei mir zur Erstkommunion." Erst später, beim Versuch, der Armut im Viertel zu entkommen, treffe "der eine oder andere Heranwachsende die falsche Wahl". Und das bedeutet hier: Camorra.
114 kriminelle Familienverbände befehden sich nach Carabinieri-Angaben auf dem Gebiet der Region Kampanien. Mehr als 50 Clans sind allein in Neapel aktiv. Ihr Kampf um Macht und Marktanteile in der Stadt hat im vergangenen Jahr an Brutalität zugenommen. Während der ersten sechs Monate stieg die Mordrate um ein Fünftel; Dutzende Menschen starben allein 2015 im Bandenkrieg. Die Chefin der parlamentarischen Antimafiakommission Italiens bezeichnet die Clans als "konstitutives Element" der Gesellschaft Neapels. Und der Innenminister bekennt, die Stadt am Vesuv sei mittlerweile ein "Notfall".
An keinem anderen Ort lässt sich das besser besichtigen als in Sanità. Keine drei Kilometer Luftlinie vom Dom entfernt, hat hier das alte Neapel überlebt. Eine Welt der kleinen Leute, der frommen Kirchgänger, Strauchdiebe, Tagelöhner. Mit 67 000 Menschen auf fünf Quadratkilometern fast doppelt so dicht besiedelt wie der Rest der Stadt, gleicht Sanità der Kulisse eines Fünfzigerjahrefilms mit Sophia Loren: dreiköpfige Familien plus Hund auf der Vespa, in den Gassen trocknende Wäsche und vor den Bassi, ebenerdigen Kleinstwohnungen, wachsame Großmütter. Der Camorra-Nachwuchs bevölkert derweil, gegeltes Resthaar auf rasiertem Schädel, die Piazza oder sortiert zu Hause das Waffenarsenal.
Während des Mussolini-Faschismus so gut wie entmachtet, erlebten die Clans nach dem Erdbeben von 1980 eine neue Blütezeit – Milliardensummen flossen damals als Wiederaufbauhilfen in den Süden. Von den Neunzigern an kamen dann zwar reihenweise Clanbosse in Haft, doch seither drängen Jüngere nach. In Sanità sind 60 Prozent der Jugendlichen ohne Job. Und noch ganz unten in der Camorra-Hierarchie lässt sich erheblich mehr verdienen als durch ehrliche Arbeit.
Roberto Saviano hat dieses Milieu 2006 in seinem millionenfach verkauften Buch "Gomorrha" beschrieben. Er, der inzwischen wegen wiederholter Morddrohungen in den USA lebt, sieht die Schuld eindeutig beim Staat. An Premier Matteo Renzi gewandt, beklagte er zuletzt die "Unfähigkeit" der Regierenden und verwies ausdrücklich auf die Situation in Sanità. Beispielhaft zeige sich dort das Versagen der "Polit-Pantomimen in Stadt und Staat". Die Geburt der "neuen Generation von Mafiosi", so Saviano, gehorche simpler Logik: Bandenkriminalität sei einer der letzten profitablen Wirtschaftszweige im Süden. Die Regierung in Rom habe bis heute kaum etwas für den Mezzogiorno getan.
Nicht, dass das Problem dem Premier fremd wäre. Er kennt Neapel und war 2014 sogar in Sanità. Allerdings nur, um im Armenhaus der Stadt seine Schlusskundgebung vor den Europawahlen abzuhalten. Ausgerechnet hier, in einem Viertel, dessen Einwohner im Staatsfernsehen nur zu Wort kommen, wenn ihr Neapolitanisch mit Untertiteln versehen wird, und die in ihrer Mehrheit Renzi für einen als Sozialdemokraten getarnten Marktliberalen halten. Der Premier erntete Pfiffe und Protestgebrüll, obwohl er sich mühte, seinem Publikum zu schmeicheln: "Italien hat keine Zukunft ohne den Süden", rief er und kündigte eine Kehrtwende an.
"Gegen einen Staat, der uns aufgegeben hat, gegen einen Staat, der mordet" – seinen ganzen Zorn brüllt der Mann am Lautsprecherwagen ins Megafon, während neben ihm mit zusammengeflickten Eingeweiden der Überlebende der letzten Schießerei in Sanità sitzt. Es ist der Tag des groß angekündigten Protestmarschs gegen die Camorra. Ganz vorn mit dabei: Don Antonio. Seine Miene verrät nicht, ob auch er dem Staat Mitschuld am Morden gibt.
Ein Häuflein von höchstens 2000 Aktivisten ist da zusammengekommen an diesem Morgen: Gewerkschafter, Rollstuhlfahrer, Studenten, Anarchisten. In der Mitte marschieren Gymnasiasten aus Sanità mit trendigem Schuhwerk und modischen Sonnenbrillen unter dem Banner "Gegen den Staat und gegen die Camorra".
Die Parole stammt aus den späten Neunzigerjahren. Schon damals organisierten Priester den Protest. Nun, fast 20 Jahre später, sind die Probleme noch immer die gleichen, sagt Don Antonio: zu wenige Ganztagsschulen, Kindergärten, zu wenig Kultur. Wer von der Camorra und ihren Morden rede, dürfe die korrupten Politiker nicht vergessen: "Wenn es ganz unten Menschen mit Blut an den Händen gibt, dann auch deshalb, weil es ganz oben Menschen mit schmutzigen Händen gibt – solche, die schmieren oder sich schmieren lassen."
Nur ein paar Meter hinter Don Antonio läuft ein Herr in elegantem Wintermantel und kommentiert das Geschehen für die Kameras des Fernsehsenders Sky. "Bellissimo" sei dieser Marsch, sagt er, "das Volk ist in Bewegung", herzerwärmend das Ganze und dringend nötig, denn: "Diese Regierung massakriert uns." Unter Renzi werde in Rom gnadenlos gekürzt, bei den Mitteln für Kultur und Soziales vor allem. Das Gegenrezept? "Friedliche Rebellion." Der Mann im Mantel ist nicht irgendjemand, sondern Luigi de Magistris, der Bürgermeister. Ein streitlustiger Neapolitaner, der sich dem Wahlvolk seit vier Jahren als frei denkender Basisdemokrat und Sprachrohr der Politikverdrossenen verkauft. Folgerichtig sieht er keinen Widerspruch darin, gegen das Blutvergießen mitzuprotestieren in dieser Stadt, deren höchster Repräsentant er selbst ist.
De Magistris entstammt einer alteingesessenen neapolitanischen Juristenfamilie und war, ehe er Bürgermeister wurde, Ankläger in diversen Verfahren gegen die Camorra. Im Zuge seiner Ermittlungen kam er 2007 unter anderen dem damaligen Premier Romano Prodi in die Quere. Daraufhin folgte, zwangsläufig oder zufällig, seine Versetzung auf einen Richterposten. Das hat er bis heute nicht verwunden.
"Scheiß-Camorra" ist auf der Außenmauer des Palazzo San Giacomo zu lesen, ein Graffito nach dem Geschmack des Bürgermeisters, der hier seinen Amtssitz hat. Oben im zweiten Stock, zwischen Porzellannippes und Papstfotos, residiert er – mit Blick aufs Meer und auf die Kreuzfahrtschiffe, die beinahe stündlich Kundschaft ausspeien. "Neapel ist quicklebendig", sagt de Magistris, "wird aber ständig schlecht- gemacht." Steigende Touristenzahlen, sinkende Verbrechensraten bei Diebstahl und Raub im Stadtgebiet, dazu ein um drei Viertel vermindertes Haushaltsdefizit – warum interessiere das eigentlich keinen? Warum immer nur Camorra-Morde?
"Ich regiere hier seit vier Jahren ohne Geld", sagt der Bürgermeister, "alles fließt nach Nord- und Mittelitalien."
Daran wird sich nach menschlichem Ermessen so schnell auch nichts ändern. Denn de Magistris hat Neapel mittlerweile auf Facebook zur "Renzi-freien Zone" ausgerufen. Er behauptet, der Premier arbeite daran, "die Schönheiten unseres Landes für einen Ausverkauf an Lobbys, Cliquen und Mafiaorganisationen" zu nutzen.
Verrückt? Neapel.
Der Bürgermeister will im Juni wiedergewählt werden. Auch deswegen zeigt er sich vor Heiligabend zur Langen Nacht der Kultur in Sanità, wo vor Don Antonios Basilika des erschossenen 17-Jährigen gedacht wird. Und auch sonst lässt der Stadtobere nichts unversucht, um Renzis Sozialdemokraten die Schuld für die neapolitanische Misere in die Schuhe zu schieben.
Der Premier in Rom aber schert sich wenig um den Vorwurf, Italiens Süden werde vernachlässigt: "Schluss mit dem Gejammer, lasst uns die Ärmel hochkrempeln", erklärte er bereits im Herbst. Auch zwischen Neapel und Palermo sei ab sofort ehrliche Arbeit gefragt. Ähnlich wie Renzi sehen das viele in Italien, im Norden mehr als im Süden, im rechten Lager mehr als im linken. Den Klagen der Bewohner des Mezzogiorno begegnen sie mit Fakten: Nicht nur bei der Höhe der Gehälter im öffentlichen Dienst, auch bei der Zahl der Krankmeldungen oder den hinterzogenen Steuern liegt der Süden deutlich vorn.
500 Milliarden Euro flossen seit 1951 über Sonderabgaben und Strukturhilfen in den Süden, nach heutigem Stand fast das Vierfache dessen, was die Amerikaner mit dem Marshallplan für ganz Westeuropa bereitstellten. Sichtbare Erfolge blieben trotzdem aus. Der Großteil der Gelder landete in den Fangnetzen von Politik, Bürokratie und organisierter Kriminalität. Von 46 Milliarden Euro an verfügbaren Mitteln wurden zwischen 2007 und 2013 zwölf Milliarden nicht einmal abgerufen. Weitere 85 Milliarden Euro an Zuschüssen hat Brüssel bis 2020 in Aussicht gestellt.
"Dem Süden fehlt es nicht an Geld, sondern an der richtigen Politik", sagt Renzi. Und recht hat er. Er muss sich ja nur die eigene Mannschaft in Neapel anschauen: Sein Parteikollege, der Gouverneur der Region, wurde erstinstanzlich zu einem Jahr Haft verurteilt wegen Amtsmissbrauchs. Die Antimafiabehörde führt ihn auf ihrer schwarzen Liste. In die Bürgermeisterwahl im Juni wiederum zieht für Renzi voraussichtlich ein Parteiveteran, der das Amt schon ab 1993 innehatte – und der im Rückblick einräumt, die Camorra sei "kein Krankheitssymptom an einem ansonsten gesunden Körper". Was so viel bedeutet wie: Neapel leidet in Politik und Gesellschaft an Multiorganversagen.
"Die Bedürftigen", sagt Don Antonio im ehemaligen Kloster neben seiner Kirche, "sind nur die allerletzte, vertrocknete Frucht an einem riesigen Baum. Wer bessere Früchte ernten will, der muss am Stamm und an den Wurzeln ansetzen." Was das heißt? Den Jungen eine Chance geben, egal aus welchem Milieu sie stammten. "Ein Heranwachsender bleibt ein Heranwachsender", so Don Antonio, "auch wenn er der Sohn von Adolf Hitler ist."
Ciro Esposito, den Sprössling des Clanchefs im Viertel, kannte der Seelsorger gut. Als der Bursche erschossen wurde vor dem Fahrstuhl, der Sanità mit der Restwelt verbindet, hatte er ein kleines Kind mit seiner Verlobten und die Aussicht auf ein Leben ohne Camorra. Nun ist er tot, wie sein Vater. Zum Gottesdienst bei Don Antonio kommen nur noch die Witwen.
"Du musst die Jungen in diesen Vierteln von der Straße holen, bevor sie eine Knarre halten können – am besten im Alter von eins bis sechs", sagt einer, der selbst Camorrista war und sich nun ehrenamtlich um gefährdete Kinder im Norden der Stadt kümmert. "Die Camorra steckt uns allen in den Ritzen der Fußsohlen. Das Einzige, was dagegen hilft, ist mehr Kultur."
70 000 Besucher kommen jährlich nach Sanità, um sich von Don Antonios Mitarbeitern durch die antiken Katakomben führen zu lassen. Jahrhundertelang verlassen, sind sie mittlerweile mustergültig restauriert. Wer hinabsteigt in den Bauch von Neapel, der sieht die frühere Grabstätte des Stadtheiligen San Gennaro neben einem Altar aus dem dritten Jahrhundert. Und der begreift, dass selbst in Sanità Veränderung möglich ist.
Die Touren durchs Reich der Toten bringen Leben ins Viertel: 20 junge Frauen und Männer arbeiten mittlerweile in der von Don Antonio gegründeten Kooperative. Neben Katakombenführungen werden Übernachtungen im ehemaligen Kloster angeboten. Das Jugendorchester Sanitansamble war im November sogar beim Papst eingeladen. Franziskus schüttelte Don Antonio lange die Hand und sagte dann: "Danke für all das, was Sie tun."
Spricht Don Antonio über Politik, so ist er schnell bei Franziskus, der sich und seine Weltsicht unlängst "sinistrino" nannte – linkslastig, dabei fest verankert im Boden der katholischen Sozialdoktrin mit ihrem Augenmerk auf den Armen. Einem wie Don Antonio, der beim Kirchenkritiker Hans Küng in Tübingen studiert hat, gefällt dieser aufmüpfige Papst – weil der nichts und niemanden zu fürchten scheint.
Als Franziskus vor einem Jahr Neapel besuchte, nahm er zwar das Wort Camorra nicht in den Mund, wetterte aber gegen das "Böse" und "die stinkende Korruption". Wer wollte, verstand das als Hinweis auf die Symbiose zwischen Politik und organisierter Kriminalität. "Indem man kleine und große Verbrechen toleriert, wird ein Umsturz von unten verhindert", schrieb der Soziologe Amato Lamberti. Und: "Die Camorra ist eine kriminelle Lobby aus Politikern und Unternehmern."
Trifft das zu, dann verfolgt Colonello Michele Spina an diesem Abend die falsche Spur. Er sucht nämlich mit seinen Leuten die Camorra auf der Straße. Der Oberst, Generaldirektor für Verbrechens-prävention, drei goldene Sterne auf den Schulterstücken, ist einer der ranghöchsten Polizisten Neapels – und in Erklärungsnot, seit die Metropole des Mezzogiorno von "einer unerhörten Welle der Gewalt" erfasst wird, wie "Il Mattino" schreibt.
In der Kommandozentrale des Polizeipräsidiums von Neapel, Via Medina, vierter Stock, verfolgt Spina auf zehn Flachbildschirmen in Echtzeit, was 700 Überwachungskameras in seiner Stadt aufzeichnen. Auf seinem Schreibtisch hat der Colonello einen Zettel liegen, der zur Eile mahnt: "Der schlimmste Dieb ist der, der dir die Zeit stiehlt." Und ins Gesicht geschrieben steht ihm die Nachricht, dass soeben wieder ein Mann ermordet wurde. Im Norden Neapels, nahe dem Flughafen, tot aufgefunden auf offener Straße.
"Alfa Zero Uno, wir kommen", spricht Spina ins Funkgerät und ordert einen Streifenwagen. Es geht über Scampia, Europas ehemals größten Drogenumschlagplatz mit Bandenkriegen, die Hunderte das Leben kosteten, nach Sanità. Vier Beamte, halb automatische Berettas im Anschlag, halten vor Don Antonios Kirche Wache. Es ist kurz nach 23 Uhr, die Nacht fängt eben erst an.
Dass Gennaro Cesarano hier auf der Piazza früh um halb fünf erschossen wurde, sei bezeichnend, sagt Oberst Spina – die neuen Banden verhielten sich unorthodox und gäben der Polizei Rätsel auf. "Die alten Clans waren, so paradox das klingen mag, weniger gefährlich für die Allgemeinheit, denn sie saßen fest im Sattel und wollten vor allem eins: in Ruhe Geschäfte machen und um keinen Preis auffallen."
Die Beamten salutieren, der Colonello fährt weiter, in dieser Nacht fließt kein weiteres Blut. Erst zwei Wochen vor Heiligabend schlägt die Camorra wieder zu. Nicht weit von Sanità wird ein Drogendealer erschossen. Und Stunden später verblutet ein Mann am Steuer seines Smart, niedergemäht mit Schüssen aus einer kleinkalibrigen Pistole – zur Mittagszeit, direkt vor einer Grundschule.
Es sind Tage wie dieser, an denen sogar Don Antonio ins Zweifeln gerät. Er, der hier geboren und mit der Camorra groß geworden ist. "Wir wussten schon als Kinder, was das Wort Camorra bedeutet – aber wer wollte, konnte damals noch wegsehen", sagt der Priester. "In meiner Kindheit ist niemand vor einer Grundschule erschossen worden."

Der Bürgermeister ruft zur Rebellion auf und erklärt ganz Neapel zur "Renzi-freien Zone".

Die alten Camorra-Clans waren weniger gefährlich – sie wollten um keinen Preis auffallen.

Über den Autor

Walter Mayr, Jahrgang 1960, schreibt seit 1990 für den SPIEGEL. Er berichtete als Reporter von den Kriegen in Ex-Jugoslawien und über Krisenherde weltweit. Mayr leitete die Büros in Wien und in Moskau, ehe er 2013 nach Rom wechselte. Am Camorra-Schauplatz Neapel beeindruckte ihn vor allem: die innige Beziehung der Neapolitaner zu ihren Toten.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 4/2016
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