30.01.2016

TextilienAlibiräume zum Vorzeigen

Lieferanten von H&M oder C&A verstoßen gegen die Sozialgesetze in Indien. Eine Studie zeigt das am Beispiel von Werkskinderkrippen.
Amala arbeitet in einer Textilfabrik in der südindischen Millionenstadt Bangalore. Sie näht dort Shirts, etwa für den schwedischen Textilkonzern H&M.
Mit der Fabrik hat Amala es nicht schlecht getroffen, sogar eine Kinderkrippe ist vorhanden. Die gab es zwar auch bei ihrem vorherigen Arbeitgeber, doch da seien ihre fünfjährige Tochter und die anderen Kinder regelmäßig geschlagen worden, erzählt die Näherin, die ihren richtigen Namen nicht nennen will. "Wer nicht gehorchte oder nicht schlief, bekam eins drauf", sagt sie. In der neuen Krippe sei das besser. "Da wird nur geschlagen, wenn die Kinder zu laut sind."
Amala ist eine der insgesamt rund 45 Millionen Arbeiterinnen, für die Indiens Textilfabriken eine Alternative zur Armut sind. Durchschnittlich 90 Euro Lohn bekommen sie monatlich – unbezahlte Überstunden oder sexuelle Belästigung sind häufig inklusive.
Eine frühkindliche Betreuung scheint bei derart prekären Verhältnissen geradezu luxuriös, dabei ist sie nicht dem Großmut der Fabrikbesitzer geschuldet. Amala hat, wie die meisten Arbeiterinnen, ein Recht darauf. Anders als in vielen asiatischen Ländern ist die Kinderbetreuung in Indien klar geregelt: Bereits 1948 zwang ein "Factories Act" Firmen mit mehr als 30 Angestellten dazu, eine Werkskrippe einzurichten. Und 1969 legte der Bundesstaat Karnataka sogar fest, wie diese ausgestattet sein muss: wie viel Platz etwa jedem Kind zusteht (knapp zwei Quadratmeter) und dass sie von geschultem Personal geführt werden und frei von schädlichen Dämpfen sein muss.
Bangalore ist nicht nur Karnatakas Hauptstadt, sondern mit 400 000 Arbeitern und 1200 Fabriken auch eine der indischen Textilhochburgen. Trotzdem hätten höchstens fünf Prozent der Betriebe eine halbwegs funktionierende Kita, schätzt Gopinath Parakuni, Leiter der Menschenrechtsorganisation Cividep. "Nur ein Prozent der Krippen erfüllt die gesetzlichen Vorgaben, der große Rest sind Alibiräume zum Vorzeigen bei den Kontrollen."
Auch die Zulieferer großer Ketten wie H&M und der Düsseldorfer Bekleidungsriese C&A kümmern sich offenbar wenig um die indischen Sozialgesetze. Das zeigt eine aktuelle Cividep-Studie, die von der deutschen Frauenrechtsorganisation Femnet und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstützt wurde.
So war bei vier untersuchten Fabriken in einem Fall überhaupt keine Krippe vorhanden, in einem zweiten Fall war sie gerade erst eröffnet worden. In der Fabrik ohne Kinderbetreuung habe es "Ausgleichszahlungen" gegeben, rechtfertigt sich ein Sprecher von C&A, laut Studie einer der Hauptabnehmer der Fabrik. Was er nicht sagt: Dieser Ausgleich betrug umgerechnet gerade mal 2,80 Euro im Monat und wurde nach Berichten der Näherinnen auch nur für maximal ein Kind gezahlt. Nach C&A-Angaben verfügen 23 der 27 Produktionsstätten in Bangalore über eine eigene Krippe, die vier übrigen würden sich Räume mit Nachbarfabriken teilen. Allerdings, räumt der Sprecher ein, würden die gesetzlichen Vorgaben, etwa bei geschultem Personal, "nur teilweise erfüllt". Bei künftigen Audits will C&A wachsamer sein.
H&M dagegen ist sich auf Anfrage sicher, dass 98 Prozent seiner 70 Zulieferer in Bangalore die eigenen Anforderungen einer Kinderbetreuung erfüllen. Lokale Gesetze, so eine Sprecherin, seien hierbei eine "nicht verhandelbare Mindestanforderung".
Diese oft genutzte PR-Hülse hat mit den Realitäten in Bangalore nicht viel zu tun. Die lokalen Gesetze sind dort weit konkreter als die H&M-Regularien: Sie sehen nicht nur einen gut belüfteten und sauberen Raum mit geschultem Personal vor, sondern auch genügend Fläche, Kinderbetten, einen Spielplatz für ältere Kinder, einen Waschraum und ausreichende Versorgung mit kleinen Mahlzeiten.
Die Studie aber zeigt: Keine der untersuchten Krippen der H&M-Zulieferer erfüllt diese Vorgaben. Wenn überhaupt ein Raum da sei, fehle Spielzeug, berichten die Näherinnen. Mal wird vom Staub einer nahen Baustelle berichtet, öfter davon, dass Kinder vom Personal misshandelt würden. Vordringliches Ziel der Einrichtungen sei es, die Kinder ruhigzustellen. Im Fall einer Krippe verdächtigen einige Frauen das Personal sogar, Schlafmittel einzusetzen. Selbst beim Abholen dösten deren Kinder noch vor sich hin.
Ausgerechnet Kinder, die ohnehin quasi chancenlos sind: 50 Prozent des Nachwuchses der unteren Einkommensgruppen, ergab eine Studie der indischen Regierung, sind bereits in ihrer Entwicklung gehemmt.
H&M will "keine Informationen" über unangemessene Betreuung haben, man nehme die Vorwürfe aber "sehr ernst" und stehe deswegen in direktem Kontakt mit Cividep. Deren Chef Parakuni kann darüber nur den Kopf schütteln. Ein örtlicher H&M-Mitarbeiter, so Parakuni, habe das Krippenprojekt "von Anfang an abgelehnt und nicht kooperiert".
Die Schweden sehen sich schon einen Schritt weiter – gesetzlicher Anspruch hin oder her: Eine Kinderbetreuung in der Dorfgemeinschaft sei sowieso besser als eine am Arbeitsplatz, lässt eine Sprecherin wissen. Und dann holt sie aus und berichtet von der H&M Conscious Foundation und davon, wie der Konzern mit Unicef an gemeinsamen Bildungsprogrammen arbeitet. Es hört sich wunderbar an.
Der einzige Haken: Bis heute hat H&M in der Millionenstadt Bangalore keinen einzigen Gemeindekindergarten auf die Beine gestellt.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 5/2016
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