30.01.2016

SpiritualitätWhisky trinken, Whisky predigen

Ein Sexskandal zerstörte vor Jahren die Karriere des katholischen Geistlichen Wolfgang Rothe, nun hat er ein Whisky-Buch geschrieben. Eine Auferstehung.
Udo Jürgens sang einst: "Der Teufel hat den Schnaps gemacht", in einer bayerischen Bilderbuchkirche singt ein Priester an diesem Tag das Hohelied des Whiskys. Wolfgang Rothe steht vor seiner Gemeinde im Münchner Stadtteil Perlach, in der St.-Michael-Kirche aus dem frühen 18. Jahrhundert, innen barock geschmückt, außen in Weiß und Ocker gestrichen. Rothe spricht über die Hochzeit zu Kana, bei der der Wein ausging, weshalb Jesus Wasser in Wein verwandelte. Sein erstes Wunder. "Jesus hat den Gästen nicht gesagt, dass sie genug Wein hätten, dass sie sich auch mit Wasser vergnügen könnten, dass Wasser gesünder sei", spricht Rothe. "Nein, er hat neuen Wein herbeigeschafft. Und ich bin überzeugt, wenn der Whisky ausgegangen wäre, hätte er auch da Abhilfe geschaffen."
Für den Theologen, Kirchenrechtler und Pfarrvikar Rothe ist der Schnaps der Schotten ein himmlisches Getränk: "Der achtsame Genuss eines Whiskys kann beinahe so etwas wie eine Frömmigkeitsübung sein."
Rothe ist ein dürrer Mann, 48 Jahre alt, das Gesicht spitz wie das eines Knaben, gekleidet ganz in Schwarz, den Hals eingeschnürt im Kollar, dem weißen Stehkragen der Priester. Ein kontrollierter Mann, ein Asket, könnte man meinen. Rothe geht es um die Spiritualität im Spiritus, ein Thema, dem er auch ein Buch gewidmet hat, erschienen im Verlag der Benediktinerabtei St. Ottilien(*). Es soll an diesem Tag zu Ehren kommen: erst in einem Gottesdienst in der Kirche, begleitet von Dudelsackspielern, dann bei einem Whisky-Fest im Pfarrsaal. Ein Hochamt für Hochprozentiges.
In seinem Buch preist Rothe den Whisky als "flüssige Predigt", in Romanen und Filmen gilt er eher als flüssiger Seelsorger: der Drink alternder Helden und einsamer Wölfe, die ihre Melancholie zelebrieren – oder ihre Einsamkeit ertränken.
Rothe ist nicht irgendein Pfarrvikar in einer Vorortgemeinde, er war einmal ein Kirchenkarrierist: zwei Doktorarbeiten, eine davon bei Georg Gänswein, dem Sekretär Papst Benedikts XVI. Er hat als Sekretär und Rechtsberater von Kurt Krenn gearbeitet, einem ultrakonservativen Bischof in Österreich, er war stellvertretender Regens des Priesterseminars St. Pölten. Bis er, im Jahr 2004, in diesem Priesterseminar in einen der größten Skandale der jüngeren Kirchengeschichte geriet. Medien aus mehr als hundert Ländern berichteten.
Die Rede war von Trink- und Sexorgien der Seminaristen. Die Polizei stellte mehrere Computer mit Tausenden pornografischen Fotos und Filmen sicher; ein Seminarist wurde verurteilt, weil sich auch kinderpornografische Aufnahmen fanden.
Als die Affäre bekannt geworden war, veröffentlichte das österreichische Nachrichtenmagazin "Profil" auch ein Foto, das Rothe knutschend mit einem seiner Seminaristen zeigte, über ihnen ein Mistelzweig. Der Bischof Krenn nannte das "Bubendummheiten", Rothe eine Bildmanipulation, bestritt den Kuss und auch sonst jegliches Vergehen, eine Anklage gegen ihn wurde nie erhoben, stattdessen wehrte er sich vor Gericht gegen die Veröffentlichung des Fotos. "Es war eine schlimme Sache, die aus einem theologischen Schisma entstanden ist. Ich bin zwischen die Parteien geraten."
Seine Karriere aber war beendet, die des Regens und des Bischofs auch; das Priesterseminar wurde vorübergehend geschlossen.
Jahre später bekam Rothe eine neue Chance: 2008 in St. Michael in München-Perlach. Aus dem Theologen und Kirchenrechtler, der sich Hoffnungen auf eine Professur gemacht hatte, dem auch beste Chancen auf eine Stelle als Weihbischof nachgesagt worden waren, wurde der Helfer eines Vorortpfarrers.
Whisky gilt als männlich und altmodisch, ähnlich wie die katholische Kirche. Er wird besser, je älter er wird. Er muss reifen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass vor allem reifere Männer, die schon etwas erlebt haben, dem Whisky verfallen. Manchmal ist Alkohol vielleicht doch eine Lösung.
Das Vorwort des Buches hat der Bischof von Aberdeen geschrieben; der Hauptzelebrant des Gottesdienstes ist der Münchner Prälat Ludwig Mödl, emeritierter Professor für Pastoraltheologie. Zu den Geistlichen gesellt sich ein Experte hochgeistiger Getränke: Frank-Michael Böer, Chef der Spirituosenmesse "Finest Spirits".
Nach der Kirche hält dieser Böer – "ein ganz wilder Kerl", raunt Vikar Rothe – die Ansprache im Pfarrheim: "Wir sind Zeugen eines großen persönlichen Moments", sagt er. Sein Freund Wolfgang sei in seinem früheren Leben "einer der bekanntesten Kirchenrechtler" gewesen, aber unschuldig in einen Skandal hineingezogen worden. "Er wurde von der Vorstandsetage in die Poststelle geschickt." Dann habe er zum Whisky gefunden. "Das Buch ist Symbol für eine Wiederauferstehung."
Im Interview spricht Rothe von St. Pölten als einer "sehr leidigen Geschichte", die für ihn "eigentlich kein Thema mehr" sei. Im Buch greift er zur Modevokabel aller Psychotherapeuten und buddhistisch Erleuchteten und schreibt, Whisky-Konsum sei eine "Schule der Achtsamkeit". "Achtsamkeit hilft dabei, bewusst im Hier und Jetzt zu leben." Sie bewahre davor, "sich in der Vergangenheit zu verfangen".
Er könnte inzwischen eine eigene Gemeinde haben, wenn er wollte, sagt Rothe, "aber ich will nicht". Auch eine Professur, "auf die ich mal spekuliert habe", erscheine ihm nicht mehr attraktiv: "Das Ambiente ist so voller Neid, so weit weg von der Seelsorge, alle piesacken sich nur gegenseitig."
Zum Whisky fand Rothe vor vielen Jahren, so erzählt er es, als er eine hochadlige Familie als Kirchenrechtler in einem Ehe-Nichtigkeitsverfahren beriet – und nach dem Essen einen Whisky gereicht bekam. "Es war eine Offenbarung." Die Idee, die neue Leidenschaft "seelsorgerlich zu verarbeiten", kam ihm dann in Perlach: "Ich habe immer wieder versucht, mit Abendveranstaltungen die Menschen anzusprechen, die keinen Kontakt mehr zur Kirche haben. Vergebens. Es kamen immer dieselben fünf älteren frommen Damen."
Bis heute hat Rothe Dutzende Whisky-Abende veranstaltet, meist in Form eines Quiz, bei dem er abwechselnd Fragen aus der Welt der Kirche und der Welt des Whiskys stellt: Wo hat Jesus sein erstes Wunder gewirkt? Wie lange muss ein Whisky mindestens im Fass reifen? Wie lautet das dritte Gebot? "Klassischer Katechismusunterricht", sagt er. Wer die meisten Antworten weiß, gewinnt eine Flasche.
Rothe ist Mitglied im Single Malt Connoisseur's Club, der sich in einem Pub am Sendlinger Tor trifft. Er gibt Workshops auf einer Spirituosenmesse. Er schreibt als "Whisky-Vikar" eine Kolumne im Fachmagazin "Der Whisky-Botschafter", jüngst über eine Wallfahrt nach Schottland. "Ich habe jahrelang sehr viel wissenschaftlich publiziert, aber theologische Fachzeitschriften haben eine Auflage von vielleicht 200 oder 500. 'Der Whisky-Botschafter' hat 22 000. Plötzlich bekomme ich ein Echo."
Es habe Menschen gegeben, "darunter sogar ein anderer Geistlicher", berichtet Rothe, die Beschwerdebriefe an seine Vorgesetzten geschrieben hätten. Er verherrliche den Alkohol. Wer weiß, vielleicht schauen sie bei ihm noch immer genauer hin. "Dabei ist übermäßiger Konsum das Letzte, was ich will. Ich will bewussten Konsum."
Whisky ist dafür geeignet wie keine andere Spirituose: Bildungstrinker diskutieren mit missionarischem Eifer, ob er mit oder ohne Eis zu trinken sei, ob aus dem massiven Tumbler oder dem feinen Nosing-Glas. Whisky, das ist die Spirituose für Trinker mit Distinktionszwang, für Alkoholdogmatiker.
Das Buch liest sich streckenweise wie eine Anleitung zum Gebet: Fernsehen, Radio und Computer ausschalten, die Augen schließen, bewegungslos verharren und in sich hineinhorchen. Dann erst schlucken. Whisky-Meditation.
"Kirche präsentiert sich zu oft einschränkend, verbietend, belastend", klagt Rothe. "Es ist kein Wunder, dass sich so viele Menschen von uns abwenden." Sein Freund Böer, der Chef der Spirituosenmesse, habe mal zu ihm gesagt, dass die Kirche nicht da sei, wo die Menschen gern seien. "Damit hat er ins Schwarze getroffen." Zumal die weltabgewandte Haltung nicht dem Beispiel Jesu entspreche: "Jesus war ständig auf irgendwelchen Festen." Das Christentum sei eine Religion der Lebensbejahung und Lebensfreude, "auch wenn das oftmals in Vergessenheit gerät".
Andere Geistliche mögen Wein trinken und Wasser predigen. Rothe trinkt Whisky und predigt Whisky. Er vergleicht die Vermählung von Whiskys aus verschiedenen Fässern mit der Vermählung von Mann und Frau, bei der "etwas ebenfalls Neues und Ganzes" entstehe, "nämlich eine neue Familie". Das Nachbrennen des Whiskys im Rachen erinnert ihn an eine Kirchenglocke, deren Klang man nicht nur mit den Ohren höre, sondern mit dem Körper spüre. Auch dann noch, "wenn die Glocke bereits zu läuten aufgehört hat". Er entdeckt im Whisky die Vielfalt, Fülle und Harmonie der Schöpfung: "So eine Whisky-Verkostung ist ein Vorgeschmack des Paradieses", ein Stück "Himmel auf Erden". Ein Gottesbeweis.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Spiritus, Amen.

"Jesus war ständig auf irgendwelchen Festen", sagt der Vikar.

* Wolfgang F. Rothe: "Wasser des Lebens. Einführung in die Spiritualität des Whiskys". Verlag Eos, St. Ottilien; 160 Seiten; 19,95 Euro.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 5/2016
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