16.08.1999

KROATIENVorwürfe gegen Tudjman

Nachdem das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bereits im Mai gegen den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kosovo-Konflikt erhoben hat, gerät nun auch sein kroatischer Amtskollege Franjo Tudjman ins Visier der internationalen Justiz. Die Uno-Ankläger erheben schwere Vorwürfe gegen den Kroatenführer, der sich hartnäckig weigert, mutmaßliche Kriegsverbrecher auszuliefern. Jüngstes Beispiel ist der ehemalige Milizchef von Mostar, Mladen Naletilic Tuta, dessen Überstellung vorige Woche auf Wunsch des Präsidenten abgelehnt wurde. Naletilic Tuta, der in den siebziger Jahren im süddeutschen Singen lebte und Kontakte zur RAF unterhielt, soll bei Ausbruch des Bosnienkrieges ab 1992 die Bewaffnung und Rekrutierung der bosnischkroatischen Truppen organisiert sowie zu Vertreibung und Mord an muslimischen Zivilisten aufgerufen haben. Wie schon im Fall des kroatischen Generals Tihomir Blaskic gehen die Uno-Ermittler davon aus, dass Naletilic Tuta "im Auftrag" gehandelt habe. Im Verfahren des bereits in Den Haag inhaftierten Blaskic erklärte Uno-Ankläger Gregory Kehoe kürzlich, der General sei lediglich das "Werkzeug Zagrebs" gewesen. Der Plan zur Vertreibung, so Kehoe, "wurde von Franjo Tudjman entwickelt". Das Uno-Tribunal in Den Haag, vermuten nun Völkerrechtler, werde noch vor den kroatischen Parlamentswahlen im Oktober einen Haftbefehl gegen Staats- und Parteichef Tudjman wegen Kriegsverbrechen erlassen. Das würde die Chancen der Regierungspartei HDZ massiv beeinträchtigen - ein Anliegen mehrerer europäischer Regierungen: Sie sehen im Abschied des expansionslüsternen Nationalisten Tudjman von der politischen Bühne einen Beitrag zur Stabilisierung des Balkans.

DER SPIEGEL 33/1999
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