16.08.1999

HOLOCAUST„Das Böse ist niemals banal“

In Israel ist ein Streit um die Freigabe der Eichmann-Memoiren entbrannt. Jehuda Bauer, Forschungsleiter der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem, bewertet die Papiere.
Der Organisator der nationalsozialistischen Juden-Deportationen in die Vernichtungslager, Adolf Eichmann, wurde am 15. Dezember 1961 in Jerusalem wegen "Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen" zum Tode durch den Strang verurteilt. Kurz vor dem Schuldspruch überreichte er dem Generalstaatsanwalt Gideon Hausner einen dicken Stapel handschriftlicher Notizen. Es waren seine in der Haft verfassten Aufzeichnungen, die er "zeitgleich mit seinem Urteil" veröffentlicht sehen wollte.
Doch Hausner, der die Geschichte in seinem auf Hebräisch erschienenen Buch über den "Prozess von Jerusalem" enthüllt, lehnte ab. Er machte dem damaligen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion klar, dass Eichmann offenbar eine Publikation wolle, die mit dem Gerichtsurteil "konkurrierte und in der Welt Zweifel an dessen Richtigkeit wecken würde". Hausner weiter: "Eichmann hatte während 30 Sitzungen die Möglichkeit gehabt, im Zeugenstand alles zu sagen. Wir mussten jetzt nicht seine Lügenversion in der Welt verbreiten." Nach Hausners Darlegung entschied Ben-Gurion, das Manuskript für 15 Jahre wegzuschließen. 127 gesonderte Eichmann-Seiten gelangten jedoch schon Anfang der Sechziger mit Prozessakten in deutsche Archive und waren dort auch zugänglich.
Die Existenz des rund 1200 Seiten starken Haft-Manuskripts gab Hausner erstmals in seinem 1980 publizierten Buch zu. Die 15 Jahre Geheimhaltungsfrist waren abgelaufen. Dennoch sorgte der Staatsanwalt, der Eichmann als den "Grundpfeiler des kriminellen Komplotts zur Vernichtung des jüdischen Volkes" sah, nicht für eine Veröffentlichung des Textes. Er zitiert in seinem Buch jedoch ausführlich daraus - um deutlich zu machen, wie Eichmann sich seiner Schuld und Verantwortung entwinde.
Eichmann versucht in seinen Memoiren mühselig, sich als ganz normaler Mensch darzustellen. So erzählt er absurde Belanglosigkeiten, etwa über seine Liebe für Prag. Um sich schwach zu geben, gestand er sogar seinen Hang zum Alkohol. Den Besuch der Vernichtungsstätten im Osten, so behauptet er, habe er nur mit Hilfe von Schnaps überstanden. Große Mengen habe er getrunken, als er einer Hinrichtung von Juden in Minsk beiwohnte. "Ich durfte nicht betrunken aussehen, denn ich war ja mit einem Fahrer unterwegs und in Uniform. Es war besser, Schnaps zu trinken, was ich aber nur tat, wenn ich keinen Rotwein bekam. Dieses Mal trank ich den Schnaps wie Wasser."
Von der Realität der Vernichtungslager gab er sich schockiert: "Ich habe mich gekniffen, weil ich wissen wollte, ob es Wirklichkeit war oder ein Traum. Ich vergaß sogar zu prüfen, wie lange die Tötung der Menschen dauerte, und genau dafür hatte mich Müller* dort hingeschickt." Er behauptet dreist, er habe sich "seelisch nie mit allen Zielen des Nationalsozialismus identifizieren" können, "denn ich hatte immer Zweifel". Wie im Prozess stilisiert er sich zum Opfer: "Ich hatte Pech. Ich habe jemandem die Treue geschworen, der es nicht wert war."
Mit der Tötung von Zivilisten konnte er sich angeblich "nicht abfinden". Doch der penible Bürokrat trieb den Holocaust weiter voran. Noch 1944 leitete er in Budapest eine Sonderaktion zur Deportation der ungarischen Juden.
In seinen Memoiren jammert er auch bigott über die mangelnde Zivilcourage der NS-Offiziere. "Wir sprachen von Pflicht, Befehlserfüllung, Gehorsam und Treue. Von Zivilcourage war nirgends in den Dienststatuten die Rede. Ich muss sagen, das ist sehr traurig." ANNETTE GROSSBONGARDT
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SPIEGEL: Die Aufzeichnungen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss wurden bereits 1958 in Deutschland veröffentlicht, die Erinnerungen des Rüstungsministers Albert Speer 1969. Warum ist Israel erst jetzt bereit, Adolf Eichmanns Gefängnismemoiren freizugeben?
Bauer: Ministerpräsident David Ben-Gurion entschied nach der Hinrichtung Eichmanns 1962, das Manuskript wegzuschließen. Spätere Regierungen hielten daran fest. Aus welchen Motiven sie die Geheimhaltung verfügten, müsste jetzt untersucht werden. Ich halte es für einen Skandal. Der Text hätte längst veröffentlicht werden müssen. Erst der jetzige Leiter des Staatsarchivs, Ewjatar Friesel, pochte darauf, die vergessenen Manuskripte zu publizieren.
SPIEGEL: Schon seit längerer Zeit baten aber israelische Journalisten wie der Historiker Tom Segev um Freigabe. Sie wurden immer wieder abgewiesen.
Bauer: Die Rechtslage war und ist eben sehr schwierig.
SPIEGEL: Haben Sie sich als Holocaust-Forscher nie für die Aufzeichnungen interessiert?
Bauer: Ich sage ganz ehrlich, ich hatte sie vergessen. Zwei Kollegen, die sich mit Eichmann befassen, haben mir erst sehr spät von den Memoiren erzählt.
SPIEGEL: Eichmanns ältester Sohn hat gegenüber dem israelischen Generalstaatsanwalt seinen Anspruch auf die Dokumente bekräftigt. Hat die Familie ein Recht auf die Manuskripte und die Art ihrer Veröffentlichung?
Bauer: Das interessiert mich als Historiker nicht, das muss der Generalstaatsanwalt klären. Und von ihm haben wir grünes Licht, die Veröffentlichung vorzubereiten.
SPIEGEL: Durch die Geheimhaltung des Eichmann-Manuskripts ist jedenfalls der Verdacht entstanden, da gebe es etwas zu verbergen - etwa was Kontakte Eichmanns zu jüdischen Führern in Osteuropa angeht.
Bauer: Was Eichmann über seine Kontakte mit den zionistischen Gruppen zu sagen hatte, steht alles schon in dem berüchtigten Tonbandinterview mit dem ehemaligen niederländischen SS-Offizier Willem Sassen von 1957 sowie in den seit langem bekannten 127 Eichmann-Seiten, die in Ludwigsburg bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen liegen. Auch vor Gericht äußerte er sich dazu, da ist nichts Neues mehr dabei.
SPIEGEL: Israelische Publizisten kritisieren den Beschluss, die Aufzeichnungen deutschen Wissenschaftlern zu überlassen. Warum veröffentlicht Israel sie nicht selbst?
Bauer: Wie das genau gehandhabt werden soll, ist noch nicht ganz klar. Auf jeden Fall wollen wir deutsche Kollegen einladen, an der kritischen Ausgabe zu arbeiten, allein oder mit uns. Auch wir haben zwei ausgezeichnete Eichmann-Kenner, die beigezogen werden könnten. Schon wegen der Sprache wäre eine Edition in Deutschland aber sinnvoll. Auch der in Russland entdeckte Dienstkalender Heinrich Himmlers wurde von deutschen Historikern aufgearbeitet.
SPIEGEL: Weshalb geben Sie den Text nicht einfach so frei, wie er ist, unkommentiert?
Bauer: Was kann man mit Täteraufzeichnungen anfangen? Damit will er sich rechtfertigen. Man muss die Aussagen von Eichmann mit dem vergleichen, was er vorher gesagt hat. Man muss wissen, was dieser Mann wollte, und welche Fakten seinen Behauptungen gegenüberstehen.
SPIEGEL: Welchen Wert haben die Aufzeichnungen überhaupt?
Bauer: Historisch gesehen keinen großen. Ich kann mich natürlich irren, ich habe den Text nicht zur Gänze studiert. Psychologisch gesehen dürfte es aber sehr interessant sein, denn von einem Kriminellen dieser Art ein 1200-Seiten-Manuskript zu haben, das ist schon eine Fundgrube.
SPIEGEL: Hilft die Lektüre, die Nazi-Gräuel zu fassen und zu begreifen, wie der frühere Handelsreisende Eichmann im Berliner Reichssicherheitshauptamt der "Spediteur des Todes" wurde?
Bauer: Das ist eigentlich historisch schon beantwortet. Eichmann war nicht einfach ein Handelsvertreter, er war ein intelligenter, ideologisch überzeugter, mörderischer Antisemit.
SPIEGEL: In seinem Schlusswort vor Gericht stilisierte er sich zum "Opfer eines Fehlschlusses". Ist zu erwarten, dass er sein wahres Inneres in den Memoiren enthüllt?
Bauer: Es ist der Versuch, sich aus dem Todesurteil herauszudrehen. Er leugnet den Holocaust nicht, aber er spielt seinen eigenen Anteil daran herunter.
SPIEGEL: Fotos aus der Prozesszeit zeigen einen unscheinbaren Eichmann mit Büchern in der Zelle, die Filzpantoffeln vor der Pritsche. Sie wirken wie ein Beleg für Hannah
* 1961 in Jerusalem.
Arendts These von der Banalität des Bösen. Wird dieses Bild bestätigt?
Bauer: Dass er in der Zelle sitzt und liest, zeigt doch eher das Gegenteil. Er war böse, aber nicht banal. Er hat immerfort gelesen, war hochgradig intelligent und von breitem Wissen. Er bezieht sich auf die Philosophie, auf Kant. Arendt hatte Unrecht. Das Böse ist niemals banal.
SPIEGEL: Das Gericht lobte damals den "erzieherischen Wert" des Prozesses, vor allem für den Teil der israelischen Gesellschaft, der den Holocaust nicht erlebt hat. Wirkt das heute noch nach?
Bauer: Der Eichmann-Prozess war eine Zäsur. Er machte die israelische Gesellschaft erst wirklich auf die Problematik aufmerksam. Die Veröffentlichung der Aufzeichnungen wird heute dagegen kaum Bedeutung haben für die innere Entwicklung unserer Gesellschaft.
SPIEGEL: Sowohl Hannah Arendt als auch Raul Hilbergs Standardwerk über die Vernichtung der europäischen Juden aus den sechziger Jahren sind bis heute nicht ins Hebräische übersetzt. Gibt es noch immer Berührungsängste?
Bauer: Damals, als man versäumte, die Bücher zu übersetzen, stimmte das. Aber das ist jetzt überwunden, genauso wie der Vorwurf an die Überlebenden, sie hätten sich nicht genügend gewehrt. Manche Jugendliche sagen heute sogar, diese Geschichte vom jüdischen Widerstand ist doch erfunden, damit wir uns besser fühlen. Sie glauben fälschlicherweise, dass das Ausmaß des Mordes so überwältigend war, dass die Versuche, sich zu wehren, unbedeutend wurden.
* Heinrich Müller, von 1939 bis 1945 Leiter der Gestapo (des Amtes IV des Reichssicherheitshauptamts). * 1961 in Jerusalem.
Von Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 33/1999
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