06.02.2016

FußballAufruhr!

Die Plattform Football Leaks enthüllt Verträge von Stars wie Mesut Özil. Wer sind die Netzrebellen, die sich mit den Mächtigen des Fußballs anlegen?
Der Mann, den die dubiosen Geschäftemacher des Fußballs fürchten, den die Bosse von Real Madrid inzwischen wahrscheinlich sogar hassen, sitzt irgendwo in Portugal, man darf ihn nicht besuchen, man kann nur mit ihm mailen. Telefonieren? Besser nicht. Er nennt sich: John.
John schreibt: "Wir können Ihnen leider nicht sehr viel über unsere Identität verraten. Sie können sich vorstellen, dass wir mächtige Feinde haben."
O ja!
John gehört zu den Machern des Onlineportals Football Leaks, jener geheimnisvollen Enthüllergruppe, die seit Monaten auf ihrer Website spektakuläre Details aus Verträgen internationaler Spitzenspieler veröffentlicht. Den Kaufpreis Mesut Özils für Arsenal London, die Transfersumme des brasilianischen Stürmers Hulk bei Zenit Sankt Petersburg. Die Sondervereinbarungen für den Franzosen Anthony Martial zwischen dem AS Monaco und Manchester United. Football Leaks hat die Verträge, kennt die Summen, stellt sie ins Netz. Die Fußballbranche ist in Aufruhr.
Den letzten Coup landete die Plattform vor gut zwei Wochen. Football Leaks veröffentlichte den Transfervertrag, den Real Madrid vor zweieinhalb Jahren für den walisischen Stürmer Gareth Bale mit Tottenham Hotspur geschlossen hatte, und damit auch die Ablösesumme: 100 759 418 Euro.
Bale, das weiß man jetzt, ist der teuerste Fußballer der Welt. Was man auch weiß: Tottenham und Real hatten sich explizit dazu verpflichtet, der Öffentlichkeit die tatsächliche Höhe der Ablösesumme zu verheimlichen und sie stattdessen auf 91,6 Millionen Euro zu beziffern. Warum? Womöglich, um das Ego eines anderen Superstars von Real zu schonen. Bislang durfte sich Cristiano Ronaldo als teuerster Spieler der Welt sehen, er war 2009 für 94 Millionen Euro von Manchester United nach Madrid gewechselt.
Absurde Geldströme, bizarre Eitelkeiten, der ganze legale und illegale Irrsinn des Profifußballs – Football Leaks legt alles schonunglos offen.
Der SPIEGEL steht mit John in schriftlichem Kontakt. "Wir wollen einen transparenteren und glaubwürdigeren Sport. Einige Vereine haben einfach keinen Respekt gegenüber den Fans, sie verheimlichen zu viel. Alles ist tabuisiert: Gehälter, Verträge, Klauseln", schreibt John. Das Ziel von Football Leaks sei, das Transfersystem zu säubern, die Macht von Spielerberatern und Investmentfonds einzuschränken.
Woher Football Leaks das brenzlige Material hat, ist unklar. Es kann aus Kreisen von Spielerberatern kommen, von Klubvertretern, von Mitarbeitern nationaler Ligaverbände. Auffallend ist, dass zahlreiche Dokumente mit Real Madrid zu tun haben. Und mit dem portugiesischen Spitzenverein Sporting Lissabon. Und mit der Firma des portugiesischen Spielerberaters Jorge Mendes, der an der Seite Cristiano Ronaldos und José Mourinhos in den vergangenen zehn Jahren zum derzeit einflussreichsten Agenten weltweit aufgestiegen ist – allein im WM-Sommer 2014 transferierte Mendes' Unternehmen Gestifute Spieler für mehr als 250 Millionen Euro.
"Unsere Dokumente stammen aus verschiedenen Quellen, wir haben ein sehr gutes Netzwerk", schreibt John. Seinen Schilderungen zufolge haben die Macher von Football Leaks monatelang Verträge und Vereinbarungen aus der Fußballbranche gesammelt. Im vergangenen Sommer sei der Entschluss gefallen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Auslöser seien "Lügen und Vertuschungen" bei portugiesischen Spielerwechseln gewesen.
"Wir sind alle portugiesische Staatsbürger", schreibt John, "wir leben alle in Portugal." Wie viele und in welchem Alter sie sind, was ihr beruflicher Hintergrund ist, will John nicht preisgeben: "Das ist zu gefährlich."
Manche Enthüllungen sind reine Indiskretionen aus der Schlüssellochperspektive, die die Sensationslust der Fans stillen. Oftmals hat das Material aber auch enorme Sprengkraft. So schloss der niederländische Fußballverband erst kürzlich den FC Twente Enschede, noch 2010 Meister der niederländischen Eredivisie, für drei Jahre von allen europäischen Wettbewerben aus. Football Leaks hatte Dokumente publiziert, die belegen, dass der Klub die Transferrechte von fünf Spielern an eine dubiose Sportrechteagentur auf der Mittelmeerinsel Malta verkauft hatte – ein Geschäftsmodell, das die Fifa Anfang vorigen Jahres verboten hatte.
Football Leaks hat dem SPIEGEL Dokumente zur Prüfung und Veröffentlichung herausgegeben. Ende voriger Woche ging in der Hamburger Redaktion ein Datensatz mit etwa 60 Dokumenten ein. Darunter finden sich die Transfervereinbarung des FC Bayern München mit Real Madrid zum Wechsel Xabi Alonsos vom 28. August 2014, ebenso wie eine Transfervereinbarung Real Madrids mit dem FC Bayern zum Wechsel von Toni Kroos. Ablösesumme, so steht es in dem Papier: 25 Millionen Euro, zahlbar in drei Tranchen bis 15. Juli 2016.
Dieser Vertrag, den auch Kroos gegenzeichnete, datiert vom 10. Juli 2014. Das war zwei Tage nach dem 7:1-Triumph im WM-Halbfinale gegen Brasilien und drei Tage vor dem Endspiel von Rio. Einen Arbeitsvertrag mit Real unterschrieb Kroos erst am 17. Juli. Beim FC Bayern wollte Kroos zu den Spitzenverdienern aufrücken, doch die Klubbosse hatten ihm diese Beförderung verwehrt. Der Poker um das Gehalt von Toni Kroos beschäftigte monatelang Fans und Medien. In Madrid bekommt er laut dieses Arbeitsvertrags, was ihn auch in München zu einem der bestbezahlten Spieler gemacht hätte: 11,3 Millionen Euro brutto waren es in der ersten Saison, jeweils 10,9 Millionen Euro verdient er vom zweiten bis zum sechsten Vertragsjahr. Kroos erhält sein Geld demnach nicht monatlich, sondern halbjährlich – die eine Hälfte am 10. Januar, die andere am 10. Juli.
Ein Detail, das viel aussagt über den Glamourfaktor seines Arbeitgebers, findet sich auf Seite drei eines Anhangs zu diesem Arbeitsvertrag. Demnach würde der Mittelfeldspieler einmalig 1 818 182 Euro brutto von Real bekommen, sollte er zu den drei Kandidaten bei der Wahl zum Weltfußballer gehören. In den Jahren darauf käme diese Summe zu seinem Festgehalt hinzu. Den gleichen Einmalbonus und die gleiche Gehaltserhöhung bekäme Kroos, wenn er tatsächlich zum Weltfußballer gekürt würde. Weder Toni Kroos noch sein Berater Volker Struth äußern sich zu den Vertragsinhalten. Football Leaks will die Kroos-Verträge nach Erscheinen dieser Ausgabe ins Netz stellen.
Unter den Unterlagen, die die Whistleblower dem SPIEGEL vorab schickten, finden sich auch heikle Dokumente. Sie beleuchten zweifelhafte Geschäfte des niederländischen Spieleragenten Martijn Odems, der gut in Italiens erster Liga vernetzt ist. Odems, dessen Beraterfirma Orel B. V. in Amsterdam sitzt, vermittelte 2013 den argentinischen Torwart Juan Pablo Carrizo von Lazio Rom zu Inter Mailand. Seine Honoraransprüche an diesem Deal, das ergibt sich aus den Football-Leaks-Dokumenten, trat der Berater an eine Firma mit Sitz in Panama ab.
Diese Vereinbarungen waren streng vertraulich, auch Inter Mailand durfte davon nichts wissen. Der Club überwies Orel B. V. nach dem Carrizo-Transfer 300 ooo Euro in drei Tranchen. Das bestätigte ein Sprecher von Inter Mailand dem SPIEGEL am Donnerstag. So weit, so gut, Odems hatte damit sein Honorar in den Niederlanden.
Doch für ihn war die Sache offenbar noch nicht zu Ende, wie aus den Football-Leaks-Dokumenten hervorgeht. Denn die Firma in Panama, mit der Odems seinen Geheimvertrag gemacht hatte, stellte Orel B. V. für den Carrizo-Transfer drei Rechnungen über 277 500 Euro netto aus, zahlbar auf zwei ihrer Konten bei Banken in Wien und London. Der Verdacht liegt nahe, dass es bei dieser Operation um Steuervermeidung ging. Für Odems Firma in den Niederlanden war die Honorarzahlung von Inter durch die Überweisung an die panamaische Klitsche ein Nullsummenspiel.
Der holländische Spielerberater äußerte sich auf Anfrage nicht, warum er das Honorar, das Inter Mailand ihm ordnungsgemäß überwiesen hatte, an eine Firma mit Sitz in Panama weiterreichen sollte. Er sagte auch nichts dazu, ob und welchen Anteil an seinem Gewinn er sich von der Offshorefirma zurückzahlen ließ. Ein Klassiker unter Spielerberatern. Mit Football Leaks hatte Odems sicher nicht gerechnet.
"Unser Antrieb ist es, all denen das Handwerk zu legen, die sich zu Unrecht an dem Volkssport Fußball bereichern", schreibt John, "durch unsere Veröffentlichungen fangen die Leute auf der ganzen Welt an, sich mit diesen Missständen zu beschäftigen." Hinter ihren Aktionen stecke kein Auftraggeber, der selbst kommerzielle Interessen habe oder bestimmten Konkurrenten schaden wolle. "Wir sind total unabhängig, und wir alle arbeiten an dieser Sache, ohne dafür bezahlt zu werden", betont John. Nach seinen Angaben verfügt Football Leaks über ungeheure Datenmengen, die gerade erst ausgewertet werden: "Wir haben mehr als 500 Gigabyte an Dokumenten."
Das sind mehrere Hunderttausend Seiten.
Der Druck auf Football Leaks nimmt zu. Man legt sich nicht ungeschoren mit den berühmtesten Vereinen der Welt an, mit Spielerberatern, die Millionen scheffeln. Dreimal war die Website der Enthüller gesperrt. Sie vermuten dahinter den Einfluss der Doyen Sports Group, einer zwielichtigen Sportrechteagentur, deren Finanzgebaren Football Leaks öffentlich gemacht hatte. Die Agentur bestreitet diesen Vorwurf und beschuldigt ihrerseits Football Leaks, sie mit gehackten Daten erpresst zu haben. John bezeichnet diese Vorwürfe als "lächerlich".
Die Whistleblower glauben, die Firma spähe sie mit Privatdetektiven aus und wolle sie ausschalten: "Im Fußballlobbyismus sind sehr mächtige Menschen tätig, sie haben auch großen Einfluss auf die Ermittlungsbehörden", schreibt John.
In Portugal wird gegen die Plattform bereits wegen Verleumdung und des Verstoßes gegen das Bankgeheimnis ermittelt. Der Berater von Gareth Bale forderte eine unabhängige Untersuchung gegen Football Leaks.
Die Whistleblower wollen sich davon nicht einschüchtern lassen. "Menschen wie Edward Snowden oder Julian Assange sind eine große Inspiration für uns", schreibt John, "sie haben alles geopfert für ihre Überzeugungen und Träume."
Football Leaks werde weiterhin Dokumente veröffentlichen. Inzwischen sind die Enthüller auf einen russischen Server gewechselt.
Twitter: @Rafanelli

"Unser Antrieb ist es, all denen das Handwerk zu legen, die sich zu Unrecht am Fußball bereichern."

Von Buschmann, Rafael, Wulzinger, Michael

DER SPIEGEL 6/2016
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