06.02.2016

ChronometerZauber der Zonen-Rolex

In Sachsen ist ein Kult um mechanische Uhren entstanden. Mit Innovationen und keckem Marketing stellt sich der Hersteller Nomos Glashütte gegen die Schweizer Dominanz.
Den Lauf der Zeit mit filigranen Federn, Haken und Zahnrädern zu messen mag eine Kunst sein; diesen Prozess rechnerisch zu verstehen ist eine Wissenschaft.
Acht Jahre dauerte das Entwicklungsprojekt des Uhrenherstellers Nomos Glashütte zusammen mit der Technischen Universität Dresden, rund 15 Millionen Euro flossen hinein. Es ist kein großer Betrag in einer Welt, in der schon manches Einzelstück Millionen kostet. Und doch begann mit den Investitionen eine neue Zeitrechnung – für Nomos und für die ganze Branche.
Durch den akademischen Kraftakt gehört der sächsische Betrieb, gerade 26 Jahre alt und 250 Mitarbeiter stark, inzwischen zu den wenigen Unternehmen auf der Welt, die ohne zugekaufte Technologie eine mechanische Uhr von hoher Ganggenauigkeit herstellen können. Solche Firmen blicken gewöhnlich auf eine längere Tradition zurück. Und gewöhnlich sind sie aus der Schweiz.
Nomos gilt als Leitgestirn einer chronometrischen Offensive aus DDR-Ruinen gegen die eidgenössische Ticktack-Dominanz. Der Name eines Städtchens südlich von Dresden, das schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten vortreffliche Zeitmesser schuf, bevor 40 Jahre Planwirtschaft die Zeiger anhielten, ist wieder ein Gütesiegel geworden.
Der langsame Wiederaufstieg begann 1990 kurz nach dem Mauerfall, als der Düsseldorfer Buchhalter und EDV-Berater Roland Schwertner ins Müglitztal kam. Mit Glashütte verband er ein paar heitere Jugenderinnerungen aus Urlauben bei der Ostverwandtschaft. Ein Onkel war dort mit ihm auf seinem Jawa-Motorrad umhergebraust und inzwischen verstorben. Die Tante lebte noch und beherbergte den angehenden Unternehmer in ihrer Standardimmobilie mit feuchtem Bad. Glashütte war kaputt.
Ehrwürdige Hersteller von Uhren und Messgeräten, große Namen wie A. Lange & Söhne, hatten sich aufgelöst im volkseigenen Firmenverbund Glashütter Uhrenbetriebe (GUB). Mehr als 2000 Angestellte produzierten dort Steuerungen für Waschmaschinen, Liniergeräte für Schulhefte und tatsächlich auch noch mechanische Armbanduhren. Sie tickten gar nicht übel und bekamen bald den Necknamen Zonen-Rolex. Schwertner spürte, dass noch Zauberkraft wohnte in diesem schattigen Kaff an der Müglitz. Er sicherte sich einige Namen, darunter Nomos, eine längst verblichene Uhrenmarke aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Wer heute Glashütte besucht, wird kaum begreifen, dass es damals starker Visionskraft bedurfte, hier wieder eine Uhrenmetropole entstehen zu sehen. Fabriken, die emporragen wie vornehme Residenzen, säumen nun die Durchgangsstraße. Im Zentrum ehrt ein Museum im grundsanierten, palastartigen Gebäude der einstigen Deutschen Uhrmacherschule ein knappes Dutzend inzwischen ansässiger Firmen.
Von dem vielen Geld, das seit der Wende nach Glashütte floss, kam reichlich aus der Schweiz. Die Manager der Chronometerimperien Swatch und Richemont erkannten bald, dass hier etwas entstand, das man besser selbst unter Kontrolle bekommen und behalten sollte. Die Schweizer folgten deshalb Schwertners Vorbild und sicherten sich ebenfalls alte große Namen, Swatch erwarb die Rechte an Glashütte Original, Richemont an A. Lange & Söhne. Nach der Jahrtausendwende wurden dann die dazugehörigen Uhrenfabriken restauriert oder neu errichtet. Beide Marken stehen heute für extremen Luxus. Günstige Exemplare kosten schon mehr als 5000 Euro.
Zu den jüngsten Neubauten zählt die perlweiße Manufaktur der ebenfalls von Investoren aus der Schweiz gegründeten Marke Moritz Grossmann. Sie wurde wie ein Adlerhorst an den Berghang am rechten Müglitzufer gepflanzt und zitiert den 1885 verstorbenen Gründer der Uhrmacherschule. Der schrieb sich zwar mit ß, doch die Zielklientel (Preise durchweg fünfstellig) wird wohl in Ländern vermutet, wo dieser Buchstabe ungebräuchlich ist.
Von dem runden Schauraum im Dachgeschoss sinkt der Blick hinab auf das alte Glashütter Bahnhofsgebäude, den Firmensitz von Nomos. Dort dient lediglich ein bescheidener Glasanbau als Empfangsraum, in dem Schwertner fröhlich feixt.
Nomos ist das verhaltensauffällige Kind der Branche, eine Art Underdog: Es negiert den sonst üblichen Prunk. Die Uhrenpreisliste beginnt bei rund tausend Euro – so teuer ist bei manchen Prestigemarken schon die Inspektion. Das Design zitiert die schlichte Bauhaus-Schule, und das Firmenmarketing wird nicht müde, sich und die Kundschaft liebevoll zu veräppeln.
Zum 25. Mauerfalljubiläum erschien ein Sondermodell in "elegantem Novembergrau", für die Sylter Klientel gab es zeitweise die Version "Friesennerz" in Gelb- und Blautönen handelsüblicher Regenmäntel. Das Modell "Ludwig Oberlehrer" mit schiefertafelfarbenem Ziffernblatt allerdings floppte. Schwertner hatte tatsächlich geglaubt, deutsche Didakten verstünden Spaß auf ihre Kosten.
Alles in allem scheint seine Strategie dennoch aufzugehen. Konkrete Verkaufszahlen veröffentlicht der Nomos-Gründer nicht, spricht aber von Absatzzuwächsen von um die 30 Prozent pro Jahr. Und im Handel ist es kein Geheimnis: Nomos läuft, und auch die Qualität scheint zu stimmen. Abgesehen von Anfangsproblemen mit brüchigen Aufzugsfedern loben Uhrmacher durchweg die Präzision der jungen Glashütter Werke.
Die Firma mit dem possenreichen Marketing folgt dabei einem technologischen Masterplan von grundspießiger Ordnungsliebe und einem von Schwertner klar definierten Vorbild: Rolex.
Das Dogma, alles selbst zu entwickeln und damit die Qualität bestimmen zu können, hat einst die Marke aus Genf zum Inbegriff der Schweizer Präzisionsuhr gemacht. Rolex-Chronometer zählen zu den wertstabilsten Produkten der Welt. Da will Nomos auch hinkommen – und obendrein noch nett sein statt bonzig. Eine Sondermodellreihe unterstützt Ärzte ohne Grenzen.
Die technologische Unabhängigkeit ist ein ebenso hohes wie seltenes Gut. Die meisten Firmen, auch renommierte aus der Schweiz, bauen keine eigenen Uhrwerke, sondern kaufen sie. Das brachte ihnen enorme Gewinnmargen, aber auch eine verhängnisvolle Abhängigkeit. Zentrallieferant ist die Swatch-Gruppe mit ihren Komponentenherstellern ETA und Nivarox. Sie wuchs zum Monopolisten und spielt nun mit dieser Macht: Seit Jahren droht Swatch damit, alle Fremdfirmen von der Versorgung abzuschneiden. Geliefert wird nur, wie die Schweizer Wettbewerbskommission dies vorschreibt – und nur, solange sie das noch tut.
Während Juristen um die Dauer dieser Galgenfrist feilschen, hoffen die abhängigen Firmen auf eine Alternative: den einst für ETA tätigen Komponentenhersteller Sellita. Der liefert zwar schon Werke, aber noch immer nicht das diffizile Herzstück aus Schwing- und Ankermechanismus, Assortiment genannt, ohne das keine Uhr tickt. Sellita tüftelt noch daran – Nomos hingegen hat selbst diese Hürde mittlerweile genommen.
Die langwierige Eigenentwicklung half dem Unternehmen noch aus einer anderen Klemme: einer Vorschrift. Um das Gütesiegel Glashütte tragen zu dürfen, müssen mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung beim Bau eines Uhrwerks auch in Glashütte erbracht werden.
Anfangs hatte Schwertner Krach mit den Behörden, denn die ersten Nomos-Uhren waren im Kern ETA-Produkte. Es gab ja keine Alternative. Die 50-Prozent-Grenze war nur mit mehr oder weniger faulen Tricks einzuhalten und führt bis heute zu bizarren Mogeleien. Ein billiges Quarzuhrwerk chinesischer Herkunft kann schon zum legalen Glashütter Prestigeprodukt aufsteigen, wenn der örtliche Fabrikant einen Hauch Edelmetall auf einen der Kontakte tupft.
Kaum im Besitz authentischer Glashütter Mechanik, wechselte Schwertner ins Lager der Tugendwächter. Er verklagte seinen Konkurrenten Mühle, weil der weiterhin Schweizer Werke verbaute. Es folgten zwei Prozesse von zermürbender Tiefenschärfe. Sogar die Frage, ob das Schneeschippen vor der Fabrik ein Teil der lokalen Wertschöpfung sei, blieb nicht unerörtert. Mühle unterlag in dem Streit und tauchte vorübergehend in ein heilsames Insolvenzverfahren ab.
Heute steht Thilo Mühle, Firmenchef in fünfter Generation, für eine der jüngeren, noch sehr zarten Glashütter Erfolgsgeschichten. Seine Manufaktur am Rand der Stadt hat neue Fräsmaschinen, noch etwas abgewohnte Büros und erfüllt inzwischen unbestreitbar die 50-Prozent-Klausel. 54 Mitarbeiter fertigen etwa 8500 Uhren im Jahr, rund ein Viertel der Nomos-Produktion, sportlichere Modelle der gleichen Preisklasse.
Mühle kombiniert Sellita-Komponenten mit Bauteilen eigener Herstellung und macht auf diese Weise den Unruhmechanismus etwas stoßfester. Der Rest ist ästhetischer Feinschliff. Am Rande der Maschinenhalle steht ein Elektroherd mit zwei Platten und Messingpfännchen zum Braten von Schrauben. Bei knapp 300 Grad färbt sich der Stahl blau.
Blaue Schrauben sind Mühles Markenzeichen. Sie sehen sehr hübsch aus hinter dem durchsichtigen Bodendeckel. "Ob mit oder ohne eigenes Werk", sagt Thilo Mühle, "am Ende zeigt die Uhr die Zeit an."
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 6/2016
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