06.02.2016

BildkritikNachgespielt

Der chinesische Künstler Ai Weiwei inszeniert sich als totes Flüchtlingskind.
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen Mann, der wie leblos am Meeresufer liegt. Den Kopf seltsam zur Seite geneigt, den linken Arm leicht verdreht. Unter ihm nasse Steine, vor ihm die Brandung. Sofort fühlt man sich erinnert an das Bild des kleinen syrischen Flüchtlingsjungen, der im September 2015 an einen türkischen Strand gespült wurde.
In vielen Medien, auch im SPIEGEL, war damals darüber diskutiert worden, ob man die Aufnahme des Kindes veröffentlichen dürfe; viele kamen zu dem Schluss, dass es nicht anders gehe und man diese Wahrheit öffentlich machen sollte. Das Foto hat viel ausgelöst, es schockierte Millionen Menschen, brachte sie auch dazu, Flüchtlingen helfen zu wollen, und das gerade in dem Wissen, dass es für dieses eine Kind zu spät war. Der Mann, den man auf dem neuen Bild sieht, aber lebt. Es handelt sich um den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Er konnte, nachdem er fotografiert wurde, wieder aufstehen und noch berühmter werden. Die Szenerie irritiert, was wohl beabsichtigt war, aber muss das sein?
Ai kennt echte Gefahr. In seiner chinesischen Heimat haben sie ihn drangsaliert, eingesperrt, unter Hausarrest gestellt, erst im vergangenen Sommer durfte er das Land verlassen. Ai weiß um den Wert des Mitgefühls und der Hilfe von Menschen, die einen nicht einmal persönlich kennen. Viele Unterstützer haben sich jahrelang für ihn eingesetzt, Politiker haben auf sein Schicksal hingewiesen und so Einfluss darauf genommen, dass er freikam. Vor allem sein Mut war bemerkenswert, er hat nach wie vor aufrührerische Werke geschaffen und etwa den Raum nachgebildet, in dem man ihn gefangen hielt, er war mit Bild und Wort im Internet präsent. Nicht in Vergessenheit zu geraten hat ihn auch geschützt.
Nun will er die Menschen im Westen offenbar an den Moment erinnern, in dem die Empathie für die Flüchtlinge am stärksten ausgeprägt war. Es ist nicht das erste Mal, dass der Künstler seine Einstellung in dieser Frage deutlich macht. Vor Kurzem ließ er eine Schau mit seinen Werken in Dänemark schließen, weil er die neuen, strengeren Asylbestimmungen des Landes missbilligt. Schon vor einigen Wochen hat er ein provisorisches Atelier auf der griechischen Insel Lesbos eingerichtet, dort, wo immer wieder Boote mit Flüchtlingen ankommen und wo er, selbst ein Exilant, ein Denkmal für die Gestrandeten vorbereiten will. Hier entstand nun auch dieses Foto, für das er sich an den Strand legte. Aufgenommen hat es ein Fotograf im Auftrag eines indischen Magazins. Und natürlich war allen im Umfeld des Künstlers klar, dass sich die Szene in kürzester Zeit weltweit verbreiten würde.
Man könnte diese Aktion kunsthistorisch einordnen. Ai macht ein fremdes Bild, eine fremde Szene zur Grundlage eines eigenen Werks. In den Jahren, in denen er als junger Künstler in New York lebte, war diese "Kunst der Aneignung", die "Appropriation Art", eine der markantesten Strömungen. Die Künstlerin Sherrie Levine zum Beispiel fotografierte aus Bildbänden einfach die legendären Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Walker Evans ab, mit denen er die Jahre der amerikanischen Depression dokumentiert hatte (und später kopierte jemand ihre Kopien). Werke der bildenden Kunst waren nichts Heiliges, Unantastbares mehr. Doch das Foto von dem Jungen am Strand ist kein Kunstwerk, das jemand erfunden hat, und so benutzen die Kritiker von Ais Inszenierung eher einen anderen Begriff, den des "Reenactment", er beschreibt das Nachspielen historischer Ereignisse – und das gilt, wenn es außerhalb der Kunst- und Theaterwelt zelebriert wird, eher als unzulässiger Kitsch.
Ai ist jemand, der alle Begrifflichkeiten, Traditionen und Gesetze der Kunstwelt bestens kennt und der sich am wenigsten von ihnen beeindrucken lässt. Viele bildende Künstler scheuen das schnelle Reagieren auf politische Ereignisse; Gerhard Richter hat die zerstörten Zwillingstürme von New York erst Jahre nach dem Anschlag gemalt. Ai macht das Gegenteil, er reagiert schnell, er reagiert ständig. Und er macht einfach weiter mit der Selbstdarstellung, die ihm in China zur Notwendigkeit wurde. Auf Instagram lässt er jeden Tag neue Fotos einstellen. Fotos von Flüchtlingen, ein Foto eines asiatischen Jungen – vielleicht sein Sohn –, wie ein eben angelandeter Flüchtling in eine Decke gewickelt, Fotos seiner selbst mit einem Schild, auf dem in Englisch "Sichere Route" steht.
Vor Kurzem waren auf seiner Instagram-Seite auch Selfies von ihm neben der Selbstvermarkterin Paris Hilton zu sehen. Die Bilder waren in einem Pariser Kaufhaus entstanden, wo Ai eine Ausstellung eröffnet hatte. Im Netz focht er seinen Kampf gegen den Spielzeughersteller Lego aus, weil der ihm für eines seiner Kunstwerke nicht die gewünschte Menge an Legosteinen liefern wollte. Paris Hilton, Lego, Flüchtlinge. Das alles scheint nun gleichwertig in der Welt Ai Weiweis.
Das Gesicht des Jungen war nicht zu erkennen, das von Ai auf dem nachgestellten Foto ist es schon. Manche Künstler eignen sich fremde Bilder an, indem sie diese übermalen, sie damit aber auch ein Stück weit auslöschen. Den Anblick des Kindes übermalt Ai mit seiner eigenen Gestalt, er verdrängt das eigentliche Bild, obwohl das zu nichts führt, zu keiner Erkenntnis. Er, der die Wirkung der Bilder kennt, hätte es besser, klüger hinbekommen müssen.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 6/2016
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