23.08.1999

ZEITGESCHICHTEStumpf, weinerlich und hoffnungslos

Kurz vor Kriegsende interviewte ein amerikanischer Offizier zahllose Deutsche im Auftrag des alliierten Oberkommandos - die erste große Studie über die Mentalität der Besiegten. Erst jetzt wurde sie ins Deutsche übersetzt.
Alles begann vor dreieinhalb Jahren mit einem Zufall und ziemlich viel Mühe.
Immer auf der Suche nach Anregungen für seine "Andere Bibliothek", stieß Hans Magnus Enzensberger, der auch ein Verfechter des Radios ist, in einer Rundfunkzeitschrift auf die Ankündigung eines Hörspiels: Es hieß "Über die Deutschen" und basierte auf dem Buch eines amerikanischen Vernehmungsoffiziers namens Saul K. Padover, veröffentlicht in England und Amerika 1946, nie ins Deutsche übersetzt, ein Goldstück für die "Andere Bibliothek".
Autor und Buch waren damals etwas für Eingeweihte, ausgeschlachtet von Historikern in dicken, kundigen Büchern über das letzte Kriegsjahr zwischen der Invasion alliierter Truppen in der Normandie im Juni 1944 und der Kapitulation Hitler-Deutschlands im Mai 1945. Von Padovers Werk - im Original: "Experiment in Germany" - gab es in Deutschland nur noch einige wenige Exemplare in Archiven und Staatsbibliotheken.
Das herauszufinden war schon schwierig genug. Aber wem gehörte das Copyright, wer waren die Erben? Padover war 1981 als geachteter, aber nicht auffällig gewürdigter Professor für Politikwissenschaft der renommierten New School of Social Research in New York gestorben; Erben waren nicht bekannt. Der Verlag, der sein Buch gleich nach dem Krieg publiziert hatte, existierte nicht mehr. Blieb nur eine Anzeige auf gut Glück in der "New York Times Book Review", der großen literarischen Wochenendbeilage des Weltblatts.
Per Annonce also suchte Enzensberger die Nachkommen des halb vergessenen Sohnes aus dem jüdischen Bürgertum Wiens, dessen Eltern 1920 mit ihrem 15-jährigen Jungen nach Amerika ausgewandert waren. Und am Ende vieler vergeblicher Wege meldete sich tatsächlich eine Nichte Padovers aus einem Staat Neuenglands, erteilte ohne Auflagen das Recht auf Übersetzung und Neuherausgabe des fast verschollenen Buchs ihres Onkels*.
Padover trat 1942 in das Office of Strategic Services (OSS) ein, den wilden, bunten, unkonventionellen Vorläufer der CIA. Unter Intellektuellen, Wall-Street-Leuten, aber auch unter Söhnen aus reichem Haus galt es bald als chic, patriotischen Dienst im neuen, international gegen die Nazis operierenden Geheimdienst zu leisten.
Juden wie Padover oder deutsch-jüdische Emigranten wie Herbert Marcuse, Hans Habe oder Stefan Heym, der den Roman "Der bittere Lorbeer" über seine Zeit im OSS schrieb, fanden bevorzugt Aufnahme.
Padover diente im Rang eines Oberstleutnants in einer Spezialeinheit für psychologische Kriegführung. Sie war im Krieg zuständig für Gegenpropaganda in Zeitungen und Radiosendungen, ließ Flugblätter auf deutsche Soldaten und Städte regnen. Nach Kriegsende erteilte sie die Lizenzen für Rundfunkanstalten und Zeitungen.
Padover war bald mit besonderem Auftrag unterwegs: Er unterbreitete seinen Vorgesetzten den Vorschlag, samt einem kleinen Team mit der 1. Armee ins Rheinland vorzustoßen und möglichst viele Deutsche in den eroberten Dörfern und
* Saul K. Padover: "Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1999; 337 Seiten; 58 Mark.
Städten zu vernehmen. Daraus sollte ein Stimmungs- und Situationsbild der Bevölkerung im Angesicht der Niederlage entstehen.
Das alliierte Oberkommando war aus pragmatischen Gründen auf die Mentalitätsforschung des Oberstleutnants gespannt. Die Generäle wollten wissen, was eine Besatzungsmacht von den Deutschen zu erwarten hatte: Sabotage, passiven Widerstand, Generalstreik wie an der Ruhr nach dem Ersten Weltkrieg? Waren das fanatische Nazis, Herrenmenschen und Rassisten auch ohne Hitler?
Padovers Berichte gingen über die 1. Armee und die 12. Heeresgruppe direkt an General Dwight D. Eisenhower und erregten Aufsehen in Washington und London.
Mit seinem "Safaritrupp" - einem Kommandofahrzeug, zwei Jeeps, einem Funkwagen - kurvte der Nachrichtenoffizier durch Frankreich, Luxemburg, Belgien ins Rheinland, überstand die Ardennen-Offensive, erlebte die Befreiung des KZ Buchenwald mit und war in Torgau beim Treffen der Amerikaner mit den Sowjetrussen dabei.
Er sprach mit Deutschen, die in den Ruinen der Städte überlebt hatten, während SS, SA, Gestapo und Nazi-Bonzen das Weite suchten. Er interviewte Menschen aller Schichten: Bäuerinnen und BdM-Mädchen, Immobilienmakler, Lehrer, Anwälte, Arbeiter, Hausfrauen, Gewerkschafter und Zwangsarbeiter aus Rüstungsbetrieben.
Der deutsch sprechende Padover war der erste, der sie befragte. Er trat mit der Autorität der Besatzungsmacht, aber ohne Sanktionsgewalt auf. Er notierte, was ihnen jetzt zu Hitler, zum Krieg und zu ihrem eigenen Verhalten in den letzten zwölf Jahren einfiel.
Deutsche aller Stände wurden zum Interview gebeten, nicht zum Verhör. Noch ging es nicht um juristische Schuld, sondern um Moral, Zivilcourage, Verantwortung. Padover hatte aus seiner Arbeit an der Universität Erfahrung mit Meinungsumfragen; er zog seine Gegenüber wie beiläufig ins Gespräch, wobei sich deren Zungen zuverlässig lösten.
Da sie zum ersten Mal befragt werden, klingen ihre Aussagen frisch und unverstellt. Die Stereotypen, Klischees und gängigen Apologien, die nach einiger Übung bald nach Kriegsende bereitliegen werden, sind noch nicht ausgeformt. Enzensberger nennt Padover einen "Ethnologen der deutschen Katastrophe". Sein Buch ist ein authentisches Dokument aus jener Zwischenzeit, als der Krieg verloren und doch noch nicht zu Ende war.
Fast alle Interviewten gestehen ein, dass sie von den Gräueln an Zwangsarbeitern und politisch Verfolgten, vom Rassenmord an den Juden Kenntnis hatten. Sie zeigten sich stumpf, gefühllos und hartherzig, das Eingeständnis löse in ihnen nichts aus, schreibt Padover in seinen Berichten. Sie hadern mit Hitler, der Erfolge versprochen und am Ende versagt habe: "Was soll man von einem Führer halten, der einen Krieg anfängt und ihn verliert?", fragt ein enttäuschter 16-Jähriger stellvertretend für viele. Der Wendepunkt, das legen fast alle nahe, war Stalingrad 1942/43, da verlor Hitler die freudige Gefolgschaft.
Es gibt die Muss-Nazis, die immer nur das Objekt des NS-Regimes gewesen sein wollen und sich schon einmal deswegen unschuldig fühlen. Es gibt die Gehorsamsmaschinen, die das Ausführen von Befehlen als Inbegriff deutschen Wesens darstellen. Und es gibt die Raubritter, die dank der Nazis Wohlstand und Reichtum erwarben, besonders bei der Arisierung jüdischer Geschäfte, und nun behaupten, sie hätten mit dem ganzen Gesocks nichts zu tun gehabt und es eigentlich auch immer verachtet.
Als amerikanischer Jude europäischer Herkunft hasst Padover diese Deutschen, die, unabhängig vom sozialen Stand, einen umfassenden Mangel an Zivilcourage und Bürgersinn erkennen lassen und ohne Mitleid mit den Opfern der Nazis sind. Ein nach den Nürnberger Rassegesetzen als Halbjude klassifizierter Mann liefert ihm die Königserklärung: "Die Deutschen seien nicht bösartig, sondern nur so gleichgültig." Da blieb nur Hoffnung auf die ganz Jungen.
Der Feldforscher Padover konnte seinen Oberbefehlshaber Eisenhower, den Abkömmling rheinländischer Mennoniten, beruhigen. Sein überwältigender Eindruck ist: Defätismus, Apathie, Warten auf das Ende, Hoffnungslosigkeit, Selbstmitleid. Er hält sich zugute, dass er die Besatzungspolitik der Amerikaner, die zu diesem Zeitpunkt zwischen einem "Karthago-Frieden" und einer weicheren Haltung gegenüber den Besiegten schwankte, ein wenig beeinflusst habe.
Padovers Rapport legte zumindest eine beruhigende Schlussfolgerung nahe: Dass die Deutschen dermaßen anfällig für Gehorsamszwang waren, ließ das Beste hoffen - sie würden sich dem Diktat der Alliierten beugen und künftig Demokraten sein, sofern sie sich davon etwas versprechen durften.
Nebenbei ist Padover zum Geschichtsschreiber der Stadt Aachen in diesen Monaten geworden.
Aachen war die erste "gefallene" westdeutsche Groß- stadt, 11 000 der insgesamt 160 000 Einwohner hielten sich noch in ihren Ruinen auf. Die amerikanische Militärverwaltung stützte sich auf die Kompetenz am Ort, und das war die alte, korrumpierte Elite. Padover schrieb nach zweimonatiger Untersuchung einen Bericht über die kompromittierende Zusammenarbeit. Danach wurde die Stadtverwaltung ausgewechselt.
Von den Honoratioren Aachens zeichnet der amerikanische Vernehmungsoffizier ein vernichtendes Porträt. Ein besonderes Juwel ist seine Unterhaltung mit dem eigentlichen Stadtherrn, dem Bischof Johannes Joseph van der Velden.
Der tritt, stolz und düster, wie ein Großinquisitor dem Oberstleutnant entgegen. Er erklärt Hitlers Aufstieg aus der deutschen Bevölkerungsdichte und der Armut unter Arbeitslosen und Bauern, ohne Wirtschaft und Industrie, Wehrmacht und Kirche weiter zu erwähnen. Den Mangel an Zivilcourage, den der Offizier, ganz im Bann der amerikanischen Wertschätzung für Freiheit und Individualismus, nicht fassen kann, leitet van der Velden aus dem Rückgang an Religiosität ab. Und die Kirche? "Die Kirche wollte keine Märtyrer."
Der amerikanische Jude hält dem deutschen Bischof entgegen, dass der Religionsgründer Jesus keine Angst gehabt habe, seine Wahrheit zu sagen. Van der Velden habe ruhig geantwortet, schreibt Padover: "Ja, das stimmt, aber schauen Sie, was man mit ihm gemacht hat!"
Padovers Erzählungen aus dem Aachen der frühesten Nachkriegszeit schlagen heute wieder Wellen. Die lokalen Blätter berichten ausführlich über dessen Zustandsbeschreibung vom Winter 1944/45. Klaus Schwabe, emeritierter Geschichtsprofessor der Technischen Hochschule Aachen, gab seine Einschätzung des Vernehmungsoffiziers und seines Rapports: authentisch, Rohstoff aus dieser Zeit, beeindruckend, wenn auch etwas einseitig - eben ein linksliberaler Amerikaner aus der Roosevelt-Ära, der entsetzt über das Gesehene und Gehörte ist.
Padovers Buch findet derzeit in der Bischofsstadt reißenden Absatz. Es erregt so viel Aufsehen, dass Zeithistoriker am 26. August in großer Runde öffentlich über die Zustände und Ereignisse in jenen Tagen diskutieren werden, an deren Ende der Aachener Oberbürgermeister von einem Nazi-Kommando ermordet wurde.
Die episch erweiterte Fassung seiner Berichte veröffentlichte Padover 1946 als Buch. Es fand vor allem in den amerikanischen Zeitungen große Resonanz, weil es sowohl die Deutschen als auch die Deutschlandpolitik der westlichen Alliierten erklärte.
Die Intellektuellen aus der Spezialeinheit für psychologische Kriegführung gingen nach ihrer Rückkehr aus Europa zurück ins bürgerliche Leben und machten Karriere. Die besten Jahre ihres politischen Einflusses lagen hinter ihnen. Was links war, geriet im Kalten Krieg und der McCarthy-Ära in Generalverdacht. Zudem entstand aus dem unkonventionellen Haufen OSS rasch ein ordentlicher, bürokratisch organisierter Geheimdienst, die CIA, die ihre Anfänge am liebsten vergessen machte.
Padover schrieb bis zu seinem Tode 1981 noch weitere 30 Bücher. Er fand, auch für einen amerikanischen Professor keine Selbstverständlichkeit, mehr als drei Millionen Leser. Jetzt kommen noch ein paar deutsche hinzu. GERHARD SPÖRL
* Saul K. Padover: "Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1999; 337 Seiten; 58 Mark.
Von Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 34/1999
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