23.08.1999

KLATSCHEhe vor Schwarzen Löchern

Abrechnung mit einem Genie: Nach Schilderung seiner Ex-Frau Jane gebärdete sich der an den Rollstuhl gefesselte Physiker Stephen Hawking als übler Haustyrann.
Sind alle genialen Physiker so? Als alles vorbei war und die Ehe nur noch auf dem Papier bestand, diktierte Albert Einstein seiner ersten Frau Mileva Maric die Bedingungen dafür, sich nicht sofort scheiden zu lassen. Die serbische Physikerin müsse sich hinfort damit begnügen, seine Kleidung in Ordnung zu halten, ihm drei Mahlzeiten pro Tag zu servieren und "ohne Protest" das Zimmer zu verlassen, wenn er es verlange.
Ist Stephen Hawking, der als "Einsteins Erbe" weltweit gefeierte Cambridge-Professor, ebenfalls ein solch Menschen verachtendes Scheusal?
Als alles vorbei war und ihre Ehe nur noch auf dem Papier bestand, erhielt Jane Hawking morgens durch das Fenster ihres Autos brieflich die Tagesbefehle ihres Mannes ausgehändigt. Die Pflegerinnen, die sich rund um die Uhr die Betreuung des an der Muskellähmung amyotrophische Lateral-Sklerose leidenden Wissenschaftlers teilten, übermittelten ihr als Bedingung für ein weiteres Zusammenleben die Auflage, künftig "in allem zuerst an Stephen zu denken". Als ob ihr, 25 Jahre lang, etwas anderes übrig geblieben wäre.
Zehn Jahre nach ihrer Trennung veröffentlicht Jane Hawking jetzt ein Buch über diese Ehekatastrophe, gut 600 Seiten voller grausam minutiös geschilderter Details**. Es ist ein Dokument der Vernichtung, eine präzise Beschreibung, wie sich Krankheit und Begabung, Wissenschaftsbetrieb und Starruhm verbündeten gegen den Selbstbehauptungswillen und die Identität einer Frau, die immer erst auf den zweiten Blick wahrgenommen und als Anhängsel allenfalls geduldet wurde. Es ist, selbstverständlich, nur die eine Seite der Wahrheit.
Dass Stephen Hawking todkrank war, hatte sich im kleinen St. Albans vor den Toren Londons schnell herumgesprochen. Auch Jane Wilde erfuhr davon, kurz nachdem sie ihn auf einer Neujahrsparty 1963 kennen gelernt hatte. Sie ist 18, er 21 Jahre alt, hat sein Oxford-Studium bereits hinter sich. Und wer ein Oxford-Studium hinter sich hat, erklärt anderen die Welt von oben herab, sarkastisch, blitzgescheit, blasiert.
Doch statt gewarnt zu sein, ist Jane, die in Oxford nicht angenommen wurde, fasziniert. Stephen übernimmt eine harsche
* Mit ihrem zweiten Ehemann Jonathan Hellyer Jones.
** Jane Hawking: "Music to Move the Stars. A Life with Stephen". Macmillan, London; 612 Seiten; 20 Pfund.
Erziehung: Liebt sie Musik von Rachmaninow und Tschaikowski, schenkt er ihr Werke von Webern und allenfalls die späten Streichquartette von Beethoven. Später, als sie sich schon lange nichts mehr zu sagen haben, setzen die beiden ihren musikalischen Kleinkrieg fort: Er beschallt das Haus mit Wagner, sie hält mit Händel und Schubert dagegen. Die "Musik, die die Sterne bewegt", so der denkbar unpassende Titel ihrer Memoiren, ist eine rechte Kakophonie.
Ein romantischer Abend in London, als Geburtstagsgeschenk für Jane, besteht für Stephen in einem Theaterstück, das gegen die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl in den USA protestiert. Ihren Entschluss, mittelalterliche spanische Literatur zu studieren, hält er für "genauso sinnvoll wie das Studium von Kieselsteinen am Strand". Das Adjektiv "feminin" gilt ihm als Schimpfwort, Religiosität als bloße "Durchblutungsstörung im Gehirn".
Stephen und Jane heiraten trotz der Warnung seines Vaters, dass Stephens Lebenserwartung äußerst gering sei. Zwei Jahre, mehr hat ihm damals kaum jemand gegeben. Bis heute kann niemand erklären, warum Stephen, der, an einen Rollstuhl gefesselt, nur noch zwei Finger bewegen kann, überhaupt noch lebt. Seit einem schweren Zusammenbruch im Sommer 1985 und anschließenden Operationen kann er zudem nicht mehr sprechen, muss sich mit Hilfe eines Computers und eines Sprachsynthesizers verständlich machen.
1965 zieht das junge Ehepaar nach Cambridge, wo Frauen noch nicht an allen Colleges zugelassen sind. Hier zählt die Wissenschaft und sonst gar nichts: Zur High Table, dem Speisesaal, wo die College-Eminenzen allabendlich ihre Adlaten zum Dinner um sich scharen, sind Frauen, jedenfalls die eigenen, nur einmal im Jahr zugelassen.
Stephen erwirbt sich Meriten, und sie tippt seine Doktorarbeit. Die Frauen der Astrophysiker, klagt Jane Hawking, seien Witwen, egal wie lange ihre Männer leben. Zwar begleitet sie ihren behinderten Mann zunächst auf wissenschaftliche Konferenzen, auf denen die Möglichkeit ins Auge gefasst wird, in naher Zukunft Allgemeine Relativitätstheorie und Quantenphysik zu einer einzigen Weltformel zu verbinden. Doch Jane sieht sich mit anderen Physikerfrauen und ihren Kindern ins Damenprogramm abgeschoben, ohne Zutrittsberechtigung in die Welt nur noch mathematisch erfassbarer Sphärenharmonien.
Jane empfindet den Wissenschaftsbetrieb in Cambridge als "Fahrschein in tiefe Dunkelheit". Ihr Mann erforscht Schwarze Löcher, sie fühlt sich verschlungen. Später sammelt er Ehrungen in aller Welt, sie möchte ins Wasser springen.
Hat sie sich zu viel aufgebürdet mit der Betreuung eines Mannes, dessen Krankheit immer mehr an ihm zehrt? Der erst nicht mehr ohne Hilfe gehen, dann sich nicht mehr allein anziehen, sich nicht waschen, nicht mehr selbst schreiben, essen, gar nichts mehr kann außer denken? Sicher, zumal Jane Hawking aus Selbsterhaltungsgründen darauf besteht, ihr Sprachstudium abzuschließen, später ihren Doktor zu machen und eine Lehrtätigkeit aufzunehmen. Das alles passt kaum unter einen Hut. Chaos regiert: Am Flughafen Heathrow, auf dem Weg in die USA, hat die Maschine stundenlang Verspätung. Jane besorgt Sandwiches und kehrt zurück, wo sie ihren kleinen Sohn auf dem Schoß ihres Mannes zurückgelassen hat. Dessen verzweifelter Blick verrät ihr, dass ein Unglück geschehen ist, gegen das ihr bewegungsunfähiger Mann nichts ausrichten konnte: Ihr Sohn Bob hatte pinkeln müssen, sich selbst und Stephen völlig durchnässt.
Über die Pflege des Schwerkranken zerbricht diese Ehe schließlich. Zunächst weigert sich Hawking jahrelang, professionelle Hilfe anzunehmen, dann schließlich, nach den Operationen von 1985, geht es
nicht mehr anders, aber da ist es schon zu spät. Jane empfindet es, als ob die Krankenschwestern, die ihn Tag und Nacht pflegen, ihn vor ihr abschirmen. Eine von ihnen, Elaine Mason, die Frau des Mannes, der für Hawking den Sprachsynthesizer gebaut hat, wird nach der Scheidung Stephens zweite Frau.
Sex ist das komplizierteste Kapitel dieser Ehe. "Ich musste stets fürchten, dass die Anstrengung Stephen in meinen Armen töten könnte", schreibt Jane und später in brutaler Offenheit: "Es war sehr schwierig, sogar unnatürlich, Verlangen für jemanden zu empfinden, der den Körper eines Holocaust-Opfers und die Pflegebedürfnisse eines Kindes hat."
So entstand, laut Jane, mit stillschweigender Billigung ihres Mannes, im Laufe der Jahre ein Arrangement: Sie lernt einen Musiker kennen, der zunächst Familienmitglied wird, bei der Pflege hilft, den Nachkömmling Timothy zur Schule bringt. Später ist es dann nicht mehr zu verheimlichen: Jonathan Hellyer Jones wurde ihr Liebhaber, nach der Scheidung ihr zweiter Mann.
* Mit Elaine Mason in Cambridge.
Mit tiefer Bitterkeit schreibt Jane noch heute: "Wir, seine Familie, waren die Niedrigsten der Niedrigen, zusammengekauert am Fuße einer Leiter, an deren Spitze die Engel (Stephens Pflegerinnen) die Gottheit umsorgten, den Herrn des Universums."
Umgekehrt muss sie die ganze Latte der Vorwürfe hinnehmen, die ebenfalls tiefer Kränkung entsprangen: Sie war nun die "untreue Frau", die "mitleidlose Partnerin", die "selbstsüchtige Karrieristin". Nur der weltweite Erfolg seines Buches "Eine kurze Geschichte der Zeit" verhindert, dass die persönliche Katastrophe auch zur finanziellen wird.
Und so habe es wohl auch kommen müssen, glaubt heute Lucy Hawking, die Tochter der beiden. Der Starrummel um den berühmtesten Physiker Großbritanniens, die nur noch mühsam ertragenen gemeinsamen Auftritte hatten immer nur ein Bild produziert, dessen Distanz zur Wirklichkeit schließlich unerträglich wurde: die Geschichte vom verkrüppelten Genie und seiner heiligmäßigen Frau.
Letztlich, sagt Lucy, sei das Ende schmerzhaft, aber simpel gewesen: "Meine Mutter wurde es leid, immer nur für meinen Vater da zu sein; mein Vater hatte es satt, immer dankbar sein zu müssen. Beide haben andere Partner gefunden." HANS HOYNG
* Mit ihrem zweiten Ehemann Jonathan Hellyer Jones. ** Jane Hawking: "Music to Move the Stars. A Life with Stephen". Macmillan, London; 612 Seiten; 20 Pfund. * Mit Elaine Mason in Cambridge.
Von Hans Hoyng

DER SPIEGEL 34/1999
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