23.08.1999

GESTORBENEberhard Cohrs

78. Wenn der "Kleene mit der großen Gusche" über den realsozialistischen Alltag kalauerte "Hamse mal 'ne Mark - Im Gonsum da gibt's Quark", lachten die DDR-Bürger Tränen. Der gelernte Bäcker war mit seinen sächsischen Lachnummern Kult im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Der 1,56 Meter kleine, im Grunde unpolitische Komiker wurde zum Frustventil der gegängelten DDR-Gesellschaft. In den siebziger Jahren wurden Cohrs' Späße den SED-Apparatschiks zu viel, er durfte seine sächsisch geknödelten Kalauer nicht mehr selber schreiben. Nach einem Gastspiel bei einer Weihnachtsfeier für Reichsbahn-Angestellte blieb er 1977 in West-Berlin. Ein Schritt, den er später bedauerte. Der gebürtige Dresdner hatte sein Publikum verloren. Und im Westen wurde er höchstens gebucht, wenn sich das Publikum bei einer Gala über die DDR-Bonzen-Sprache Sächsisch lustig machen wollte. Cohrs hielt sich als Gag-Schreiber für Komiker über Wasser. Nach der Einheit versuchte er in Dresden ein Comeback, doch an seine alten Erfolge konnte er nie wieder anknüpfen. Vor wenigen Wochen rückte er noch einmal in die Medien-Öffentlichkeit: Unter ungeklärten Umständen schoss der Todkranke in seinem Haus am Scharmützelsee seine Frau nieder. Dagmar Cohrs überlebte. Eberhard Cohrs starb vergangenen Dienstag an Krebs.

DER SPIEGEL 34/1999
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