13.02.2016

GeschichteOffene Rechnung

Das Finanzministerium ist auf Hinweise gestoßen, wonach nicht Deutschland den Griechen Geld aus der Nazizeit schuldet – sondern umgekehrt.
Das Bundesfinanzministerium an der Berliner Wilhelmstraße ist ein geschichtlich belasteter Ort. Eine Gedenktafel erinnert an die Nazizeit, als Reichsmarschall Hermann Göring den trutzigen Bau als Luftfahrtministerium nutzte. Und so war es durchaus feinfühlig, dass die Leitung der Abteilung E ("Europapolitik") zu einem internen Vortragsseminar mit dem Historiker Heinz A. Richter in ein Nebengebäude aus der Kaiserzeit einlud. Das Thema, zu dem der emeritierte Professor für griechische Zeitgeschichte an der Universität Mannheim vortrug, gilt seit Ausbruch der Eurokrise als heikel: die Besatzung Griechenlands durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Für die Beamten von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) war vor allem die Frage interessant, ob Deutschland den Griechen noch Geld schuldet. In Griechenland sind viele Politiker davon überzeugt. Eine von der griechischen Regierung eingesetzte Kommission bezifferte die offenen Schuldforderungen der griechischen Zentralbank an Deutschland aus der Nazizeit, die sich aus Zwangskrediten an die deutschen Besatzer ergeben, auf etwa 11 Milliarden Euro. Der heutige Vizeaußenminister Dimitris Mardas sprach sogar von 278,7 Milliarden Euro Schulden inklusive Kompensation für Kriegsschäden.
Ministerpräsident Alexis Tsipras warf Deutschland vor, das Thema unter den Teppich zu kehren. "Bis heute haben deutsche Regierungen dazu geschwiegen, haben rechtliche Tricks angewandt, die Frage aufgeschoben und vertagt", schimpfte Tsipras im vergangenen März.
Umso überraschter waren Schäubles Leute, als ihnen Griechenlandexperte Richter nun eine ganz andere Rechnung präsentierte. Der Historiker glaubt belegen zu können, dass nicht etwa Deutschland den Griechen Geld aus der Besatzungszeit schuldet, sondern – wenn überhaupt – das Gegenteil der Fall ist. "Griechenland schuldet seit Räumung des Landes Deutschland 3000 oder 4000 Goldpfund", heißt es in einem zehnseitigen Gutachten Richters, das jetzt in der von ihm herausgegebenen Fachzeitschrift "Thetis" erschienen ist.
Bei seinen Berechnungen stützt sich der Historiker auf einen Bericht aus der Reichsbank vom April 1945. Bislang galt dieser Bericht als Beleg dafür, dass Nazideutschland bei den Griechen in der Kreide steht. So heißt es dort auf Seite 114, die Verbindlichkeiten des selbst ernannten Dritten Reichs gegenüber Griechenland lägen bei 476 Millionen Reichsmark. Diesen Betrag wiederum rechneten griechische Politiker, je nach unterstellter Verzinsung, auf einen heutigen Anspruch von mehreren Milliarden Euro hoch, wobei sie noch weitere Quellen heranzogen.
Richter allerdings ist bei seiner Untersuchung des Reichsbank-Berichts noch auf andere Zahlen gestoßen. Und so erklärte er der staunenden Runde im Finanzministerium, dass es die griechische Seite bislang womöglich versäumt habe, den Bericht sorgfältig zu Ende zu lesen und auch jene Seiten zur Kenntnis zu nehmen, auf denen von den griechischen Schulden gegenüber Deutschland die Rede ist.
Tatsächlich findet sich laut Richter bereits auf Seite 33 des Reichsbank-Berichts eine wesentliche, aber bislang unbeachtete Passage. In reinstem Notenbankerdeutsch heiß es dort: "Bei Abschluss des deutsch-griechischen Verrechnungsverkehrs nach Räumung Griechenlands dürfte der griechische Passivsaldo den Betrag von 300 Millionen Reichsmark erreicht haben."
Im Klartext: In der Gesamtschau war Griechenland gegenüber Deutschland nach damaliger Reichsbank-Ansicht im Minus – nach heutigem Wert mit etwa 83 Millionen Euro.
Dieses Soll kam zustande, weil die Reichsbank einen Teil ihrer Goldbestände nach Griechenland geschickt hatte, um die inflationäre Drachme zu stützen. Wobei die Inflation auch Folge der deutschen Besatzung war und das Gold auch von ermordeten griechischen Juden stammte. Richter, Ehrendoktor der Universität Kreta und vom griechischen Staatspräsident mit dem Kreuz des Phönix-Ordens in Gold ausgezeichnet, ist sich bewusst, dass seine Studie ein empfindliches Thema berührt. Er hat selbst mehrere Schriften über die Gräueltaten deutscher Soldaten in Griechenland verfasst. Gleichwohl musste er sich auf Kreta in einem Prozess gegen den Vorwurf wehren, er habe die griechische Widerstandsbewegung verunglimpft.
Richter geht es nicht darum, Griechenland zur Rückzahlung zu verpflichten. Angesichts der Forderungen einiger griechischer Politiker sei es jedoch an der Zeit, "zu einer realistischen Haltung" zu gelangen, heißt es in seiner Expertise.
Die versammelten Beamten im Finanzministerium vernahmen die Botschaft mit großem Interesse, einige beeilten sich freilich zu versichern, dass man sich Richters Expertise nicht zu eigen mache und auch keine Forderungen gegenüber Griechenland erheben werde: "Dieses Fass werden wir nicht noch einmal öffnen."
Doch für den Fall, dass die griechische Seite neue Forderungen erheben sollte, sei es kein Nachteil, ein paar Argumente in der Schublade zu haben.
Von Neubacher, Alexander, Reiermann, Christian

DER SPIEGEL 7/2016
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