13.02.2016

JustizSystem der Angst

Missbrauch, Folter, Mord – die Verbrechen der Colonia Dignidad werden jetzt in Deutschland juristisch aufgearbeitet. Im Fokus: der einstige Sektenarzt. Von Martin Knobbe
Sie war grün und klein, vielleicht halb so groß wie ein Ein-Cent-Stück. Jeden Morgen kam die Schwester mit der grünen Tablette in der Schachtel, fünf andere Pillen noch dazu. Gudrun Müller schluckte sie, wie es ihr befohlen war, fast 34 Jahre lang. Es hieß, es müsse so sein.
Viel später erst habe sie erfahren, was sie eingenommen hatte, sagt sie. Melleril, ein Neuroleptikum, das im Gehirn die Dopamin-Rezeptoren blockiert. Es hilft gegen Unruhe und Angst, es macht müde, häufig schwindelig. Es ist für Menschen gedacht, die unter Psychosen leiden. Gudrun Müller litt unter keiner Psychose.
Sie erlebte die Tage in Trance, ihre Leberwerte waren noch Jahre später schlecht. Auch die anderen Tabletten in der Schachtel, vermutet sie, waren Psychopharmaka.
Gudrun Müller sitzt in ihrem kleinen Zimmer in einer Seniorenwohnanlage, zweiter Stock, schulterlanges weißes Haar, schwarzes Kleid, eine Frau, die trauert.
Ihr Mann Wolfgang starb am 30. November mit 69 Jahren. Auch er über Jahrzehnte mit Psychopharmaka vollgepumpt, bis zu 20 Tabletten am Tag. Mehrere Schlaganfälle, eine Hirnblutung, der Herzinfarkt am Ende, die Lungenentzündung, sie waren zu viel. Am Grab sangen sie: "Der Feind mag über mir kreisen und zielen und späh'n, wie er will. Die Flügel sind stark, die mich decken, und unter den Flügeln bleibt's still."
Der Feind, den sie besangen, ist die Vergangenheit. Die Zeit in der Colonia Dignidad, jener deutschen Sekte in Chile, gegründet und geführt von Paul Schäfer. Gudrun Müller lebte 37 Jahre dort, Wolfgang 44, vor zehn Jahren kehrten sie nach Deutschland zurück, sie ist 74 Jahre alt.
Sie hatten erlebt, was fast alle erlebten, die nicht zur Führung gehörten: Schläge, harte Arbeit, Folter mit Elektroschocks, die Jungen wurden missbraucht, die Mädchen und Frauen gedemütigt. Wer aufmuckte, wurde stillgestellt, mit Spritzen und Tabletten. Es ist an der Zeit, sagt Gudrun Müller, dass die bestraft werden, die uns das angetan haben.
Vor gut vier Jahren hat sie deshalb Strafanzeige gestellt, Aktenzeichen 3 Js 753/11 bei der Staatsanwaltschaft Krefeld, gegen Hartmut Hopp, den ehemaligen Arzt der Sekte. Es geht um Körperverletzung, um den Missbrauch von Medikamenten, um die kleine grüne Pille. Es geht aber vor allem um späte Gerechtigkeit.
Auch die Anwälte des European Center for Constitutional and Human Rights, einer Menschenrechtsorganisation in Berlin, haben Hopp angezeigt. Sie sehen ihn als "rechte Hand" der Organisation und ihres Führers, sie beschuldigen ihn der Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern und der Beihilfe zum Mord an drei Oppositionellen des Regimes unter Diktator Augusto Pinochet.
In Chile wurde der Arzt bereits verurteilt, die Staatsanwaltschaft Krefeld lässt nun prüfen, ob die Strafe in Deutschland vollstreckt werden kann. Die juristische Aufarbeitung der Colonia Dignidad vor einem Gericht, sie beginnt auch hier. Ein anderes Verfahren, das die Staatsanwaltschaft Bonn seit 1988 gegen Hopp und seit 1985 gegen andere Mitglieder der Sekte führte, wurde nach über 25 Jahren eingestellt.
Zugleich kommt nächste Woche ein Spielfilm in die Kinos, der das brutale Leben in der Siedlung zeigt: "Colonia Dignidad – es gibt kein Zurück" mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen. Ein Stück deutscher Geschichte wird da als Thriller erzählt, ein Stück auf der Schattenseite, denn es geht auch um die Verantwortung der Politik.
Jahrelang hofierten und unterstützten Botschafter wie Volksvertreter die Colonia Dignidad. Sie feierten sie als deutsche Mustersiedlung, obwohl es schon Ende der Sechzigerjahre Hinweise auf die Psychopharmaka und den sexuellen Missbrauch gab. Geflohene, die in der Deutschen Botschaft Schutz suchten, wurden dort von der Sektenführung wieder abgeholt.
Heute leben rund 120 ehemalige Bewohner in Deutschland, die in Chile Verbliebenen haben aus dem Schandort eine Touristenattraktion gemacht. In der Villa Baviera gibt es Schweinshaxen, Strudel und ein Oktoberfest im November.
Die Zurückgekehrten kämpfen mit ihrer Vergangenheit, viele sind traumatisiert, krank, physisch wie psychisch, ärztliche Gutachten belegen es. Viele sind im hohen Alter und verarmt, weil sie nie in die deutsche Rentenkasse eingezahlt haben.
Viele schweigen, manche reden, sie wollen Antworten, warum keiner half, warum jetzt keiner hilft, warum es für sie keine Entschädigung gibt. Sie suchen nach Schuldigen, die sie dafür belangen können, dass sie eines Großteils ihres Lebens beraubt wurden, und auch der Liebe.
Als Gudrun Müller, die damals noch Wagner hieß, das erste Mal Paul Schäfer traf, war sie 14 Jahre alt. Sie sah einen Mann von kleiner Statur, mit einer Glasprothese im rechten Auge, der als Laienprediger durch Deutschland und Österreich zog. Er machte auch in Graz halt, wo sie mit ihrer Familie wohnte. Sie war begeistert von seiner Art zu predigen, von der Ekstase in den Gottesdiensten, von den Zeltlagern, den vielen Jugendlichen. Sie verguckte sich bald in einen älteren Jungen.
Als Schäfer Mitte der Fünfzigerjahre mit den Spenden seiner Anhänger ein Haus bezog und die "Private Sociale Mission" aufbaute, eine Art Erziehungsheim, trampte Gudrun von Graz nach Siegburg in Nordrhein-Westfalen. Sie wollte dabei sein, sie wollte vor allem diesen älteren Jungen wiedersehen. Sie traf sich heimlich mit ihm, sie wurden intim. Es blieb Paul Schäfer nicht verborgen, der Junge hatte gebeichtet.
Liebe und Beziehungen waren nicht geduldet in Schäfers Reich. Gudrun wurde mit einem VW Bulli in den Wald gefahren, die Männer peitschten sie mit Kabelenden aus. Sie kann sich daran nicht mehr erinnern, sie führt es auf die Elektroschocks zurück, mit denen sie später bestraft wurde. Sie hat es von anderen erfahren.
1959 kam Wolfgang Müller nach Siegburg. Seine Eltern hatten Probleme mit ihm, sie waren dankbar für Paul Schäfers Angebot, ihnen die Erziehung des Jungen abzunehmen. Wolfgang war 13 Jahre alt, als ihn der Prediger beim Duschen am Geschlecht berührte. Seitdem holte er ihn jeden Abend in sein Bett.
Auch Hartmut Hopp, der spätere Sektenarzt, wurde zu dieser Zeit von seinen Eltern zur Mission gebracht. Aus "Erziehungsgründen", wie er später erzählte, er war zwölf Jahre alt. "Struppi" war sein Spitzname, Schäfer dachte sich für jeden einen aus.
Einige behaupten, auch ihn habe man abends in Schäfers Zimmer verschwinden sehen. Er selbst sagt über seinen Anwalt, er sei von den sexuellen Übergriffen Schäfers verschont geblieben.
Schäfers besonderer Umgang mit Nähe war manchen bekannt. Wiederholt hatte er seine Stelle als Jugendpfleger verloren, es gab Gerüchte, erste Strafanzeigen, ein Ermittlungsverfahren. Schäfer hatte die Idee auszuwandern. Man müsse den Armen helfen, sagte er und flog 1961 mit seiner kleinen Gemeinde nach Südamerika.
Südlich von Santiago de Chile kaufte er zunächst 3000 Hektar Land, später waren es über 15 000 Hektar. Bald gab es eine Bäckerei, eine Metzgerei, Handwerksbetriebe, ein Krankenhaus für die Einheimischen. Es wurde zum Aushängeschild der Kolonie, die Behandlung war kostenlos. Dass Schäfer alles über die Nationale Gesundheitsbehörde abrechnete, wussten nur wenige.
Zunächst wurde eine Frau zur Ärztin bestimmt, deren Titel in Chile nicht anerkannt war. Sie setzte Elektroschocks ein und verabreichte Psychopharmaka, um den Teufel auszutreiben, wie sie sagte. Ein "Intensivinternat" wurde gegründet, es bot Schäfer Zugang zu chilenischen Jungen. "Alles Fassade", sagt Gudrun Müller. "Es ging ihm nur um die Befriedigung seines Triebs."
Gudrun Müller, damals noch Wagner, flog 1968 nach Chile, sie hoffte noch immer, in der Gemeinschaft die Liebe ihres Lebens zu treffen, ihren Schwarm. Sie war irritiert, als sie den Stacheldraht rund um die Colonia Dignidad sah, die Kampfhunde und die Bewegungsmelder, ihr Reisepass wurde einbehalten.
Sie arbeitete als Krankenschwester, passte auf die Schweine auf, war Köchin, Gärtnerin, Schneiderin. Wolfgang war Maler, Maurer, Elektriker, Schreiner. Die Wäsche wechselten sie einmal in der Woche, die Haare wuschen sie sich alle vier Wochen. Nachtschichten waren die Regel, Arbeit ist Gottesdienst, sagte Schäfer dann. Der junge Mann, in den sich Gudrun verliebt hatte, wollte nichts mehr von ihr wissen.
Sie rettete sich in die Musik. Sie spielte Klarinette und zupfte Mandoline. Das Instrument hängt heute an der Wand ihres Zimmers im Altenheim. Es ist das einzige Erinnerungsstück, das sie aufbewahrt.
Die Musik war Zuflucht, sie war zugleich Kulisse. Kam hoher Besuch, zogen sich die Bewohner Dirndl und Lederhosen an, die Geschlechtertrennung war aufgehoben. "Bunte Reihe" hieß es, das Fenster in die Freiheit schien sich für einen Moment zu öffnen.
Bayerische Volksmusik ertönte, die Männer tanzten Schuhplattler für die Politiker der CSU, die vorbeischauten. Auch General Pinochet, der 1973 den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt hatte, kam öfter.
Waren die Besucher verschwunden, kehrte wieder Normalität ein. Als Gudrun bei der Probe einen jungen Mann länger ansah, meldete es ein anderer dem Sektenchef. Sie flog aus dem Orchester, ihrem letzten Ort der Fröhlichkeit.
Wolfgang kannte sie aus Siegburg. Sie war 33, er 27, sie mochten und verstanden sich. Sie trafen sich nachts auf dem Acker, und Wolfgang fragte: Wollen wir zusammenkommen? Am nächsten Tag wusste sie, dass sie ihn heiraten will. Sie sollte weitere 28 Jahre warten müssen, bis es wirklich geschah.
Heiraten gestand Schäfer nur wenigen Auserwählten zu. "Von Sex habe ich das erste Mal mit 60 gehört", sagt eine ehemalige Bewohnerin. "ich wusste ja gar nicht, was das ist." Auch Gudrun und Wolfgang Müller blieb die Vermählung zunächst verwehrt, stattdessen spürten sie noch mehr Härte des Sektenführers: Gudrun wurde, so sagt sie, sieben Jahre lang im Krankenhaus eingesperrt, beide wurden mit Elektroschocks behandelt, wann immer es einen Anlass gab, dazu die Psychopharmaka.
Sie lebten eine Liebe im Verborgenen, bis 2001, vier Jahre vor ihrer Flucht. Sie gaben sich im Standesamt von Catillo das Jawort. Gudrun Müller war 60 Jahre alt und Wolfgang schon ziemlich krank.
Hartmut Hopp dagegen gehörte zu den Auserwählten des Sektenchefs. Als Kind wurde zwar auch er brutal verprügelt, was sein Anwalt bestätigt. Auch versuchte er vergebens zu fliehen, doch später genoss er Freiheiten wie kaum ein anderer.
Er durfte Medizin studieren, er durfte heiraten, er konnte viel reisen, er sprach für die Sekte in der Öffentlichkeit, er verkehrte in höchsten Kreisen Chiles. War er Opfer, war er Täter?
Wie bei allen diktatorischen Systemen geht es auch bei der Colonia Dignidad in der juristischen Auseinandersetzung um die Frage der persönlichen Verantwortung: Wer folgte aus Angst den Befehlen, wer besaß die Freiheit, anders zu handeln? Die Frage erinnert an die jüngsten Prozesse gegen Wachleute in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Ist nur schuldig, wem eine individuelle Beteiligung an einer schweren Straftat nachgewiesen werden kann? Ist nicht auch schuldig, wer nicht aufbegehrte, sondern seine Arbeit verrichtete und so das Unrecht im System unterstützte?
Für Hartmut Hopp haben die chilenischen Richter diese Fragen zumindest teilweise beantwortet. Sie verurteilten ihn in erster Instanz 2004 wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung in mehreren Fällen zu fünf Jahren und einem Tag Freiheitsstrafe, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Kolonie.
Die Richter gingen nicht davon aus, dass Hopp selbst Jungen sexuell missbraucht hatte. Er sei "genauer Kenner der Situation" gewesen, heißt es in dem Urteil. Außerdem ein Führungsmitglied der Kolonie, der persönliche Arzt Schäfers, er habe die Minderjährigen untersucht, die Opfer des sexuellen Missbrauchs geworden waren, er habe zum Sektenführer Kontakt gehalten, als dieser sich auf der Flucht vor der Polizei nach Argentinien abgesetzt hatte. Hopp widersprach allen Vorwürfen.
Der Oberste Gerichtshof in Santiago aber bestätigte den Richterspruch im Januar 2013 in dritter Instanz, da war Hopp schon nicht mehr da. 2011 floh er nach Deutschland, zusammen mit seiner Frau Dorothea, einst Krankenschwester in seinem Hospital. Er lebt heute in der Krefelder Innenstadt, ein schlichtes Haus, vier Parteien, Hopp öffnet nicht die Tür.
Die chilenische Regierung stellte im August 2011 einen Antrag auf Auslieferung des Arztes, doch Hopp ist deutscher Staatsbürger und schon dadurch geschützt. Deshalb schickten die Chilenen im vorigen Jahr ein Ersuchen, die Strafe gegen Hopp in Deutschland zu vollstrecken.
Die Staatsanwaltschaft Krefeld wird in den nächsten Wochen beim Landgericht einen Antrag auf ein sogenanntes Exequaturverfahren stellen. Es geht nicht darum, erneut die Schuld des Angeklagten festzustellen, es wird nur untersucht, ob der Schuldspruch in Chile nach rechtsstaatlichen Prinzipien zustandekam. Sehen das die Richter als gegeben, könnte Hartmut Hopp in Haft kommen.
"Es wird zu prüfen sein, ob der Beschuldigte ein faires Verfahren hatte", sagt Oberstaatsanwalt Axel Stahl. "Immerhin wurde er mehrfach angehört, er hatte das Recht, sich zu verteidigen, es gab zweimal die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen." Hopps deutscher Verteidiger, Helfried Roubiček, entgegnet, die Anklagen fänden im Urteil "keine hinreichende Begründung". Zudem erfülle die alte chilenische Strafprozessordnung "nicht die grundsätzlichen Erfordernisse eines fairen Prozesses".
Das Verfahren wird wohl viele Monate dauern, Gudrun Müller hofft, dass Hopp am Ende seine Strafe absitzen muss. Es wäre für sie eine Befriedigung.
Wie kann eine Gemeinschaft, in der viele von wenigen gequält werden, überleben? Warum lehnen sich die Unterdrückten nicht auf? Der Film von Regisseur Florian Gallenberger gibt darauf die Antwort: "Ich kam als Kind hierher", sagt Ursel, eine der jungen Krankenschwestern im Film. "Ich kenne es nicht anders."
Viele waren minderjährig, als sie zur Sekte stießen. Ihre Eltern waren mit der Erziehung überfordert, andere glaubten an das Heilsversprechen des Predigers.
Hartmut Zeitner war drei Jahre alt, als er mit seiner Mutter und den sieben Geschwistern nach Chile reiste. Auch er wurde zum Opfer des Sektenführers, auch er sieht diesen nicht allein als Schuldigen. Hopp, sagt Zeitner, sei Schäfer so nahe gewesen wie kaum ein anderer.
Zeitner lebt in Gronau, Westfalen, ein freundlicher Mann mit kantigem Gesicht. Er hat vor wenigen Jahren geheiratet und arbeitet im Tiefkühlvertrieb einer Supermarktkette. Nach außen ein normales Leben, im Inneren brodelt es.
Es sind die Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch, unter der Dusche, in Schäfers Bett, in seinem Auto, die Erinnerungen an den Penis im Mund, die Pistole auf dem Nachttisch, den Ekel. "Jeder wusste es", sagt Zeitner, "keiner redete darüber. Schäfer hatte ein perfektes System der Angst geschaffen."
Außerhalb von Schäfers Räumen war Sexualität ein Tabu. Hartmut Zeitner erinnert sich an viele Nächte im sogenannten Neukra, einem Anbau des Krankenhauses. Er war zehn Jahre alt, zwölf Betten standen im Kreis, abgetrennt durch Holzrahmen, in denen ein Leintuch gespannt war.
Nackt lagen die Jungen da, sobald eine Erektion zu erkennen war, griffen die Bewacher ein. Sie drückten einen Elektroschockstab, der zum Zusammentreiben des Viehs benutzt wurde, in die Genitalien, manchmal auch in den After. Gegen die Sünde, sagten sie. Paul Schäfer sah oft dabei zu. Danach wurden Medikamente gespritzt, die Jungen waren "vollgestopft mit Drogen", sagte eine ehemalige Kindergärtnerin 1988 bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag. Sie sagte auch, dass Hopp die nackten Jungen schlug.
Zeitner kennt die Namen einiger, die beim Quälen mitgemacht haben. Einer wohnt heute nicht weit von ihm entfernt. Auch Hopp hat er im Neukra gesehen. Er behauptet, Hopp habe den Jungen beim Vorbeigehen in den nackten Penis gezwickt und dann gefragt: "Na, hat es wehgetan?"
Hopp bestreitet von jeher alle Vorwürfe, in den Vernehmungen sagte er, er habe sich zunächst nur selten in der Kolonie aufgehalten und dort erst 1978 als Arzt im Krankenhaus zu arbeiten begonnen, Leiter sei er 1985 geworden. Für die Psychopharmaka sei die dienstältere Ärztin verantwortlich gewesen. Vom Missbrauch an Kindern habe er erstmals Ende 2001 erfahren, als ihm ein Verwandter davon erzählte. Bis dahin, sagte Hopp, war er "von der Unschuld Paul Schäfers überzeugt". Schäfer starb 2010.
"Hartmut Hopp wusste, was dort geschah", sagt Petra Schlagenhauf. "Er war im engsten Führungskreis um Schäfer." Sie steht vor einem zwei Meter hohen Regal in ihrer Berliner Anwaltskanzlei, die Bretter voller Akten über die Colonia Dignidad. Seit Jahren begleitet sie die Strafverfahren in Chile, zusammen mit Jan Stehle, einem Wissenschaftler am Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika in Berlin. In Deutschland vertritt sie Gudrun Müller und andere Opfer.
Sie holt einen chilenischen Zeitungsartikel aus dem Jahr 2005 hervor. Damals fand die Nationale Gesundheitsbehörde bei einer Durchsuchung der Kolonie 3017 Dosen des Antiepileptikums Phenobarbital, 7819 Dosen des Psychopharmakons Diazepam und 5269 Dosen des Tranquilizers Chlordiazepoxid, dazu Unterlagen, wonach 1999 mehr als 10 000 Dosen des Antiepileptikums Phenobarbital lagerten. "Seit 1985 war Hopp der einzige zugelassene Arzt in der Colonia Dignidad", sagt die Anwältin, "selbst wenn er die Medikamente nicht verabreicht hat, musste er ihre Verordnung unterschreiben."
Die meisten Taten des Medikamentenmissbrauchs sind verjährt. Die Anwältin konzentriert sich deshalb auf die jüngere Vergangenheit, zum Beispiel auf einen Unfall im Jahr 2002. Ein Wespennest unterm Dach, Wolfgang Müller bekam den Auftrag, es zu beseitigen. Er rutschte ab, er sprang und verletzte sich das Sprunggelenk. Hartmut Hopp, der Arzt, schickte ihn in ein externes Krankenhaus.
Als Gudrun Müller ihren Mann am nächsten Tag besuchte, lag er auf der Intensivstation. Die Ärzte sagten, er habe nur knapp überlebt. "Es war der kalte Entzug, von einem Tag auf den anderen bekam er keine Psychopharmaka mehr", sagt die Rechtsanwältin, "das Krankenhaus war nicht informiert, es war Hopps Fehler." Hartmut Hopp bestreitet auch dies. Er habe nie "medizinisch nicht indizierte Behandlungen mit Psychopharmaka" durchgeführt, ließ er den Ermittlern mitteilen. Niemand sei von ihm gezwungen worden, Medikamente zu nehmen.
Aussage gegen Aussage, Meinung gegen Meinung, die Staatsanwaltschaft Krefeld hat Unterlagen aus Chile angefordert. Sie wartet schon seit vielen Monaten darauf, das Verfahren zieht sich hin.
Der Missbrauch von Medikamenten ist nur einer der Vorwürfe, die dem Sektenarzt gemacht werden. Auch wegen der Beteiligung am Mord in drei Fällen hat ihn die Rechtsanwältin im Namen von Angehörigen angezeigt: 1976 waren drei Oppositionelle des Pinochet-Regimes verschwunden, vermutlich wurden sie in der Colonia Dignidad getötet. Im Gegensatz zu den anderen Delikten verjährt Mord in Deutschland nie.
Der Beweis ist schwer zu führen. Allerdings wurden viele Zeugen noch nicht vernommen, obwohl sie etwas zu erzählen hätten.
Hanna und Helmut Braun haben noch nie mit Journalisten über ihre Zeit in der Colonia Dignidad gesprochen, sie wollen nicht mit ihren echten Namen auftauchen. 2004 kehrten sie aus Chile zurück.
Glaubt man Hanna Brauns Schilderungen, wurde sie nie heimisch in der Kolonie. Ihre Mutter hatte vor Gericht erwirkt, dass die Tochter ihr nach Chile folgen muss. Sie wäre lieber beim Vater geblieben. In der Kolonie ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden, arbeitete auf der Kinderstation. Hopp war ihr Chef, sie fühlte sich von ihm belästigt und herabgesetzt. Sie beschwerte sich bei Paul Schäfer, danach war ihr Leben noch dunkler.
Als sie einmal eine Anweisung missachtete, wurde sie nach draußen gerufen. Vor der Tür stand ihre Mutter, wortlos schlug sie los, nicht nur einmal, nicht nur zweimal. Die Schwellungen waren tagelang zu sehen. Wer dahintersteckte, ob Schäfer, ob Hopp, Hanna Braun weiß es nicht.
Helmut, ihrem späteren Mann, erging es besser. Er wurde Schäfers Liebling, durfte ihn oft begleiten. Schäfer missbrauchte zwar auch ihn, doch ließ er bald von ihm ab. Kam hoher Besuch wie Manuel Contreras, der Chef der chilenischen Geheimpolizei Dina, durfte er dessen Fahrer und Leibwächter beschäftigen.
Contreras kam oft in die Siedlung. Er sprach mit Schäfer, mehrmals auch mit Hopp. Nur zu medizinischen Zwecken, teilt Hopp per Anwalt mit.
Die Dina nutzte das Gelände der Kolonie als Folterzentrum. Politische Gefangene starben hier, ihre Leichen wurden später aus den Massengräbern herausgeholt und verbrannt, um Spuren zu beseitigen. Es gibt deshalb keine forensischen Beweise, nur Dokumente und wenige Zeugen. Eine vom chilenischen Staat eingesetzte Kommission stellte fest, dass während der Militärdiktatur von 1973 bis 1990 rund 3000 Menschen ermordet wurden, mehr als 38 000 wurden gefoltert, zum Teil in der Siedlung der Deutschen. Wie brutal es war, zeigt der Kinofilm zur Colonia Dignidad.
Daniel Brühl spielt einen deutschen Anhänger des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Als Allende 1973 von der Militärjunta gestürzt wird, nimmt der Geheimdienst den jungen Deutschen fest und bringt ihn zur Colonia Dignidad. Die Prügel und Stromstöße im Kartoffelkeller überlebt er knapp, sein Gesicht ist entstellt.
Emma Watson spielt seine Freundin, die sich in die Kolonie einschleicht, um ihn zu befreien. Eine fiktive Liebesgeschichte, doch die Umstände, in denen sie spielt, sind authentisch.
Der Frankfurter Publizist Dieter Maier wertet zusammen mit dem Wissenschaftler Stehle derzeit 45 000 Karteikarten aus: interne Dokumente der Colonia Dignidad, erstellt offenbar von den Führungsleuten. Die Polizei fand sie 2005 bei einer Razzia, neben einem gigantischen Vorrat an Maschinengewehren, Handgranaten, Raketenwerfern und anderem Kriegsgerät.
Die Kartei enthält detaillierte Informationen über die politischen Gefangenen, aber auch Dossiers über Politiker und Besucher der Kolonie. Chiles Außenminister soll eine Liebesaffäre zu einer Oppositionellen pflegen, so ist beispielsweise zu lesen. Solche Informationen waren viel wert, für Erpressungen etwa. "Sie waren eine Art Dienstleistung der Sekte für den Geheimdienst", sagt Maier, der 1977 für Amnesty International die Missstände in der Kolonie aufdeckte und demnächst sein drittes Buch über die Colonia Dignidad veröffentlicht.
Hartmut Hopp taucht in diesen Einträgen meist mit der Abkürzung "Str." auf, für seinen Spitznamen Struppi. Er war der Verfasser oder lieferte Informationen zu. Für Maier ein weiteres Indiz, dass Hopp zur inneren Führung der Colonia Dignidad gehörte. Hopp bestreitet dies.
Maier las neulich bislang gesperrte Vermerke der Geheimpolizei. Hopp taucht auch hier auf, etwa in einer Notiz, der zufolge er mit Chiles Justizministerin befreundet war. Wie nah stand er der Militärregierung, wie nah ihrer Geheimpolizei? Wusste er von Folter und Mord? War er beteiligt?
In der Kolonie wurde in großem Stil gefoltert, sagt Helmut Braun. Er kann sich nicht vorstellen, dass Hopp davon nichts wusste. "Schäfer und Hopp waren eng. Sie haben sich gegenseitig gebraucht, sie haben sich gedeckt." Hopps Anwalt sagt, sein Mandant habe bis 2005 nichts von der Existenz eines Folterlagers gewusst.
Braun musste helfen, die Gefangenen zu bewachen. Kurz nach der Rückkehr nach Deutschland erließ ein chilenischer Richter einen Haftbefehl gegen ihn. Es bestehe der Verdacht, dass er an der Ermordung der drei Gefangenen beteiligt gewesen sei. Braun sagt, er habe niemanden umgebracht, das hätten andere für Schäfer erledigt, er habe damit nichts zu tun. Fühlt er sich dennoch im Nachhinein verantwortlich? Hätte er etwas verhindern können? Er zuckt mit den Schultern. "Ich wurde erzogen, keine Fragen zu stellen. Uns wurde immer gesagt: Wir handeln nach Gottes Willen."
In der Colonia Dignidad wurden, so wird geschätzt, über 30 Gefangene ermordet. Braun erinnert sich an die Räume im früheren Kartoffelkeller, wohin die Gefangenen gebracht wurden. Er erinnert sich an den Kasten aus Holz, in den mancher gesperrt wurde. Durch die Seiten wurden Stäbe gesteckt, der Gefangene musste sich krümmen. Braun erinnert sich an die Stelle, wo die Leichen vergraben wurden. Manchmal hörte er Schüsse und dachte: wieder einer.

Über den Autor

Martin Knobbe, Jahrgang 1972, ist Reporter im Deutschlandressort der Berliner Redaktion. Bei den Recherchen unter den ehemaligen Bewohnern der Sekte Colonia Dignidad stieß er zunächst auf großes Misstrauen. Am Schluss aber war das Verhältnis so vertraut, dass mancher morgens um sechs Uhr anrief, um noch eine weitere Anekdote zu erzählen. Mail: martin.knobbe@spiegel.de
Twitter: @MartinKnobbe
* Um 1986 im chilenischen Bulnes.
Von Martin Knobbe

DER SPIEGEL 7/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Justiz:
System der Angst

Video 03:38

Royal Wedding Die schönsten Momente

  • Video "Eintracht-Feier nach Pokalerfolg: Zum Dank eine Dusche" Video 01:09
    Eintracht-Feier nach Pokalerfolg: Zum Dank eine Dusche
  • Video "Bauern gegen Wölfe: Immer Angst, dass hier ein gerissenes Kalb liegt" Video 03:20
    Bauern gegen Wölfe: "Immer Angst, dass hier ein gerissenes Kalb liegt"
  • Video "Royal Wedding: Meghan dürfte einiges verändern" Video 02:38
    Royal Wedding: "Meghan dürfte einiges verändern"
  • Video "Magischer Moment bei der Royal Wedding: Gospelchor singt Stand by me" Video 03:25
    Magischer Moment bei der Royal Wedding: Gospelchor singt "Stand by me"
  • Video "Kurioser Außeneinsatz auf der ISS: Astronauten verzweifeln an Kleinkamera" Video 01:26
    Kurioser Außeneinsatz auf der ISS: Astronauten verzweifeln an Kleinkamera
  • Video "Berührende Royal Predigt: Die erlösende Kraft der Liebe" Video 00:57
    Berührende Royal Predigt: "Die erlösende Kraft der Liebe"
  • Video "Ex-Formel-1-Weltmeister Rosberg: Im Elektrorenner mitten durch die Hauptstadt" Video 01:09
    Ex-Formel-1-Weltmeister Rosberg: Im Elektrorenner mitten durch die Hauptstadt
  • Video "Royal Wedding: Der Mann mit dem Fünf-Kilo-Hut" Video 01:12
    Royal Wedding: Der Mann mit dem Fünf-Kilo-Hut
  • Video "Rassistischer Vorfall in Manhattan: Die Angestellten sollten Englisch sprechen" Video 00:57
    Rassistischer Vorfall in Manhattan: "Die Angestellten sollten Englisch sprechen"
  • Video "Meghan & Harry: Rassismus vs. Royal Wedding" Video 02:52
    Meghan & Harry: Rassismus vs. Royal Wedding
  • Video "Planespotter-Video: Boeing 787 startet durch" Video 00:54
    Planespotter-Video: Boeing 787 startet durch
  • Video "Buffon-Abschied mit Rätselraten: Ich habe einige interessante Angebote" Video 01:26
    Buffon-Abschied mit Rätselraten: "Ich habe einige interessante Angebote"
  • Video "Meghan Markle & Prinz Harry: Royal Wedding in Zahlen" Video 03:07
    Meghan Markle & Prinz Harry: Royal Wedding in Zahlen
  • Video "Filmstarts im Video: Schlagfertiger Superheld auf Schurkenjagd" Video 08:23
    Filmstarts im Video: Schlagfertiger Superheld auf Schurkenjagd
  • Video "Royal Wedding: Die schönsten Momente" Video 03:38
    Royal Wedding: Die schönsten Momente