12.05.1980

„Nicht zu breit lächeln“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann in Belgrad
Daß sich der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Schmidt vor der Residenz des Bonner Botschafters in Belgrad mit bemüht herzlichem Winke-Winke verabschieden, geschieht, glaubt man der offiziellen jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug, im Auftrag des verstorbenen Josip Broz Tito. Das Treffen in der Tostojeva 29 am vergangenen Donnerstag müsse, so hatte die Agentur in einem euphorischen Vorausbericht gemeint, einfach ein Erfolg werden. Schließlich folge es unmittelbar auf die Beisetzung des "Giganten der Epoche".
Zauberformeln in diplomatischer Sprache, News mit magischer Befrachtung. Alles, was in der vergangenen Woche geschieht in Belgrad, vollstreckt den letzten Willen des Verstorbenen. Die Jugoslawen haben das aufwendige Staatsbegräbnis mit einer so beschwörenden Symbolträchtigkeit beladen, daß dem Geschehen ständig die Realität wegzurutschen droht. "Ich kriege gar kein Gefühl für die Sache", sorgt sich ein britischer Diplomat.
Es liegt nicht an ihm. Eher ergibt es sich wohl aus dem Umstand, daß die Nachfolger so viel Zeit zum Planen hatten. Sorgsam haben sie deshalb in Szene gesetzt, was sie als Titos Vermächtnis sehen: Sein Begräbnis soll ein letzter Beitrag sein für die Sicherung des Friedens in der Welt und der Einigkeit im Lande.
Nun sind das freilich zwei Aufträge. Und je sorgsamer jede Spontaneität weggeplant wird, desto schwerer sind sie zu vereinigen. So verselbständigen sich in Belgrad zwei Welten. In einem für echte Trauer organisierten Lande tanzt der internationale Kondolenz-Kongreß zwar nicht gerade, aber er führt bald ein wohliges Eigenleben.
Das entfaltet sich im Luxushotel Beograd Inter-Continental, im neuen Teil der Stadt. Ein Trauerhaus ist das gewiß nicht. Grün und gläsern undurchsichtig wie ein Eisberg in der Sonne liegt dieser Mammut-Komplex auf freiem Feld. Bis zu den nächsten Hochhäusern sind es zehn Minuten Fußmarsch. Es geht aber keiner zu Fuß.
Schwarze Limousinen, in Kolonnen und mit zuckendem Blaulicht, preschen heran oder lösen sich von der Glasfassade. Es bedarf nur weniger rigoroser Polizeibeamter, um diejenigen abzuweisen, die nichts Staatsmännisches vorweisen können. Mit der Bevölkerung von Belgrad haben sie keine Mühe, die traut sich nicht heran durch die kahle Planierlandschaft am Ufer der Save.
Die Belgrader bleiben jenseits des Flusses in der alten Stadt, eine Millionen-City in Moll. Sorgsam ist sie hergerichtet: Fahnen hängen auf halbmast, Trauerflor flattert an Autos, Staatsangestellte tragen schwarz.
Zwischen Brillen und gekochtem Schinken, Pullovern und Tischdecken blickt Tito aus allen Schaufenstern -lächelnd unterm Strohhut, ernst in diversen Uniformen. Die Stadt gleicht einem sentimentalen Photoalbum.
Ein besonders staatsmännisches Tito-Bild, geschmückt mit roten Rosen, die blau-weiß-rote Nationalfahne mit dem roten Stern liebevoll herumdekoriert, steht auch auf einem weißgedeckten Tisch in der Lobby des Inter-Continental. Eigentlich müßte es unübersehbar S.23 sein in dem kühlen Komfort aus Chrom und schwarzer Täfelung. Doch die Politiker aus 121 Staaten eilen vorbei, kaum jemand beachtet es.
Die meisten der angereisten Monarchen (vier), Staatspräsidenten (31), Regierungschefs (20) und Außenminister (47) begegnen sich seit Mittwoch in der Halle. Händeschütteln, knappe Verbeugungen, Smalltalk: "Nice to see you."
Der Sambier Kenneth Kaunda freut sich, als Willy Brandt ihm unverhofft auf die Schulter schlägt. Hollands Prinzgemahl Claus von Amsberg entdeckt einen befreundeten deutschen Diplomaten: "Quelle surprise." Man kennt sich, aber in so bunter und vollständiger Zusammensetzung -von Jassir Arafat bis Karl Carstens -begegnet man einander nicht einmal in der Uno.
Die Beerdigung, wenn erwähnt, nennen die Angereisten "das Ereignis". Der Name Tito fällt kaum, höchstens vom "großen Staatsmann" sprechen die Gäste. Daß aus den Lautsprechern dezente Trauermusik in die Halle rieselt, wer bemerkt es schon?
Es ist dieselbe Trauermusik, unter die sich vor dem Parlament, in dem Marschall Tito aufgebahrt ist, das ständige Geräusch leise schlurfender Schritte legt. Seit Montagabend schieben sich mehr als eine halbe Million Jugoslawen schweigend durch die Straßen, die Treppen zum Parlament hoch und am Sarg vorbei.
Nur wenige in den sorgsam dirigierten Reihen weinen. Vielleicht kommen nicht alle ganz aus eigenem Bedürfnis, aber der Ernst auf den Gesichtern, oft deutlich gemischt mit Besorgnis, die Ergriffenheit wirken nicht, wie aus Neugier oder Pflicht vorgetäuscht.
Nichts von der Geduld der stundenlang wartenden Bürger ist im Hotel spürbar. Helmut Schmidt beispielsweise, der müde und graugesichtig am Mittwochabend sein Zimmer 445 betreten hat, kann kaum seinen Koffer ablegen, da steht schon die britische Regierungschefin Margaret Thatcher im Raum. So schnell geht dies, daß der stets eilige Hans-Dietrich Genscher mit Verspätung hinzukommt.
Die deutschen Sicherheitsbeamten haben noch nicht einmal ihre Uhren um eine Stunde auf jugoslawische Zeit zurückstellen können. Das merken sie erst im Vergleich mit ihren britischen Kollegen. Die Neuangekommenen haben eine Stunde gewonnen, eine Stunde mehr für politische Betriebsamkeit.
Es gilt, die Gunst des Arrangements zu nutzen. So nahe, so unkonventionell, so ungestört von Behörden-Schwerfälligkeit trifft das Welt-Management sonst nicht zusammen. Daß der "internationale Horizont verhangen" ist, wie Bonns Regierungssprecher Klaus Bölling formuliert, das spornt die Anwesenden zu zusätzlicher Aktivität an.
Der deutsche Bundeskanzler, der am Rande des Begräbnisses acht ausführliche und eine Unzahl kleiner Gespräche führt, ist keine Ausnahme. Sein Treffen mit Margaret Thatcher muß eine Minute verlängert werden, weil gerade der tschechoslowakische Präsident Husak mit Gefolge durch den schmalen Gang im vierten Stock drängt. In ruheloser Prozession trabt der mürrische Staatsmann aus Prag durch das Hotel -- zu Honecker, dem Polen Gierek, dem Syrer Assad.
Die Afrikaner treffen sich mit Blockfreien, Staatspräsidenten bereiten gegenseitige Besuche vor, Könige plauschen im Foyer. Die Hektik ist allgemein. "Working funeral" nannten die Amerikaner so etwas schon bei der Beisetzung Konrad Adenauers, ein "Arbeitsbegräbnis" ist auch das in Belgrad.
Staatsbegräbnis keine zehn Kilometer weiter. Der abrupte Wechsel von Kongreß-Chic zum pompösen Pathos in der hohen Halle des Parlaments mit roten Samtvorhängen, goldenen Parteiinsignien, Fahnen und schweren Kränzen kann Pendlern den Atem verschlagen.
Wenn die jugoslawischen Bürger den Sarg erreichen, an dem in ruhigem Wechsel nach einigen Minuten die Ehrenwache der Werktätigen ausgetauscht wird, weinen dann doch viele. Eine alte Frau in einer schwarzen Lederjacke hat schon fast den Katafalk passiert, da schluchzt sie plötzlich laut auf. Wie ein unterdrückter Aufschrei klingt es. Sie ballt die Faust zum kommunistischen Gruß und verharrt so einen Augenblick, behutsam wird sie hinausgeführt. Das allgegenwärtige Fernsehen hält die Szene fest.
Die TV-Kameras, die im Inter-Continental surren, fangen andere Szenen ein. Als Margaret Thatcher das Zimmer des Bundeskanzlers verläßt, strahlt sie in die Linse, um sich dann bei Schmidt zu erkundigen: "Ist das englisches Fernsehen?" Schmidt grinsend: S.24 "Sie brauchen nicht allzubreit zu lächeln, es ist nur das deutsche."
Die Gegensätze sind brutal; harte Schnitte wie im Kino verwirren jeden, der zu beiden Orten Zugang hat. Aber im Film möchte man das so übertrieben nicht sehen, nicht den exotischen Leibwächter mit Krummschwert und den roten Aktenkoffer mit dem Anhänger "On Her Britannic Majesty's Service" in der Hand eines Nadelgestreiften hier, und dagegen den alten Mann auf Krücken dort, der tränenden Auges am Sarg vorbeihinkt. In Belgrad ergeben sich solche Pointierungen von selbst.
Ob es den Jugoslawen paßt, daß ihre Ergriffenheit zum staatlichen Nutzen und unter Berufung auf den Verstorbenen so gekonnt kanalisiert wird, ist schwer auszumachen. In der Nacht zum Donnerstag schienen Beobachtern die Menschen vor dem Parlament nicht mehr ganz so geduldig, murrten sie schon mal gegen die Regie.
Den angereisten Staatsmännern ist auch nicht ganz wohl, wenn sie sich zu wohl fühlen. So oft hat Bölling jedenfalls noch nie "einerseits" und "andererseits" gesagt wie in einem mitternächtlichen Pressegespräch, als er zu erklären versucht, daß der Ernst der internationalen Lage ein Übermaß an Pietät verbiete, wenngleich niemand daran denke, "bei einem Anlaß wie diesem geräuschvolle Aktivitäten zu entfalten".
Am Donnerstag, dem Tag der Beisetzung, fügen die Regisseure aus Belgrad dann die beiden Teile der Inszenierung zur großen Staatsoper zusammen. Der lange Marsch vom Parlament bis zur letzten Ruhestätte im Garten der Tito-Residenz im Villenviertel Dedinje erweckt zumindest im Fernsehen den Eindruck von Geschlossenheit, ein "Gipfeltreffen der Menschheit", wie Tanjug formuliert, vom großen Breschnew bis zum kleinen Bergarbeiter. Die Bilder flimmern in alle Wohnzimmer des Landes und in 40 weitere Staaten.
Sie täuschen. Die Einheit ist nur optisch. Während die werktätigen Jugoslawen, Delegationen aus allen Republiken, vorbei an zwei Millionen Bürgern dem Sarg durch die Stadt folgen, versammeln sich die Politiker zu einer Art Steh-Party im Parlament. Später tuscheln sie auf der Tribüne am Grab weiter. Es gilt eben, wie der Bundeskanzler dem US-Vizepräsidenten Walter Mondale später klarmacht, "Kanäle offenzuhalten".
Und trotz aller Regiekünste der TV-Funktionäre kommen auch bei den Zuschauern getrennte Programme an. Vor den Fernsehschirmen im internationalen Pressezentrum brechen vom Herd herbeigeeilte Köchinnen in Tränen aus, Kellner und jugoslawische Journalisten erheben sich jedesmal, wenn die Nationalhymne gespielt wird.
Ihre Kollegen aus Japan, England, Norwegen und anderswo aber suchen gespannt nach politischen Signalen, die sie aus dem Umgang der internationalen Trauergäste miteinander ablesen. Gehen sich Hua und Breschnew sichtbar aus dem Wege? Was flüstert Arafat mit Ceausescu? Wirkt der Amerikaner Mondale wirklich isoliert?
Für die Jugoslawen ist es das Begräbnis des Jahrhunderts, für politische Kaffeesatzleser eine große Stunde.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 20/1980
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