12.05.1980

BREMENSignale überhört

Bundesregierung, Bundeswehr und Bürgermeister Koschnick bestanden auf einer feierlichen Rekrutenvereidigung. Eine brutale Straßenschlacht war in Bremen die Folge.
Mittags war noch alles ruhig in Bremen. Bundesverteidigungsminister Hans Apel flanierte, nur von einem Sicherheitsbeamten und einem Protokolloffizier begleitet, händchenhaltend mit Ehefrau Ingrid durch die Hansestadt. In der Fußgängerzone rund um den Roland verteilten junge Leute, meist Studenten, Flugblätter für das "Komitee für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit" und für die "Marxistische Gruppe".
Nachmittags war das Ehepaar zugegen, als Bremens Bürgermeister Hans Koschnick politische Prominenz und hohes Militär aus Bundeswehr und Nato-Stäben ins ehrwürdige Rathaus lud: 400 Gäste in bedeckten Anzügen oder kleinem Schwarzen -- oder, schnieke, in Ausgehuniform. Es war, bei Cocktail und Häppchen, Auftakt für das feierliche Gelöbnis von 1200 Rekruten im Weser-Stadion.
Kurz nach 18 Uhr störte Bremens Polizeipräsident Ernst Diekmann den Umtrunk. Aufgeregt berichtete er, "fast überfallartig" hätten Demonstranten die Zufahrtstraßen zur Festwiese blockiert. Etliche Gruppen bewegten sich schon zum Sturm auf das Stadion.
Als die hohen Herren mit ihren Damen sich auf Schleichwegen, vorbei an Schrebergärten, zur Nato-Feier aufmachten, herrschte da schon, so Bremens CDU-Chef Bernd Neumann, "Krieg".
Behelmte und vermummte Schlägertrupps bombardierten Polizeibeamte vor dem Festplatz mit Pflastersteinen, schleuderten Molotow-Cocktails auf Schutzmänner und Soldaten, schlugen mit Eisenstangen und Knüppeln auf Mann und Gerät. Sie setzten Fahrzeuge der Bundeswehr in Brand und trieben einen Gefreiten zurück in den brennenden Wagen.
Gewalttäter stürmten mit Rammgerät gegen ein Stadiontor, das von Polizei und Feldjägern der Bundeswehr mit Not verteidigt wurde. Mit Leuchtkugeln und Feuerwerksraketen beschossen die Kampfkader Polizeihubschrauber, mit Funkgerät störten sie den Polizeifunk. Es war Kampfwille ohne Pardon: "Hauptsache", so ein Schläger, "daß dadurch einige Bullen verrecken."
Die Bilanz der stundenlangen Straßenschlacht: 257 verletzte Polizisten, drei verwundete Soldaten und zahllose blessierte Demonstranten. Sechs Bundeswehrfahrzeuge gingen in Flammen auf, Polizeiwagen und Wasserwerfer wurden demoliert.
Zahlreiche Demonstranten wurden vorübergehend festgenommen, 42 Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des schweren Landfriedensbruchs und Körperverletzung eingeleitet; ein VW-Bus und ein Kleinlaster, Lautsprecherwagen des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, wurden beschlagnahmt. Inhalt: Schlagstöcke und Schutzhelme, Gasmasken und wetterfestes Zeug; daneben Behälter mit destilliertem Wasser, nützlich gegen Tränengas, und, obwohl der Wagen mit Diesel läuft, Kanister mit Benzin.
Nach der Schlacht registrierte Bremens Innensenator Helmut Fröhlich entsetzt "die schwersten Zwischenfälle in Bremen seit Kriegsende"; der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl erkannte einen "in der Geschichte der Bundesrepublik einmaligen Skandal". Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß empörte sich über den "brutalen Angriff auf diese Gesellschaft", und SPD-Fraktionschef Herbert Wehner bat öffentlich "um Verzeihung, daß Soldaten und Offiziere der Bundeswehr durch Akte beleidigt und bedrängt worden sind, die unserem demokratischen Gemeinwesen unwürdig sind".
Doch so ungeteilt der Schrecken, der sich in der Republik ausbreitete, und so einhellig das Verdammen von Gewalt und Gewalttätern -- vor der Schlacht S.26 hatten Bonn und Bremen, Militär wie Politiker, die Signale nicht hören wollen, obgleich Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst und sogar Generalinspekteur Jürgen Brandt vor militanten Unruhen gewarnt hatten.
Bundesregierung und Landesregierung beharrten auf Traditionspflege, sie mochten vom überkommenen Ritual mit feierlichem Gelöbnis und großem Zapfenstreich partout nicht lassen. "Die Bundeswehr", fand Koschnick, "braucht sich schließlich nicht vor der Gesellschaft zu verstecken."
Die Bundeswehr wollte es eigentlich noch martialischer haben. Höchste Militärs, vom Generalinspekteur bis zu den Chefs der Teilstreitkräfte, hatten sich noch im März für eine militärische Feldparade stark gemacht -- mit Vorbeimarsch von Panzern und Artillerie und dem Überflug von Kampfgeschwadern. Doch das ging Bundeskanzler Schmidt und seinem Verteidigungsminister denn doch zu weit.
Wegen der angespannten Weltlage, wegen Afghanistan und Iran, verwarfen Schmidt und Apel diesen Aufmarsch. Alternativ boten die Generäle eine Feier mit öffentlichem Gelöbnis an, die mit Bundespräsident Karl Carstens und hohen Nato-Offizieren in Bremen angesetzt wurde. Schon Bürgermeister Kaisen, erinnerten sich die Bonner Genossen, hatte ja den ersten Akt dieser Art in Bremen zelebriert.
Damals, vor 25 Jahren, vereidigte Wilhelm Kaisen die ersten Rekruten der jungen Bundeswehr in der Hansestadt öffentlich und setzte sich damit in Gegensatz zu seiner Partei. Als Kaisens Amtsnachfolger Willy Dehnkamp, ebenfalls Sozialdemokrat und nun auf Parteilinie, 1967 dann 730 Wehrpflichtige im Weser-Stadion auf die Landesverteidigung verpflichtete, wurde es schon richtig feierlich, mit Zapfenstreich bei Fackelschein.
Weil''s nun schon Bremer Tradition und zudem Wunsch der Bonner Genossen war, wollte auch Hans Koschnick sein militärisches Spektakel haben -- und erlebte ein Debakel.
Die Genossen in Bremen wollten von dem Massengelöbnis auf dem grünen Rasen nichts wissen. Parteigliederungen, von den gemäßigten Arbeitnehmern über die Frauen bis hin zu Jusos, verurteilten die Veranstaltung.
Die zuständigen Delegierten des SPD-Unterbezirks Ost protestierten gegen "überflüssiges Säbelrasseln" und "unzeitgemäßes Brimborium" und forderten eine Vereidigung in einem "normalen Rahmen", am besten auf dem Kasernenhof. Der SPD-Landesvorsitzende Konrad Kunick empfahl öffentlich, "auf überholte militärische Traditionsformen zu verzichten".
Gegen die Veranstaltung hatten mittlerweile auch zahlreiche andere Organisierte Partei ergriffen: die Grünen und der Landesjugendring, die Jungdemokraten S.27 und Kriegsdienstgegner, 53 evangelische Pastoren und Kommunisten aller Richtungen.
Sie protestierten gegen die "Massenvereidigung in Form eines wilhelminischen Feldgottesdienstes", wie der stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende Reinhard Schultz es nannte, gegen überholtes Gepränge aus Preußens Glanz und Gloria.
Auf diese Gruppen wirken militärische Order wie "Helm ab] Zum Gebet]" deplaziert. Und wenn das Musickorps dann noch intoniert: "Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesu offenbart", finden sie das bestenfalls komisch.
Schon Graf Baudissin, General und Mitbegründer der Bundeswehr, hatte die öffentliche Massenvereidigung als "pompöse und anonyme Kollektivschaustellung" strikt abgelehnt. Und Hans-Dieter Müller, SPD-Vorsitzender in Bremen-Ost, begründete seine Absage mit der Sorge, solche Großveranstaltungen förderten nur "Illusionen": "Die faktische militärische Sicherheit hängt nicht von Symbolhandlungen ab."
Emotionen weckte freilich auch ein Flugblatt der Jusos, in dem mit Bild und Text der Bezug zu einer Vereidigung aus dem Jahre 1935 im Weser-Stadion, damals "Bremer Kampfbahn" genannt, hergestellt wurde.
Provozierend wirkte, daß mit dem Bremer Karl Carstens ein Mann mit Vergangenheit sich zum Staatsakt angesagt hatte. Und auf Unverständnis stieß nicht zuletzt die Entscheidung, das Weser-Stadion als Walstatt für das Gelöbnis zu nehmen. Bislang, so der Grüne Bürgerschaftsabgeordnete Axel Adamietz, siehe Chile, haben "nur faschistische Diktaturen Sportstadien militärisch mißbraucht".
Die aufgeladene Stimmung in der Stadt wurde weder von Koschnick noch von der Polizei richtig eingeschätzt. Noch am Tage vor der Schlacht rechneten sie, obwohl vorgewarnt, mit lediglich 2000 friedfertigen Protestlern. Als dann 10 000 gegen das Militär marschierten, in deren Schutz wenige Extremisten ihrer Gewalt freien Lauf ließen, gaben sich Politiker und Polizisten völlig überrascht.
Da half es wenig, daß die Parlamentsabgeordnete Ursula Kerstein "einer 16jährigen den Knüppel" entwand, friedliche Bremer mit Blumen und guten Worten versuchten, Gewalttäter zurückzuhalten, Jugendsenator Henning Scherf Demonstranten in Diskussionen verwickelte.
"Mit dieser Brutalität hat niemand gerechnet", bekannte Innensenator Fröhlich, der "Erkenntnisse" hat, nach denen der harte Kern der Polit-Rocker aus K-Gruppen und aus "dem weitesten Umfeld der RAF" kam.
Während Polizei und Feldjäger der Bundeswehr mit Mühe das Stadion verteidigten, konnten Carstens, Koschnick und Apel nur per Hubschrauber in die Arena gelangen. Auf Luft- und Schleichwegen verließen die Politiker auch später das Feld, mit ihnen die hohe Generalität.
Zurück blieben, bis nach Mitternacht, die Rekruten mit ihren Kommandeuren, und die artikulierten gleichfalls Protest -- gegen ihre Oberen.
Ein Pionierhauptmann der 11. Panzergrenadierdivision: "Von mir als Kompaniechef wird immer gefordert, den staatsbürgerlichen Unterricht nicht formal zu betreiben. Und meine Vorgesetzten? Hier hätten sie doch Gelegenheit gehabt, mit den Soldaten über ihre Vereidigung und die Vorgänge vor dem Stadion zu diskutieren."
Ein Oberstleutnant der gleichen Division sagte es drastischer: "Das macht einen beschissenen Eindruck, warum bleiben die nicht hier?"
S.25 Mit Brandt, Koschnick, Apel, Carstens. *

DER SPIEGEL 20/1980
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