12.05.1980

TERRORISTENSieben singen

Die Festnahme der fünf terrorverdächtigen deutschen Frauen in Paris markiert nur einen Teilerfolg gegen den Terrorismus in Europa. Zum großen Durchbruch verhalf den Fahndern ein neuer Kronzeuge in Italien.
Die Wirtin im kleinen Pariser Hotel "Flatters" -- III. Kategorie, 19 Zimmer und am Rande des Quartier Latin gelegen -- hatte die Geheimaktion längst durchschaut.
So auffällig unauffällig wie ihre vielen Gäste, die mal deutsch, mal französisch sprachen, und vor allem so häuslich verhält sich kein Tourist an der Seine. Madame schöpfte Mißtrauen, ließ sich die Dienstausweise zeigen und wußte Bescheid.
Bei ihr zu Gast waren Terroristenfahnder vom Wiesbadener Bundeskriminalamt. Hinter den Fensterscheiben brachten sie optisches Spezialgerät in Stellung. Gemeinsam mit französischen Kriminalbeamten observierten sie rund um die Uhr die Dreizimmerwohnung in der 2. Etage gegenüber, Rue Flatters Nr. 4.
Am Montag vergangener Woche, nachmittags um 16 Uhr, war es soweit. "Fünf auf einmal drin", strahlte Marcel Leclerc, Chef der Pariser "Brigade criminelle". Seine Brigadisten riegeln das Häuserviertel ab, postieren sich im Treppenhaus, im Hof und an der Wohnungstür. Zwei Frauen treten heraus, offensichtlich überrascht -- da stürzen die Beamten in das Appartement, ihre automatischen Waffen im Anschlag. Kein Schuß fällt.
Überrumpelt und festgenommen wurden fünf deutsche Frauen, drei von ihnen, Sieglinde Hofmann, 35, Ingrid Barabaß, 28, und Regina Nicolai, 26, seit langem terrorismusverdächtig und prominent auf Fahndungslisten. Fast unbekannt die anderen beiden, Karin Kamp-Münnichow, 25, und Karola Magg, 31, nicht einmal ein Ermittlungsverfahren im Register vermerkt.
Die Gäste im Hotel "Flatters" räumten inzwischen ihre Zimmer. Ein paar zurückgelassene Fundstücke erinnern noch, so ein Augenzeuge, an die "deutsche Besatzung", eine Schachtel "Camel" im "Chambre No. 1" und ein zerlesenes SPIEGEL-Exemplar, Heft 17, S.28 Titelzeile "Angst vor dem großen Krieg".
In der Auseinandersetzung mit der deutschen Terroristenszene markieren die Ereignisse im Quartier Latin allerdings weder den Beginn einer neuen heißen Phase noch etwa schon das letzte Gefecht. Unbestritten zwar ist der Erfolg internationaler polizeilicher Zusammenarbeit, nur war es nicht der erhoffte große Schlag.
Immerhin, eine Inszenierung mit Starbesetzung: als Gastregisseur aus dem Ausland Horst Herold, BKA-Chef in Wiesbaden, mit mindestens zehn hauseigenen Akteuren persönlich an der Rampe tätig. Um keine französischen Empfindlichkeiten zu wecken, aber auch um das Risiko zu meiden, etwa von einer einkaufenden Terroristin vorzeitig erkannt zu werden und damit womöglich eine Fluchtaktion auszulösen, mied er Spaziergänge durch die Rue Flatters, zog aber im Polizeihauptquartier an allen Fäden und gab schließlich auch seinerseits die Starterlaubnis.
Sein Widerpart auf der Szene freilich war nicht vom gewünschten Rang. Ins Netz gehen sollte Brigitte Mohnhaupt, für Herold derzeit "die Chefin, die Mutter Courage" des deutschen Terrorismus. Doch zu ihr ließ sich auch in Paris keine Spur aufnehmen.
Gefaßt wurde mit Sieglinde Hofmann, so Herold, immerhin "die Adjutantin, sozusagen die Stabschefin der Mohnhaupt". Sie soll versucht haben, ihre 14schüssige Pistole "Herstall 9 mm gt. 35 hp" zu ziehen. "Wir waren schneller", sagt Kommissar Leclerc.
Sieglinde Hofmann soll 1977, so die Fahndererkenntnisse, an der Vorbereitung der Entführung des Bankiers Jürgen Ponto beteiligt gewesen sein, der dann in seinem Haus in Oberursel kaltblütig erschossen worden war. Ein Zeuge habe Sieglinde Hofmann am Tattage bewaffnet in einer Frankfurter Wohnung gesehen. Verdachtsmomente deuten auch auf Beteiligung am Mordfall Schleyer. Gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt, Peter Jürgen Boock und Rolf Clemens Wagner war Sieglinde Hofmann 1978 in Zagreb festgenommen, sechs Monate später aber von den jugoslawischen Behörden wieder freigelassen worden. Über den Irak entkam das Quartett damals in die Volksrepublik Südjemen.
Ingrid Barabaß zählt zu den Mitgliedern der "Bewegung 2. Juni". Von ihr gibt es Fingerabdrücke aus der Wiener Wohnung Linzer Straße 261, die 1977 bei der Entführung des Industriellen Palmers benutzt worden war, und welche aus der Frankfurter Textorstraße, wo vor Jahresfrist der als Top-Terrorist gesuchte Rolf Heißler festgenommen wurde.
Auch Regina Nicolai entstammt dem Umkreis der "Bewegung 2. Juni". Auch sie soll in die Palmers-Entführung verwickelt und außerdem an der Befreiung des in Berlin als Lorenz-Entführer angeklagten Till Meyer beteiligt gewesen sein.
Karola Magg und Karin Kamp-Münnichow waren nur mal in Herolds Befa-Fahndungsraster aufgetaucht, gravierende Verdachtsmomente aber gab es nicht, vor allem auch keine Fingerabdrücke. Wie Regina Nicolai mußten die beiden in Paris erst von angereisten Eltern und Geschwistern identifiziert werden. "Sie führten sich auf wie die Furien", berichtet ein Pariser Kommissar, bespuckten die Techniker des Erkennungsdienstes und beschimpften die eigenen Anverwandten als "Bullenschergen". Die weniger belasteten Frauen sollen bald, so hofft man in Bonn, in die Bundesrepublik abgeschoben, die andern in Kürze ausgeliefert werden.
"Ein Pharaonengrab, aus dem sich trächtige Dinge entwickeln werden", schwärmte Herold über den hochgegangenen Unterschlupf in der Rue Flatters. Aufgefunden wurden nur eine einzige Waffe, am Gürtel von Sieglinde Hofmann, immerhin aber rund tausend Schuß Munition, falsche Pässe, Photos, Fälscherwerkzeug jede Menge. Die 24stündige Nachrichtensperre nach dem Sturm erbrachte allerdings nicht die erhofften Anschlußfestnahmen, lediglich drei weitere Pariser Terroristenquartiere fielen noch an -- leer und seit langem unbewohnt.
Der Pariser Fahndungserfolg ist für den Terrorismus in Europa innerhalb der Serie schwerer Niederlagen während der letzten Wochen nur eine Schlappe am Rande. Den entscheidenden Durchbruch erzielten die Italiener -- nicht durch geniale Polizeiarbeit oder intelligente Computerkombinationen, sondern durch den bislang hochkarätigsten Überläufer: Patrizio Peci, zentrale Figur der "Roten Brigaden".
Vor allem aufgrund seiner Aussagen -- inzwischen "singen" sieben ehemalige Rotbrigadisten -- wurden seit Jahresbeginn allein in Italien rund 120 Terroristen festgenommen, vier von den Carabinieri getötet, flogen mehr als 200 geheime Unterschlupfe, Waffenlager S.29 und Fälscherwerkstätten auf. Italiens spektakulärster Terrorakt, die Entführung und Ermordung des Ex-Ministerpräsidenten Aldo Moro, gilt zumindest polizeilich als aufgeklärt.
Patrizio Peci verschaffte den Fahndern aber auch neue wertvolle Einblicke in das Geflecht des europäischen Terrorismus. In Paris und Toulon wurden Terroristen festgenommen, zahlreiche Beweisstücke sichergestellt, Verbindungen zur französischen Terroristengruppe "Action directe" sichtbar.
Pecis Aussagen haben auch die versprengten Reste der westdeutschen Terroristentrupps zentral getroffen, weit folgenschwerer als der Pariser "Flatters"-Coup. Nicht nur gemeinsame logistische Zusammenhänge wurden gelüftet, Verbindungen offenbart auch zu Waffenlieferanten aus Untergruppen der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) -- brisanter noch: Mario Moretti beispielsweise, als Kommandochef der Moro-Entführer verdächtigt, unterhielt persönliche Kontakte zu Willy Peter Stoll, jenem deutschen Top-Terroristen, der 1978 von den Fahndern in einem Düsseldorfer China-Lokal erschossen wurde.
Auch Sieglinde Hofmann wird mit dem Fall Moro in Verbindung gebracht. Sie soll an einem Terroristen-Gipfeltreff in Mailand teilgenommen haben, wo über das Schicksal des Politikers entschieden wurde -- dabei habe sie "namens der deutschen Seite" gegen eine Hinrichtung der Geisel votiert.
Der Tip zu ihrer Festnahme stammt freilich nicht aus dem Peci-Fundus. Aus Aden kam ein Hinweis über Terroristen-Flüge Richtung Europa. Seit langem schon filzt Herolds BKA die Passagierlisten selbst der entlegensten Fluglinien, doch auch der im April vollzogene Regierungswechsel im Südjemen spielt eine Rolle. Anzeichen deuten darauf hin, daß Aden künftig keine Basis mehr für Terroristen hergibt.
Noch unterhalten die Baader-Meinhof-Nachfolger nach Herolds Berechnungen etwa 15 bis 20 konspirative Wohnungen im In- und Ausland. Inzwischen aber gehen die Gelder für den Unterhalt aus. Verunsichert durch die Fahndungserfolge, weitgehend abgeschottet von internationalen Verbindungen, ohne sichere Ausweichländer in Nahost und bei abbröckelnder Unterstützung aus dem Sympathisantenfeld haben die Reste der RAF, der "Bewegung 2. Juni" und der teilweise auch im Untergrund tätigen "Revolutionären Zellen" ihre ideologischen und taktischen Differenzen begraben und sich verbunden.
Zu Terrorakten etwa vom Kaliber der Schleyer-Entführung mit umfangreicher strategischer Planung sind sie derzeit nicht mehr fähig; gezielte Anschläge aber mit Todesschüssen wie im Fall Buback bleiben weiterhin möglich. BKA-Chef Herold: "Noch sind nicht alle ihre Projekte endgültig zerschlagen."
S.28 Auf dem Photo markiert. *

DER SPIEGEL 20/1980
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