03.03.1980

„Ich spiele sehr gerne Mundharmonika“

SPD-Fraktionschef Herbert Wehner über sein Privatleben In einem Interview mit der Bonner Wochenzeitung „Das Parlament“ berichtete der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner auch über private Neigungen und Vorlieben. Auszüge:
FRAGE: Herr Wehner, kennen Sie so etwas wie Freizeit, und wie entspannen Sie sich von dem politischen Geschäft?
WEHNER: Die Freizeit ist bei mir karg bemessen. Entspannen geschieht bei mir durch Nachdenken und bei Spaziergängen durch den Wald sowie durch manches Buch.
FRAGE: Angenommen, Sie sind einmal nicht mehr Politiker, was würden Sie dann am liebsten tun?
WEHNER: Nachdem ich so alt bin, ist die Auswahl nicht mehr sehr groß. Auf jeden Fall würde ich -was ich gerne tue -- nachdenken und einiges wieder anfangen, was ich früher gerne gewollt habe, aber als Beruf, nämlich Musik zu praktizieren. Das fing schon bei meinem Großvater an -- wenn Sie so wollen, bin ich da vorbelastet --, Musik zu lieben und auch zu praktizieren.
FRAGE: Durch Ihren Großvater haben Sie Klavier-, Geigen- und Mandolinenspielen gelernt. Können Sie dieser Neigung auch heute noch nachkommen?
WEHNER: Ich würde es gerne wieder praktizieren, aber die Zeit dafür ist sehr dürftig, und so habe ich meine Zuflucht zur Mundharmonika genommen, die man überall mitnehmen kann. Ich spiele sie auch gelegentlich sehr gerne. Zuletzt sogar noch am Sterbebett meiner Frau, als sie mir zu verstehen gab, sie möchte gern, daß ich ihr etwas vorspiele.
Für mich ist es seit Jahrzehnten ein Erlebnis, etwas von Pablo Casals -- dessen Kunst und Interpretationsfähigkeit von Kunst ich liebe -- zu hören. Darüber hinaus Bach, Beethoven, Schubert und Schumann zu hören, nehme ich jede Gelegenheit wahr. Dies muß leider in erster Linie durch Grammophon-Platten geschehen. Es gibt auch noch andere als die genannten Komponisten, die ich sehr gerne höre: Ich habe eine große Vorliebe für den Violinisten David Oistrach, den ich erstmals gehört habe, als er ein junger Mensch war und damals einen Preis in Brüssel bekommen hatte -- das war zu Beginn der zweiten Hälfte der 30er Jahre, den ich dann wiederholt gehört und auch gesehen habe, von dem ich heute leider nur noch erlebe, was man auf Schallplatten sich noch einmal in Erinnerung bringen kann.
FRAGE: Erlaubt es Ihre Zeit, auch noch in Theater- und Konzertveranstaltungen zu gehen, und wenn ja, was bevorzugen Sie dann?
WEHNER: Es kann leider nur sehr selten sein; kürzlich hatte ich eine solche Gelegenheit, an einem Sonntagabend das Leipziger Gewandhausorchester in Bonn zu erleben. Solche Gelegenheiten gibt es ab und zu, und wenn es sie gibt, sind es Werke der von mir schon erwähnten Komponisten. Bei den Autoren will ich keinen Versuch machen zu sagen, welche ich bevorzuge. Ich lese sowohl zeitgenössische als auch klassische Literatur. Es handelt sich um Literatur, die ich nachholen muß oder wieder von neuem genießen kann. Ich bin kein Spezialist: Ich lese häufig Biographien, um mich genauer in das Leben anderer zu vertiefen, aber auch alte oder ganz neue belletristische Werke. Allerdings nicht so oft, weil ich hier eine Art Galeerensklave bin.
FRAGE: Sie sind in sparsamen, überspitzt gesagt ärmlichen Verhältnissen groß geworden.
WEHNER: Wir haben nie gedacht, daß wir ärmlich sind; wir waren eine Arbeiterfamilie, das war alles. Wir waren nie ärmlich, aber es ging knapp zu. Wir haben von früher Kindheit an mitarbeiten müssen -- das war im 1. Weltkrieg. Das fing mit neun Jahren an, beim Bauern die Kartoffeln für den Winter aus dem Boden zu holen, darüber habe ich nicht zu klagen, sondern das hat prägend gewirkt.
FRAGE: Aufgrund dieser Erfahrungen, welches Verhältnis haben Sie heute zum Geld?
WEHNER: Sorgsam mit ihm umzugehen, wenn auch nie geizig.
FRAGE: Eine rein persönliche, vielleicht indiskrete Frage: Essen Sie gerne, und wenn ja, was?
WEHNER: Sehen Sie, das ist eine Frage, die mich zwingt zu gestehen, daß ich seit 1966 mit Diabetes zu tun habe und ich mich deswegen mancher Gerichte enthalten muß; daß ich auch Lieblingsgerichte, die ich seit Jugendzeiten habe, nur in ganz geringem Maße -wenn überhaupt -- essen oder genießen darf. Da ich aber eine menschliche Seite habe, habe ich gute Erinnerungen behalten an manches, was ich heute nicht mehr darf -- ich meine essen oder genießen; das ist zwar nicht so, als wenn man es wiederholen kann, aber es ist auch nicht schlecht.
FRAGE: Bevorzugen Sie mehr die hausgemachte Küche oder die angeblich "gehobene Küche"?
WEHNER: Hausgemachte Küche: Etwas, was meine Frau gemacht hat oder meine Tochter noch macht -- das war und ist in der Regel so, daß ich daran meinen kulinarischen Spaß habe. Wenn es sich zeitlich einrichten läßt, gehe ich gern in ein Restaurant mit ordentlicher Küche, um dort etwas Neues zu entdecken, was man essen darf und was man mag.
FRAGE: Haben Sie manchmal so etwas wie eine Scheu, sich in der Öffentlichkeit sehen zu lassen?
WEHNER: Ich lasse mich nicht sehen, sondern werde gesehen. Da ich nicht so dumm bin, daß ich nicht merke, da sind Leute, die einen zu kennen meinen, benehme ich mich so, wie man sich unter anständigen Menschen zu benehmen hat, wenn man nicht als Star in Erscheinung treten will.

DER SPIEGEL 10/1980
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