03.03.1980

Wir haben euch Waffen und Brot geschickt

Mit umfangreicher Militär- und Wirtschaftshilfe für Befreiungsbewegungen und linke Regierungen in Afrika ist die DDR zum erfolgreichen Partner sowjetischer Machtstrategie in der Dritten Welt aufgerückt. Gleichzeitig nutzt Ost-Berlin sein Engagement für die eigene Wirtschafts- und Deutschlandpolitik -- zum Nachteil Bonns.

Der rhodesische Guerilla-Führer Joshua Nkomo zählt Erich Honecker zu seinen "besten Freunden". Mosambiks Staatschef Samora Machel rühmt am Staatsratsvorsitzenden der DDR "die große analytische Klarheit, die einen hervorragenden Führer der internationalen revolutionären Bewegung auszeichnet".

Oberstleutnant Mengistu Haile Mariam, Chef des äthiopischen Militärregimes, wagt es als "Anfänger im revolutionären Kampf" nicht, sich "mit so hervorragenden Kommunisten (wie Honecker) gleichzusetzen", und der Generalsekretär der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU), Edem Kodjo, preist den Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands als klugen Führer "einer der mächtigsten Nationen in der Welt".

In Afrika hat der oberste Ostdeutsche, so scheint es, viele Verehrer. Gleich zweimal bereiste Erich Honecker, der in seiner fast neunjährigen Amtszeit noch nicht eben viel in der Welt herumgekommen ist, im vergangenen Jahr den Schwarzen Kontinent. Und wo er hinkam, fand er herzliche Aufnahme.

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba brachte ihm die jubelnde Menge ein Ständchen dar mit dem Refrain: "Erich Honecker, ein Genosse unserer Revolution, ein Freund unseres Volkes." Im angolanischen Luanda säumte ein "Spalier der Freundschaft" die Fahrtroute des Staatsgastes, Junge Pioniere schmückten den "Camarada Presidente" mit einem Halstuch in den rotschwarzen Nationalfarben des Landes, die Massen riefen "Viva" und schwenkten Fahnen.

Der Besucher revanchierte sich für soviel Wärme mit sinnreichen Geschenken: Den Werktätigen des angolanischen Transportwesens überreichte er einen Wandteppich mit eingewebtem Bildnis des KPD-Führers Ernst Thälmann, einst Wäscherei- und Möbelkutscher in Hamburg. Samora Machel bekam ein Ehrenbanner des Zentralkomitees der SED überreicht, zu Kenneth Kaunda nach Sambia nahm der Staatsratsvorsitzende eine Kassette mit dem "Kommunistischen Manifest" in 20 Sprachen sowie eine Karl-Marx-Büste als Präsente mit.

Und im sozialistischen Äthiopien legte der Genosse aus Ost-Berlin den Grundstein zum ersten Denkmal für Karl Marx ("den größten Sohn des deutschen Volkes") auf dem afrikanischen Kontinent.

Doch mit Bannern und Büsten allein läßt sich die Freundschaft nicht erhalten in Ländern, die zu den ärmsten der Erde gehören und von denen einige noch immer Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen sind. S.43

Was der ostdeutsche Staat seinen afrikanischen Freunden in Wirklichkeit zu bieten hat und was ihn als Partner so attraktiv macht, rühmte Honecker -- ungewohnt offen -- vergangenen November im Ausbildungslager der äthiopischen Volksmilizen "Tatek" ("Bewaffnet euch"): "Jawohl, die DDR hat keinen Augenblick gezögert, als es sich darum handelte, euch Waffen, euch Brot zu schicken."

Mehr Waffen als Brot. Vorsichtig zunächst, dann immer ungenierter versucht die DDR seit Jahren, sich an den Krisen-Punkten des afrikanischen Kontinents, bei den Befreiungsbewegungen im Süden ebenso wie bei den Revolutionären am Roten Meer, mit ihrer Art der Entwicklungshilfe unentbehrlich zu machen.

Bereits Ende der sechziger Jahre, als Bonn in Afrika die diplomatische Anerkennung des zweiten deutschen Staates noch mit Erfolg verhinderte, setzte die DDR auf jene, die sich vom Westen nicht viel versprechen konnten -- Guerilla-Organisationen wie die MPLA in Angola oder die Frelimo in Mosambik, die einen erbitterten Partisanen-Krieg gegen die Kolonialherrschaft des Nato-Staats Portugal führten.

Bereitwillig lieferte Ost-Berlin den Untergrundkämpfern, die Hilfe nahmen, gleich woher sie kam, Infanteriewaffen und Munition aus den überschüssigen Beständen der Nationalen Volksarmee (NVA).

1972, als die DDR nach dem Grundlagenvertrag mit der Bundesrepublik außenpolitisch endgültig hoffähig wurde, wies die Kreml-Führung die Ostdeutschen an, sich nunmehr systematisch um die "progressiven und revolutionären Kräfte" (Honecker) in Afrika zu kümmern.

Als "Persönlicher Botschafter" des Parteichefs besuchte ZK-Sekretär Werner Lamberz immer wieder afrikanische und arabische Länder. Gewandt warb der sprachkundige SED-Propagandist -- er kam vor zwei Jahren bei einem Hubschrauberabsturz in Libyen ums Leben -- um Freunde und Verbündete.

War es der SED-Führung vor Beginn der Bonner Ostpolitik vor allem darum gegangen, ihre internationale Isolierung auch in Afrika zu durchbrechen, so rückte sie jetzt zum aktiven Partner sowjetischer Machtstrategie auf.

Die Bedeutung der ostdeutschen Präsenz, urteilen denn auch westliche Experten wie der DDR-Forscher Bernard von Plate, müsse "vor allem im Kontext der ideologischen und machtpolitischen Ost-West-Auseinandersetzung" gesehen werden -- Afrika-Politik als Teil des Kampfes gegen den Weltimperialismus.

Die biedere DDR schien für die Stellvertreter-Rolle bestens geeignet. Imperialistische Neigungen konnte ihr -- anders als den Sowjets -- niemand unterstellen; zugleich aber zehrten die als Entwicklungshelfer entsandten Experten aus Dresden, Leipzig oder Ost-Berlin vom Ruf deutscher Tüchtigkeit, der in der Dritten Welt noch ungebrochen ist.

Die Genossen erfüllten das ihnen von Moskau zugedachte Plansoll mit Fleiß und Geschick. Mit 46 von 49 Staaten der OAU unterhält die DDR heute diplomatische Beziehungen, in 21 Ländern residieren DDR-Botschafter, und 13 afrikanische Staaten haben eine diplomatische Mission in der Deutschen Demokratischen Republik. Befreiungsbewegungen wie die Patriotische Front Simbabwes, die Swapo Namibias und Südafrikas ANC sind in Ost-Berlin mit eigenen Büros akkreditiert.

Zwischen 1969 und 1978 leistete die DDR 440 Millionen Dollar Entwicklungshilfe an Afrika (Bundesrepublik: 4,2 Milliarden). 15 Freundschaftsbrigaden der SED-Jugendorganisation FDJ sind derzeit in neun Ländern im Einsatz -- sie reparieren Kaffeeschälmaschinen in Angola, bilden Maurer in Guinea-Bissau aus und errichteten auf Sao Tome und Principe die erste Geburtshilfestation der portugiesischen Ex-Kolonie.

Daheim in den Betrieben treiben rührige Funktionäre und Gewerkschafter bei den Werktätigen Solidaritätsabgaben ein, zuletzt etwa 150 Millionen Ost-Mark jährlich. Aus dem Erlös werden dringend benötigte Hilfsgüter -vom Schulheft bis zum Impfserum -für die Partner in Kongo, Benin, Sao Tome und Principe, Guinea-Bissau, Madagaskar, Kapverden, Mosambik, Äthiopien und Angola gekauft.

Den dicksten Brocken im ostdeutschen Afrika-Budget aber macht die Militärhilfe aus. In zwei arabischen und fünf schwarzafrikanischen Ländern tun gegenwärtig 2700 Berater und Ausbilder der Nationalen Volksarmee Dienst. Allein in Angola stehen 1000 Offiziere und Unteroffiziere, der Rest verteilt sich auf Mosambik, Äthiopien, Sambia, Kongo, Algerien und Libyen (siehe Graphik).

Zwar machte die DDR ihren Schützlingen von Anfang an klar, daß sie nicht bereit sei, geschlossene Kampfverbände zu entsenden. Meldungen -meist vom südafrikanischen Geheimdienst "Dons" lanciert --, wonach ein komplettes motorisiertes Schützenregiment der NVA mit 3500 Mann in die angolanische Ölexklave Cabinda geflogen worden sei oder daß ein Sonderverband S.45 des Fallschirmjägerbataillons "Willy Sänger" in Äthiopien die aufständischen Eritreer bekämpfe, weisen westliche Sicherheitsexperten als Propaganda-Mär zurück.

Gleichwohl gilt der Einsatz der Militärs aus dem ostdeutschen Staat als äußerst wirkungsvoll, besser sogar als die Hilfe der Kubaner, die mit immerhin 35 000 Soldaten in Afrika aktiv sind und vor vier Jahren den Bürgerkrieg in Angola für die MPLA entschieden.

Im Gegensatz zu Fidel Castros häufig undiszipliniert auftretenden Söldnern, die sich öfter in Raufhändel und Frauengeschichten einlassen und dabei, wie bundesdeutsche Militärexperten wissen, "auch schon mal von Eingeborenen hinter der Schänke totgeschlagen werden", achten die Kameraden aus der DDR auf Disziplin und dezentes Auftreten.

So verzichten die NVA-Kader bewußt auf Dienstgrade an ihren neutralen Khaki-Uniformen, und während sich die Berater aus der Sowjet-Union ausschließlich Führungspositionen reservieren, sind sich die Deutschen nicht für die Ausbildung am Mann zu schade.

Soviel Engagement wissen Moskaus Militärs durchaus zu honorieren: In Äthiopien haben sie ihren Waffenbrüdern aus der DDR die Operationsplanung für die Offensive der Regierungstruppen gegen die Aufständischen in Eritrea zugewiesen; in Angola rücken DDR-Offiziere zunehmend in Führungspositionen auf, die bisher Kubaner besetzten.

Neben dem Drill von Milizen und regulären Streitkräften kümmern sich die Entwicklungshelfer der NVA vor allem um Logistik, Pionierdienst und militärisches Fernmeldewesen.

In Äthiopien unterrichten sie an der Panzertruppenschule und warten die Elektronik für die Luftwaffe; in Angola bauen sie die Nachrichtentruppe auf und unterweisen die Nachkommen der Katanga-Gendarmen, die 1978 in die Zaire-Provinz Shaba (Katanga) einfielen, im Kriegshandwerk. DDR-Spezialisten schliffen die Guerilla-Kämpfer der Patriotischen Front und der Swapo, die von Angola, Sambia und Mosambik aus in Simbabwe und Namibia operierten.

Doch Ost-Berlin schickt nicht nur Armee-Soldaten. Auch Spezialisten des Eliteregiments "Feliks Dzierzynski", das nicht Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, sondern Staatssicherheitschef Erich Mielke unterstellt ist, machen sich in Afrika nützlich. Wie früher in Kuba bauen sie heute in Angola, Mosambik und Äthiopien nach bewährtem östlichen Muster nationale Sicherheitsdienste auf -- zum Kampf gegen Putschisten, Saboteure und Verräter.

In Mosambik trainieren sie die 200-Mann-Leibgarde des Präsidenten Machel, und dem Militärregime in Addis Abeba arbeiteten die erfahrenen Genossen Pläne für den sozialistischen Strafvollzug aus.

Zugleich wachen die Stasi-Fachleute über die Staatstreue der Volksarmisten in der Ferne. Mit Erfolg: Während es im kubanischen Korps immer wieder Deserteure gibt, hat sich bisher noch kein NVA-Mann von der Truppe abgesetzt.

Wenn die Einheitssozialisten ihre Militärhilfe heute auch nicht mehr, wie noch vor ein paar Jahren, vor dem eigenen Parteivolk geheimzuhalten suchen, so schweigen sich die DDR-Medien doch noch immer über Art und Umfang der Waffenhilfe aus.

Dennoch kann die SED besorgte Anfragen aus der Bevölkerung nicht unterbinden, zumal Volksarmisten ihren Einsatz für den proletarischen Internationalismus auch schon mit dem Leben bezahlen mußten, wenn sie, wie im Süden Angolas, auf eine Mine liefen oder mit ihren Getreuen unversehens in einen Hinterhalt feindlicher Freischärler gerieten.

So veröffentlichte die "Leipziger Volkszeitung" den Brief einer Leserin, die wissen wollte, ob es im Interesse des Weltfriedens und der Abrüstung nicht besser wäre, aus sozialistischen Ländern "keine Soldaten in die Krisengebiete zu schicken". Das SED-Blatt wies die Bedenken zurück -- die sozialistische Gemeinschaft könne "den Imperialismus nicht uneingeschränkt schalten und walten" lassen.

Die Militärhilfe vor Ort wird ergänzt durch einen umfangreichen Service daheim in der DDR. Seit vier Jahren hat Ost-Berlin seine regulären Offiziers- und Polizeischulen für Studenten aus Afrika geöffnet:

* Angolaner üben beim Fallschirmjäger-Bataillon 40 in Prora auf der Ostseeinsel Rügen;

* Kongolesen lernen bei der Volksmarine auf der Offiziersschule "Karl Liebknecht" in Stralsund;

* Libyer trainieren in Stralsund und bei der NVA-Luftwaffe in Kamenz bei Bautzen.

Auch Guerillas der Patriotischen Front aus Simbabwe ließen sich auf DDR-Kasernenhöfen fit machen. Und die Verkehrshochschule "Friedrich List" in Dresden, Sektion "Militärtransport und Nachrichtenwesen", bildet afrikanische Fernmelde- und Logistik-Spezialisten aus. Wieder zu Hause, sind die jungen Offiziere willkommene Dolmetscher und Verbindungsleute zu den NVA-Instrukteuren im Land.

Die Schulung von Stabsoffizieren behält sich die Sowjet-Union vor. Die Ostdeutschen, so die Arbeitsteilung im Warschauer Pakt, sollen vor allem den niederen Chargen einen "technisch sauberen Schliff" (ein westdeutscher DDR-Experte) beibringen -- ideologische Unterweisungen inklusive.

Als besondere DDR-Spezialität gilt die Polizeiausbildung auf der Offiziersschule "Wilhelm Pieck" in Aschersleben. In Kurzlehrgängen von drei Monaten oder in dreijährigem Offiziersstudium werden im nördlichen Harzvorland derzeit Hunderte von Anwärtern aus Angola, Mosambik, Äthiopien, Guinea-Bissau oder der Volksrepublik Jemen in Sonderklassen bis zu 20 S.47 Mann unterrichtet. Ebenfalls in Aschersleben läßt Innenminister Friedrich Dickel Somalis zu Strafvollzugsbeamten heranbilden.

Schon Anfang Mai 1976 hatte Andre Petroff, Generalkommandeur der angolanischen Polizei, sich als Gast in Ost-Berlin "mit Erfahrungen der Deutschen Volkspolizei beim zuverlässigen Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht" ("Neues Deutschland") vertraut gemacht.

Auch Erich Mielkes Stasi organisiert Schnellkurse für afrikanische Kollegen, etwa aus Angola und Äthiopien. Und obwohl ostdeutsche Spezialisten Idi Amins berüchtigten Geheimdienstlern mit gutem Rat zur Seite standen, scheuten sich die neuen Herren in Uganda nach dem Sturz des Diktators im Frühling letzten Jahres nicht, 50 ehemalige Amin-Soldaten zur "Umschulung" in die DDR zu schicken.

Für die Gäste wird vorbildlich gesorgt. So lernen die Stipendiaten, meist Anfang 20, wenn sie in der SED-Republik ankommen, erst einmal ein halbes Jahr auf der Fremdsprachenschule der Volksarmee in Naumburg Deutsch. Notwendige Kleidung wie Wintermäntel stellen die Gastgeber ebenso wie ein für DDR-Verhältnisse üppig bemessenes Taschengeld von 300 Mark monatlich.

Doch von der ostdeutschen Bevölkerung hält die SED ihre Schützlinge lieber fern. Kontakte außerhalb der Kaserne sind selten, trotzdem kommt es schon mal vor, daß ein Afrikaner eine DDR-Bürgerin heim in den Busch führt.

Verglichen mit dem großzügigen Ausbildungsprogramm, nehmen sich die Waffenlieferungen der DDR an Schwarzafrika relativ bescheiden aus. Während Moskau zwischen 1973 und 1978 für 2,34 Milliarden Dollar militärisches Gerät in 22 afrikanische Länder südlich der Sahara verschiffte, exportiert die nur kümmerlich entwickelte Rüstungsindustrie der DDR höchstens für 200 Millionen Mark jährlich: meist Infanteriewaffen wie das automatische Gewehr "Kalaschnikow" aus Erfurt, Mörser, leichte Geschütze, Brotbeutel, Patronentaschen und Uniformen.

Begeistert lobte Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, zurück von einer Inspektionstour aus Äthiopien: "Wir sahen Tausende Söhne der ehemaligen Sklaven und landlosen Bauern mit der Maschinenpistole und dem Stahlhelm aus der DDR den Sturmangriff üben."

Die Volksarmee zweigt auch Entbehrliches aus sowjetischen Beständen ab. Als Hoffmann im Mai letzten Jahres mit einigen ostdeutschen Generalen Joshua Nkomo in dessen Hauptquartier in Sambia aufsuchte, versprach er den Guerillas großzügig sowjetische Geschütze und Flugabwehrraketen.

Den Waffentransport nach Afrika organisiert das staatliche Büro "Industrietechnischer Außenhandel" in Berlin-Pankow, das dem stellvertretenden Verteidigungsminister Generaloberst Werner Fleissner, in der NVA zuständig für "Bewaffnung und Technik", unterstellt ist. Wenn die DDR-Frachter mit dem Kriegsgerät unterwegs westliche oder neutrale Häfen, etwa wegen einer Reparatur, anlaufen müssen, weist die Schiffsführung harmlos wirkende Ladepapiere vor: Waffen sind als "Ersatzteile", Fahrzeuge als "landwirtschaftliche Maschinen" deklariert.

Wie sehr die DDR ihre Waffenhilfe mit den strategischen Zielen des Warschauer Pakts verknüpft, zeigt die regionale Verschiebung ihrer Afrika-Aktivitäten in den letzten zehn Jahren.

Anfangs hatte die SED Kontakte zu jenen Staaten gesucht, die -- wie Ghana, Guinea, Mali, Kongo oder Nassers Ägypten -- einen antiwestlichen Kurs einschlugen und deshalb zu einer diplomatischen Anerkennung Ost-Berlins bereit schienen. Heute sind die Beziehungen zu den Ländern, in denen der diplomatische Durchbruch gelang, nicht mehr die besten. Mal wechselte das Regime, mal verlor Ost-Berlin das Interesse, oder die DDR blieb hinter den Erwartungen zurück, die ihre afrikanischen Partner in die SED gesetzt hatten.

Mit Büromöbeln für die Elfenbeinküste, 50 000 Mathematik-Büchern für Guineas Schulen, Chirurgen-Bestecken für den Sudan, aber auch Staatsdruckereien für Ghana und Mali oder Fischerbooten für Tansania ließ sich die übermächtige Konkurrenz aus Bonn auf Dauer nicht aus dem Geschäft drängen.

Seit Beginn der siebziger Jahre konzentrieren sich die Ostdeutschen deshalb auf geographische Schlüsselpositionen: Von Äthiopien aus läßt sich der Ausgang des Roten Meeres überwachen, von Angola und Mosambik aus S.49 kann der Ostblock künftige Veränderungen in Namibia, Simbabwe und Südafrika beeinflussen.

Sollten etwa die Wahlen in Simbabwe-Rhodesien statt des prowestlichen Bischofs Abel Muzorewa die Guerilla-Führer Nkomo und Mugabe an die Macht bringen, könnte sich in Salisbury wiederholen, was zuvor schon in Luanda und Maputo passierte: Die Regierungsgewalt fiele an eine nationale Befreiungsbewegung, die von der DDR und ihren Verbündeten bereits in den Jahren des Kampfes tatkräftig unterstützt wurde.

Der Osten hätte dann, so rechnen sich die Afrika-Strategen in der SED-Zentrale aus, einen schwer einholbaren Vorsprung vor dem Westen gewonnen.

Mit der Swapo Sam Nujomas in Namibia und dem südafrikanischen Nationalkongreß (ANC) Oliver Tambos hält die SED zwei weitere Bündnispartner in Reserve, die bald schon zur ersten Führungsgarnitur ihres Landes aufsteigen können.

Um dem Warschauer Pakt den Zugang zu den beträchtlichen Rohstoffreserven im südlichen Afrika freizuhalten und langfristig womöglich auch die Kontrolle der strategisch bedeutsamen Kap-Route zu sichern, scheut die DDR keine Anstrengungen -- auch wenn sie dabei wirtschaftliche Opfer bringen muß.

Denn was den afrikanischen Verbündeten dringend fehlt, besitzt auch Ost-Berlin meist nicht im Überfluß: Nahrungsmittel, Textilien und Maschinen.

So bezog Angola binnen drei Jahren über 5000 Lastwagen vom Typ IFA W 50 aus Ludwigsfelde -- daheim bittet Gerhard Briksa, Minister für Handel und Versorgung, seit langem vergeblich um Modernisierung seines überalterten Fuhrparks.

Auf äthiopischen Äckern arbeiten mehr als tausend Traktoren aus Schönebeck, nach Mosambik wurden Bagger, Mähdrescher, Feldhäcksler und Schwadmäher verschifft.

Dem Einsatz im feuchtheißen Klima, mit schwarzen Chauffeuren am Steuer, die auf schlecht befestigten Pisten zu ruppiger Fahrweise neigen, sind die Maschinen aus den volkseigenen Betrieben in der Regel nicht lange gewachsen. Weil die hochrädrigen IFA-Fünftonner öfter umkippten und schwere Unfälle verursachten, ordnete Mosambiks Landwirtschaftsminister Mario da Graca Machungo an, sie nur noch auf gut ausgebauten Straßen fahren zu lassen -- von denen es freilich wenige im Lande gibt.

Auch mit der Wartung haperte es: Erst im vergangenen April begannen ostdeutsche Monteure damit, in Addis Abeba einen 5000 Quadratmeter großen Reparaturbetrieb für Lastwagen, Traktoren, Mähdrescher, Gabelstapler, Notstromaggregate und Wasserpumpen hochzuziehen. Die Werkstatt enthält Schulungsräume für einheimische Facharbeiter und soll später ganz von den Äthiopiern übernommen werden.

Um die Hilfsgüter rasch anlanden zu können, liefert die DDR komplette Hafenausrüstungen: Kräne aus Eberswalde und Babelsberg, Getreidesilos aus Erfurt und Gabelstapler aus Leipzig sorgen für eine gute Umschlagleistung in Luanda, DDR-Lotsen bringen die Schiffe an die Pier. Bei seiner Staatsvisite im Februar letzten Jahres versprach Honecker seinen Gastgebern in Mosambik, den Hafen von Nacala großzügig zu erweitern.

Als die angolanische MPLA nach dem Abzug der Portugiesen Anfang 1976 von ihren Rivalen FLNA und Unita arg in Bedrängnis gebracht wurde, schickten die Gönner aus Ost-Berlin in fünf Monaten 7500 Tonnen Lebensmittel, 1200 Tonnen Textilien und 450 Tonnen Medikamente.

Auf dem Rückflug nahmen die Interflug-Maschinen Kriegsverletzte mit, die in DDR-Krankenhäusern versorgt wurden. Ostdeutsche Ärzte bauten derweil in Luanda ein Zentrum für Physiotherapie S.52 und Rehabilitation wieder auf, das die Portugiesen demontiert hatten.

Auch nachdem MPLA und Frelimo fest im Sattel saßen, sprangen die Deutschen rasch ein, wenn Not am Mann war. So setzten Spezialisten der Pumpspeicherkraftwerke Hohenwarte das überflutete Wasserkraftwerk im angolanischen Mabubas am Dande-Fluß instand; nach einem Grubenunglück im Steinkohlenrevier von Moatize (Mosambik) stiegen ostdeutsche Kumpel in die Schächte hinab und bauten erst mal sicherungstechnische Anlagen nach international üblichen Normen ein.

Anders als die Russen, die im Umgang mit Schwarzen gern den feinen Herrn herauskehren, legen die DDR-Experten auch bei gefahrvollen Arbeiten selbst mit Hand an. Noch im Oktober vergangenen Jahres wurden vier Ostdeutsche in Mosambik von einem Blindgänger zerrissen, als sie einen verunglückten Lkw bergen wollten.

Völlig unentgeltlich ist der Beistand freilich nicht. Neben Freundschaftsbeteuerungen (Mosambiks Präsident Machel: "Die DDR, das ist für uns wie eine Heimat") erwartet Ost-Berlin auch ökonomischen Nutzen -- in Form von Rohstoffen, die anderswo nur gegen teure Devisen zu haben sind.

Mosambik schickte im vergangenen Jahr als erste Lieferung eine Million Tonnen hochwertiger Steinkohle; aus Angola kommt Kupfer, Erdöl und ein Fünftel des Kaffees, den die DDR verbraucht.

Mitunter schrecken die Genossen auch vor unverhüllter Ausbeutung nicht zurück: Den Äthiopiern handelten sie 15 000 Tonnen Kaffee gegen 580 Lkw ab -- was einem Stückpreis von etwa 180 000 Mark pro Fünf-Tonner gleichkommt. Ghanas linksorientiertem Regime verdarben die sozialistischen Händler jahrelang die Zahlungsbilanz, weil sie Kakao zu Dumpingpreisen einkauften und auf dem Weltmarkt verschleuderten.

Aufbaukredite, zahlbar in Dollar, gewährt die DDR höchst ungern; die Konditionen -- in der Regel 2,5 Prozent Zinsen bei einer Laufzeit von zwölf Jahren -- sind schlechter als im Westen: Die Bundesrepublik pflegt Tilgungsfristen bis zu 50 Jahren zu vereinbaren (Zinssatz 0,75 Prozent) und wandelt Kredite neuerdings häufig in Zuschüsse um. Über die Zinsschneiderei der Ost-Berliner erboste sich das sozialistische Tansania 1970 so sehr, daß die Regierung den DDR-Konsul in Sansibar mit der Begründung aus dem Lande wies, die Volksrepublik China verlange für ihre Kredite keine Zinsen.

Wirtschaftlich gesehen bleibt das DDR-Engagement gleichwohl ein Zuschußgeschäft. Daß ökonomische und handelspolitische Interessen nicht das entscheidende Motiv für die ostdeutsche Präsenz sind, erweist sich allein schon daran, daß der Anteil Schwarzafrikas am Außenhandel der DDR verschwindend gering geblieben ist. Außer den drei Schwerpunktländern Angola, Mosambik und Äthiopien tauchen nur noch Ghana, die Volksrepublik Kongo, Nigeria und Tansania in der Ost-Berliner Außenhandelsstatistik auf.

Da die DDR wegen ständig wachsender Versorgungsprobleme im eigenen Land gar nicht in der Lage ist, den nichtkapitalistischen Entwicklungsländern, die in Schwarzafrika zu den rückständigsten in der Dritten Welt gehören, massive Wirtschaftshilfe anzubieten, konzentriert sie sich -- ähnlich wie bei der Militärhilfe -- auch im zivilen Bereich lieber auf Beistand beim inneren Staatsaufbau.

In Grünheide bei Berlin, in einem Heim des Gewerkschaftsbundes FDGB, bereiten sich ständig 60 bis 70 Techniker, Wissenschaftler, Pädagogen und Journalisten auf ihren Afrika-Einsatz vor. Sie lernen in Sechs-Monats-Kursen vor allem die Sprachen der ehemaligen Kolonialherren: Englisch, Französisch und Portugiesisch.

Nicht immer kommt der Entschluß zur brüderlichen Hilfe aus freien Stücken. Zuweilen kommandiert die SED auch unbotmäßige Kader zur Bewährung ab. So wurde Günter Lehmann, Professor für Strafrecht in Babelsberg, als Justizberater nach Afrika versetzt, nachdem er sich vor seinen Studenten zu der These verstiegen hatte, auch im Sozialismus werde die Kriminalität wohl niemals aussterben.

Als Generalstaatsanwalt Josef Streit von der ketzerischen Meinung Wind bekam, beschwerte er sich beim Rektor. Prompt wurde Lehmann beurlaubt und erfuhr wenig später, man habe ihn zum Sprachtraining in Grünheide angemeldet.

In der Regel aber sind die entsandten Berater sorgfältig ausgewählte Genossen, auf deren Loyalität Verlaß ist. "Die schicken keine Abenteurertypen", berichtet ein westdeutscher Entwicklungshelfer über seine Ost-Kollegen.

Der Aufenthalt in Afrika ist für die DDR-Experten ohne Risiko. Das Gehalt zu Hause läuft weiter, der Arbeitsplatz S.54 wird freigehalten, und auch in bettelarmen Gastländern lassen sich Konsumwünsche befriedigen, die daheim nur schwer zu erfüllen sind. In Addis Abeba etwa deckte sich ein DDR-Lehrer gleich nach seiner Ankunft mit einem halben Dutzend Jeans aus amerikanischer Produktion ein.

Besonders verdient bei der Ausbildung schwarzer Kader macht sich der ostdeutsche Journalistenverband (VDJ) mit seiner "Schule der Solidarität" in Friedrichshagen am Stadtrand von Berlin. Hunderte von Besuchern aus der Dritten Welt lernen dort nicht nur das journalistische Handwerk. Sie sollen auch, so die Schuldirektorin Sonja Brie, später von der "Überzeugungskraft des realen Sozialismus" in ihren Heimatländern künden.

Das Ergebnis der Halbjahreskurse fällt denn auch meist nach Wunsch aus. Zum Abschluß seiner Ausbildung pries ein äthiopischer Journalisten-Eleve in der Lehrgangszeitung sein Gastland: "Wirklich, die DDR ist auf dem Weg, ein Paradies zu werden, denn du findest keine Hungernden, keine Bettler, keine Arbeitslosen, nur friedfertige, gut genährte, gut gekleidete Leute."

Auch vor Ort schulen VDJ-Redakteure den Nachwuchs. Aus- und Weiterbildungslehrgänge gab es in der Volksrepublik Kongo, in Äthiopien, Mosambik und Guinea-Bissau. Staatsdruckereien liefert Ost-Berlin oft gratis mit.

Die Folgen solcher Medienpolitik bekommen die Westdeutschen zu spüren. Als die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung Anfang 1979 in der tansanischen Stadt Arusha eine Konferenz über Perspektiven deutsch-afrikanischer Beziehungen veranstaltete, fand die Regierungszeitung "Daily News" das Treffen kaum einer Zeile wert. Statt dessen berichtete das Blatt auf Seite eins über eine Monate zurückliegende Pressekonferenz der westdeutschen Anti-Apartheid-Bewegung über die immer wieder behauptete nukleare Zusammenarbeit zwischen Bonn und Pretoria.

Zur Rede gestellt, verwies Informationsminister Isaac Sepetu, häufiger Gast in Ost-Berlin und verheiratet mit einer DDR-Bürgerin, lediglich auf die in seinem Land herrschende Pressefreiheit.

Liebstes Kind der ZK-Abteilung "Internationale Verbindungen" der SED unter Politbüromitglied Hermann Axen sind die "Botschafter im Blauhemd": Freundschaftsbrigaden des Jugendverbandes FDJ. Allein in Angola bilden fünf Brigaden -- jede besteht aus 20 bis 30 handwerklich versierten Genossen -- einheimische Facharbeiter, vor allem Kraftfahrer für die IFA-Lastwagen und Kfz-Mechaniker aus.

"Die Schar der 130 Blauhemden", bilanzierte das "Neue Deutschland" stolz, "reparierte und wartete in den vergangenen zwei Jahren 13 252 Lastkraftwagen verschiedener Typen, 1200 Kaffeebearbeitungsanlagen, 691 Traktoren und 827 stationäre Dieselmotoren." In 20 966 freiwilligen Arbeitsstunden flickten die "Sendboten der Solidarität" überdies Wasserleitungen oder brachten Mais-, Maniok- und Ölmühlen wieder zum Laufen.

Sechs Monate bereiten sich die Entwicklungshelfer in der FDJ-Hochschule "Wilhelm Pieck" auf ihren Afrika-Einsatz vor. Freiwillige, die des öden Republik-Alltags überdrüssig sind, haben keine Chance: Genommen wird nur, wen SED-Bezirksleitung und Betrieb für würdig erachten. Und weil es "auch schon Verräter" gab (ein FDJ-Funktionär), die den Afrika-Trip zur S.56 Flucht in den Westen nutzten, ist das Staatssicherheitsministerium immer dabei.

Vor dem Abflug aus Berlin-Schönefeld ermahnen Beauftragte des FDJ-Zentralrats die Junggenossen noch einmal, Westkontakten, vor allem mit Bundesdeutschen, tunlichst aus dem Weg zu gehen. Wer dennoch von einem "Bürger der BRD" in ein Gespräch verwickelt wird, reagiert meist förmlich. "Wenden Sie sich bitte mit Ihren Fragen an unsere Botschaft", beschied ein DDR-Techniker in Mosambik einen westdeutschen Journalisten.

Der für die kleine DDR vergleichsweise enorme Aufwand an Personal, Dienstleistungen und materiellen Zuwendungen zahlt sich politisch aus. Im vergangenen Jahr holte sich Erich Honecker die Zinsen für seine Investitionen: In Äthiopien, Angola und Mosambik konnte der Staatsratsvorsitzende erstmals Verträge "über Freundschaft und Zusammenarbeit" mit Ländern außerhalb des sozialistischen Staatenblocks unterzeichnen.

"In diesen Verträgen", frohlockte der stellvertretende Außenminister Klaus Willerding, "widerspiegelt sich eine neue Qualität, die sich im Charakter der Beziehungen der DDR mit einer Reihe afrikanischer Staaten herauszubilden begonnen hat."

Tatsächlich ist es Honecker gelungen, nominell blockfreie Entwicklungsländer zu Quasi-Mitgliedern der sozialistischen Gemeinschaft zu machen. In ihrem außenpolitischen Status unterscheiden sich Äthiopien, Angola und Mosambik nur noch wenig von Ländern wie Kuba, Vietnam -- oder Afghanistan.

Denn die staatlichen Beziehungen, so steht es in den Präambeln der Abkommen, beruhen "auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus", des "proletarischen Internationalismus" und des "antiimperialistischen Bündnisses" --Formeln, die auch ohne eindeutige Beistands- und Interventionsklausel notfalls einen Vorwand liefern könnten, sich helfend in die inneren Angelegenheiten des Partners einzumischen.

Ganz als wären sie Moskaus Satelliten, stimmten denn auch Äthiopien, Angola und Mosambik in der Uno-Vollversammlung gegen den sofortigen bedingungslosen Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan. Länder wie Algerien, Benin, Kongo, Guinea, Guinea-Bissau, Mali, Sao Tome und Sambia, seit Jahren ebenfalls Nutznießer ostdeutschen Wohlwollens, enthielten sich immerhin der Stimme.

Von Samora Machel in Mosambik bekam Honecker sogar die völkerrechtliche Legitimation für die militärische Präsenz des ostdeutschen Staates in Afrika. So verpflichtet Artikel 5 die Vertragsparteien, "im Interesse der Stärkung der Verteidigungsfähigkeit ... die Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet durch zweiseitige Vereinbarungen" zu regeln.

Andere "nichtkapitalistische" Partner mochten sich so heftig nicht umarmen lassen: Libyens Gaddafi, von Honecker beharrlich als "Genosse" angesprochen, stellte einen Freundschaftsvertrag nur in Aussicht und ärgerte seinen Gast im Februar 1979 beim Festmahl in Tripolis mit dem Hinweis auf ideologische und gesellschaftspolitische Unterschiede.

Die Auftritte ihres ersten Mannes in Afrika nutzt die DDR allerdings nicht nur, um sich als Statthalter der Sowjets zu bewähren. Die Außenpolitiker aus Ost-Berlin verstehen es durchaus, "ihre eigenen Interessen im wirtschaftlichen und deutschlandpolitischen Bereich mit den machtpolitischen Interessen Moskaus S.59 zu koppeln", wie das Bonner Gesamtdeutsche Institut in einer internen Studie analysiert.

So wie die Bundesrepublik in den sechziger Jahren stolz darauf war, wenn ein afrikanischer Staat dem Anspruch auf Wiedervereinigung auf dem Papier beipflichtete, so drängt die DDR in jüngster Zeit immer wieder darauf, ihre Interpretation der deutschdeutschen Beziehungen festzuschreiben. Das von Honecker und Machel im Februar vergangenen Jahres in Maputo unterzeichnete Kommunique etwa hält fest, daß für die Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik "die in der Schlußakte von Helsinki festgelegten völkerrechtlichen Prinzipien" gelten -- und nicht der Grundlagenvertrag zwischen beiden deutschen Staaten.

"Unser Ziel ist es", vertraute ein ostdeutscher Botschafter seinem westdeutschen Kollegen in einem afrikanischen Land an, "die Bonner Berlin-Klausel kaputtzumachen."

Auf die östlichen Versuche, innerdeutsches Gezänk auf afrikanischem Boden auszutragen, reagiert die Bundesregierung nicht immer gelassen.

Mit Demarchen sind die westdeutschen Diplomaten stets zur Stelle, wenn es, so ein AA-Mann, "ans Eingemachte geht" -- mit zuweilen grotesken Folgen. 1978 etwa hielt Bonn eine Schiffsladung Reis für das von einer Hungersnot heimgesuchte Guinea-Bissau zurück, weil der Kleinstaat sich weigerte, die im Liefervertrag enthaltene Berlin-Formel ("... dieses Abkommen gilt auch für das Land Berlin") zu unterschreiben (siehe Kasten).

Offene Rivalitäten allerdings suchen die Bonner Diplomaten zu vermeiden. Die Missionschefs haben Order, innerdeutsche Fehden tunlichst nicht im S.61 Gastland auszutragen, sondern mit ihren Kollegen aus der DDR normalen gesellschaftlichen Umgang zu pflegen. Und zumindest in Notsituationen akzeptieren die Ost-Berliner Vertreter deutsch-deutsche Gemeinsamkeit.

So half Bonns Botschafter Peter Metzger seinem Kollegen Helmut Plettner im Tschad "dann und wann mit einem halben Sack Reis" aus, wenn in den dortigen Bürgerkriegswirren die Lebensmittelversorgung zusammenbrach. Und als im vergangenen Jahr tansanische Soldaten Idi Amins Hauptstadt Kampala eroberten, brannte Ost-Berlins verlassene Botschaft aus -- die Westdeutschen retteten die angesengte Hammer- und Zirkelfahne und schickten sie ins DDR-Außenministerium.

Doch wo die DDR sich stark wähnt, hält sie nur wenig von den feinen diplomatischen Bräuchen.

In Guinea etwa spielten Ost-Berlins Emissäre 1970 Präsident Sekou Toure gefälschte Dossiers über eine angebliche westdeutsche Verwicklung in Putschpläne zu. In Äthiopien hatten sie ihre Finger im Spiel, als Bonns Missionschef Johann Christian Lankes 1978 aus dem Land gewiesen wurde. Vergeblich beschwerte sich Kanzleramtsminister Hans-Jürgen Wischnewski beim damaligen Bonner DDR-Vertreter Michael Kohl über die Intrige.

Die Bonner wissen, daß derlei Streiche der ostdeutschen Konkurrenz die Quittung für eigene Versäumnisse sind. Denn die Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien hatten anfangs durchaus das Gespräch mit dem Westen gesucht -- ohne Erfolg. Als 1971 MPLA-Chef Agostinho Neto in Bonn um Sympathie und Hilfe warb, setzte sich als einziger Politiker von Rang der damalige SPD-Bundesgeschäftsführer Wischnewski für den aufständischen Guerilla-Führer ein.

"Da hat der Westen eine Chance verpaßt", urteilt der SPD-Vize heute, "man hätte mehr Druck auf Portugal ausüben können."

Ost-Berlin zögerte nicht, in die Lücke zu springen -- und führte der Bundesrepublik mit ihrer Afrika-Politik vor, wie sich frühzeitige Investitionen in Befreiungsbewegungen politisch auszahlen können.

Mit ihren außenpolitischen Erfolgen im südlichen Afrika und am Horn verstärken die Ostdeutschen ihr Gewicht im Warschauer Pakt und erweitern ihren politischen Spielraum gegenüber den Lehnsherren in Moskau. Bei der eigenen Jugend beschwört die SED mit ihren Solidaritätskampagnen für die Dritte Welt einen revolutionären Elan, der im eigenen Land längst in Bürokratie und Konsumsozialismus erstarrt ist. Darüber hinaus haben die Wirtschaftsplaner die langfristigen Rohstoffinteressen der DDR geschickt mit den politisch-strategischen Absichten der Sowjet-Union verknüpft.

Dennoch könnte die Afrika-Politik der SED schon bald an Grenzen stoßen. So willkommen antiimperialistische Solidarität in Bürgerkriegen und Guerilla-Kämpfen sein mag -- sobald sich die Verhältnisse normalisieren, verschieben sich auch die Präferenzen der Machthaber in den jungen Nationalstaaten: Finanzspritzen und Wirtschaftshilfe werden wichtiger als militärischer Beistand.

Die sich anbahnende Entwicklung in Simbabwe-Rhodesien könnte dafür zur Nagelprobe werden. Schon gibt es nämlich erste Anzeichen dafür, daß die beiden Chef-Partisanen Robert Mugabe und Joshua Nkomo auf vorsichtige Distanz zu ihren östlichen Freunden gehen: Obgleich Sowjets und Ostdeutsche ihnen rieten, den Bürgerkrieg bis zum Endsieg durchzufechten, schlossen sie sich dem westlichen Konzept zu einer friedlichen Lösung an.

Die Frontstaaten Tansania, Sambia, Mosambik und Angola zeigten über den Waffenstillstand unverhüllte Genugtuung -- ihre wirtschaftliche Entwicklung hatte unter dem sieben Jahre dauernden Buschkrieg und dem Rhodesien-Boykott der Vereinten Nationen schwer gelitten.

Der Einmarsch der Russen in Afghanistan hat den Afrikanern zudem drastisch vor Augen geführt, welche Konsequenzen Freundschafts- und Beistandsverträge mit dem Osten haben können. Als der Bonner SPD-Abgesandte Horst Ehmke im Januar in Sambia sondierte, traf er einen Kenneth Kaunda, dem die Invasion der Sowjets "mächtig in den Knochen steckte" (Ehmke).

Und auch Honecker-Freund Nkomo glaubt nicht, daß er seinen Waffenbrüdern zu ewigem Dank verpflichtet sei, wenn der Kampf zu Ende ist und es an den wirtschaftlichen Aufbau geht.

Einem westdeutschen Besucher vertraute er an: Außer "Schulterklopfen" habe er dann wohl nichts von der DDR zu erwarten.

S.42 Mit dem inzwischen verstorbenen angolanischen Präsidenten Agostinho Neto. * S.54 1979 mit Präsident Kenneth Kaunda. *

DER SPIEGEL 10/1980
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