29.09.1980

MUSEENSchenkel der Göttlichen

Einst forschte er für die Nazis über Odin und Wotan, nun bauen ihm pfälzische Politiker ein Germanen-Museum: Herman Wirth, ehedem Leiter der SS-Institution „Deutsches Ahnenerbe“.
Mühsam zwängte sich Herman Wirth, 95, emeritierter Professor der Geschichte, durch einen Erdspalt in die "Schlangenhöhle", eine Sandsteingrotte in Schwarzenacker bei Homburg an der Saar. Wenig später, in fahlem Licht, entdeckten der Höhlenforscher und seine Begleiter, was sie schon immer und auch immer noch suchen: Kringel und Krakel an den Wänden, die, wie Wirth meint, "nichts anderes" sind als die Symbole einer verschollenen, "vorgeschichtlichen Religion".
Wirth, eine Art Däniken im pfälzischen Landkreis Kusel, dessen Exkursionen stets von Verehrern auf Schmalfilm gebannt werden, teilt nach Touren dieser Art in Schriften und Vorträgen meist allerhand mit von Wotan und Walhall, von Sonnenwende und hehren Frauen und weiß Vorzügliches zu berichten über die nordische Rasse. Rastlos ist der Greis den spärlichen Zeugnissen blonder Altvordern auf der Spur, die, wie er weiß, "vor Jahrzehntausenden" einen weiblichen Gott, die "Allmutter", verehrten.
Stößt der Professor zum Beispiel an einer Felswand auf ein "M", so ist die Kritzelei für ihn eindeutig "ein piktographisches ... Zeichen, das die angezogenen Schenkel der göttlichen Mutter S.96 als die Allgebärerin versinnbildlicht". Und für solche Erkenntnisse werden in Rheinland-Pfalz jetzt 1,5 Millionen Mark aufgebracht, aus Steuergeldern.
Wirths von aller Wissenschaft bespöttelte Forschung, die sich gut verträgt mit dem Germanenwahn im Dritten Reich, soll 1981 auf einer Burg im Pfälzischen ihren Gral erhalten. Nächstes Jahr wollen die Mainzer CDU-Landesregierung und der SPD-beherrschte Landkreis Kusel das Lebenswerk des Herman Wirth mit einem eigens für ihn geschaffenen "Ur-Europa-Museum" krönen.
Daß der prominente Ex-Nazi (Parteieintritt 1925, Mitgliedsnummer 20 151) und SS-Mann (Nr. 25 87 76) heute nichts wesentlich anderes im Kopf hat als schon damals, da er die SS-Institution "Deutsches Ahnenerbe" leitete, war den Politikern in fast dreijähriger Vorbereitungszeit für den Museumsbau einfach nicht aufgefallen. "Bis vor kurzem", gesteht Sozialdemokrat Detlev Bojak, Landtagsabgeordneter in Mainz und Fraktionschef seiner Partei im Kuseler Kreistag, "hat es hier bei keinem geklingelt."
Wirth hatte vor Jahren schon vergebens ein Museum nach seinem Herzen bei Marburg einzurichten versucht; eine provisorische Privatausstellung seiner gut 700 Exponate aus nordischer Erde nahe den Externsteinen bei Detmold machte bald wieder zu. Doch als er 1977, damals schon über neunzig, in die Heimat seiner Ahnen, die Westpfalz, zurückkehrte, fand er mit seinen Felsbildern staatliches Interesse und tatkräftige Hilfe.
Daß es sich bei den Höhlen-Ritzereien, von denen Wirth immer Abgüsse macht, womöglich nur um Freizeit-Werke von Pfadfindern oder von Wanderern der Neuzeit handelt, wurde von den Bewunderern nicht bedacht -vielleicht deshalb, weil es in der Gegend so manchem an klarem Blick fehlt. Schon bei den Reichstagswahlen in den frühen dreißiger Jahren wählten die Dörfler im Kuseler Land mehr als anderswo NSDAP; in den sechziger Jahren war der Kreis eine Hochburg der NPD.
Und eigentlich fand auch 1980 niemand Schlimmes dabei, als in dem Flecken Thallichtenberg, Wirths Wohnstatt, wieder mal einer die Monate in "Lenzing" oder "Hornung" umbenannte, von "Weihenächten" redete und im Heimatblatt "Die Rheinpfalz" die "Ostermaien" feiern ließ.
Kaum hatte sich SPD-Landrat Gustav Adolf Held mit dem Gedanken-Gebäude des "nimmermüden Feuergeistes" ("Die Rheinpfalz") näher vertraut gemacht, konnte Wirth mit seinem Museumsplan neue Hoffnung schöpfen. Held, der den Fremdenverkehr im Auge hatte, fand die Idee förderungswürdig und machte Geld locker. Ohne genau wissen zu wollen, was denn wirklich gefördert werden soll, gab der Mainzer CDU-Wirtschaftsminister Heinrich Holkenbrink 1,16 Millionen Mark Bundeszuschüsse aus dem Topf für Zukunftsinvestitionen in infrastrukturschwachen Gebieten.
Mit der Summe soll die historische Zehntscheune der Burg Lichtenberg in Thallichtenberg wiederaufgebaut werden. Das Gebäude soll, so der amtliche Bescheid aus Mainz, "eine umfangreiche Bibliothek von mehr als 10 000 Bänden sowie Denkmäler aus der Vor- und Urgeschichte Europas" aufnehmen -- Wirths Gesammeltes.
Diesen Herbst noch wird nach zweijähriger Renovierung der Scheune das Dach gedeckt, auch die Fenster sind schon in Arbeit. Zum Frühsommer ist die Eröffnung geplant. 800 Mark Mietzuschuß zahlt der Kreis Kusel derzeit jeden Monat an Wirth, weil der Professor die Exponate einstweilen noch in seiner Wohnung in der Schulstraße verwahrt.
Den Museumsbesuchern steht einiges bevor. Behauptungen zum Beispiel über eine Ursprache, eine Urschrift, eine Urreligion und eine Urkultur des Menschen im frühen Diluvium. Und dies alles gab es nicht etwa im Orient, sondern laut Herman Wirth im arktischen Norden. Schon zum Beginn der Eiszeit, so meint er, habe es ein Kulturzentrum des Homo sapiens in der Arktis gegeben, ein Matriarchat.
Die Fachwelt urteilt von jeher über Wirths Thesen wie der Geologe Fritz Wiegers vor schon bald 50 Jahren: Die Schrift des Ahnenforschers stecke "voller Trugschlüsse, voller Behauptungen, voller Verneinungen wissenschaftlicher Tatsachen", Wirths Entdeckungen seien nicht mehr als "die Kundgebung eines von einer religiösen Idee beherrschten Mannes".
Ganz allmählich scheint sich das nun herumzusprechen. Seit er im letzten Sommer Einschlägiges von und über Wirth in der Mainzer Uni-Bibliothek fand, müht sich Sozialdemokrat Detlev Bojak, "einen Bremsfallschirm zu ziehen". Der evangelische Pfarrer Klaus Weidenkuff lud den Mainzer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel zu einem Gottesdienst nach Thallichtenberg ein und empfahl ihm, sich doch den "faschistischen Dreck" vor Ort einmal anzusehen.
Angebracht sei es vielleicht, so der Geistliche an den Regenten, wenn von der guten Million Staatszuschuß auch ein Scherflein "für eine Gedenkstätte für die jüdischen Mitbürger und die Geschichte der jüd. Gemeinden in dieser Region" abfallen würde.

DER SPIEGEL 40/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSEEN:
Schenkel der Göttlichen

Video 01:04

Schiffskollision vor Borkum Frachter verkeilen sich - und werden getrennt

  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust" Video 00:55
    Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust
  • Video "Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert" Video 01:54
    Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft
  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt