29.09.1980

TERRORISTENEinfache Lunte

Inhaftierte Terroristen stellen aus Käse und Medikamenten gefährliche Sprengstoffe her. Das Bundeskriminalamt warnte jetzt die Vollzugsanstalten: Achtung bei Mitteln zum Gurgeln und gegen Fußpilz.
Die Häftlinge zeigten großen Appetit auf Käse, klagten häufig über Halsweh und drängten sich zum Zähneputzen -- bis zu fünfmal täglich.
Das eine hatte mit dem anderen zu tun. Aufseher im Turiner Gefängnis "Le Nuove" kamen dahinter, daß inhaftierte Rotbrigadisten aus dem Schutzüberzug einer bestimmten Käsesorte das Paraffin lösten und mit S.98 dem Kaliumchlorat der Halstabletten aus der Gefängnisapotheke mischten.
Fertig war der Sprengstoff. Die brisante Masse füllten die Insassen in leere Zahnpastatuben. In einem "umfangreichen Versteck mit Sprengmitteln" entdeckten die Vollzugsbeamten neben den Explosionskörpern auch das Zubehör: Drähte, die Häftlinge in anstaltseigenen Fernsehgeräten abgebogen hatten, und zwei Zeitzünder.
Die Funde, von denen bundesdeutsche Kriminalbeamte "aus vertraulicher Quelle" erfuhren, setzen jetzt auch die Staatsschützer hierzulande in Alarmbereitschaft. Die Leiter und Sicherheitsbeauftragten der Justizvollzugsanstalten wurden Anfang September aufgefordert, "in Verdachtsfällen" stets die Sprengstoffexperten der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes einzuschalten.
Die Staatsschützer fürchten, daß sich inhaftierte Terroristen mit selbstgebastelten Sprengsätzen rüsten könnten, nach Turiner Muster aus Käse und Pillen oder, meist ein Kinderspiel, auch nach anderen Rezepten. Denn was bislang vielen Fahndern und Justizvollzugsbeamten unter der Rubrik Sprengstoffgemische geläufig war, ist nach Ansicht von Polizeiexperten nur "eine begrenzte Aufzählung der Möglichkeiten zur Herstellung von Explosionskörpern".
Sprengstoffe, deren Zubereitung längst zum fundamentalen Wissen terroristischer Gewalttäter gehört, wurden auch schon in deutschen Haftanstalten gefunden. Nach dem Tod von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe entdeckten Beamte in der Anstalt Stuttgart-Stammheim explosives Material.
Unter einer Sockelleiste war ein 21 mal 4,3 mal 2 Zentimeter großes Päckchen mit 262 Gramm eines "gewerblichen Ammon-Salpeter-Sprengstoffes" versteckt. Eine Detonation, die den Ermittlungen zufolge der Wirkung etwa "von zwei Handgranaten gleichgekommen wäre", hätte freilich "nicht ohne Sprengkapseln bewerkstelligt werden können".
Der Stoff war, daran hatten die Ermittler keinen Zweifel, in das Gefängnis geschmuggelt worden. Nach dem Fund von Turin glauben die Fahnder nun, daß Explosionsmittel in letzter Zeit von inhaftierten Terroristen selbst gefertigt werden -- aus Beigaben, die im Gefängnis im freien Umlauf oder als Mitbringsel von Besuchern unverfänglich scheinen.
Es gibt auch konkreten Anlaß zu erhöhter Achtsamkeit. In der Gefängnispost für die Terroristin Inga Hochstein, die wegen Raubüberfalls und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu zehn Jahren verurteilt worden ist, war Anfang August eine Untergrundbroschüre ("Neue Bomben für die Provos") mit Anweisungen zur Sprengstoffherstellung. Absender: "Irlandkomitee Westberlin".
Das Rezeptheft informiert über Sprengkörper, die aus frei erhältlichen Grundchemikalien hergestellt werden können. Als Basis dienen Ammoniumnitrat oder Natriumchlorat, das in Dünge- und Unkrautvernichtungsmitteln enthalten ist, und, "obwohl selbst intensiv, hochexplosiv wird, wenn es mit Dieselöl gemischt wird".
Sprengstoffexperten des Bundeskriminalamtes räumen ein, daß solches Gemisch auch zündet. Freilich seien Selbstmischungen "häufig so inhomogen, daß ihre Wirkung je nach Vollständigkeit der Mischung der Einzelkomponenten von Ansatz zu Ansatz verschieden ist".
Die Broschüre gab den Beamten auch Einblick in den Wissensstand S.101 terroristischer Kreise über Bombentechnik. Die "angesprochenen Sprengstoffmischungen stellen keine Neuheiten dar", so die Prüfer, seien aber leicht zur Explosion zu bringen, da "keine speziellen Zünder benötigt werden".
Fortschritte aber, das konnten die Beamten aus der sichergestellten Anleitung lesen, haben die Terroristen auf dem Gebiet "ferngezündete Bomben" gemacht. Das zunehmende Knowhow zeigten auch "jüngste Funde in konspirativen Wohnungen".
Die Weitergabe der Bombenbroschüre an inhaftierte terroristische Gewalttäter halten BKA-Beamte für gefährlich, auch wenn sie "zu allgemein" gehalten sei. Denn es "liegen Erkenntnisse" vor, daß "Einzelinformationen nach dem Rasterprinzip zusammengetragen werden". Die Häftlinge würden die Anleitungen mit Sicherheit "zur Erweiterung ihres technisch-operativen Wissens heranziehen und auswerten".
Das BKA warnte auch die Justizvollzugsanstalten, bei der Verabreichung von Medikamenten unachtsam vorzugehen. Zur Herstellung von Sprengstoffgemischen eigneten sich "Mund- oder Rachentherapeutika wie Mallebrin oder Alubron", "Koronarmittel, Nitromack oder Nitrolingual zur Behandlung von Herzerkrankungen" oder Kaliumpermanganat "zur Behandlung von Fußpilz (in Verbindung mit Glyzerin als Zeitzünder geeignet)".
Diese Mittel, so der Hinweis, ergeben in Verbindung mit Kohletabletten, Wachs oder Paraffin "Sprengstoffgemische, die schon mit einer einfachen Lunte gezündet werden können".

DER SPIEGEL 40/1980
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