05.01.1981

NACHRUFKARL DÖNITZ †

Er galt als einer der größten Militärführer des Jahrhunderts, er zog Haß und Bewunderung gleichermaßen auf sich. Den einen war er des Teufels Admiral, mitverantwortlich für den Tod von 27 494 deutschen U-Boot-Fahrern und vielen Tausenden alliierter Seeleute, den anderen ein untadeliger Soldat, der in der Stunde des Zusammenbruchs zwei Millionen Deutsche vor der Roten Armee gerettet hatte.
Bis zu seinem Tod am Weihnachtsabend blieb Karl Dönitz, der 23-Tage-Nachfolger Hitlers und letzte der sechs deutschen Großadmiräle, heftig umstritten. Selbst hohe Ex-Kameraden wahrten Distanz zu ihm; sie vergaben dem ehemaligen Marine-OB nicht den rabiaten "Robbenschlag" von 1943, mit dem er die Anhänger seines Vorgängers Raeder von ihren Posten verjagt hatte.
Nur die ehemaligen Kriegsgegner, die ihn auf den Weltmeeren einst gefürchtet hatten, bewahrten dem "brillanten und harten Befehlshaber" (so die Londoner "Times" in ihrem Nachruf) einen fast einhelligen Respekt.
Der Mann, den die Bundesmarine wegen seiner früheren Hitler-Nähe offiziell mied und dem sie sogar jetzt das übliche Ehrengeleit am Grabe verwehrte, galt Ausländern als ein respektabler Offizier. Kamen Flotteneinheiten der Nato zu einem Besuch in den Hamburger Hafen, machten deren Kommandanten dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Kriegsmarine in seinem Haus in Aumühle nicht selten ihre Aufwartung.
Schon vor dem Alliierten Militärtribunal in Nürnberg, das Dönitz 1946 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilte, weil er Order gegeben hatte, keine Seeleute der Alliierten zu retten, waren angelsächsische Militärs für ihn eingetreten. Und 30 Jahre später vereinigten sich 254 Generäle, Admiräle und Marschälle der westlichen Welt in einem Buch ("Doenitz at Nuremberg: A Re-Appraisal") zu einer Laudatio auf den Soldaten und Menschen Dönitz, wie sie noch keinem anderen Deutschen widerfahren war.
Doch die gutgemeinten Worte über den "hervorragenden Kriegsführer" (US-Admiral Joseph J. Clark) und den "meisterhaften Kriegstechniker" (US-Admiral William V. Pratt) konnten nicht die fanatischen Durchhalte-Reden des Großadmirals Dönitz im Winter 1944/45 vergessen machen, die sich von den Parolen der NS-Propagandisten kaum noch unterschieden hatten.
Seine Erlässe gegen "Kritiksucht und Meckerei", seine ständigen Treuebekenntnisse zu Hitler, seine Ausfälle gegen die "kindliche Borniertheit" der Männer des Widerstandes, seine Reden gegen Juden und Demokraten -- was waren sie anderes als Symptome einer politischen Perversion des preußischdeutschen Soldatentums, die kein anderer Offizier des Dritten Reiches so personifizierte wie Dönitz.
Einer seiner Vorgesetzten hatte die Entwicklung von Dönitz vorausgeahnt, der einzige, der Dönitz eine negative Beurteilung in die Qualifikationspapiere schrieb. Kapitän zur See Wilhelm Canaris, der spätere Abwehrchef, 1931 über Dönitz: "Sehr ehrgeizig und darauf bedacht, hervorzutreten und sich Geltung zu verschaffen, fällt es ihm schwer, sich unterzuordnen und sich auf sein eigentliches Arbeitsgebiet zu beschränken."
In der Tat hatten ehrgeizige Träume von einer großen Karriere und die Lust auf Abenteuer in fremden Ländern den Ingenieurssohn Karl Dönitz, der gerne Nansen und Sven Hedin las, in die Kaiserliche Marine geführt. Der eher verschlossene Junge, 1891 in Grünau bei Berlin geboren, intelligent und vielseitig (er schrieb die beste Abiturarbeit seiner Klasse), erhoffte sich auf den Schiffen des Kaisers eine Befreiung von der heimatlichen Enge.
Was folgte, waren die Stationen einer normalen militärischen Laufbahn: 1910 Eintritt in die Marine, Ausbildung in der Marineschule Mürwik, Dienst als Fähnrich und Leutnant an Bord des Kleinen Kreuzers "Breslau", mit dem Dönitz 1914 sein erstes Kriegsabenteuer bestand -- den Durchbruch durch das britisch kontrollierte Mittelmeer nach den Dardanellen.
Doch bald hatte der Oberleutnant Dönitz die Kreuzer satt, ihn verlangte es nach der Waffe, die raschen Ruhm versprach: dem U-Boot. Im Herbst 1916 wurde er zur U-Boot-Ausbildung abkommandiert, ein paar Monate später fuhr er als Wachoffizier auf einem der erfolgreichsten U-Boote, bis er im Februar 1918 endlich ein eigenes Boot bekam.
Seine Karriere als U-Boot-Kommandant endete zwar wenig rühmlich (bei einem Angriff auf einen britischen Geleitzug wurde Dönitz zum Auftauchen gezwungen und geriet in Gefangenschaft), doch er hatte das Thema seines Lebens gefunden. U-Boote wurden sein Hobby.
In die winzige Reichsmarine der Republik übernommen, kannte der Kapitänleutnant Dönitz kein anderes Thema mehr als die Zukunft der (Deutschland durch den Versailler Vertrag verbotenen) U-Boot-Waffe. Er erfand neue Angriffstaktiken für den U-Boot-Krieg, er malte sich leistungsfähigere Boote aus, er wollte die künftige deutsche Marine ganz auf eine mächtige U-Boot-Flotte gründen.
Davon aber mochten der Marinechef Erich Raeder und seine engsten Mitarbeiter nichts hören, die schon den Wiederaufbau einer erneut auf Großkampfschiffe gegründeten Super-Flotte projektierten -- seit dem Machtantritt Hitlers mehr denn je, der ein gigantisches Schiffsbauprogramm für die Kriegsmarine genehmigte.
Dönitz, inzwischen zum "Führer der Unterseeboote" avanciert, hielt das alles für Illusion, da Deutschland gar nicht die Mittel besitze, um eine solche Flotte zu schaffen. Er formulierte ab 1936 ein realistisches Alternativprogramm: Aufbau einer "Spezialflotte" von U-Booten, darunter mindestens 300 Boote für Einsätze außerhalb der Ost- und Nordsee. Raeder und seine Admiräle lehnten ab, auch Hitler verschloß sich dem Außenseiter.
Die neuen Flottenziele sahen zwar den Bau von 249 U-Booten vor, doch als Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte, gebot der "BdU" (Befehlshaber der U-Boote) nur über eine armselige Flotte von 56 Booten, von denen nur 22 im Atlantik einsatzbereit waren. Dönitz im September 1939 auf die Nachricht von der Kriegserklärung aus London: "Verdammt, also wieder gegen England!"
Dennoch wußte Dönitz mit den anfangs wenigen U-Booten äußerst wirkungsvoll zu operieren. Nach der von ihm entwickelten "Rudeltaktik", bei der möglichst viele Boote einen gegnerischen Geleitzug in nächtlicher Fahrt angriffen, wurden im Nordatlantik, auf Englands lebenswichtigen Versorgungsrouten, regelrechte Schlachten geschlagen. Für den Briten-Premier Winston Churchill waren die Dönitz-Boote "das einzige, was mich in ständiger Angst hielt".
Je mehr aber die U-Flotte reüssierte, desto ärger geriet die Überwasserflotte bei dem Diktator in Verruf. Im Norwegen-Feldzug hatte die Kriegsmarine drei Kreuzer und zehn Zerstörer verloren, darauf war die "Bismarck", der S.74 Stolz der Großkampfflotte, untergegangen; jetzt lagen die meisten Dickschiffe nahezu untätig in den Gewässern Norwegens.
Da bedurfte es nur noch eines kleinen Vorfalls, um Hitlers Zorn auf den Marine-OB Raeder zu entfachen. Er kam Ende Dezember 1942, als in der Barentssee der Angriff eines Kampfverbandes auf einen britischen Geleitzug scheiterte. Wütend befahl Hitler, alle großen Kriegsschiffe abzuwracken.
Aus Protest trat Raeder im Januar 1943 zurück, als neuer Oberbefehlshaber der Kriegsmarine kam bei der Bedeutung, die sich die U-Boot-Waffe verschafft hatte, nur einer in Frage: Dönitz.
Er wurde zum Großadmiral befördert und hatte sofort ein ehrgeiziges Programm zur Hand, mit dem er die Kriegsmarine nicht nur vom Bannstrahl Hitlers befreien, sondern sie zu der strategisch-politisch einflußreichsten Teilstreitkraft des Dritten Reiches machen wollte. Er plante den Aufbau einer modernen, elitären Unterwasserflotte, wozu er sich mit dem Rüstungsminister Albert Speer liierte, der ihm die Beschaffung von Rohstoffen und Arbeitern zusicherte.
Bald zeigte sich auch, daß Hitler-Bewunderer Dönitz den Diktator besser zu behandeln wußte als jeder Mariner vor ihm. Er redete Hitler die Abwrack-Order wieder aus und holte sich dessen Zustimmung zu einer Erweiterung der U-Flotte.
Von Stund an wich Dönitz nicht mehr von der Seite Hitlers. Raeder hatte in Fortsetzung Seecktscher Traditionen seine "christliche" Marine auf Distanz zum Regime gehalten, Dönitz aber verschaffte seiner "nationalsozialistischen" Marine engste Tuchfühlung zum System, zumal er Gemeinsamkeiten mit Hitler spürte wie etwa die Lust an "radikalen Lösungen" (Hitler).
Und merkwürdig: Obwohl die Kriegsmarine bei der Versorgung der Afrika-Armee versagte und die U-Boote dank der besseren Ortungsmittel der Alliierten die Schlacht im Atlantik verloren -- der Einfluß von Dönitz im Führerhauptquartier wuchs immer mehr. Bald schien es, als seien dem Diktator ("Dönitz ist mein bester Mann") die Durchhalte-Missionen des Großadmirals wichtiger als die Erfolge seiner Marine.
Dennoch hielten die U-Boot-Fahrer bis zuletzt zu ihrem "großen Löwen", wie sie ihren Oberbefehlshaber nannten. Der Marinehistoriker Michael Salewski zählt Dönitz zu den "ganz wenigen Feldherrnpersönlichkeiten, die auch in der Niederlage, einer totalen und blutigen Niederlage, das Vertrauen derer behielten, die er in einen sicheren Tod schickte".
In den letzten Kriegsjahren wurde Karl Dönitz mehr und mehr zum Propagandisten des Regimes. Bis zur Lächerlichkeit gingen zuweilen seine Glorifizierungen Hitlers, so in seiner Würstchen-Rede im Berliner Sportpalast 1943: "Wenn ich vom Führer komme, dann ist mir immer, als wäre ich ein ganz kleines Würstchen."
"Das deutsche Volk", deklamierte er im Januar 1944 vor Fähnrichen in Mürwik, "verdankt unserm Führer schlechterdings alles, alles. Hätten wir den Führer nicht bekommen, gäbe es jetzt keinen Menschen in Deutschland mehr." Am 21. Juli: "Heiliger Zorn und maßlose Wut erfüllen uns über den verbrecherischen Anschlag, der unseren geliebten Führer das Leben kosten sollte."
Und er handelte, wie er sprach. Dönitz erließ drakonische Befehle gegen jedes "Kapitulantentum" und trieb seine Kriegsrichter an, mit immer schärferen Strafen kriegsmüde Mariner zu verfolgen. Die unmenschlichen Urteile der Marinegerichte in den letzten Kriegstagen gehen nicht zuletzt auf sein Konto. Ein gespenstischer Anblick: Ein Großadmiral macht sich zum "nahezu blinden Werkzeug eines Verbrechers" -- so der Marinehistoriker Michael Salewski.
Nur gelegentlich zeigte Dönitz, daß es in seinem Verhältnis zu Hitler doch noch eine Grenze gab. Die von dem Diktator vor Kriegsschluß befohlene Zerstörung der Ostseehäfen sabotierte er, und auch den von Hitler beschlossenen Austritt Deutschlands aus der Genfer Konvention redete er ihm aus.
Dennoch blieb er bis fast zum letzten Kriegstag ein kompromißloser Gefolgsmann seines Führers. Noch im Frühjahr 1945 wies er jeden Gedanken an baldigen Waffenstillstand als schlimmen Defätismus zurück und plante mit neuentwickelten Bootstypen unermüdlich eine neue U-Boot-Offensive für die späteren Monate des Jahres.
Nach dem Krieg wollte sich Dönitz mit dem Argument rechtfertigen, er habe an den "anständigen" Staatschef Hitler geglaubt und nichts von den Untaten seines Regimes gewußt. Die Kriegstagebücher seiner eigenen Seekriegsleitung widerlegen ihn: Dort ließ Dönitz seelenruhig die Vorschläge seiner Admiräle eintragen, Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen zu torpedieren.
Einem solchen Mann, für den Hitler noch am 11. April 1945 "der einzige Staatsmann von Format" war, mochte der in seinem Führerbunker verlassene Diktator sein Ruinen-Reich überlassen. Am 30. April erreichte Dönitz im Plöner Ausweichquartier ein Funkspruch: "Großadmiral Dönitz. Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzte der Führer Sie, Herr Großadmiral, als seinen Nachfolger ein. Schriftliche Vollmacht unterwegs. Bormann."
Dönitz war wie verwandelt, "eine Last fiel mir von der Seele", erinnerte er sich später. Der "Reichspräsident" Dönitz (Hitler hatte ihm nur diesen, von ihm selber nie getragenen Titel überlassen) hatte alles NS-Konforme abgestreift, er kehrte nur noch den Offizier heraus, der seine Pflicht kannte: Rettung der deutschen Flüchtlinge vor den heranrückenden Sowjetarmeen, Schluß mit dem Krieg.
Doch als er sich im Spandauer Gefängnis mit seinen Mithäftlingen auseinandersetzen mußte, da verriet der Großadmiral, daß er nichts verstanden, keine Lehren gezogen hatte. Er blieb so uneinsichtig, daß sich der Ex-Partner Speer aufgebracht notierte, manchmal komme ihm Dönitz "wie ein zu schnell beförderter Kapitänleutnant vor".
Auch nach der Haft fand Karl Dönitz kein klärendes, kein befreiendes Wort über sein Verhältnis zu Hitler und dessen Regime. Bis zum Schluß wich er der eigenen Vergangenheitsbewältigung aus. Zurück blieb nur ein Wort der Hilflosigkeit, eine Geste des Starrsinns: "Ich habe nichts zu entschuldigen und müßte alles genauso wieder tun."

DER SPIEGEL 1/1981
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