03.03.1980

PROFESSORENNur freitags

CDU-MdB Manfred Abelein wurde aus seinem bequemen Trott als Uni-Professor aufgescheucht -- durch Streit mit Studenten über seine Thesen zur Verwandtschaft von Sozialismus und Nationalsozialismus.
Professor Manfred Abelein, 49, seit zwölf Jahren Ordinarius für Politische Wissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Regensburg, "schiebt", so sehen das seine wenigen Hochschüler, "eine verdammt ruhige Kugel", er mache das "mit links".
An der Alma mater weilt der Lehrstuhlinhaber lediglich freitags: Da veranstaltet er, vor acht, manchmal auch zwölf Studenten, dann immerhin eine vierstündige Vorlesung und ein Vier-Stunden-Seminar sowie ein Kolloquium, gelegentlich auch Sprechstunde. Der derart komprimierte Lehrbetrieb erlaubt es ihm im Wintersemester beispielsweise, die Seminarübungen bereits nach acht Wochen abzuschließen.
Das bringt dem Politologen mehr Zeit für Politik und Hobbys. Akademiker Abelein, der für die CDU seit 1965 dem Bundestag angehört und als deutschlandpolitischer Sprecher seiner Fraktion bei SPD-Kollegen im Ruf eines "Generalstaatsanwalts der Reaktion" (so der Berliner Abgeordnete Kurt Mattick) steht, ist passionierter Alpinist und Sportflieger. Zu seinen jüngsten Höhepunkten zählen ein Sechstausender in Bolivien (1977) und ein Nonstop-Rekordflug von New York nach Köln (1979).
Gegen die "unzureichende Wahrnehmung seines Lehrdeputats" hatten Regensburger Politologie-Studenten wiederholt vergeblich in offenen Briefen protestiert. Dem Versuch, ihm eine "öffentliche Sprechstunde" vor seinem Zimmer abzuringen, begegnete der Freitags-Professor, indem er sich einschloß und nach der Polizei telephonierte.
Nach einer Unterschriftensammlung im Sommer 1975, die zu einer Anfrage im bayrischen Landtag führte, "verweilte Abelein" -- so eine jetzt veröffentlichte Schrift der studentischen Fachschaft Soziologie/Politologie -- "kurzzeitig öfter in Regensburg, verfiel aber bald in seinen alten Trott".
Und dazu gehört nach Erfahrung seiner Hörer auch, daß der CDU-Professor aus Württemberg "stocklangweilige Vorlesungen" vom Manuskript abliest, jeder Diskussion aus dem Weg geht und alles Aufsehen vermeidet. Es gelinge ihm immer wieder, so der Fachschaftsbericht, "Friedhofsruhe herzustellen".
Wenigstens daran hat sich nun etwas geändert. Grund: Ein Teilnehmer seines Seminars, der 27jährige Student Rudolf Gottfried, hatte es riskiert, den Ordinarius in einem Referat wissenschaftlich zu attackieren -- speziell Abeleins Thesen zur angeblichen ideologischen Verwandtschaft von Sozialismus und Nationalsozialismus, die Anfang November vergangenen Jahres vom "Rheinischen Merkur" ("Hier äußert sich nicht der Unionspolitiker, sondern der Politik-Professor Abelein") verbreitet worden waren.
In Anlehnung an den umstrittenen Historiker Helmut Diwald und ähnlich wie die CSU-Politiker Strauß und Stoiber hatte Gast-Autor Abelein die NSDAP als eine "genuin-linke Bewegung" eingeordnet und den Schluß gezogen, daß "sich doch der sozialistische Kern im Nationalsozialismus nicht übersehen" lasse.
"Abeleins Bewertung der nationalsozialistischen Programmatik", qualifizierte nun der Schüler seinen Lehrer ab, könne "in keinem einzigen Punkt den Tatsachen standhalten". Folge: Student Gottfried bekam den Seminarschein nicht; das Referat, begründete der Professor schriftlich, genüge nicht den "Anforderungen eines Hochschulseminars". Mündlich fügte Abelein hinzu: "Zu welchem Ergebnis Sie kommen, ist mir vollkommen egal. Aber glauben Sie ja nicht, daß Sie mich mit Ihrer linken Gruppe unter Druck setzen können."
Gemeint war der von der Universität nicht anerkannte studentische AStA, der den "Fall Abelein" letzte Woche zum Thema einer Protestkundgebung machte. Das Motto entlehnte er bei Bertolt Brecht: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. S.93 Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher."
Mit den Studenten protestierten Abeleins Fachkollege Ossip K. Flechtheim (West-Berlin) und der Kölner Politologe Reinhardt Opitz, die Gottfrieds Seminar-Vortrag auch entschieden besser beurteilen als der Unionspolitiker. Flechtheim: "Eine sehr sorgfältige Arbeit." Opitz: "Die Qualität ist überdurchschnittlich." Der Frankfurter Marxismus-Experte Iring Fetscher hält das Gottfried-Referat für "eine durchaus gute Leistung".
Ordinarius Abelein indes unterstellte dem Studenten, er habe "nur eine Politshow" inszenieren wollen. Und auch die Ankündigung des Studenten, er wolle sich den Schein notfalls vor dem Verwaltungsgericht erstreiten, vermochte den Politologen nicht umzustimmen.
Wie der Streit gegen den Gelehrten auch ausgehen mag, ein wenig Spannung ist in den Lehrbetrieb des Freitags-Professors gekommen, selbst wenn er deshalb voraussichtlich keineswegs häufiger in Regensburg auftreten wird -- eher noch seltener:
Bergsteiger Abelein möchte im Frühsommer im Himalaya seinen ersten Achttausender machen. Vorsorglich hat darum Professor Abelein beim zuständigen Fachbereichsrat der Universität Regensburg beantragt, daß im Sommersemester sein Pflichtprogramm als Lehrstuhlinhaber von acht auf vier Wochenstunden reduziert wird.

DER SPIEGEL 10/1980
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