12.05.1980

KUBARecht des Stärkeren

Sie fahren in Kuttern, Motorbooten und Jachten über die Straße von Florida - zu Tausenden verlassen Kubaner, die nicht länger im ersten sozialistischen Staat Amerikas leben wollen, Castros Insel in Richtung USA.
Hier leben Vaterlandsverräter", steht auf dem Plakat, das an einen dicken alten Baum auf der Straße J im Vedado-Viertel von Havanna genagelt ist. Name und Anschrift der "Verräter" folgen. Wer der Adresse nachgeht, landet in der ersten Etage eines vierstöckigen Hauses, in der bescheiden möblierten Vierzimmerwohnung des Ehepaares Ramon, 26, und Magalys, 18.
Elektriker Ramon und seine Frau Magalys, Sekretärin in einem Architektenbüro, sowie Ramons Vater Raudel, 59, und Vetter Candido, 31, waren vor fünf Wochen über das Gitter der peruanischen Botschaft in Havanna geklettert, weil die kubanische Regierung die Wachposten vor dem Gebäude abgezogen hatte. Zehn Tage lang harrten sie unter den 10 800 Auswanderungswilligen aus, die sich auf dem Botschaftsgelände des Andenstaates drängten -"eine ziemlich böse Erfahrung", berichtet die Frau.
Drei Tage haben sie gehungert, obwohl die kubanische Regierung Essenportionen -- zumeist Reis mit Rührei -- unter den Flüchtlingen in der Botschaft verteilen ließ. Doch wer nicht kräftig genug war, seine Ration zu erkämpfen, ging leer aus. Magalys: "Da herrschte eben das Recht des Stärkeren."
Dann "kamen Leute von der Regierung zu uns in die Botschaft", so der Vetter Candido, der Buchhalter in einer Reparaturwerkstatt war, "und die erklärten uns, wir dürften ruhig nach Hause gehen, sie garantierten uns, daß wir ausreisen können".
Zuerst wagten sie es nicht. Aber dann "sagten wir uns, der kubanische Staat kann ja nicht das eine behaupten und dann das andere tun", und im Vertrauen auf Fidels Wort kehrten sie in ihre Wohnung zurück.
Anfangs wurden sie von den Nachbarn beschimpft und wagten nicht, die Wohnung zu verlassen. Als Ramon sich einmal am Fenster zeigte, schrie ein kleines Nachbarmädchen ihm "Gusano, gusano" zu, jenes Schimpfwort "Wurm", das nach dem Sieg der Castro-Revolution vor zwei Jahrzehnten für die mehreren hunderttausend Kubaner galt, die es vorzogen, ins Ausland zu gehen.
Doch inzwischen "haben sich die Leute an uns gewöhnt", Freunde und Verwandte kommen, das Warten auf die nötigen Papiere -- Visum und Reisepaß -- zu verkürzen. Magalys'' Vater bekam sogar Sonderurlaub auf seiner Arbeitsstelle. Und wenn alles gutgeht, kann die Familie schon in wenigen Tagen eine neue Existenz gründen, in Miami, wo es höhere Löhne und, wie sie glauben, ein besseres Leben als auf Kuba und außerdem eine Menge Familienangehörige gibt. 1000 Dollar haben S.161 die seit Jahren in Miami lebenden Verwandten dem Vetter Candido als Starthilfe ins neue Leben versprochen.
Wie diese Familie drängen sich Tausende von Kubanern danach, Castros Insel in Richtung USA zu verlassen. Seit der Maximo Lider der kubanischen Revolution vorigen Monat die Grenzen für alle öffnete, die nicht länger im ersten sozialistischen Staat Amerikas leben wollen, hat ein Exodus "fast wie Dünkirchen" (so das Nachrichtenmagazin "Newsweek") eingesetzt:
Eine ganze Flotte von Jachten aller Größen, Krabbenkuttern, Motorbooten und sogar Segelschiffen pendelt zwischen dem kleinen kubanischen Hafen Mariel, 45 Kilometer von Havanna entfernt, und Key West vor dem südlichsten Zipfel Floridas hin und her, um kubanische Auswanderer in die USA zu schippern, vielfach unter dramatischen Umständen.
Als vor Tagen ein Sturm mit mehr als 100 Stundenkilometern durch die rund 150 Kilometer breite Straße von Florida tobte, mußte die Küstenwacht von Key West Dutzende gekenterter Schiffe bergen, die für Sonntagsfahrten in Küstennähe, nicht aber für stürmischen Seegang auf hoher See konstruiert waren.
Mit defektem Motor, ohne Schwimmwesten, ohne Kompaß und oft ohne navigationskundige Besatzung an Bord fuhren Schiffe hilflos im Kreis oder hängten sich an andere Boote an, von denen sie annahmen, daß sie Kurs auf Kuba hielten, nur um nach Stunden unverrichteterdinge wieder in Key West zu landen. Hubschrauber machten Boote aus, deren Insassen ein Schild mit der Aufschrift "Wo ist Kuba?" in die Luft reckten. Sieben Menschen kamen bislang bei der gefährlichen Überfahrt um.
Fast 30 000 Kubaner jedoch erreichten bis Ende vergangener Woche sicher den Hafen -- und wenn es nach den rund 600 000 bereits in Florida ansässigen Exilkubanern geht, dann wird die von ihnen organisierte "Freedom Flotilla" ihre Fahrten nicht eher einstellen, bis auch der letzte Verwandte oder Freund aus Kuba in den USA an Land gegangen ist.
Aber "nur ein einziger Mann weiß, wie lange dies noch weitergehen soll, und zu dem haben wir keine direkte Verbindung", so William Trauth, Sprecher S.162 der US-Notstandsbehörde in Key West. "Ich rede natürlich von Fidel Castro."
Der sei zwar "durch den spontanen Massenausbruch aus seinem Regime in Verlegenheit geraten", so mutmaßt das "Wall Street Journal", hoffe aber jetzt, "die Carter-Regierung dahin zu manövrieren, daß sie die schmutzige Arbeit für ihn tut".
Tatsächlich hat die Massenflucht für Castro eine peinliche Propagandawirkung nach außen. Sie kann ihm daheim aber durchaus helfen, etwa die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Denn auf der Karibikinsel, die seit Monaten in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, kam es in letzter Zeit erstmals seit Castros Machtübernahme zu Massenentlassungen von Arbeitern. Nun machen die Auswanderer Arbeitsplätze frei.
Zugleich schafft die Abwanderung ein Ventil für die innere Opposition zum Regime und, da die Flüchtlinge offiziell zu "asozialen Elementen" erklärt wurden, auch ein neues Feindbild: Fidel Castro, so berichtet die "Washington Post" aus Kuba, habe einem Besucher gegenüber geäußert, die Gegnerschaft der Flüchtlinge zum Regime werde "dazu dienen, die jungen Leute, welche die Revolution noch nie verteidigen mußten, zu motivieren".
Schon jetzt gelang dem kubanischen Staatschef, den Erzfeind USA mit dem plötzlichen Flüchtlingsstrom aus Kuba in Verlegenheit zu bringen.
Als etwa Carters Vize Mondale die Evakuierungspolitik der Kubaner als "mitleidlose Aktion" beklagte und die sofortige Freilassung aller noch einsitzenden politischen Häftlinge in Kuba forderte, um sie in die USA auszufliegen, schickten Castros Auswanderungsbehörden der US-Vertretung in Havanna prompt 700 bereits freigelassene Häftlinge mit Visaanträgen.
Ihre Entlassung und Ausreise in die USA hatten Vertreter der kubanischen und der amerikanischen Regierung schon vor zwei Jahren ausgehandelt, doch Washington zögerte die Ausstellung von Einreisegenehmigungen immer wieder hinaus. Eilig gaben die USA nun innerhalb eines Tages die Anweisung, die zurückgehaltenen Visa endlich auszustellen.
Schon wenige Tage später jedoch, nachdem regimetreue Demonstranten mit Knüppeln gegen Asylbewerber vor der US-Vertretung vorgegangen waren, schlossen die USA ihre Visaabteilung bis auf weiteres, ohne allerdings die Flut der Emigranten damit eindämmen zu können. Die Massenprügelei, so Carter später vor der "Liga weiblicher Wähler Amerikas", habe Castro selbst angestiftet.
Genüßlich breitete das kubanische KP-Organ "Granma" vor seinen Lesern aus, daß die USA sich um Flüchtlinge aus Rechtsdiktaturen, etwa dem S.163 nahen Haiti, weit weniger sorgten als um die flüchtigen Gegner Castros. "Hunderte von Haitianern haben an unseren Küsten Schiffbruch erlitten, als sie versuchten, in die USA zu gelangen", schrieb das Blatt. Wenn Mondale "menschlich und gerecht" sein wolle, müsse er Flugzeuge schicken, sie aufzufischen. "Oder hätte er es lieber, wenn wir sie ihm über Mariel schicken?"
Mit dem Flüchtlingsstrom aus Mariel errangen die Kubaner schließlich sogar so etwas wie einen kleinen militärischen Sieg über die Vereinigten Staaten. Denn just da, wo die "Freedom Flotill" schwimmt, sollten vergangene Woche die seit Jahren größten Seemanöver der USA in der Karibik ("Solid Shield ''80") beginnen. Unter anderem war eine Landung von 5000 Mann auf dem US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba vorgesehen. In letzter Minute sagte Carter die Manöver ab: Die Kriegsschiffe sollten statt dessen beim Bergen von Flüchtlingen helfen.
Dem verschlafenen kubanischen Hafen Mariel bescherte der Emigrantenstrom zudem einen jähen Boom und dem Castro-Staat damit Devisen: Die Besatzungen der über tausend Boote, die oft tagelang im Hafen warten müssen, bis alle Formalitäten zur Ausreise mit den Emigranten erfüllt sind, bringen so etwas wie Tourismus in den Ort. Sechs Boote der kubanischen Regierung verkaufen Lebensmittel und Getränke an die Wartenden. Verkaufsschlager, so meldete "Granma" stolz, sei kubanischer Rum der Marke "Habana Club".
Mit einer Sondergenehmigung dürfen die Bootsbesatzungen die Wartezeit auch in Havanna verbringen. Für 30 Dollar pro Person bekommen sie im Luxushotel "Triton" die Gelegenheit, in bequemen Betten zu schlafen, zu duschen und mit Verwandten und Freunden zu telephonieren, allerdings ohne das Hotel verlassen zu können.
Geld bringt der Flüchtlingsstrom auch auf dem anderen Ufer: Clevere Bootsbesitzer verlangen nicht selten 2000 Dollar pro Passagier, und die US-Behörden sind gehalten, von Schiffern, die Kubaner ohne gültiges Einreisevisum in den USA anlanden, 1000 Dollar Strafe pro Flüchtling einzutreiben.
Gleichwohl mußte Präsident Carter über Teile Floridas bereits den Notstand verhängen und zehn Millionen Dollar aus Bundesmitteln lockermachen, um der Flüchtlingsflut Herr zu werden. "Der neue kubanische Exodus", so die "New York Times", "hätte kaum zu einer für die amerikanische Einwanderungspolitik schwierigeren Zeit kommen können":
Gerade erst wurden die Wohlfahrtsausgaben scharf gekürzt, die Arbeitslosenziffer ist gegen sieben Prozent angestiegen, und viele Florida-Bewohner sehen mit Groll, daß die Neu-Ankömmlinge aus Kuba pro Kopf rund 100 Dollar in bar auf die Hand erhalten. Der Groll verstärkt sich, seit die US-Einwanderungsbehörden unter den Kuba-Emigranten zunehmend Personen ausmachen, die in Kuba vorwiegend wegen krimineller Delikte im Gefängnis gesessen hatten -- über 200 bislang.
In Eglin, Florida, zu dessen Luftwaffenstützpunkt vorige Woche die ersten Kubaner ausgeflogen wurden, hat der örtliche Ku-Klux-Klan bereits eine Protestdemonstration angemeldet. Sie wurde von den Behörden verboten.
S.161 In Havanna. *

DER SPIEGEL 20/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUBA:
Recht des Stärkeren

Video 00:54

Verwirbelt Qualle verfängt sich in Luftkringel

  • Video "Riskanter Stunt: Mountainbiker springt über Tour de France-Gruppe" Video 00:33
    Riskanter Stunt: Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe
  • Video "Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster" Video 03:37
    Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster
  • Video "Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver" Video 01:27
    Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver
  • Video "Wetterphänomen Habub: Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen" Video 01:47
    Wetterphänomen "Habub": Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen
  • Video "Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca" Video 01:02
    Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca
  • Video "Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?" Video 00:00
    Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe
  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Melania, nimm das mal!" Video 02:51
    Trump-Putin-Gipfel: "Melania, nimm das mal!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen" Video 05:01
    Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus" Video 03:17
    Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus
  • Video "Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel" Video 00:54
    Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel