21.07.1980

Reform statt Revolution

Politischer Druck bewegte wenig im IOC: Es wählte in Moskau einen konservativen Präsidenten und arbeitet vorsichtig an Reformen.
Ein Vorhaben, bedauerte Lord Killanin, der resignierende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, habe er verfehlt: "Frauen in das IOC zu wählen." Seinem nach Olympia regierenden Nachfolger und dem Plenum legte der amtsmüde Olympiachef ans Herz, qualifizierte Damen "fair in Erwägung zu ziehen".
Aber die Herrschaften, die sich gegen jegliche Diskriminierung verschworen haben, bleiben lieber unter sich. Besonders seit die Olympier erstmals eine Frau für die IOC-Verwaltung in Lausanne als Directrice eingestellt hatten, die sich rasch unentbehrlich gemacht hat: Die frühere französische Olympia-Schwimmerin Monique Berlioux schirmt sich und das IOC in der Öffentlichkeit vor respektlosen Fragen der Journalisten ab. Unterderhand bezeichnen viele Olympier sie als "einzigen Mann im IOC".
Madame läßt wenigstens vorübergehend vergessen, daß die Olympia-Organisation so beweglich geblieben ist wie ein aufgebockter Rolls-Royce. Wenn sich das IOC vom Fleck bewegt, dann wird es von außen geschoben.
Bei den "beiden lebenswichtigsten Kongressen in der Geschichte des Komitees" (Killanin) 1980 in Lake Placid und Moskau hinterließ das IOC deutliche Schleifspuren -- in zwei Richtungen. Im Winter war US-Präsident Carter der Spieleverderber, im Sommer sein ehemaliger Außenminister.
Erst in Moskau rügte Killanin, nach Art des feinen Mannes ohne Namensnennung, allein den ehemaligen US-Außenminister Cyrus Vance, weil er vor den Winterspielen in Lake Placid "politische Obertöne" in die IOC-Sitzung eingeführt habe. Vance, damals noch im Amt, hatte das IOC unverblümt mit der Boykottforderung seines Präsidenten Carter konfrontiert.
Nach dieser "traumatischen Erfahrung" kündigte der verbindliche, gegen Entscheidungen allergische Killanin seinen endgültigen Rücktritt an. Er ließ sich auch nicht umstimmen, als der bulgarische General und Klubmitglied Stoitchef ihn bat, wenigstens bis 1981 auszuharren.
Denn erstmals gab es keinen designierten Nachfolger, keinen, dem die Herren zutrauten, das Komitee wieder flott zu machen und auf sicherem Kurs durch politische Riffs zu navigieren. Statt dessen traten fünf Kandidaten an. Der bundesdeutsche NOK-Präsident Willi Daume hatte als "Boykottopfer" (IOC-Mitglied Berthold Beitz) schon längst alle Chancen eingebüßt, noch ehe er sich der Wahl stellte, wie er es mal 1978 Killanin versprochen hatte. Jedoch widerstrebte es vielen IOC-Herren, einen Deutschen überhaupt als Präsidenten zu akzeptieren.
Daume wollte nicht kneifen, obwohl "meine Kandidatur völlig aussichtslos" geworden war. Ebenso chancenlos trat der von Killanin begünstigte Kanadier James Worrall an: Auch Kanada boykottiert die Moskau-Spiele. Aber Worrall und der Neuseeländer Lancelot Cross trugen zur Stimmenzersplitterung bei.
Das stärkte die Favoritenrolle des Katalanen Juan Antonio Samaranch, 60. Er mißfiel vor allem den Mitteleuropäern aus mehreren Gründen. Samaranch habe bei IOC-Kongressen "noch nie den Mund aufgetan oder einen vernünftigen Vorschlag gemacht", verrieten IOC-Mitglieder. Zudem war der Industrielle aus Barcelona 1967, noch unter Generalissimus Franco, Mitglied des Parlaments in Madrid geworden.
Er repräsentierte Franco-Spaniens Sport und Körperkultur. Die spanischen Rollschuhläufer und die Organisation der internationalen Bootsmessen wählten ihn zum Präsidenten, aber das eigene Nationale Olympische Komitee beließ ihm die Präsidentschaft nur drei Jahre. Samaranch verwirrte IOC und Sportorganisationen niemals mit einem Zukunftsprogramm oder Reformplänen. Dafür sammelte er emsig Stimmen und scharte hinter sich, was Opponenten respektlos die "lateinamerikanische Mafia" nennen.
In den Weltfachverbänden und in der Versammlung der NOKs formen die Mitglieder des südländischen Sprachraums schon einen festgefügten Block. Den Internationalen Schwimmverband leitet der Mexikaner Javier Ostos, im wichtigsten Verband, der Fußball-Weltorganisation Fifa, übernahm der Brasilianer Joao Havelange die Vormacht.
Vor allem die Vertreter der Dritten Welt aus Afrika und Asien erhoffen sich mehr Verständnis und Vorteile, wenn der Einfluß der reichen Industrieländer abnimmt. Gegen diese Tendenz und ihren Repräsentanten Samaranch mobilisierte eine Gruppe im IOC den Schweizer Kandidaten Marc Hodler.
Doch der Präsident des Internationalen Ski-Verbandes litt unter seinem Image: Er hatte seinen Slalom- und Abfahrts-Profis, die pro Saison bis zu 400 000 Mark auf ihren Konten sammeln, gleichwohl das Amateuren vorbehaltene olympische Startrecht erhalten und damit für zu viele einen Präzedenzfall geschaffen.
Die Amateur-Diskussion ist daher so gut wie beendet. Wer sich qualifiziert hat, darf künftig auch starten, gleich, wieviel Geld er, als Unterstützung kaschiert, auch bekommen hat.
Die Wahlschlacht im IOC entschied vielleicht darüber, ob die Olympischen S.127 Spiele überleben oder ob Boykott und Gegenboykott sie gleichsam an politischen Klippen zerschellen lassen. Als der Ostblock offensichtlich zu Samaranch überschwenkte, war die Wahl entschieden. Die kommunistischen Staaten gewichteten seine Franco-Vergangenheit offenbar geringer als die Gegenwart: Samaranch residiert seit 1977 als erster Botschafter Spaniens in Moskau nach 42 Jahren.
Schon im ersten Wahlgang wählte ihn das IOC, obwohl Samaranch die absolute Mehrheit der 77 Anwesenden (von 84 Mitgliedern) benötigte. Die Stimmzahlen hält das IOC geheim, die Stimmzettel wurden verbrannt. Samaranch läßt sich im August, wenn er nach dem Olympia sein Amt antritt, seiner diplomatischen Pflichten entbinden und ist jetzt schon als Botschafter beurlaubt.
Verlierer Daume zweifelt zwar an, ob der im Sport nur wenig versierte Olympiachef sich zurechtfindet, glaubt aber, "daß die tüchtige Madame Berlioux ihm in allen Fachfragen behilflich sein wird".
Samaranch übernimmt ein IOC, das von der Politik in entgegengesetzte Richtungen geschoben wird. Der kommunistische Block (neun Stimmen), unterstützt von vielen Mitgliedern der Dritten Welt (23 Stimmen), arbeitet seit Chruschtschows Forderung nach einer "Uno des Sports" daran, allen Ländern mit einem anerkannten NOK (146) Sitz und Stimme im IOC zu erkämpfen.
Käme es dahin, regierte eine Mehrheit von Mitgliedern, die nicht unabhängig, wie es die IOC-Statuten festlegen, sondern auf Weisung ihrer Regierung handeln. Doch nachdem sogar in den USA und der Bundesrepublik die NOKs den Boykott beschlossen haben, wie ihre Regierungen gefordert hatten, schreckt dieses Argument nur noch wenig.
Unverdrossen steuert die westliche Mehrheit jedoch behutsam aus den Untiefen des Politboykotts. Die Kommission für das Olympische Teilnahmerecht (Eligibility) schlug vor, dem Präsidenten ein Gnadenrecht einzuräumen für Athleten, die ihr Startrecht bis jetzt "durch Wechsel der Nationalität infolge politischer Ereignisse" einbüßen. Gemeint sind politische Flüchtlinge.
Außerdem soll der von Killanin begünstigte Präzedenzfall das IOC veranlassen, "Übereinstimmungen mit den internationalen Verbänden" herzustellen, damit "Nichtdiskriminierung nicht für die Zeit der Olympischen Spiele" gilt. Der verklausulierte Vorschlag birgt eine handliche Waffe: Boykott schlüge dann auf die Boykotteure zurück.
Zumindest ein bedeutender (nichtolympischer) Verband, die Tennisweltorganisation, straft schon jeden mit Sperre, der etwa gegen politisch unliebsame Gegner im Daviscup, der Mannschaftsweltmeisterschaft, nicht antritt. Sollte sich die IOC-Kommission durchsetzen, zöge künftig den eigenen Ausschluß nach sich, wer etwa, wie die kommunistischen Staaten unlängst, Weltmeisterschaften in Südkorea boykottiert oder Israel nicht zu Weltkämpfen zuläßt.
Die Sowjet-Union hat zwar seit 1952 keine Olympischen Spiele mehr boykottiert, aber beim Boykott anderer internationaler Wettkämpfe hatte sie es zur Weltmeisterschaft gebracht. Nun ist die UdSSR als Olympia-Gastgeber selber betroffen. Anscheinend haben die Sowjets daraus gelernt.
Der sowjetische Olympia-Organisator Ignatij Nowikow versicherte: "Wir kommen nach Los Angeles" -- zu den nächsten Spielen 1984. Auch den Olympischen Kongreß 1981 in Baden-Baden, bei dem das IOC, die NOKs und die Weltverbände die "Zukunft der Olympischen Spiele" beraten und den Spielort 1988 festlegen werden, wollen die kommunistischen Länder nicht, wie es nahegelegen hätte, meiden. Fällige Nachwahlen verschob das IOC auf 1981. So bleibt die Sportweltmacht DDR nach dem Tode ihres IOC-Mitglieds Heinz Schoebel bis dahin ohne Mitspracherecht.
Eine Demontage des olympischen Chauvinismus hat schon begonnen. Im Olympischen Dorf von Moskau fand für ankommende Mannschaften keine Flaggenparade mehr statt. Für den von Daume organisierten Olympischen Kongreß lehnte das IOC Nationalfahnen überhaupt ab.
Zum Eröffnungsfest und für die Siegerehrungen verzichteten 20 Länder auf ihre Fahnen, darunter Dritte-Welt-Staaten wie Ekuador. Zwölf Mannschaften erschienen nicht unter ihrem offiziellen Staatsnamen, 18 gaben ihre Nationalhymne auf.
Vor seinem Abschied übte IOC-Präsident Killanin subtile Rache am amerikanischen Boykott-Präsidenten Carter. Während seines Besuches in Washington holte Killanin die Zustimmung des US-Regierungschefs ein, in Moskau nach dem IOC-Protokoll zu verfahren. Carter wußte offensichtlich nicht, daß im Olympia-Protokoll vorgesehen ist, bei der Abschlußfeier auch die Fahne der Nation zu hissen, die die nächsten Spiele veranstaltet, in diesem Falle also die Flagge der USA in Moskau.
Die US-Regierung protestierte eilig und heftig über ihren Moskauer Botschafter nachträglich dagegen. Die sowjetischen Organisatoren aber versicherten, sie hielten sich ans Protokoll. Madame Berlioux erklärte: "Das IOC ist offiziell nicht verständigt worden."

DER SPIEGEL 30/1980
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