05.01.1981

KULTURBETRIEBAbends Erfolg

Der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt übte Kollegenschelte. Jetzt will er nichts mehr davon wissen.
Geduldig wartete der Jubilar ab, bis Reporter Andre Müller ein Tonbandgerät aufgebaut hatte. Dann plauderte Friedrich Dürrenmatt zum laufenden Band über sich und seinesgleichen. Er war in Form wie schon lange nicht mehr.
Das war im Oktober. Doch nun, wenige Tage bevor der Schweizer Dramatiker am kommenden Samstag von seinem Bundespräsidenten Kurt Furgler mit einer Feier zum 60. Geburtstag geehrt werden soll, "Umtrunk" und "vollständige Aufführung von 'Romulus der Große'" (Festprogramm) inklusive, ist Dürrenmatt die mittlerweile als "Playboy-Interview" publizierte Plauderstunde peinlich geworden.
Ende Dezember ließ sein Anwalt über die Nachrichtenagentur "Associated Press" verbreiten, "fingiert" sei, was im "Playboy" zu lesen war und woraus "Frankfurter Rundschau" und SPIEGEL (53/1980) zitiert hatten.
Nicht mehr identifizieren möchte sich Dürrenmatt etwa mit der Kollegenschelte für Max Frisch, an dem gewisse "Unwahrheiten" störend seien, wenn er ein Werk wie "Montauk" als "autobiographisch" ausgebe.
Lieber nicht gesagt hätte Dürrenmatt auf einmal den Lobes-Spruch auf den Kollegen Eugene Ionesco -- "ein riesiger Trinker" --, und nicht ganz geglückt erscheint ihm nun, daß er vom Kollegen Heinrich Böll allenfalls das Frühwerk "Doktor Murkes gesammeltes Schreiben" für erwähnenswert hielt, "oder heißt es gesammeltes Schweigen?".
Daß diese und ähnliche Äußerungen gefälscht seien, will Dürrenmatt wiederum auch nicht behaupten. Er bestreitet keineswegs, mit Müller über Böll, Ionesco, Frisch und andere gesprochen zu haben -- er möchte aber nicht ausschließen, daß sich "wegen Undeutlichkeit mißverständliche" Äußerungen auf dem Tonband befinden könnten.
Weder verlangt er einen Widerruf von der Münchner Ausgabe des Freikörper- und Kulturblatts noch eine Gegendarstellung. Düpiert fühle er sich, sagt er, vor allem deshalb, weil er "nicht dem 'Playboy' ein Interview gewährt habe, sondern nur "einem gewissen Herrn Müller, und das für 'Die Zeit'".
Tatsächlich hatte Müller, als "Zeit"-Mitarbeiter, bei Dürrenmatt angefragt, ober er ihn empfangen wolle -- für eine Story zum 60. Geburtstag des Dramatikers an diesem Montag. Einen Nachmittag lang sprachen Müller und Dürrenmatt in dessen Haus in Neuchatel über gewichtige Dinge.
In der "Zeit" erschien dann rechtzeitig ein einfühlsames Dürrenmatt-Porträt mit dem unerwarteten Titel "Besuch bei einem alten Herren". Müller, hymnisch: "Das Schwelgen erlaubt er sich, wenn überhaupt, nur beim Malen. Goethes Farbenlehre oder die Beschreibung einer Schildkrötensuppe in seinem Kochbuch bereitet ihm mehr Vergnügen als etwa eine Strophe von Rilke."
Und: "Zu lachen hat dieser Mann nichts mehr. Fast alles, was diesem barocken Menschen Spaß macht, hat er aufgeben müssen. Seit zehn Jahren keine Zigarre. Wein nur mit Maßen. Früher trank er durchschnittlich zwei Flaschen pro Abend. Als Gourmet war er die gastronomische Herausforderung der ganzen Umgebung."
Die "Zeit"-Huldigung war, so Müller, "das Resümee eines Nachmittags beim Kaffee". Was indes "beim Nachtessen" (Dürrenmatt) gesprochen wurde, lieferte der freie Journalist für "ein Vielfaches des 'Zeit'-Honorars" (Müller) beim "Playboy" ab. Denn abends, bei Steak, Salat und Rotwein, hatte endlich Erfolg, was Müller seine journalistische "Entblößungstechnik" nennt.
Der Trick des 34jährigen gebürtigen Wieners: Er entblößt sich selbst so lange emotional, bis auch seine entnervten Opfer meinen, Seelentiefen eröffnen zu müssen.
Müller über seine Methode: "Noch nach stundenlangen Gesprächen erwecke ich den Eindruck, nichts erfahren zu haben. Die Folge ist, daß der Interviewte glaubt, nichts Wesentliches gesagt zu haben. Seine Bemühung, mir zu genügen, führt zu Selbstentblößungen, die ich nicht strategisch konzipiert oder mir hinterhältig ergaunert habe. Erst wenn der andere nackt ist, gebe ich Ruhe."
Auf diese Weise hatte Müller dem Filmemacher und Theater-Regisseur Werner Schroeter zum Problem Franz Josef Strauß schon den Vorschlag entlockt: "Man müßte ihm ja nur ein kleines Bömbchen in Form einer Weißwurst zu essen geben" -- Folge des terrorismusverdächtigen Ausspruchs: der Augsburger "Salome"-Eklat.
Der Schriftsteller Thomas Bernhard wiederum, durch Müller-Bekenntnisse aufgetaut, vertraute dem Interviewer zum Thema Liebe an, daß "er sich vor zwanzig Jahren völlig verausgabt" habe. Anschließend führten die beiden ein langes Gespräch über Selbstmord. Bernhard zu Müller: "Wenn Sie sich umgebracht haben, schreiben Sie mir."
So sehr beeindruckt von Müllers -so seine Eigen-Einschätzung -- "Literatur" war die Hamburger Wochenzeitung "Zeit", daß der Theaterkritiker Benjamin Henrichs den wechselseitigen Entblößungs-Dialog mit Regisseur Schroeter feinfühlig rezensierte, als handle es sich um ein Bühnenstück.
Wenn nun die Dürrenmatt-Unternehmung ähnlich sorgsam untersucht wird, mag der Rollenwandel des Besuchers auch moralisch zu betrachten sein. Müller selbst kann nichts Suspektes daran finden, daß er sich (ohne dies zu entblößen) im Lauf des Oktobernachmittags zwischen Dürrenmatts Haus und Dürrenmatts Stammkneipe vom reputierlichen "Zeit"-Interviewer zum impertinenten "Playboy"-Frager wandelte. Schließlich habe auch Rolf Hochhuth mit Dürrenmatt ein langes Tonband-Interview geführt -- für die "Playboy"-Konkurrenz "Penthouse".
Statt ihn auszufragen, so kolportiert Müller eine Dürrenmatt-Äußerung, habe sich Hochhuth immer nur beschwert, daß seine Stücke nicht aufgeführt würden. Und nicht einmal sein Tonbandgerät habe der Interviewer Hochhuth bedienen können. Dürrenmatt: "Auf dem war dann nichts drauf. Ein paar Tage später rief er mich an und fragte, ob ich einen Apparat hätte, der seinen Apparat geheim auslöscht." "Ich glaube, er hat einen Verfolgungswahn", diagnostizierte Dürrenmatt.
Nun, scheint es, fühlt er sich selbst verfolgt -- von "Playboy"-Müller. Und groteskerweise will der Jubilar, der sich auch mit einer dieser Tage erschienenen Taschenbuch-Gesamtausgabe in 30 Bänden feiern läßt, ein Stück Selbstdarstellung nicht wahrhaben, das ihn nach langem wieder einmal in seiner Glanzrolle zeigt: als Enfant terrible, das sich mit Lust in alle Nesseln setzt.

DER SPIEGEL 1/1981
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