29.09.1980

Heinrich Heine im Alfa Romeo

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über die neue Monatszeitschrift „Transatlantik“
Die beiden Erfinder der neuen Monatszeitschrift "Transatlantik", die Literaten Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore, sind offenbar ins Risiko verliebt. Denn sie haben sich eine Zeitschrift ausgedacht, die sich partout dem uniformierten Geschmack verweigert. Anstatt mit einem Titelbild auf sich aufmerksam zu machen, das zu den laufenden Ereignissen paßt und wenigstens verstohlen politisch Flagge zeigt, verwirrt uns eine x-beliebige Launengestalt. Anstatt mit ein paar Balkenlettern ins Heft gehetzt zu werden, macht der Leser die neue Zeitschrift, deren Cover nur den Preis verrät, wie eine Wundertüte auf.
Und siehe da] Anstatt sich, eine Woche vor der Wahl in Bonn, immerhin die Auswahl der Themen von den allmächtigen Gesetzen der "Aktualität" diktieren zu lassen, scheint die neue Zeitschrift von allen guten Geistern verlassen zu sein: Sofern ihnen überhaupt Reverenz erwiesen wird, lernen wir die "Großen dieser Welt" nicht im beliebten Speichelleckerdeutsch der Hofberichterstattung, sondern aus der Perspektive Waldemar Müllers kennen, eines faszinierenddämlichen Parzivals, der als Reporter beim Gipfel in Venedig etwa so gekonnt zu Werke geht wie Heinz Rühmann in "Quax der Bruchpilot".
Mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren ist "Transatlantik" erstmalig in diesen Tagen am Kiosk zu sehen. Einige Kritiker aber haben das famose Kunststück fertiggebracht, über den Neuling bereits die Nase zu rümpfen, als die Redaktion noch auf dem blanken Fußboden saß.
Diese frühe Werbung verdankt "Transatlantik" ihrem Verleger. Denn Enzensberger, eine Galionsfigur der deutschen Linken, und Salvatore aus Venedig, sein Freund seit gemeinsamer Apo, haben zum Verleger ausgerechnet einen Mann bestellt, der den Ruf nicht los wird, ein "emeritierter Doppelagent" und ein "notorischer Rechter" zu sein: den ehemaligen Redaktionsleiter der "Quick" und heutigen Mitinhaber des Münchner New-Mag-Verlages ("lui") Heinz van Nouhuys.
In der von Hermann L. Gremliza herausgegebenen "Konkret", deren Honoratiorenimpressum ihn jahrelang gleich hinter Engelmann führte, ist Enzensberger, als habe ihn mit Nouhuys der ideologische Blitz getroffen, urplötzlich "staatstragend", und wenn er und seine Freunde Kontakte haben, dann sind dies "klandestine Drähte".
Im "Stern" gibt es den politischen Enzensberger nur noch im Imperfekt: er "galt bislang (]) als linker Literat]" Und auch Fritz J. Raddatz kann sich in einem "Zeit"-Gespräch mit Einzensberger die pastorale Frage nicht verkneifen, ob er denn das "schwarze Geld" dieses Kapitalisten nötig habe -- und beschert der "Transatlantik" prompt einen Beitrag, der nahezu auflagengefährdende Qualitäten besitzt.
Trotz Raddatzs "Alphabet" der Stadt Hannover jedoch, dessen Lektüre wie eine Überdosis Schlaftabletten wirkt und die Vermutung nahelegen könnte, der Autor trainiere seinen Humor mit Onkelwitzen ("A = Albrecht: gescheiterter NDR-Auflöser; N = Nachtleben: inexistent"), ist "Transatlantik" ein Ereignis, welches die vorschnelle moralische Kritik blamiert. Denn die Zeitschrift versammelt politische Essays, flanierende Reiseberichte und detektivische Reportagen, die die selten gewordene Eigenschaft haben, schön und dennoch genau, radikal und dennoch heiter zu sein.
Dieses Ereignis hat Heinz van Nouhuys mit "Geld ohne Bedingungen", mit ideologischen Blankoschecks finanziert. Warum er so "dumm" ist? Heinz van Nouhuys ist wie Enzensberger eine Figur, der man in Deutschland zwar mit großer Identifikationsbereitschaft im Kino, nicht aber in der eigenen Nachbarschaft begegnet: er ist ein Spieler. Und darum war es möglich, daß aus dem Boß der verspießertrechten "Quick" der Mäzen der metropolitanisch-aufgeklärten "Transatlantik" geworden ist:
Jonathan Raban beispielsweise, der Autor eines Buches über das "Arabische Labyrinth", fliegt für seine Leser in den von Pakistanis und anderen "Europäern" überschwemmten Öl-Stadtstaat Katar, den "nouveau prince in der Schar der nouveaux riches". Was er dort zwischen "bronchitischen Klimaanlagen" und "herrenlosen Kühlschränken", den "Glitzerlampen der Minarette" und kathedralischen Raffinerien, zwischen Sündenpfuhl S.247 und Koran, zwischen Frauen in "Schwarz und Schweigen" und jungen Kataris mit Bürstenhaarschnitt, die ihren Machismo im offenen Thunderbird spazierenfahren, was er also dort entdeckt, das ist ein Büro.
"Diese Berühmtheit", sagt der Bürovorsteher, zeigt auf seine Mitarbeiter und bietet seinem Gast eine Rothman's King Size aus dem Innern einer in Saffian-Leder gebundenen Oktav-Ausgabe Shakespeares an, "das ist ein Maler. Das ist ein Bühnenschriftsteller. Und er ist ein Musiker."
Wozu der Musiker morgens ins Büro geht? Er hat die Aufgabe, eine attraktive katarische Nationalmusik zu schaffen. Mit der Stempeluhr im Nacken sozusagen. Daß dies nicht immer ganz einfach ist, beweist die Nervosität des Bühnenautors Abdel Rahman. Mit einem vergoldeten Kugelschreiber bewaffnet, verzweifelt er seit geraumer Zeit an einer dem Emir politisch genehmen Revision der "Märchen aus Tausendundeiner Nacht".
Die Zeitschrift ist zu "exotisch"? Ulrich Enzensbergers "Notstandslibretto" macht mit ein paar Bunkern zwischen Hamburg und München bekannt. Sie ist politisch zu "ausgewogen"? In der Bundesrepublik jedenfalls könnte der Romancier Gore Vidal nach seiner ironischen Rede zur "Lage der amerikanischen Nation" kein Lehrer mehr werden.
Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore verantworten die Konzeption der Zeitschrift. Das monatliche Erscheinen garantiert eine fünfköpfige Redaktion in München: Die im Impressum als Herausgeberin genannte Marianne Schmidt, Heinz van Nouhuys' Freundin, betreut auch die Zeitschrift "Photo". Katharina Kaerer war zuletzt als Texterin tätig. Michael Rutschky war bisher Redakteur des "Merkur" und hat in diesem Jahr das Buch "Erfahrungshunger" veröffentlicht. Karl Markus Michel hat den Frankfurter "Syndikat"-Verlag mitgegründet und gibt auch in Zukunft das "Kursbuch" mit heraus. Und von Bernd Bexte, dem Illustrator, gibt es im "Zweitausendeins"-Verlag einen schönen Film- und einen noch schöneren Kinder-Kalender.
In einem Werbeprospekt hat der New-Mag-Verlag verkündet, "Transatlantik" sei "ohne Vorbild, ohne Ebenbild, ohne Konkurrenz". "Ohne Ebenbild" ist jedenfalls das Impressum, in dem Enzensberger und Salvatore für "Konzeption und Vetorecht" zeichnen. Natürlich aber war ihr Vorbild "The New Yorker": das seit sage und schreibe über fünfzig Jahren erscheinende Wochenmagazin der Mannhattan-Intelligenz, das sich nicht zufällig in Michels Münchner Büro stapelt. Aber während der heutige "New Yorker", wenn nicht gerade Woody Allen in die Tasten greift, das politische Temperament gemütlich-militanter Landedelleute verbreitet, hat für die erste Ausgabe der "Transatlantik" der politische Detektiv Lothar Baier geschrieben.
Lothar Baiers "Rekonstruktion" des Mordes an Jean de Broglie, einem ruinierend reichen und beliebten Bürgermeister, die den Autor aus dem "Küchenmief eines Pariser Restaurants" in das zwielichtige Milieu der "großen" französischen Politik führt, ich bin sicher: sie hätte den großen Reporter Kisch zu ihren Freunden gehabt. Denn sie beweist, daß die Aufklärung über die herrschenden Zustände ein spannender Kriminalroman sein kann.
"Vom Giftmord bis zum Rüstungsgeschäft ... Unser Hauptinteresse ist die Untersuchung der Wirklichkeit mit literarischen Mitteln", hat Enzensberger in einigen Interviews gesagt. Der Agent dieses Interesses ist ein Autor, dessen Ahnen der deutsche Vormärz hervorgebracht hat: der Journalist und Literat in einer Person.
Dieses Interesse -- für zwei andere Literatur-Gattungen bedeutet es kategorische Zensur: für die Stunden der wahren Empfindungen, in denen "jemand auf dem Sofa liegt", den "Stuck an der Decke" anhimmelt "und sich erinnert, wie er klein war", und für die hölzernen Elaborate des akademischen Philisters, die "gewöhnlich nichts anderes sind als eine Form der Sprachlosigkeit".
"Transatlantik" vermittelt ihre Neuigkeiten lakonisch. Mit bösartigem Humor zum Beispiel: ein gewisser Alain Wilcock amüsiert sich über "die deutschen Schriftsteller, die in einer Art kollektiver Geistesgeburt herausgefunden haben, daß sie Söhne sind von Vätern". Mit irritierenden Provokationen: Hans Magnus Enzensberger deutet eine gewisse linke Solidarität mit der Dritten Welt als "Rassismus". Mit einer Herzlosigkeit, die an die Bücher Alexander Kluges erinnert: in einem monatlich wiederkehrenden "Journal des Luxus und der Moden" ist in unmittelbarer Nachbarschaft zum "Nachruf auf die Kaffeekanne" das "Comeback des Elektroschocks" zu besichtigen.
Natürlich ist dieser fast prinzipielle Abschied von der Empörung eine Medaille mit zwei Seiten. Er schützt vor blind machenden ideologischen Identifikationen, aber er läßt die Zeitschrift auch manchmal wie einen Salon aussehen, in dem nichts mehr wichtig, aber alles interessant ist. Sein Glück: daß es einstweilen keine politische Bewegung mehr gibt, die den Salon mit ihren ungeschliffenen Bedürfnissen ramponiert.
Die Voraus-Kritik hatte die "Transatlantik"-Erfinder in Verdacht, sie seien nun endlich nach rechts gerückt. Was aber die Kritik für einen Rechtsruck hielt, ist in Wirklichkeit ein "Wohlstandsruck". So hat Hans Magnus Enzensberger unter anderem dem "Börsenblatt" (5. 9. 1980) anvertraut, der "ideale Mitarbeiter" der Zeitschrift sei Heinrich Heine. Wenn man ihre erste Ausgabe durchblättert, hat man das Gefühl, er sei bereits mit von der Partie gewesen. Nur: der alte Ketzer hat eine bundesdeutsche Karriere gemacht. Er hat keine Geldsorgen und keine persönlichen Probleme mehr.
Nach wie vor macht ihn der deutsche Spießer krank, aber er verspottet ihn nicht mehr aus der "Matratzengruft" heraus; er durchmißt eine elegante Eigentumswohnung. Den Alfa Romeo vor der Haustür benutzt er nur selten: die meiste Zeit nämlich ist er im Flugzeug unterwegs, betrachtet seine Zeitgenossen aus der Vogelperspektive S.249 und findet sie zum Kugeln verrückt. Zu Hause tut er, was ihm Spaß macht. Dann setzt er sich hinter die Schreibmaschine und nimmt den Kapitalismus auseinander. Brillant, wie wir das von ihm gewohnt sind. Aber mit etlichen Lagen Champagner im Keller. Er ist also ganz der Alte geblieben. Aus dem zeitweilig armen Teufel ist lediglich ein Snob geworden.
Diesem Snob begegnet man am ehesten, wenn man Gaston Salvatore liest. Salvatore hat den politisch umstrittenen Privat-Raketenbauer Lutz Kayser porträtiert: einen Großunternehmer von "militanter Normalität", dem überdies die "ahnungslose Lässigkeit des Geldadels fehlt". Als Kayser sich mit einem italienischen Faschisten zum Freizeitsport trifft, dreht sich dem Zeugen Salvatore förmlich der Magen um. Denn: "Das Tennisspiel der beiden Herren war nicht besser als ihr Golf."
Wer sind die Leser, für die Heinrich Heine in der "Transatlantik" schreibt? "Es wäre Hochstapelei", teilt der New-Mag-Verlag in seinem Werbeprospekt mit, diese Zielgruppe schon jetzt einkreisen zu wollen. "Aber es ist kein Fehler, davon auszugehen, daß diese Menschen in Buchhandlungen genauso zu Hause sind wie in Delikatessenläden" und daß sie (siehe oben) "nicht irgendeinen Wagen fahren, sondern einen ganz bestimmten".
Hätte Enzensberger so seine frühen "Kursbücher" ankündigen lassen, die Leser hätten ihm auf der Stelle den Laden besetzt.

DER SPIEGEL 40/1980
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