02.03.1981

Ein Welfe im Nirwana

Von Bittorf, Wilhelm

Der Tod eines deutschen Prinzen, der für Bhagwan lebte

Der höchstgeborene Anhänger von Bhagwan Shree Rajneesh war ein Urenkel des letzten deutschen Kaisers, ein Neffe des Gemahls der britischen Königin und ein Vetter des Thronfolgers Prinz Charles. Er hieß Welf Prinz von Hannover und war der älteste Sohn des Prinzen Georg Wilhelm von Hannover aus der Welfenfamilie, die bis 1866 das Königreich Hannover und im 18. und 19. Jahrhundert in Personalunion auch Großbritannien regierte.

Prinz Welf, Jahrgang 1947, hielt es nicht lange beim platten Treiben der standesgenössischen Schickeria in München. Schon 1975 pilgerte er mit seiner Frau Wibke und seiner damals fünfjährigen Tochter Tanja nach Poona und ließ sich mit ihnen im Aschram nieder -- "zunächst sehr zum Entsetzen der Familie" (Prinzessin Wibke).

Bhagwan legte besonderen Wert auf die drei nordischen Bilderbuchmenschen, diese Verwandten der ehemaligen Kaiser von Indien. Er gab dem Prinzen den Namen "Vimalkirti" ("Fleckenlose Glorie"), nannte dessen Frau Turiyä ("Geistige Liebe") und reihte den hageren großen Blonden in die Leibwache ein, die den Meister bei allen seinen Auftritten umgibt.

Die Welfenfamilie schickte sich in den Eigenwillen ihres Mitglieds. Allerdings beklagten seine Verwandten nach Besuchen in Poona den "geschwächten Zustand" des Prinzen, den sie auf die fleischlose Ernährung im Aschram zurückführten und nicht auf die "fortgeschrittene Vergeistigung", die der frühere Jörg Andrees Elten an Vimalkirti zu bemerken glaubte.

Bei seiner Morgengymnastik am 6. Januar (nicht, wie es in deutschen Blättern hieß, beim Karate-Training) erlitt der Prinz einen Schlaganfall, der ihn lähmte. Der Bewußtlose wurde in die Jehangir-Klinik gebracht und mußte künstlich beatmet werden.

Die neurochirurgischen Spezialisten dieser zur Universität Poona gehörenden Klinik stellten ein Aneurysma fest: Ein Blutgefäß im Hirn war an einer offenbar angeborenen Schwachstelle des Gewebes geplatzt. Der Zustand des im Koma liegenden Prinzen war nach dem Urteil der Ärzte aussichtslos. Dennoch bestand Bhagwan darauf, daß sein Wächter noch einige Zeit am Leben erhalten werde.

Warum er das wollte, begründete Bhagwan in einem morgendlichen Vortrag mit seiner besonderen Sorte von schnell löslichem Instant-Buddhismus: "Wenn Vimalkirti gleich nach dem Schlaganfall gestorben wäre, dann wäre er jetzt schon in einem anderen Körper, dann wäre er jetzt schon wieder in einer Gebärmutter, um wiedergeboren zu werden und weiterzuleben." Das Ziel sei aber, ins Nichts einzugehen, das nicht "Leere" sei, sondern "überfließende Fülle".

Vimalkirti, meinte Bhagwan, sei geistig so weit entwickelt gewesen, daß er die Chance bekommen müsse, sich in Ruhe ganz von seinem Körper und für immer von aller Körperlichkeit zu lösen: "Dann braucht er nicht mehr ins Leben zurückzukehren."

Am 9. Januar versagten die Nieren des Prinzen. Er starb am frühen Morgen des 10., ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Bhagwan am gleichen Morgen vor zweitausend Zuhörern: "Als ich ihm sagte, daß er nun ins Jenseits gehen kann, schrie er fast vor Freude: 'Faaaar out!'" Große Heiterkeit bei den Zuhörern und viele heiter vergossene Tränen.

Inzwischen war Vimalkirtis Mutter eingetroffen, Prinzessin Sophie, die Schwester des Herzogs von Edinburgh. Sie wurde von ihrem getrennt lebenden Mann, Georg Wilhelm, begleitet. Verstört, aber gefaßt erlebten sie, wie der Tod des Prinzen im Aschram mit einem ekstatischen Freudenfest gefeiert wurde, mit Chorgesängen, mit wilden Tänzen der Adeptinnen zu indischen Disko-Rhythmen. Fröhlich warfen auch die Aschramiten, die bei der Verbrennung der Leiche am Flußufer zugegen waren, mit Blumen.

"Auch ich vermisse ihn. Er war ja fast mit mir verschmolzen", hatte Bhagwan gesagt. "Doch Vimalkirtis Vollendung ist etwas Wunderbares. Und er wird weiterleben in eurem Lächeln, in den Blumen, im Wind."

Mit dem Einverständnis von Mutter und Vater wurde die Urne Vimalkirtis in Bhagwans Garten beigesetzt. Bhagwan: "Er ist wie ein Prinz dahingegangen. Alle meine Sanyasin sind Prinzen. Ich glaube nicht an Bettler. Ich glaube nur an Kaiser."


DER SPIEGEL 10/1981
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