29.09.1980

HIFIJedesmal besser

Phono-Fans greifen zur Selbsthilfe: Aus Bausätzen oder Einzelteilen basteln sie ihre Lautsprecher in Heimarbeit zusammen.
Monatelang suchte der Bremer Technik-Professor Hans Herbert Klinger nach Lautsprechern, die weder seine Ohren noch seinen Geldbeutel über Gebühr peinigten -- vergebens. Schließlich griff er zur Selbsthilfe und baute sich seine Boxen selbst.
Inzwischen ist, was Hobby-Bastler Klinger schon vor Jahren gelang, zum weitverbreiteten Hobby geworden: Mehr als 100 000 deutsche Hi-Fi-Konsumenten leimten und löteten sich im letzten Jahr Boxen aller Größen und Qualitätsstufen zusammen.
Rund 4000 Einzel-Lautsprecher des englischen Spitzen-Herstellers KEF verkauft allein der Hamburger HiFi-Großhändler Scope jeden Monat -- vier mal so viele wie noch vor drei Jahren. Anleitungen zum Eigenbau von Lautsprecher-Sets wie etwa Klingers "Lautsprechergehäuse-Baubuch"
( Hans Herbert Klinger: ) ( "Lautsprechergehäuse-Baubuch". Franzis ) ( Verlag, München; 104 Seiten; 7,80 ) ( Mark. )
gerieten zu Bestsellern. "Einen Trend zum Selbermachen" verzeichnete auch der Berliner Lautsprecher-Produzent Isophon.
Mal basteln sich die Phono-Heimwerker kleine Kästchen mit nur einem einzelnen Lautsprecher für Küche oder Klo, meist jedoch fertigen sie HiFifähige Boxen nach dem Dreiweg-System (je ein Lautsprecher für die tiefen, mittleren und hohen Frequenzen).
Ganz Ausgeflippte packen ionengetriebene Hochtöner, elektrostatische Lautsprecher für die Mittellagen und verfärbungsarme Tiefton-Woofer ins Eigenbau-Gehäuse; andere wiederum montieren sich ganze Schallwände mit bis zu 70 Einzel-Lautsprechern ins Wohnzimmer -- exotische Konstruktionen, die auch im Selbstbau noch 10 000 Mark und mehr kosten.
Die meisten HiFi-Tüftler halten sich freilich an sogenannte Kits: Sie kaufen weitgehend vorgefertigte Bausätze zu Preisen zwischen 75 und 800 Mark, die sie dann selbst zusammenfügen. Zu haben sind komplette, mit Lautsprechern bestückte Boxen-Vorderteile, um die es den Kasten zu bauen gilt; oder auch vorgefertigte Gehäuseteile, bei denen die Lautsprecher aufgeschraubt und verlötet werden müssen.
Dabei sparen die Bastler Geld mit jedem Handgriff: Selbstgebaute Lautsprecher-Sets sind, je nach dem Grad der Vorfertigung, zwischen 30 und 50 Prozent billiger als vergleichbare Fertig-Boxen. So kostet das KEF-Topmodell Cantata im Laden 1300 Mark, als Bausatz hingegen nur 750 Mark. "Wenn alles richtig gemacht wird", urteilte Karl Breh vom Fachblatt "HiFi-Stereophonie", seien "die Selbstgebauten nicht schlechter als entsprechende Serienboxen".
Manchmal sogar besser: HiFi-Besessene bauen ihre Boxen doppelwandig und füllen den Hohlraum sandwichartig mit Sand auf -- ein Verfahren, das die Gehäuse völlig schallundurchlässig macht. "Die akustischen Eigenschaften von derartig aufgebauten Lautsprecherboxen", meint Experte Klinger, "sind ganz hervorragend."
Ande HiFi-Fans wiederum versuchen, durch individuelles Boxen-Design den Hausfrieden zu wahren. Oft dulden Ehefrauen die klobigen Schallkästen nur murrend. "Das Hauptproblem, Boxen an den Mann zu bringen, ist die Frau", weiß Scope-Chef Thomas Wegner.
Findige Bastler bringen dann ihre als Särge verschrienen Lautsprecher in eine gefällige Form: durchsichtige Boxen aus Acrylglas, säulenartige Konstruktionen vom Fußboden bis zur Decke oder unauffällig ins Bücherregal eingepaßte Lautsprechereinheiten, die mit passendem Stoff bespannt werden.
Bei manchen Boxenbauern wird das Basteln freilich bald zur Manie: Hobby-Elektroniker Klinger hat, seit er vor 15 Jahren begann, "schon an die 80 Stück" gefertigt. "Jedesmal glaubt man", so der Bastler, "daß die nächste Box noch besser wird als die vorige."
S.256 Hans Herbert Klinger: "Lautsprechergehäuse-Baubuch". Franzis Verlag, München; 104 Seiten; 7,80 Mark. *

DER SPIEGEL 40/1980
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