03.03.1980

BÜCHERTote Seelen

In zahlreichen Publikationen dieses Frühjahrs halten Söhne und Töchter Zwiesprache mit ihren Nazi-Vätern.
Wie überliefert man Väter, die weder Naziverbrecher noch Widerstandskämpfer waren? Wie bringt man sie einzeln und lebendig durch die Mühle der Pauschalvorstellungen und -urteile?"
Mit dieser Frage setzt die Pfarrerstochter Ruth Rehmann ihren Roman "Der Mann auf der Kanzel" in Bewegung. Das Buch ist eine der zahlreichen Publikationen dieses Frühjahrs, in denen Söhne und Töchter versuchen, ihre Nazi-Väter zu rehabilitieren, das heißt, sie nicht auf ihre aktive oder passive Beteiligung am Hitler-Faschismus zu reduzieren, sondern sie als womöglich doch auch liebenswerte Privatpersonen zu sehen.
Um es vorwegzunehmen: All diese Versuche scheitern, und sie scheitern nicht an der Selbstgerechtigkeit der Nachgeborenen, sondern daran, daß eben ihr um Gerechtigkeit bemühter Blick ins Familienleben, in die Vorlieben und Alltagsmaximen der Nazi-Väter nur bekräftigt, was widerlegt werden sollte.
So beginnt etwa das Vater-Buch von Christoph Meckel
( Christoph Meckel: "Suchbild. Über ) ( meinen Vater". Claassen Verlag, ) ( Düsseldorf; 192 Seiten; 20 Mark. )
durchaus versöhnlich mit der Skizze vom "Glück der ersten Erinnerung", wie er neben dem Vater im DKW sitzt und während S.228 der Fahrt über die Chausseen der Mark Brandenburg "eine wunderbare Gewißheit in seiner Nähe" verspürt.
Aber je länger Meckel seinem Vater, dem in den 30er Jahren bekannten Schriftsteller Eberhard Meckel, nachschaut, wie er da unberührt von der Außenwelt "ruhige Verse in traditioneller Manier" schrieb und, gerade dreißig Jahre alt, ein Haus baute, "in dem er alt werden wollte", wie er sich hinter einem Wall von Sonnenblumen mit heroischen Redensarten vom "Anstand in würdeloser Zeit" sich Augen und Ohren zuhielt, während vor seinen toten Augen die Nachbarn von der Gestapo abgeholt wurden, je länger er diesem ignoranten Adligen des Geistes, dem die Nazis nicht fein genug waren, zuschaut, desto mehr verblaßt das Bild von dem Vater, der dem Kind einmal "Spielmeister, großer Bruder, Vertrauter und Freund" gewesen war.
"Suchbild" hat Meckel das von erkalteter Enttäuschung geprägte Porträt seines Vaters betitelt, und tatsächlich sucht man genauso wie der Autor vergebens nach einem Lebenszeichen in dieser von leeren Idealen bestimmten Biographie einer toten Seele, die sich in Tagebuchnotizen der "Ehre" rühmt, "die uns keiner raubt" und anschließend wie von einer Kaffeefahrt berichtet: "Auf einem Umweg zum Mittagessen Zeuge der Erschießung von 28 Polen ..."
Meckel beschreibt freilich kein exotisches Ungeheuer, sondern den Durchschnittstyp einer Generation und einer Klasse, die sich dem Adel des Geistes und der kultivierten Manieren zurechnete und die Verbrechen, die sie schweigend deckte, ganz selbstverständlich für geboten und anständig hielt.
In seinen privaten Notizen rühmt sich der Offizier Meckel seiner besonderen Verdienste um Ehre und Moral, die ein "sinnlos betrunkener" Leutnant beschmutzt hatte. Mit brachialem Stolz notiert er: "Sechs Monate Gefängnis, von mir über das geforderte Strafmaß hinausgehend beantragt".
Daß die Brutalität der honorigen Männer mit dem unerschütterbaren Bewußtsein der verfolgenden Unschuld vom NS-Staat nicht einmal erpreßt werden mußte, das belegt Christoph Meckel stärker noch als durch die Publikation dieser sklavisch triumphalen Offiziers-Notizen mit der Beschreibung der privaten Verhaltensweisen des Vaters, die demselben menschenleeren Idealismus gehorchten wie seine öffentlichen.
Im Namen der Sauberkeit kontrollierte er die Fingernägel der Kinder, im Namen der Menschlichkeit, "damit Recht geschähe und das Recht sich dem Kind einpräge", brachte er die Prügelstrafe zur Anwendung: als individuelle Personen kamen die Kinder nicht in Betracht, weil der Vater selbst nicht als individuelle Person, sondern S.229 nur als Befehlsempfänger der höheren Ideale handelte, die lebendige Menschen nicht vorsehen.
Dieses ausgestorbene Innenleben der Nazi-Väter, dieses Innenleben mit seinen vernichtenden Endgültigkeiten ist auch das Trauma, das Brigitte Schwaiger in ihrem neuen Buch "Lange Abwesenheit" zu bewältigen versucht.
( Brigitte Schwaiger: "Lange ) ( Abwesenheit". Paul Zsolnay Verlag, ) ( Wien/Hamburg; 128 Seiten; 18 Mark. )
Nicht anders als Vater Meckel betätigt sich auch Vater Schwaiger, der stets hilfsbereite Arzt, als unnahbarer Vorgesetzter seiner Kinder. "Ein Vater, ein richtiger Vater, ist einer, den man nicht umarmen darf, den man nicht unterbrechen darf, wenn er spricht, dem man antworten muß, auch wenn er zum fünftenmal dasselbe fragt ..."
Daß der Vater Nazi und ein fideler Antisemit war, bleibt bei Brigitte Schwaiger nur eine formale Feststellung. Was sie umtreibt, ist ihre zwanghafte Liebe zum Vater, zu einem Denkmal seiner selbst, das die Tochter zu Leben und Liebe erwecken will.
Aber alle Versuche, ihm eine menschliche Regung der Zuneigung zu entlocken, scheitern an der herrischen Hilflosigkeit des Vaters, außerhalb von Vater-Amt und Männer-Würde zu reagieren.
Noch auf dem Totenbett hat er der Tochter nur Amtliches mitzuteilen, indem er der Hoffnung Ausdruck verleiht, daß sein Sterben "nicht ohne Würde sein wird". "Würde, denke ich, warum nicht ein Schrei, an den ich mich erinnern könnte, später, einmal etwas haben von ihm, einmal etwas Menschliches."
Man könnte glauben, die Autoren hätten voneinander abgeschrieben, so zum Verwechseln ähnlich sind sich diese selbsternannten Ausnahmeerscheinungen der Mitläufergeneration.
Auch Pfarrer Rehmann, "Der Mann auf der Kanzel", die Hauptfigur in Ruth Rehmanns gleichnamigem Buch, ist so ein Musterfall von schematischer Existenz.
( Ruth Rehmann: "Der Mann auf der Kanzel. ) ( Fragen an einen Vater". Carl Hanser ) ( Verlag, München; 216 Seiten; 28 Mark. )
War die Autorin mit dem Vorsatz angetreten, die individuelle Person des Vaters den Pauschalvorstellungen über die Nazi-Generation entgegenzuhalten, so deckt sie gerade durch ihre Bemühung um menschliches Verständnis für den Mitläufer-Vater unfreiwillig auf, daß er immer nur roboterhaft den Vorurteilen eines deutschen Elite-Bewußtseins folgte.
Tief ins Hinterland des NS-Faschismus folgt Ruth Rehmann ihrem gottesfürchtigen Vater, dem die Republik mit dem Pöbel der Wählermassen zuwider ist.
Heroisch bis zur Lächerlichkeit hält der Vater das versunkene Kaiserreich aufrecht, schreibt Geburtstagsbriefe an Wilhelm II.: auf allerfeinstem Büttenpapier, S.230 und diese Briefe, nur diese, trägt der Vater selbst zur Post. Die reale politische Außenwelt der Weimarer Republik, die Straßenkämpfe, Demonstrationen und Reden werden mit kaiserlicher Großzügigkeit gerade eben noch verziehen: man will noch einmal nichts gesehen und gehört haben. Wenn draußen die Demonstranten lärmten, hieß es nur: "Mach das Fenster zu]" Wenn im Radio politische Redner sich salonunfähig erhitzten, wies er sie aus dem Zimmer: "Stell den Kasten ab]"
Eben diesen hermetischen Willen zur Macht, die Welt auf eigene Faust zu bereinigen, vollstreckten die Nationalsozialisten.
Christian Schultz-Gerstein
S.225 Christoph Meckel: "Suchbild. Über meinen Vater". Claassen Verlag, Düsseldorf; 192 Seiten; 20 Mark. * S.229 Brigitte Schwaiger: "Lange Abwesenheit". Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg; 128 Seiten; 18 Mark. * Ruth Rehmann: "Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater". Carl Hanser Verlag, München; 216 Seiten; 28 Mark. *

DER SPIEGEL 10/1980
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