29.09.1980

MEDIZINFroh und dankbar

Patienten mit Hämorrhoiden sind meist arm dran. Die Ärzte streiten über hilfreiche Behandlungsarten, es herrscht eine „beklemmende Konfusion“.
Weil das Leiden so langwierig und gelegentlich schmerzvoll, die Heilungsaussichten jedoch stets dürftig waren, riefen Hämorrhoidenträger und deren Helfer im frommen Mittelalter immer gleich zwei Schutzheilige um Beistand an: Sankt Antonius und seinen Kollegen Fiacrius.
Damals wie heute war unter den Patienten die Befürchtung weit verbreitet, bei Hämorrhoiden sei die Behandlung schwerer zu ertragen als die Krankheit -- womöglich zu Recht, wie jetzt die Ärztezeitschrift "Medical Tribune" mitteilt: "Proktologie",
( Von griech. proctos = After und logos = ) ( Lehre. )
die Lehre von den Erkrankungen des Enddarms, sei eine "Geheimwissenschaft", und auf den Kongressen der Proktologen fühle man sich "eher im Mittelalter als in der Neuzeit".
Bei der Behandlung der delikaten Leiden gebe es bisher nicht mal einen "Ansatz einer Standardisierung". Jeder ärztliche Experte schwöre auf seine eigene Methode: "Von der therapeutischen Zurückhaltung bis zu aggressivem Vorgehen" scheine "alles erlaubt zu sein, was gefällt". Für den Patienten sei guter Rat deshalb "Glücksache".
Ohnehin geben sich nur wenige Ärzte mit den schmerzhaften Aderknoten des Mastdarms ab. Dabei leiden nahezu 70 Prozent aller Erwachsenen über 30 Jahre an Hämorrhoiden. Jedem S.269 fünften davon werden die Beschwerden irgendwann so unangenehm, daß er einen Arzt um Rat fragt. Meist verordnet der Doktor, oft ohne genaue Untersuchung, schmerzstillende Zäpfchen und entzündungshemmende Salben. Damit ist freilich wenig geholfen.
Denn die Hämorrhoiden können sich nur zurückbilden, wenn durch eine Operation oder durch örtliche Injektionen der Blutzufluß unterbunden wird. Nur so verlieren die lästigen Symptome -- Brennen, Juckreiz, Blutungen -ihre anatomische Grundlage. Im Mittelalter wurde dieses Behandlungsziel mittels Glüheisen angestrebt.
Wie man heutzutage vorgehen sollte, ist auch unter den Proktologen noch immer umstritten. Dr. Werner Roschke, der in Bad Salzuflen ein "Proktologisches Institut" leitet, empfiehlt mit Nachdruck die "Verödungstherapie" durch Injektionen: "Diese Behandlungsmethode leistet Hervorragendes und kann praktisch in allen Fällen große, eingreifende Operationen ersetzen."
Mit einer langen Spezialkanüle spritzt Roschke, Facharzt für Urologie, hinter den Blutbeutel wenige Tropfen einer chininhaltigen Lösung. So wird eine örtliche Entzündung ausgelöst, die nach vier bis sechs Sitzungen alle zu- und abführenden Adern "verödet". Der Verschluß der Blutwege läßt die Hämorrhoiden zusammenschrumpfen. Roschke: "Die Patienten sind in ganz besonderem Maße froh und dankbar."
Den gleichen Effekt sucht der Schweizer Proktologe Alexander Neiger aus Bern auf ganz andere Weise zu erzielen. Der Professor, ein Internist, rät seinen Hämorrhoidenpatienten erst mal zum Verzicht auf Kaffee, Tee, Käse, Schokolade und jedwede Gewürze, da diese angeblich Entzündungen am Darmausgang begünstigen.
Zusätzlich greift Neiger statt zum Injektionsbesteck gern zu einem "Intrarot-Koagulator in Pistolenform". Der infrarote Hitzestrahl verschmurgelt innerhalb einer einzigen Sekunde (die ein "Timer" garantiert) sogar ältere Hämorrhoidenknoten. Neiger: "Eine einfache, leicht erlernbare und ungefährliche Methode. Keine Komplikationen bei über 500 Patienten]"
Bei größeren Hämorrhoiden schwört Frau Dr. Dorothea Geile, Fachärztin für Chirurgie aus München, auf eine ganz andere Behandlungsweise, die "Ligaturtherapie". Dabei schnürt ein Gummiring den Hämorrhoiden das Blut ab. In den letzten beiden Jahren hat sie damit 230 Patienten verarztet. Instrumente und Gummiring sollte der Proktologe "besonders vorsichtig" handhaben, denn gerade bei den kleinen Aderknoten kann, wie die Doktorin zugibt, eine "zu tiefe Ligatur außerordentlich starke Beschwerden und Komplikationen verursachen". Ungeachtet solcher Risiken ist auch Frau Geile ihrer Sache sicher: "Eine einfache, billige und gefahrlose Methode."
Mit den gleichen Attributen schmückt sich als vierte Behandlungsmethode auch die "Kryotherapie", welche der verborgenen Pein mit eisiger Kälte kommt. Roschke, der unter den deutschen Proktologen als der erfahrenste Hämorrhoidenfeind gilt, urteilt allerdings: "Ich habe das an einigen hundert Patienten ausprobiert und hatte nur wenige Erfolge." Über die positiven Berichte etlicher Kälte-Anwender hat Roschke ein sehr frostiges Urteil: "Diese Erfolge waren wohl mehr Folge des guten Honorars der Herstellerfirma."
Bei den Proktologen, berichtete die "Medical Tribune" ihren ärztlichen Lesern Anfang des Monats, herrsche eben "rund um den Analkanal eine beklemmende Konfusion". Statt Wissenschaft werde Magie praktiziert, nach der Devise "Ich habe das schon immer so gemacht" halte jeder Experte die eigene Therapie für "alleinseligmachend".
Wissenschaftlich kontrollierte Therapiestudien, deren Langzeit-Ergebnisse man untereinander vergleichen könnte, fehlen bisher. Der Aachener Chirurgie-Professor Dr. Martin Reifferscheid, der unlängst in Hamburg ein Zusammentreffen der meinungsbildenden Proktologen auf milde Art moderierte, fragte sich und die anderen Enddarmexperten am Ende deshalb resigniert, ob die aktive Therapie überhaupt erforderlich sei. Vielleicht, so Reifferscheid, sei ja auch mit Zäpfchen, Salbe, Hygiene und dem Verzicht auf Abführmittel geholfen.
Wie auch immer: Der ordentliche Professor ist sicher, daß auch heutzutage für einen Proktologen "viele Wege nach Rom führen".
Zu Sankt Antonius und dem heiligen Fiacrius?
S.267 Von griech. proctos = After und logos = Lehre. *

DER SPIEGEL 40/1980
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