12.01.1981

DDRWie im Zoo

Bundesbürger, die in die DDR übersiedeln, werden erst einmal in eine Art Gefängnis gesteckt.
Den ersten Eindruck von bürokratischen Kinkerlitzchen, mit denen die DDR ihre zukünftigen Staatsbürger willkommen heißt, erhielt der Malerlehrling Frank Heyda, damals 18, nachts um drei.
Grundsätzlich, eröffnete ihm der Offizier des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) beim Aufnahme-Verhör, seien er S.78 und seine Kollegen als "Herr Sachbearbeiter" anzusprechen. Allen anderen Lager-Mitarbeitern -- Hausmeistern und Heizern, Fahrern und Kaltmamsells -- gebühre als korrekte Anrede der Titel: Herr oder Frau "Kultur".
Die Vernehmung endete mit der Frage: "Wer hat Sie geschickt, und was ist Ihr Auftrag?" -- Empfang eines Bundesbürgers im Lager Röntgental bei Zepernick, nordöstlich von Berlin.
Die Erfahrungen des Lehrlings Heyda sind typisch für das Mißtrauen, mit dem die DDR-Behörden Westdeutsche aufnehmen, die vom Kapitalismus in den real existierenden Sozialismus wechseln. Denn wer freiwillig in die DDR komme, so argwöhnen die Vernehmer des Ministeriums für Staatssicherheit, der müsse ein Krimineller sein oder etwas im Schilde führen.
Anders als deutsche Aussiedler aus der Ost-Republik, die hierzulande automatisch Bundesbürger werden, müssen die DDR-Aspiranten im Zentralen Aufnahmeheim Röntgental erst einmal beweisen, ob sie, so ein Stasi-Mann, "überhaupt reif sind für die Staatsbürgerschaft der DDR" -- in stundenlangen Verhören über ihre Gesinnung und Vergangenheit.
Wie viele Bundesbürger die DDR-Matura erhalten, ist unklar. Die SED schweigt sich über die Zahl der Antragsteller beharrlich aus. Und das Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen führt, so die offizielle Lesart, keine Statistik über die Abgänge in Richtung Ost.
Die Motive der Übersiedler dagegen sind bekannt. Mehr als zwei Drittel, schätzt ein Beamter des Franke-Ministeriums, sind ehemalige DDR-Bürger, die im Westen nicht zurechtkamen; der Rest Straffällige oder Leute, die wegen finanzieller oder privater Schwierigkeiten in der DDR ganz von vorn anfangen wollen.
Doch gleichgültig, welche Gründe die Einwanderer bewegen -- willkommen, so scheint es, sind nur die Übersiedler, die nicht aus der Bundesrepublik stammen.
Höflich ersuchte das Ost-Berliner Innenministerium in der Mauerstraße etwa die 24jährige Schweizer Sprachstudentin Erika Mangold, die mit ihrem Freund, einem Wissenschaftler, zusammenleben wollte, sie möge doch bitte mit dem Zug nach Fürstenwalde fahren.
Zwei Zivilisten holten die Schweizerin am Bahnhof Fürstenwalde ab und brachten sie zum gleichnamigen Lager: eine "Kreuzung zwischen Schloß und Gutshof" (Mangold), in einem heckenumsäumten Park gelegen, mit Gesindehaus und Freitreppe.
Ihren ersten Dienst für die neue Heimat leistete Erika Mangold als Informantin. Wöchentlich einmal fragte sie ein Beamter des Staatssicherheitsdienstes jeweils etwa 20 Minuten lang über ihre Kommilitonen und deren politische Aktivitäten aus.
Doch leben ließ es sich gut im Lager Fürstenwalde.
Die Mahlzeiten während Erika Mangolds Sechswochenaufenthalt wurden von Serviererinnen mit weißen Häubchen im Haar aufgetragen, auf dem Schloßhof war ein Volleyballnetz gespannt, in dem zum Fitneßraum umgebauten Keller standen Turngeräte, Hanteln, Expander und Tischtennisplatte. Die Bewohner, eine Übersetzerin aus der Schweiz, zwei tunesische Ingenieure, ein Spanier, durften -- wenn auch unter Aufsicht -- telephonieren.
Von derlei Vergünstigungen können die Insassen von Röntgental nur träumen. Das Lager ist eine Mischung von Archipel Gulag und Jugendherberge.
Eine Eskorte, die ihn vom Grenzkontrollpunkt Marienborn begleitete, lieferte den Malerlehrling Frank Heyda nach fünf Stunden Fahrt im Lager ab. Das war am 10. Januar 1980, um Mitternacht. Erst nach lautem Klopfen und Fußtritten gegen das stählerne Lagertor wurde er eingelassen.
Heyda begann, wie alle Übersiedlungswilligen, die Lagerzeit mit einer mehrtägigen "Quarantäne": im Fünfzehn-Bett-Zimmer einer Baracke, die vom Rest des Lagers durch Maschendrahtzaun getrennt ist.
Morgens, mittags und abends kam eine Frau "Kultur" mit dem Essens-Tablett. Verhöre mußte der 18jährige, der mit 14 im Zuge der Familienzusammenführung aus der DDR-Kreisstadt Burg in den Westen hatte ziehen dürfen, täglich über sich ergehen lassen, manche dauerten drei Stunden.
Denn in seinem zerfledderten roten Notizbuch fanden die Stasi-Leute fast 150 Namen, Adressen und Telephonnummern von Aktiven der westdeutschen Links-Szene. Hevda kennt Genossen der Trotzkisten-Sekte "Sozialistische Arbeitergruppe" und der "Roten Hilfe", er hat Kontakte zu einem "Kommunikationszentrum Wildes Huhn" in Salzgitter und zum Erziehungsheim "Buchenhof" bei Herford.
Solche Informationen, für den Fortbestand der DDR offenbar von unschätzbarem Wert, gingen die Vernehmer Punkt für Punkt durch. Besonders hellhörig reagierten die Herren "Sachbearbeiter" auf Heydas Erzählungen über den Verfassungsschutz.
Ewig pleite und bei der Polizei wegen Scheckfälschung, Sachbeschädigung eines Informationsstandes von Kernkraftbefürwortern, schwerer Körperverletzung bei Demonstrationen gegen Neo-Nazis einschlägig bekannt, war Heyda in Hannover auf das Angebot eines niedersächsischen Verfassungsschützers (Deckname: "Gobard") eingegangen. Für monatlich 300 Mark, eingezahlt auf ein von dem Beamten verwahrtes Sparbuch mit falschem Namen, sollte er politische Wohngemeinschaften und Kneipen auskundschaften.
Emsig trugen die östlichen Staatsschützer Informationsbröckchen um Informationsbröckchen zusammen. Nach dem achten Tag war das Plansoll -- Einzelheiten zu jeder der 150 Adressen -- erfüllt. Feierlich überreichte eine Frau "Kultur" Heyda sein erstes Wochengeld im verschlossenen Briefumschlag: 14 Mark (Ost). Fortan durfte der Übersiedler am normalen Lagerleben teilnehmen.
Der Lageralltag in Röntgental beginnt um 6.30 Uhr, wenn die Aufseherin durch die Flure geht und an die Türen trommelt. Nach dem Frühstück in der Kantine (zwei belegte Brötchen, schwarzer Tee) teilt die Dame Tisch- und Putzdienste ein.
Danach passiert nichts mehr, können die rund 100 DDR-Petenten nur noch aufs nächste Verhör warten, Schach oder Pingpong spielen -- fürs ganze Lager steht nur eine Tischtennisplatte zur Verfügung. Die meisten schlagen die Zeit mit Fernsehen tot. S.79 Als Lektüre können sie sich Bände über den Aufbau der DDR, Sachliteratur über Landwirtschaft und Produktion und ein halbes Dutzend Kinder("Luise auf dem Fahrrad") oder Jugendbücher ausleihen.
Alle zehn Tage werden Filme oder Dias vorgeführt: russische Spielfilme über den Weltkrieg und ein aus Wochenschau-Bildern zusammengestelltes Werk über den Mauerbau. Die Lagerinsassen kommentieren die Streifen mit keinem Wort, an der Rückwand des Tagesraumes lehnt eine Frau "Kultur".
Außerhalb der Baracken dürfen die Lagerbewohner nur auf dem Fußweg an den Wohnbaracken (siehe Graphik) gehen. Die Areale in der Nähe einer doppelt mannshohen Stahlmauer oder beim Parkplatz, wo die aus dem Westen mitgebrachten Autos stehen, sind verbotenes Gelände -- es bleiben rund 200 Meter Gehweg und der Spielplatz mit Klettergerüst und Kinderschaukel. Scharrend schieben sich an schönen Nachmittagen Dutzende von Menschen auf den Wegen aneinander vorbei. "Manchmal", sagt Heyda, "war es voll wie sonntags im Zoo."
Wer aufs Klettergerüst steigt, kann im Osten Zepernick erblicken. Zwischen den Baracken patrouillieren bewaffnete Posten, umgeben ist das Gelände mit Mauer, Stacheldraht und Peitschenlampen.
Mehr als Enge und Gängelei störten Heyda und andere Westler Langeweile und die Unsicherheit über die Zukunft -- zumal die "Sachbearbeiter" immer unwirscher auf Fragen nach der Entlassung aus dem Lager reagierten.
Um so eifriger bohren sie, wenn einmal alle Fragen über Arbeitsplatz, Firma und Kollegen gestellt sind, in der Vergangenheit der Bewerber. Als ein Lagerbewohner einmal die Auskunft verweigerte, wie er sich ein Sparguthaben von 10 000 Mark zulegen konnte, wurde er nach vier Wochen in sein Auto gesetzt und zur Grenze eskortiert.
Je unpräziser die Bundesdeutschen antworten, desto länger dauert meist ihr Aufenthalt -- fast jede Angabe wird nachrecherchiert.
Drei Monate lang hauste eine Mutter mit ihrer siebzehnjährigen Tochter in der Frauenbaracke ("Haus sieben"). Sie hatte zu ihrem westdeutschen Ehemann ausreisen dürfen, kehrte dann aber ein halbes Jahr später in die DDR zurück, als die Ehe in die Brüche ging.
Der rund 20jährige Klaus Wächter,
( Name von der Redaktion geändert. )
angeblich Sohn eines höheren SED-Funktionärs, mußte sogar rund vier Monate bleiben. Er hatte, nach einer Gefängnisstrafe wegen versuchter Republikflucht von Bonn freigekauft, die "brutale Härte der westlichen Konsumgesellschaft nicht mehr ausgehalten". Mit Wächter teilte Heyda später Drei-Bett-Zimmer und Tisch -- in Block sechs, der in zehn durch Rigips-Wände getrennten Zimmern Platz für 33 Personen bietet.
Immerhin gelingt es gelegentlich einigen Männern, nächtens zu empfangswilligen Damen in die Frauenbaracke einzusteigen. Die Polizei-Patrouillen werden im Zweistunden-Rhythmus abgelöst. Voraussetzung für die unerlaubten Besuche: Ein Kumpel im Männer-Haus sechs muß per Lichtzeichen mit dem Feuerzeug signalisieren, ob die Luft rein ist.
Bei manchen führt die Ungewißheit, ob sie in der DDR bleiben können, zu Apathie. Und Mißtrauen vergiftet das Klima selbst unter Freunden. Als Heyda-Zimmergefährte Wächter plötzlich teure "Club"-Zigaretten rauchte statt die Billigmarke "Karo", fühlte sich ein Kollege "angeschissen". Wächter habe, so sein Verdacht, den Stasi-Leuten von amourösen Eskapaden berichtet. Resultat: Schlägerei vor Haus vier.
Der Lagerkoller erwischte auch einen Familienvater aus Bayern (sieben Kinder) -- er ohrfeigte eine Frau, weil sie sich bei der Essensausgabe vorgedrängelt habe. Und wenige Tage später machte ein nach eigenen Erzählungen früherer Angehöriger der spanischen Fremdenlegion Randale. Schreiend stürmte er zum Lagereingang und trat gegen die Eisentür: "Laßt mich raus, ihr Schweine." Tags darauf wurde er zur westdeutschen Grenze abgeschoben. Begründung: Er sei nicht gefestigt genug für die DDR-Bürgerschaft.
Anfang März war die Reihe an Heyda. Seine Sachbearbeiter konfrontierten ihn -- nach fünf Wochen ohne Verhör -- mit Einzelheiten aus seinen Tagen in der Bundesrepublik und mit Aussagen seines Bruders, der im (West-)Auffanglager Gießen westdeutschen Beamten Details über DDR-Militärtransporte mitgeteilt haben soll.
Als zwei aus Berlin angereiste Spezialisten dann wieder die alte Frage stellten, was sein "Auftrag" sei, trat Heyda in den Hungerstreik.
Nach zehn Tagen schlug er seine Zimmereinrichtung zu Kleinholz. Am 26. März brachte ihn ein Kleintransporter zurück an die Grenze.
S.79 Name von der Redaktion geändert. * (a) Eingang; (A) Wache; (B) vermutlich Stasi-Unterkunft; (C) Heizungskeller, Werkstatt; (D) Hausmeister-Wohngebäude, Büroräume für Heimangestellte. Haus 1: Speisesaal, Küche, Vernehmungsbüro. Im ersten Stock vermutlich Stasi-Büros, Archive. Haus 3: sogenannte Quarantänestation mit Maschendrahtzaun (h). Haus 4: HO-Laden, Arzt-Praxis, Büroräume Heimleiter, Unterkunftsräume Angestellte. Haus 5 bis 7: Wohnbaracken der Antragsteller. Verwendungszweck der Häuser (E), (F) unbekannt; (c), (d) Umgrenzungsmauer mit Stacheldrahtzaun; (e) Fußweg; (i) Zufahrtsstraße. Römische Ziffern dienten dem Zeichner als Klebemarkierungen für die in einzelnen Abschnitten transportierte Skizze. *

DER SPIEGEL 3/1981
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