10.03.1980

„Rolle des Vaters neu bestimmen“

SPIEGEL-Interview mit dem Kinderpsychologen Wassilios Fthenakis Wassilios E. Fthenakis ist Leiter des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik. An dem 1972 gegründeten Institut beschäftigen sich Psychologen und Pädagogen vor allem mit kindlichen Entwicklungsproblemen im Vorschulalter. Derzeit laufende Forschungsprojekte dienen etwa dem Ziel, Drei- bis Fünfjährige auf den Schulantritt vorzubereiten oder Ausländerkindern die Anpassung in der Schule zu erleichtern.
SPIEGEL: Neuerdings wird dem Vater eine größere Rolle bei der Kindererziehung zugestanden. Sie selber haben seit längerem darauf hingewiesen, daß die überlieferte Vaterrolle überholt sei -- wie ist sie entstanden?
FTHENAKIS: Die Vaterrolle war in unserer Kultur sehr stark durch die jüdisch-christliche Tradition geprägt, besonders durch die Vorstellung von Gott als dem strafenden und über seine Kinder erzürnten Vater. In den Beschreibungen des vorigen Jahrhunderts finden wir den Vater dargestellt als tyrannisches Familienoberhaupt, distanziert, mit wenig emotionaler Beziehung zu seinen eigenen Kindern.
SPIEGEL: Gibt es nicht auch gesellschaftliche Ursachen für dieses Vaterbild?
FTHENAKIS: Sicher, die industrielle Revolution hat dieses Bild wesentlich mitgeprägt: Infolge sich wandelnder Arbeitsverhältnisse war der Vater länger von zu Hause abwesend, und die Kinder konnten sich nur selten eine S.58 Vorstellung von seiner Arbeit machen; diese Distanz bestimmte auch die Beziehung zwischen Vater und Kindern. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert -- offenbar wenden sich die Väter jetzt eher den Kleinkindern zu.
SPIEGEL: Hat das vielleicht auch etwas mit der Frauenbewegung zu tun?
FTHENAKIS: Es sieht so aus, als ob der Frauenbewegung eine Männerbewegung vorausgegangen sei, die eine Aufwertung der Vaterrolle zur Folge hatte. Zweifellos hat das wachsende Interesse der Männer an der Kinderpflege das soziale Prestige dieser Tätigkeit erhöht, so daß sie auch für die Frauen nicht mehr als minderwertig gelten muß.
SPIEGEL: Sind das Vermutungen oder Tatsachen?
FTHENAKIS: Auf diesem Gebiet gibt es viele Spekulationen, aber erst wenige empirische Untersuchungen, zumindest zur Zeit.
SPIEGEL: Sie weisen damit höflich auf die Unzulänglichkeiten einer Reihe von Studien hin, die von Psychoanalytikern stammen. Gibt es denn überhaupt experimentelle Untersuchungen auf diesem Gebiet?
FTHENAKIS: In den siebziger Jahren haben wir, gewissermaßen, eine Renaissance der Kinderforschung erlebt. Ein Forschungsschwerpunkt war dabei die Rolle des Vaters in der Entwicklung des Kindes. Zieht man eine Zwischenbilanz, so zeigt sich deutlich, daß wir die Rolle des Vaters neu bestimmen müssen. Auch wenn uns die Forschung in vielen Fragen im Stich läßt, reichen die Ergebnisse aus, um viele tradierte Annahmen über die Bedeutung des Vaters in der Kindererziehung in Frage zu stellen.
SPIEGEL: Beziehen wir das auf das Thema des Sorgerechts: Die bisherige Praxis geht davon aus, daß die Mutter die wichtigste und oft sogar einzige Bezugsperson für das Kleinkind darstellt.
FTHENAKIS: Von diesem Mythos muß man endlich Abschied nehmen. In vielen experimentellen Arbeiten der letzten Jahre konnte immer wieder nachgewiesen werden, daß Kinder in den ersten beiden Lebensjahren auf die Trennung von der Mutter nicht heftiger reagierten als auf die Trennung vom Vater.
SPIEGEL: Gelten diese Ergebnisse unter allen Umständen?
FTHENAKIS: Einige Arbeiten haben uns veranlaßt, dieser Frage nachzugehen. Es hatte sich etwa gezeigt, daß Kinder unter Streß eher bei der Mutter Zuflucht suchten. Neuere Arbeiten zeigen jedoch, daß einjährige Kinder unter Streß bei dem Elternteil Zuflucht suchen, der gerade anwesend ist; sind beide Eltern verfügbar, bevorzugen Einjährige zwar die Mutter, Zweijährige aber nicht mehr. S.59
SPIEGEL: Man kann also von engen Beziehungen zwischen Kleinkind und Vater schon im ersten Lebensjahr sprechen.
FTHENAKIS: Ganz sicher; neuere Studien sind weitgehend übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, daß Kleinkinder zu ihren Vätern schon im Laufe des ersten Lebensjahres eine Beziehung entwickeln und die Kinder sogar häufig den Vater der Mutter vorziehen.
SPIEGEL: Wo bleibt dann die These von der Mutter als einziger und wichtigster Bezugsperson für das Kleinkind?
FTHENAKIS: Die wurde, meine ich, recht unreflektiert aus psychoanalytischen Überlegungen übernommen; sie beruht auf Voreingenommenheit und unzulänglichen Forschungsmethoden mancher Autoren.
SPIEGEL: Können Sie Beispiele nennen?
FTHENAKIS: Einige Theoretiker haben etwa den Standpunkt vertreten, daß die Vater-Kleinkind-Beziehung lediglich eine Verdoppelung der Mutter-Kleinkind-Beziehung darstelle. Experimentelle Arbeiten aber zeigen, daß Väter und Mütter sich ihren Kindern gegenüber recht ungleich verhalten; sie nehmen die Kinder zu unterschiedlichen Zwecken auf -- die Mutter überwiegend zu Pflegezwecken, der Vater zum Spielen: Er erweist sich häufig als der einfallsreichere Spielgefährte.
SPIEGEL: Vermutlich löst das bei den Kindern auch unterschiedliche Reaktionen aus?
FTHENAKIS: Selbstverständlich, es hat sich erwiesen, daß 90 Prozent der S.61 Jungen gegen Ende des zweiten Lebensjahres den Vater bevorzugen. Bei Mädchen haben wir kein so eindeutiges Bild, doch bestätigen die Forschungsergebnisse auch hier nicht gerade die These von der ausschließlichen Mutterbindung.
SPIEGEL: Welche speziellen Fragen, im Hinblick auf die Bedeutung des Vaters, wurden in den letzten Jahren untersucht?
FTHENAKIS: Einen breiten Raum nehmen Studien ein, die sich mit dem Einfluß des Vaters auf die Geschlechtsrollenfindung des Sohnes befassen. Auch besteht Interesse daran, wie der Vater die Weiblichkeit der Tochter beeinflußt. Andere Untersuchungen gelten dem Anteil des Vaters an der intellektuellen, emotionalen und sozialen Entwicklung der Kinder. Und von besonderem Interesse sind Arbeiten, die sich mit dem Problem der Abwesenheit des Vaters beschäftigen.
SPIEGEL: Ergebnisse?
FTHENAKIS: Stark vereinfachend kann man sagen, daß für die maskuline Entwicklung des Sohnes die bloße Dauer der Vaterabwesenheit nicht ausschlaggebend ist. Auch scheint die Übernahme von Haushaltspflichten durch den Vater keinen ungünstigen Einfluß auf die männliche Entwicklung des Sohnes auszuüben.
Eher scheint eine relative Umkehrung der elterlichen Rollen bei der Entscheidungsgewalt in der Familie für die männliche Entwicklung des Sohnes von Bedeutung zu sein. Wichtig ist dabei das Maß, in dem der Sohn den Vater als dominant erlebt: Konkurriert die Mutter mit ihrem Mann um die Entscheidungsfunktion, so schwächt das die Männlichkeit des Sohnes, selbst dann, wenn der Vater als überlegen und männlich erscheint.
SPIEGEL: Lassen sich daraus schon Regeln für das Verhalten des Vaters ableiten?
FTHENAKIS: Es gibt Gründe für die Annahme, daß männliches Verhalten am besten gefördert wird, wenn ein dominanter Vater den Sohn zu dominanten Verhaltensweisen ermutigt. Allerdings sollte dabei zwischen Vater und Sohn gefühlsmäßig eine enge Beziehung bestehen.
SPIEGEL: Welchen Einfluß übt der Vater sonst noch auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung aus?
FTHENAKIS: Es gibt Zusammenhänge zwischen der Anteilnahme des Vaters und dem Selbstvertrauen des Kindes. Abweisendes väterliches Verhalten oder die dauernde Abwesenheit des Vaters führen oft beim Kind und beim späteren Erwachsenen zu Angst und Fehlanpassung.
Das vom Vater zurückgewiesene Kind ist oft unsicher in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen und kann, wegen seiner übermäßig starken Beziehung zur Mutter, chronische Angst empfinden; bei Jungen dagegen, die sich positiv mit ihrem Vater identifizieren können, sind chronische Angst und schlechte Angepaßtheit relativ selten.
SPIEGEL: Spielt dabei das Alter eine Rolle?
FTHENAKIS: Ganz sicher, in den ersten zwei Lebensjahren wirkt sich die Abwesenheit des Vaters schädlicher aus als im Alter zwischen drei und fünf Jahren.
SPIEGEL: Welche Folgen hat die Abwesenheit des Vaters sonst noch?
FTHENAKIS: Neuere Studien haben ergeben, daß Kinder, die ohne Vater aufwachsen, moralisch unreifer sind als andere, daß sie etwa von ihren Lehrern als aggressiver eingestuft werden, was auf einen Mangel an Selbstkontrolle hinweist. Solche Kinder neigen mehr zu einer unmittelbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse, sie meiden einen Triebaufschub.
Kinder dagegen mit warmherzigen Vätern, die Grenzen in der Erziehung setzen können, entwickeln in sich eine realistische Kontrollinstanz. Das vaterlose Kind hat eben kein Modell, an dem es die Kontrolle aggressiver, zerstörerischer Impulse erlernen könnte.
SPIEGEL: Gibt es weitere Aspekte der Vaterrolle?
FTHENAKIS: Einige Untersuchungen zeigen, daß Kinder, die ohne Vater aufwachsen, kein verläßliches Zeitgefühl entwickeln. Offenbar repräsentiert der Vater die soziale Ordnung; seine Bindung an Zeitpläne ist für das Kind eine wichtige Lektion.
Untersuchungen über Jugendkriminalität weisen nach, daß bei der jugendlichen Delinquenz die Abwesenheit des Vaters eine größere Bedeutung hat als die der Mutter. Speziell in den sozialen Unterschichten ist häufig Kriminalität ein Versuch, als besonders männlich zu erscheinen.
SPIEGEL: Wie steht es mit dem Einfluß des Vaters auf die Entwicklung der Töchter?
FTHENAKIS: Wir wissen, daß Väter ein größeres Interesse an den Unterschieden in den Geschlechterrollen haben, sie wirken deshalb mit ihrem ganzen Verhalten eher auf eine deutliche Differenzierung hin, so daß ihr Einfluß auf die Geschlechtsidentität sowohl bei den Söhnen wie bei den Töchtern stärker ist als der mütterliche Einfluß.
Bedauerlicherweise haben die Väter oft sehr schematische Vorstellungen von den Geschlechtsrollen; in ihrem Eifer, die Töchter feminin zu machen, entmutigen sie häufig die Mädchen, ihre intellektuellen und physischen Fähigkeiten zu entfalten.
SPIEGEL: Wenn man alle Forschungsergebnisse zusammenfaßt -- welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Sorgerecht?
FTHENAKIS: Ich bin kein Jurist, doch würde ich zusammenfassend meinen, daß der Vater eine gleichberechtigte, in einigen Entwicklungsphasen und Verhaltensbereichen der Kinder noch wichtigere Rolle spielt als die Mutter.
Die Grundannahme, das Kind habe in den ersten beiden Lebensjahren nur zur Mutter eine enge Beziehung, kann nicht bestätigt werden. Alles in allem ergänzt sich der Einfluß beider Elternteile bei der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung.
SPIEGEL: Was bedeutet diese Erkenntnis für die Problematik des Sorgerechts?
FTHENAKIS: Wenn man die internationale Literatur unter diesem Gesichtspunkt analysiert, so steht jedenfalls fest, daß dem Vater im Sorgerecht künftig eine neue Rolle zugestanden werden muß -- eine Rolle, die im Interesse der Kinder frei sein sollte von überlieferten Vorurteilen.

DER SPIEGEL 11/1980
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