12.01.1981

RECHTSRADIKALELebende Zeitbombe

Der Mordschütze Frank Schubert, der in der Schweiz zwei Beamte erschoß, gehörte zu der bislang kaum bekannten „Volkssozialistischen Bewegung“, die militante Neonazi-Kader aufbaut.
Als Rechtsextremist war Frank Schubert, 23, der Polizei bestens bekannt, fünfmal im abgelaufenen Jahr hatte sie ihn festgenommen.
Mal prügelte er in der Frankfurter Innenstadt mit einem Rudel von Rechtsradikalen auf Passanten ein, mal kam er in Paris in Haft, weil er mit Totenkopf und Hakenkreuz auf Helm und Kampfjacke durch die Straßen marschierte.
Die letzte Nachricht kam aus der Schweiz. Im grenznahen Böttstein lag Schubert, mit Schädeldurchschuß, tot im Straßengraben. Neben ihm fand die Polizei eine Pistole, Baujahr 1938, Kaliber 9 mm und 500 Schuß Munition.
Der Neonazi hatte sich selbst erschossen, nachdem er zuvor den Grenzwachtgefreiten Josef Arnold, 38, und den Kantonspolizisten Walter Wehrli, 31, kaltblütig umgelegt hatte. Der Aargauer Polizeikommandant Leon Bohrer: "Der Täter hat das Combatschießen durch und durch beherrscht."
Bei dem Versuch, mit einem Schlauchboot heimlich Waffen und Munition über den Rhein in die Bundesrepublik zu schmuggeln, war Schubert vom Zöllner Arnold offensichtlich beobachtet und gestört worden. Taucheranzug und Einbruchswerkzeuge wurden später am Fundort des getöteten Grenzwächters entdeckt.
Die Mordtat an der Schweizer Grenze hat die bundesdeutschen Ermittler, ähnlich wie nach dem Bombenanschlag von München, auf die Spur von jungen Rechtsradikalen mit weitverzweigten internationalen Verbindungen geführt. Die Neonazis, so belegt der Fall Schubert, beschränken sich längst nicht mehr auf Parolen, Schmierereien, Uniformtragen, Wehrsportübungen und Waffenhorten -- sie schießen auch.
Schubert gehörte in Frankfurt zur "Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands -- Partei der Arbeit" (VSBD), einer Gruppe, in der sich versprengte Mitglieder der verbotenen "Wehrsportgruppe Hoffmann" ebenso wie Aktivisten der "Kampfgruppe Großdeutschland" und der "Nationalsozialistischen Demokratischen Arbeiterpartei" (NSDAP) gesammelt haben.
Als Bundesvorsitzender, Führer und Leitfigur tritt der Münchner NPD-Veteran Friedhelm Busse, 51, auf, der nach der Devise "Ich werde die Rechte einigen" schon mal einen Anschlag auf die sowjetische Botschaft in Bonn unternahm und der sich nun als Schuberts Ziehvater ausgibt: "Ich habe an die Zukunft dieses sympathischen Jungen geglaubt."
Den Nazi-Stuß, an den die angeblich "knapp tausend" (Busse) Mitglieder glauben sollen, haben die Neubraunen des VSBD in ihrem "Programm für Volkssozialismus" festgelegt. Sie wollen "dem Untergang unserer Nation entgegentreten" und die "Freiheit unseres Volkes", wenn es sein muß, "mit allen erfolgversprechenden Mitteln verteidigen" -- so beschlossen und verkündet auf einem Parteitag in München im März 1975.
Wie ernst die rechten Aktivitäten von Busses Buben zu nehmen sind, wo es langgeht bei den Führer-Fans, darüber hat sich die Staatsschutzabteilung der Frankfurter Kriminalpolizei in der Main-Metropole, der neuen "Hauptstadt der Bewegung" (VSBD-Parole), in den letzten Jahren ein Bild machen können.
Die Volkssozialisten, aufgeputzt mit schwarzen Helmen, Lederkoppel, Khakihemd, ausgerüstet mit Gaspistolen und Schlagringen, ziehen durch Fußgängerpassagen und vor Bürgerhäuser, verteilen Pamphlete wie "Braucht ihr einen Lampenschirm? Schlachtet einen Juden. Es gibt genug von dem Gewürm, und sie sollen bluten."
Die Rekruten von rechts, dem Kindesalter eben entwachsen, werfen Bomben und schreien Nazi-Parolen. SS-Runen am Oberarm, die Hand zum Hitlergruß erhoben, marschieren sie als "Sippe Ulrich von Hutten, Meute Bonames" oder als "Kampfgruppe nationaler Schüler" durch Frankfurter Stadtteile und verprügeln ausländische Kinder. S.85
Wie anfällig Jugendliche auf rechtsextreme Verlockungen reagieren, belegt eine Studie, die der Frankfurter Sozialwissenschaftler Klaus Sochatzy 1980 vorgelegt hat.
( Klaus Sochatzy: "Parole: rechts! ) ( Jugend, wohin? Neofaschismus im ) ( Schülerurteil." R. G. Fischer Verlag, ) ( Frankfurt; 304 Seiten; 24,80 Mark. )
"Gut ein Zehntel" von 867 befragten Schülern und Jugendlichen im Großraum Frankfurt stimmt "in starkem Maße" rechtsextremen Parolen zu, mehr als ein Viertel "in überwiegendem Umfang".
Die Zahl der jugendlichen Mitglieder in rechtsradikalen Organisationen hat sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Die Attraktivität für Jugendliche zeigt, so Sochatzy, daß die "offizielle Haltung des Zuwartens auf das biologisch-automatische Verschwinden des Rechtsradikalismus nicht mehr zu verantworten ist".
Eine "ganz starke Radikalisierung", den Trend zu blutigem Terror und Gewalt am rechten Rand des politischen Spektrums, beobachten hessische Sicherheitsbehörden im Frankfurter Bereich seit Mitte der siebziger Jahre "mit wachsender Sorge". Kriminaloberrat Norbert Thomas: "Mit den Rechten werden wir noch gewaltigen Ärger kriegen."
Wo Staatsanwälte und Richter noch immer von "irregeleiteten Einzeltätern" sprechen, haben sich in Wahrheit militante Zirkel gebildet, die nach Aufbau und Ausrüstung linken terroristischen Vereinigungen vergleichbar sind. Nach dem zunehmenden Zerfall der NPD beobachteten Verfassungsschützer bundesweit eine schon "seit 1974 wachsende Anhängerschaft kleiner, überwiegend militanter neonazistischer Gruppen", zunächst noch "ohne feste Organisationsstruktur" (so der Verfassungsschutzbericht 1979).
Zentrum der Unruhen in Frankfurt ist seit zwei Jahren ein Nazi-Buchladen im Stadtteil Bornheim, betrieben als "Verlag Volk und Kosmos GmbH" von einem schmächtigen Jüngling mit akkurat gescheiteltem Haar namens Ralf Platzdasch, 20, der dort Nachwuchskräfte für seinen "Nationalsozialistischen Schülerbund" (NSB) rekrutiert.
Zu den vielfach als spinnert angesehenen Rechtsradikalen gehören neben Schubert noch zwei Frankfurter "Volkssozialisten", die für die Polizei seit Jahren als "fanatische Neonazis" und "Waffennarren" gelten, auf deren Spur die Beamten auch jetzt wieder bei den Ermittlungen im Schweizer Mordfall stießen:
* Der arbeitslose Portier Wolfgang Koch, 50, vorbestraft wegen Brandstiftung und unerlaubten Waffenbesitzes, wurde festgenommen, weil er Anfang Dezember mit einem von Schubert gemieteten Pkw zum Kauf von Waffen und Sprengstoff, wie die Polizei erkundete, in der Schweiz war.
* Der Elektrolehrling Walther Kexel, 19, führender VSBD-Funktionär und Schriftleiter des Parteiorgans "Der Weg", gegen den in Frankfurt Verfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch anhängig sind, wurde vernommen, weil er wenige Stunden vor der Mordtat noch mit Schubert zusammen war.
Von Karatekämpfer Schubert, der vor drei Jahren in einer "wahrhaft soldatischen Aktion" (ein Kripobeamter) über die Berliner Mauer aus der DDR geflüchtet war, wußte die Polizei bislang schon, daß er "im Streitfall seine Körperkraft und auch Waffen brutal und rücksichtslos einsetzt" (so ein polizeiinterner Bericht vom September).
Der gelernte Koch, der zuletzt in Frankfurt als Kellner und in Mainz als Gärtnergehilfe jobbte, war im Oktober aus seiner Frankfurter Wohnung, Hanauer Landstraße 497, verschwunden. "Bis dahin", so ein Fahnder, "waren wir dem auf die Pfoten getreten, wo es nur ging."
Zwei Tage vor Weihnachten, soviel wissen Beamte des Bundeskriminalamtes inzwischen, tauchte Schubert in der Schweiz wieder auf. Mit einem von Kexel bei der Frankfurter DM Autovermietung GmbH ausgeliehenen VW Jetta (F-DM 925) fuhren beide im schweizerischen Ossingen bei einem 16jährigen Freund vor, der "in NS-Kreisen als Waffenlieferant und fanatischer Neonazi gilt" (ein Verfassungsschützer).
Dessen Mutter identifizierte als Begleiter Schuberts in der Schweiz, nach Vorlage eines Photos, eindeutig Walther Kexel. Wie lange Kexel bei Schubert in der Schweiz blieb, ist bislang ungeklärt, Angaben zu einem Alibi für die Mordzeit verweigert er. Fest steht, daß beide dort gemeinsam Munition gekauft haben.
Auf Weisung des Generalbundesanwalts in Karlsruhe durfte die Kripo den vorübergehend festgenommenen Kexel nur als Zeugen vernehmen, weil seine Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung nicht erwiesen sei. "Die werden immer selbstsicherer", kritisiert ein hessischer Kripo-Fahnder, "weil wir sie gleich wieder laufenlassen."
Diese Einschätzung, Schuberts Mordtat als Aktion eines Einzelkämpfers zu sehen, an der andere Mitglieder einer bundesweiten Neonazi-Organisation nicht beteiligt waren, verkennt nach Auffassung der Staatsschützer die Eigenheiten rechtsradikaler Gewalt.
Attentate von rechts, lehrt die bisherige Erfahrung, werden zwar vornehmlich von Einzeltätern begangen. Aber stets haben die Täter das Hantieren mit Waffen in neonazistischen Grüppchen erlernt. "Jeder von denen", so auch ein Hamburger Kriminalist, "wird als lebende Zeitbombe auf die Menschheit losgelassen."
Wie eng die Verbindung der Ultrarechten zum Mordschützen Schubert war, zeigte sich schon wenige Tage nach der Tat an der deutsch-schweizerischen Grenze. Eine "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" (HNG) will für Schubert ein "ehrbares Begräbnis" (Busse) arrangieren.
Wie das zelebriert werden könnte, haben sich die alten Kämpen Busse und Koch am Dienstag letzter Woche genau angesehen. Sie standen im Spalier der Trauernden, als in Aumühle Großadmiral Karl Dönitz zu Grabe getragen wurde.
S.85 Klaus Sochatzy: "Parole: rechts! Jugend, wohin? Neofaschismus im Schülerurteil." R. G. Fischer Verlag, Frankfurt; 304 Seiten; 24,80 Mark. *

DER SPIEGEL 3/1981
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