14.01.1980

„Schon unsere Kinder lernen töten“

In Afghanistan kämpfen fanatische Widerständler
Startbereite Jagdbomber, Flugabwehrraketen, Geschütze und Panzerrudel hinter in aller Eile aufgeworfenen Erdwällen im kilometerlangen Ring um Kabul; Sowjet-Panzer vom Typ T-62, die in langen Kolonnen über die vereiste Paßstraße in Richtung Khaiber rollen.
Sowjetischer Schützenpanzer in der Steinwüste östlich von Herat, kurz vor der iranischen Grenze, Sowjet-Patrouillen vor Kandahar, keine hundert Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt: Ein an allen strategisch wichtigen Punkten militärisch besetztes Afghanistan -- das war die martialische Wirklichkeit zwei Wochen nach der sowjetischen Okkupation.
Und doch war es nur die halbe Wirklichkeit. Trotz des Einsatzes einer ganzen Luftlande-Division gelang es den roten Eroberern nicht, die unwegsame Provinz Badachschan in die Hand zu bekommen, jene schmale Landbrücke, S.103 die sowohl an die Sowjet-Union wie an China und Pakistan grenzt.
Im bergigen Waldgebiet von Paktia und in den Schluchten vor der Provinzhauptstadt Bamian, nur zwei Autostunden von Kabul entfernt, hatten Aufständische den Aufmarsch der sowjetischen Invasoren gestoppt.
Im Schutz der Dunkelheit beschossen sie fast jede Nacht in Kabul und der Garnisonstadt Dschalalabad einzeln fahrende russische Geländewagen; am vorigen Donnerstag brachten afghanische Insurgenten die Rollbahn für den sowjetischen Nachschub, die Straße Kundus--Kabul nahe der Chindschan-Brücke, in ihre Gewalt.
In fast allen anderen der Provinzen Afghanistans hielt sich der Widerstand einer Guerilla, die in dem unerschlossenen Bergland von einer hochtechnisierten Armee nur schwer zu bekämpfen ist, zumal im eisigen Winter: Zwei Drittel des Landes bestehen aus Gebirgen bis 5000 Meter Höhe, die Bevölkerungsdichte gleicht der von Äthiopien.
Dabei wurde die Frage fast zweitrangig, die westliche Militärexperten beschäftigt: Ob es denn die Sowjets selber sind, die sich dem Partisanenkrieg stellen müssen, wie die Aufständischen behaupten, oder in ihrer Vertretung die Reste der sowjetloyalen afghanischen Armee, wie das Pentagon glaubt.
Beide, sowjetische Kampfverbände und die Afghanen-Armee, haben seit Jahren die gleichen Fahrzeuge und Waffen, Sowjet-Offiziere waren als Panzerkommandanten und Einsatzführer schon vor dem Einmarsch in Afghanistan im Einsatz gegen Aufständische.
Trotzdem: Wenig spricht dafür, "daß die Sowjets in Afghanistan ihr Vietnam erleben", wie es die moslemischen Führer des Widerstandes schon jetzt prophezeien, und zwar nicht nur, weil die Sowjet-Union im besetzten Nachbarstaat eine ungleich bessere logistische Ausgangslage für ihre Operationen hat als seinerzeit die USA im Vietnam-Dschungel, 12 000 Kilometer von Amerikas Küsten entfernt.
Entscheidender dürfte sein, daß sich die bislang nur mit Handfeuerwaffen ausgerüsteten afghanischen Guerilla-Organisationen weder über eine gemeinsame Führung noch über ein gemeinsames Ziel einigen können. Selbst der Haß auf die Sowjet-Besatzer hält sie nicht zusammen -- wenn der Kreml außer seinen Panzern auch die politische Waffe einsetzt.
Denn zwei der stärksten ethnischen Gruppen im afghanischen Vielvölkerstaat haben in ihrem Kampf um die politische Selbständigkeit schon mehrmals auf die russische Karte gesetzt: die Paschthunen und die Belutschen.
Die 60 Stämme der Paschthunen, in Indien Pathanen genannt, zusammen rund 14 Millionen Menschen, leben heute fast zu gleichen Teilen in Afghanistan und Pakistan, mehrheitlich entlang der 1893 von der damaligen britischen Kolonialmacht in Indien willkürlich gezogenen Durand-Linie, der heutigen Grenze.
Es ist eine Grenze, die von Paschthunen nie anerkannt oder respektiert wurde, die andererseits ihren Stammesfürsten, den Chans, auf beiden Seiten einträgliche Privilegien als Grenzhüter gegen äußere Feinde einbrachte.
Die Stämme, zu gut einem Drittel auch heute noch Nomaden, haben es immerhin schon vor ein paar hundert Jahren zu einer eigenen Schriftsprache gebracht und mit dem "Paschthunwali" sogar eine eigene Gesetzessammlung, die etwa bei Beleidigung das Recht auf Blutrache vorschreibt, oder das Asylrecht für fremde Flüchtlinge.
Ihre Chans sind inzwischen, gemessen am Lebensstandard ihrer Gastvölker, reiche Leute, die ihr Stammesgebiet selber verwalten oder den Straßenbau durch ihr Gebiet organisieren und dafür Zuwendungen vom Staat bekommen, gelegentlich auch Bestechungsgelder, damit sie Ruhe halten. Auch der Schmuggel und Opiumhandel bringt beträchtliche Gewinne.
Die Intelligenz der Paschthunen ist -- und auch das hat Tradition -- auf die russische Literatur angewiesen. Besonders die moderne Wissenschaft, einschließlich Gesellschafts-Analyse und der Wirtschaftstheorie, bezogen sie von den Sowjets. Für den Marxismus-Leninismus haben sie sich dabei kaum interessiert, um so mehr für die sowjetische Politik gegenüber Afghanistan und Pakistan.
So gefiel es ihnen, daß der paschthunische Putschisten-General Daud, der 1973 seinen Vetter, den afghanischen König Sahir Schah, stürzte, unter sowjetischem Beifall für ein selbständiges "Paschthunistan" eintrat und die Post in Kabul sogar eine Sonderbriefmarke mit dem Staatswappen des noch gar nicht bestehenden Staates druckte: eine Sonne, die über den schneebedeckten Gipfeln des Hindukusch aufgeht.
Die Paschthunen-Separatisten, die aus dem Reststaat Pakistan die beiden Provinzen der Paschthunen und Belutschen herausbrechen wollten, fanden nun Zuflucht und Waffenhilfe in Kabul, und solche Unterstützung lag natürlich ganz auf der strategischen Linie Moskaus.
Ob freilich auch die knapp drei Millionen Belutschen damit einverstanden waren, wurde nie ernsthaft geprüft: Bevor die paschthunische Staatsgründung ernsthafte Formen annahm, wurde Präsident Daud von den afghanischen S.105 Nationalkommunisten unter Taraki gestürzt und ermordet.
Die Belutschen, von denen rund zwei Millionen im heutigen Pakistan, etwa 600 000 im Iran und nur knapp 200 000 in Afghanistan leben, fordern zwar auch die Autonomie, möglichst einen eigenen Staat, aber nicht zusammen mit den Paschthunen. Von den Nachbarn im Norden wurden die Belutschen stets als "Räubervolk" verachtet; eines ihrer Sprichwörter: "Als Gott die Welt schuf, blieb Belutschistan als Abfall übrig", beweist diese Einstellung.
Die wasserarme Berg- und Wüstenregion Belutschistan gehört zu den rückständigsten der Erde, von allen drei Staaten in der Vergangenheit vernachlässigt. Beherrscht durch wenige Großgrundbesitzer, leben die Pachtbauern auf ausgetrocknetem Boden, gut über die Hälfte noch unter dem Existenzminimum der benachbarten Stämme.
Fast alle Belutschen sind auch heute noch Analphabeten, im pakistanischen Teil hat in dem Jahrhundert von 1850 bis 1950 ein einziger Belutsche einen akademischen Grad erworben. Im iranischen Teil stand Anfang der 50er Jahre für fast 5000 Bewohner ein einziger Arzt zur Verfügung, nur 370 der damals 16 000 persischen Schulen standen in Belutschistan.
Doch als sich Anfang der 70er Jahre eine Separatisten-Guerilla unter dem Namen "Asad Belutschistan" (Freies Belutschistan) organisierte, die in allen drei Ländern Zulauf fand, war Moskau dabei, wenn auch nicht direkt: Der erste Experte, der in geheimen Wüstenlagern Belutschistans Freiheitskämpfer ausbildete, kam aus der DDR; im sowjetfreundlichen Irak eröffneten die Insurgenten ihre erste Auslandsfiliale.
Hauptgrund für das Interesse des Kreml: Ein eigener Staat Belutschistan könnte den Russen den langersehnten Weg zum Indischen Ozean öffnen. Außerdem vermuten Geologen unter dem unfruchtbaren Geröll, vor allem im pakistanischen Teil, noch unerschlossene Lager an Erdöl, Erdgas und wertvollen Mineralien.
Gestört wurden die langfristigen Pläne der Sowjets mit Paschthunistan und Belutschistan durch den Übereifer der afghanischen Kommunisten -- so kompliziert ist das Kräftespiel um Afghanistan.
Schon kurz nach dem erfolgreichen Putsch der "Demokratischen Volkspartei" im April 1978 zeigte sich schnell, daß die rivalisierenden Parteiflügel "Chalk" (Volk) und "Partscham" (Fahne) sehr unterschiedliche Vorstellungen von der künftigen Strategie und Taktik hatten.
"Chalk" unter dem paschthunischen Bauernsohn Nur Mohammed Taraki war stets eine radikal sozialistische Partei, die Wert darauf legte, nicht marxistisch zu sein und ihren eigenen Weg zum Sozialismus zu finden.
Ihre verläßlichsten Kader sind aus dem Kleinbauerntum stammende Aufsteiger, meist Paschthunen in der Armee und Verwaltung. Die Vorbilder von Chalk liegen in der Dritten Welt, so Castros Kuba der ersten Jahre oder Algerien. Ähnlich ungeduldig und unduldsam forderten die Volksrevolutionäre schnelle und durchgreifende Veränderungen, koste es, was es wolle.
Dementgegen lag die Gruppe "Partscham" des Generalssohns Babrak Karmal eher auf dem klassischen Moskaukurs, die Anhänger der roten "Fahne" sind gelernte Marxisten-Leninisten. Unter ihren Mitgliedern gibt es viele Angehörige der städtischen Intelligenz, die schon aus Familientradition statt Paschtu das altpersische Dari sprechen, das einst auch die Umgangssprache bei Hofe war.
Sie waren gegen überstürzte Reformen und wollten die gewonnene Macht nicht durch unpopuläre Maßnahmen gefährden. Ihre Strategie hat eine der Ihren, die in den USA ausgebildete Krankenschwester und spätere erste approbierte Ärztin in Afghanistan, die jetzige Schulministerin "nahita Ratebsadeh, kurz nach der Machtübernahme so formuliert: " " Vielleicht bin ich eine Marxistin, aber diese persönliche " " Überzeugung läßt sich hier nicht verallgemeinern. Der " " Marxismus-Leninismus ist eine hochentwickelte Denkmethode, " " die sich auf diesem ausgetrockneten und unterentwickelten " " Boden nicht halten würde. Zuerst müssen Waffen gefallener " " Rebellen Hilfe von der CIA Die teils aus westlicher " " Produktion stammenden Waffen wurden vorige Woche in Kabul " " Journalisten vorgeführt. die Menschen lesen und schreiben " " lernen, einen Arbeitsplatz haben, sich wirtschaftlich und " " politisch artikulieren lernen. Das dauert mindestens noch 30 " " Jahre. Erst dann soll sich Afghanistan für einen " " kommunistischen, sozialistischen oder anderen Weg " " entscheiden. Das ist eine Frage an die nächste Generation. "
Doch die Pragmatiker flogen schnell aus dem Langzeitgeschäft. Schon drei Monate nach dem Putsch schob Taraki die Partscham-Führer als Botschafter ins Ausland ab und ließ sie danach noch von seinem Vize, dem machtbesessenen Hafisullah Amin, absetzen. Doch anstatt nach Kabul heimzukehren, landeten Karmal und seine Getreuen in der Sowjet-Union -- Afghanistan-Reserve des Kreml.
Zu Hause aber konnte die Chalk-Fraktion von den Bremsern ungehindert ihre radikale Veränderung der Gesellschaft beginnen:
* eine Landreform, nach der über eine Million Hektar Boden an 680 000 Kleinstbauern umverteilt und über 100 000 Großgrundbesitzer enteignet werden sollen;
* strenge Schulpflicht auch für Mädchen und ein Alphabetisierungsprogramm, das alle Erwachsenen, einschließlich der fast zu hundert Prozent analphabetischen Frauen, zum Unterricht zwingt;
* Verbot der nach islamischen Gesetzen zugelassenen Kinderehen, Abschaffung des Brautgeldes und des Scheidungsverbots für Frauen;
* Feindpropaganda gegen den Einfluß der Mullahs und Großgrundbesitzer. Erlaß aller Schulden der Bauern gegenüber Geldverleihern und Großgrundbesitzern.
So notwendig viele dieser Reformen für die Entwicklung des Landes waren, der radikale Ansatz zur falschen Zeit, die rücksichtslose Art der Durchsetzung und die Inkompetenz der neuen Kontrolle provozierten Widerstand.
Einen der folgenreichsten Fehler beschreibt der amerikanische Afghanistan-Experte Richard S. Newell so: " Die von Chalk eingeführten Reformen muten wie eine grobe " " Anwendung der marxistischen Klassentheorie auf eine " " Gesellschaft an, auf die sie kaum paßt. Das eindeutigste " " Beispiel liefert die Bodenreformpolitik. Dabei werden häufig " " gesellschaftliche mit wirtschaftlichen Beziehungen " " verwechselt. Die afghanische Gesellschaft ist hauptsächlich " " horizontal und nicht vertikal gegliedert. Die wichtigsten " " Einheiten sind: Haushalt, Abstammung, Familienverband, Stamm, " " Siedlung oder Dorf, ethnische Gruppe. "
Hinzu kam, daß die kaum vorbereiteten Dörfler den Sinn der Reformen nicht verstanden. Der um seinen Zins gebrachte Großgrundbesitzer war nicht bereit, den Kleinbauern weiteres Geld für das neue Saatgut zu leihen, Bankdarlehen aber hatte das neue Regime noch nicht ausreichend organisiert.
Die Väter sahen im Verbot des Brautgeldes eine Diskriminierung ihrer Töchter, Männer wehrten sich mit Waffengewalt, daß ihre Frauen und Töchter zusammen mit männlichen Dorfbewohnern zur Schule gehen sollten und dort auch noch von jungen Lehrern unterrichtet wurden.
Zusätzlichen Sprengstoff brachte die Entwicklung im Nachbarland Iran. Die afghanischen Moslems, nun zwischen den islamischen Gottesstaaten Pakistan und Iran unter einem erklärt antiklerikalen Regime, drängten auf Anschluß an die religiöse Erweckungsbewegung des Ajatollah Chomeini.
So ist die Mehrheit der heute im Land aktiven Widerstandskämpfer mit Stützpunkten im benachbarten Iran und Pakistan islamisch orientiert; ob sunnitisch oder schiitisch, ein wahrer Wildwuchs von Organisationen, mit denen die Sowjet-Armee nun zu tun bekommt.
Als die politisch erfolgreichste Widerstandsbewegung, die schon seit Jahren besteht, gilt die "Front der nationalen Rettung". Diese Sammlung von sozialistisch bis liberal orientierten Dissidenten gegen ein kommunistisches Regime hatte schon zur Daud-Zeit fast 100 Parlamentsmitglieder auf ihre Seite gebracht und beeinflußte auch im Kabinett Taraki einen Minister: S.108
Ihre Galionsfigur, der populäre Bürgermeister von Kabul, Gholam Mohammed Farhad, wurde unter der Anklage eines Putschversuches im Herbst von Amin verhaftet; ob er zu den kürzlich freigelassenen politischen Gefangenen gehört, ist bisher nicht bekannt.
Auch die militärisch im Einsatz gegen die Sowjet-Okkupanten erfolgreichste Gruppe gab es schon zu den Zeiten von Daud: die "Schola-i-Dschawid" (Ewige Flamme), die afghanischen Maoisten. Die gut ausgebildeten, mit Waffen aus China ausgerüsteten Kader sind in den Städten als Sabotagetrupps aktiv und tragen die Hauptlast der Kämpfe um die Nordprovinz Badaschschan.
Im Grenzgebiet zu Pakistan operiert die schon seit der Regentschaft des Königs für die Unabhängigkeit Paschthunistans kämpfende "Hisb-i-Islami" (Islamische Partei), angeführt von dem Ingenieur Gulbaddin Hikmatjar, 32. Er wird vor allem aus den Golfstaaten mit Geld und Waffen unterstützt.
Die im "Dschamiat-i-Islami" (Islamischer Bund) organisierten Belutschen führt der ehemalige Kabuler Theologie-Professor Burhanuddin Rabbani, 38, an, dessen Großvater ein berühmter Mullah war. Der Bund-Chef spricht, wie die meisten seiner Anhänger in den Städten, Dari und nicht Paschthu.
Beide Islam-Guerillas haben schon im März vergeblich versucht, sich mit der "Nationalen Befreiungsfront" des Sibghatullah Modschaddadi zu einigen, der mehrere Jahre Leiter des Islamischen Zentrums in Kopenhagen war. Aber der fromme Mann will im Gegensatz zu seinen Rivalen den afghanischen König Sahir in Kabul wieder auf den Thron setzen. Monarchisten, darunter viele enteignete Großgrundbesitzer, sind auch sein Anhang.
Der "Islamische und nationale Revolutionsrat Afghanistan" des Ahmed Dschilani ist zwar antikommunistisch, aber nicht religiös motiviert (siehe Interview Seite 104).
Die wichtigste Widerstandsgruppe der Hasara, die Schiiten sind, ist die "Vereinigte Islamische Revolutions-Sammlung". Sie hatte nach heftigen Kämpfen gegen die afghanische Armee im Gebiet von Hasaradschat die staatliche Gewalt übernommen und eine eigene Administration eingerichtet.
Die sowjetische Nachrichtenagentur "Tass" meldete vorige Woche, der von den Invasionstruppen liquidierte Partei- und Staatschef Amin habe kurz zuvor im Westen Napalm-Bomben bestellt, um das Widerstandsnest auszuräuchern.
Insgesamt sind in Afghanistan gegen die Russen an die 50 000 Kämpfer aktiv, einschließlich jener, die je nach Lage über die pakistanische oder iranische Grenze wechseln.
Ihr bisheriges Handikap -- außer der Unfähigkeit, sich auf eine gemeinsame Führung zu einigen: Sie sind in der Mehrheit nur mit Handfeuerwaffen ausgerüstet, die zum Teil handgemacht sind, zum Teil noch aus der britischen Kolonialzeit stammen.
Viele Widerstandskämpfer wurden im pakistanischen Grenzgebiet um die Provinzstadt Peschawar in Trainingslagern von pakistanischen und chinesischen Offizieren ausgebildet; auch die amerikanische CIA ist in den Lagern sicher wieder dabei.
Daß sich die Bewaffnung der antikommunistischen Partisanen in absehbarer Zeit ändern wird, hat in der vorigen Woche der ägyptische Verteidigungsminister Kamal Hassan Ali in Assuan angekündigt: Ägypten sei bereit, die Aufständischen auch mit panzerbrechenden Waffen und Boden-Luft-Raketen zu versorgen.
Wenig ist über die Reaktion der Afghanen-Völker bekannt, die traditionell in der Sowjet-Union ihren Hauptfeind sehen: die zusammen fünf Millionen Tadschiken, Usbeken und Turkmenen. Viele sind die Söhne und Enkel der vor den Sowjets nach Süden geflüchteten Moslems, die den Kommunisten in ihrer Heimat bis 1929 einen blutigen Bürgerkampf lieferten und deren Stammesverwandte heute noch im Süden von Sowjet-Asien leben.
Leicht ist den Sowjets die Okkupation trotz der militärischen Überlegenheit ohnehin nicht geworden. Bis Ende voriger Woche mußte Moskau zehn Divisionen mit insgesamt 100 000 Mann nach Afghanistan schicken. Eine Invasionsarmee, die gerade ausreicht, die strategisch wichtigen Punkte im Land zu sichern. Dazwischen liegt für die Sowjets Niemandsland, nachts unter der Kontrolle der Rebellen.
Um die schwierige Lage zu erkunden, hat die Kremlführung den Ersten Vize-Verteidigungsminister Marschall Sergej Sokolow nach Kabul geschickt.
Gleichzeitig gab Moskau den Tod des Polizeigenerals und Ersten Stellvertretenden Innenministers Wiktor Paputin bekannt, ein mysteriöser Fall: Der 53jährige General war Anfang Dezember nach Kabul gekommen, um mit dem wenig später liquidierten Präsidenten Amin die Umwandlung der afghanischen Geheimpolizei nach dem Vorbild des KGB zu besprechen.
So ist nicht völlig auszuschließen, daß der Großmacht Sowjet-Union in Afghanistan widerfährt, was sie -wenn auch in sehr viel kleinerem Maßstab -- erst kürzlich an einem anderen Kriegsschauplatz erleben mußte: Trotz einer Luftbrücke mit Waffennachschub, trotz des Einsatzes von Napalm und Entlaubungsgas haben die Russen im Bergland Äthiopien den Widerstand der Eritreer auch nach drei Jahren Krieg noch nicht niedergekämpft.
Allerdings: Dort stehen keine kompletten Sowjet-Divisionen, verlaufen die Nachschublinien nicht über Land ins Sowjet-Reich, könnte Moskau ohne Prestigeverlust jederzeit abziehen -nicht aus Afghanistan.
Dennoch behauptet andererseits der afghanische Guerillaführer Achmed Dschilani: "Das ist nicht wie in Ungarn oder der Tschechoslowakei. Hier lernen die Menschen schon als Kinder, mit Waffen umzugehen und zu töten."
S.105
Vielleicht bin ich eine Marxistin, aber diese persönliche
Überzeugung läßt sich hier nicht verallgemeinern. Der
Marxismus-Leninismus ist eine hochentwickelte Denkmethode, die sich
auf diesem ausgetrockneten und unterentwickelten Boden nicht halten
würde. Zuerst müssen Waffen gefallener Rebellen Hilfe von der CIA
Die teils aus westlicher Produktion stammenden Waffen wurden vorige
Woche in Kabul Journalisten vorgeführt. die Menschen lesen und
schreiben lernen, einen Arbeitsplatz haben, sich wirtschaftlich und
politisch artikulieren lernen. Das dauert mindestens noch 30 Jahre.
Erst dann soll sich Afghanistan für einen kommunistischen,
sozialistischen oder anderen Weg entscheiden. Das ist eine Frage an
die nächste Generation.
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S.107
Die von Chalk eingeführten Reformen muten wie eine grobe Anwendung
der marxistischen Klassentheorie auf eine Gesellschaft an, auf die
sie kaum paßt. Das eindeutigste Beispiel liefert die
Bodenreformpolitik. Dabei werden häufig gesellschaftliche mit
wirtschaftlichen Beziehungen verwechselt. Die afghanische
Gesellschaft ist hauptsächlich horizontal und nicht vertikal
gegliedert. Die wichtigsten Einheiten sind: Haushalt, Abstammung,
Familienverband, Stamm, Siedlung oder Dorf, ethnische Gruppe.
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S.105 Die teils aus westlicher Produktion stammenden Waffen wurden vorige Woche in Kabul Journalisten vorgeführt. * S.108 Zwei kommunistische Hochschullehrer; der Gefangene rechts wurde vor einem Guerilla-Gericht zum Tode verurteilt und erschossen. *

DER SPIEGEL 3/1980
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