09.03.1981

BRANDT/MITTERRANDGroße Hingabe

Mit seiner Stippvisite in der DDR wollte SPD-Chef Brandt ein wenig Normalität im deutsch-deutschen Verhältnis demonstrieren -- trotz der Spannungen zwischen Bonn und Ost-Berlin.
Von seltsamen Reiseplänen seines Parteichefs erfuhr Helmut Schmidt schon vor geraumer Zeit: Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Hans-Jürgen Wischnewski hatte, der Ordnung halber, den Kanzler informiert, Willy Brandt werde sich mit dem französischen Sozialistenführer Francois Mitterrand in der DDR treffen -- in Erinnerung an dessen Flucht aus dem Gefangenenlager Rudolstadt südlich von Weimar vor 40 Jahren.
Am vorigen Mittwoch, beim Koalitionsgespräch im Kanzleramt, wollte Schmidt Genaues wissen: "Vielleicht hat uns der Vorsitzende noch etwas mitzuteilen?"
Brandt hatte. Allerdings nicht viel. "Also, Helmut", beschied er den Gastgeber, "wir gewinnen auf jeden Fall die französischen Wahlen. Wenn dein Freund Giscard gewinnt, haben wir gewonnen. Wenn mein Freund Mitterrand gewinnt, haben wir auch gewonnen."
Der Schnack kam an. Mehr, so merkte jeder im Koalitionskränzchen, mochte Brandt nicht zum besten geben.
Daher wollte die Runde mit dem SPD-Chef auch nicht darüber rechten, ob es politisch opportun ist, wenn sich der Vorsitzende der führenden deutschen Regierungspartei zum Tete-a-tete mit dem Herausforderer des Kanzlerfreundes Valery Giscard d''Estaing trifft -- wenige Wochen vor der französischen Präsidentenwahl. Und schon gar nicht verlangten die Koalitionäre von Brandt Auskunft, weshalb ausgerechnet er in die DDR reist, während noch ängstliches Schweigen die deutschdeutschen Beziehungen beherrscht.
Schließlich war es der damalige Bundeskanzler Brandt, der vor elf Jahren die "Willy, Willy"-Rufe auf dem Erfurter Bahnhofsplatz ausgelöst hatte.
Besorgt, ein solches Spektakel könne sich wiederholen, und aufgeschreckt von den Unruhen in Polen, hatte die DDR-Führung erst vor gut einem halben Jahr das Programm eines geplanten Schmidt-Besuches kräftig gestutzt. Ende August wurde die Visite dann von Bonn abgesagt.
Der SPD-Chef ließ sich jedoch dadurch nicht von dem Plan abbringen, den Mitterrand im Juli vorigen Jahres beim gemeinsamen Urlaub an der französischen Atlantikküste entwickelt hatte.
Lange Zeit hatten Parteifreunde über Brandt berichtet, nach der Enttarnung seines Referenten Günter Guillaume als DDR-Spion habe er verbittert die Kontakte zu Ost-Berlin abgebrochen. Um so mehr fiel in der Bonner SPD-Zentrale auf, mit "welch großer Hingabe" er sich der Vorbereitung dieser Tour widmete. Gelegentlich ermunterte er sogar den Reise-Planer Mitterrand, keinesfalls abzuspringen.
Vor knapp zwei Wochen wandte sich Brandt dann, ohne die regierungsamtlichen Kanäle zu nutzen, an den DDR-Staatsratsvorsitzenden. Über den Ost-Berliner Vertreter in Bonn, Ewald Moldt, richtete er Erich Honecker aus, er wolle Mitterrand am 5. März in der DDR treffen, am 40. Jahrestag des Fluchtversuches. Im übrigen, so ließ der SPD-Vorsitzende den SED-Chef wissen, habe er in den Reden von Leonid Breschnew und Honecker auf dem Moskauer KPdSU-Parteitag beachtenswerte Passagen entdeckt.
Anfang voriger Woche brachte Moldt die Genehmigung seines Chefs, verbunden mit freundlichen Grüßen, ins Erich-Ollenhauer-Haus. Allerdings mußte Brandt dem DDR-Vertreter zusagen, Ort und Zeit der Begegnung nicht bekanntzugeben und keine Pressekontakte zu fördern.
Am vorigen Donnerstag um zehn Uhr passierte der Westdeutsche dann, nur begleitet von seinem Referenten Andreas Zobel, den Berliner Grenzübergang Drewitz. Vorn und hinten von jeweils zwei schwarzen Staats-Volvos eskortiert, rollte der Bonner Mercedes über die abgesperrte Autobahn.
Gegen zwölf Uhr erreichte Brandt die Raststätte am Hermsdorfer Kreuz. Dort erwarteten ihn in einem Nebenraum die Spitzen der regionalen Parteiorganisation und der Behörden, darunter der Erste Parteisekretär der Bezirksleitung Gera, ZK-Mitglied Herbert Ziegenhahn, und Karlheinz Fleischer, der Vorsitzende des Rates des Bezirkes Gera. Auch ein Funktionär aus Honeckers Büro hatte sich eingefunden.
Mitterrand kam erst eine Stunde später an. Er war am Morgen, in Begleitung des Brandt-Referenten Thomas Mirow, vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen nach Rudolstadt gefahren. Als er sechs Kilometer außerhalb des Ortes das Gebäude besichtigen wollte, aus dem er 1941 geflohen war, wurde ihm der Zutritt verwehrt: Das Haus werde jetzt als "Handelsdepot" genutzt. Mißtrauisch fragte der Franzose: "Ist das ein Munitionslager?"
Wenig später, im Zentrum von Rudolstadt, wurde dem Gast mehr Aufmerksamkeit zuteil. Über 400 Menschen hatten sich versammelt, sie warteten freilich auf Brandt. Vereinzelte "Willy, Willy"-Rufe, Fragen an Mitterrand und Begleiter: "Habt ihr Willy mitgebracht?" -- wäre der SPD-Vorsitzende dagewesen, Rudolstadt hätte ein zweites Erfurt abgegeben.
So aber blieb der deutsch-deutsche Kontakt auf das Hinterzimmer der Mitropa-Gaststätte am Hermsdorfer Kreuz beschränkt. Sekretär Ziegenhahn richtete den beiden Sozialisten-Chefs die besten Grüße von Honecker aus. Der Staatsratsvorsitzende habe erfreut Brandts Interesse für seine Moskauer Parteitagsrede registriert.
Ausführlich kommentierte ZK-Mitglied Ziegenhahn dann "ausgewählte Blumen" (Brandt) aus der Rede des sowjetischen S.111 Parteichefs, vor allem den Wunsch, daß die beiden Großmächte miteinander ins Gespräch kämen.
Lange Ausführungen über Landwirtschaft und gute Zusammenarbeit mit den Ostblock-Staaten provozierten Brandt schließlich zu der Frage: "Klappt hier auch etwas nicht?"
Nach einer Stunde verabschiedeten sich die beiden Parteiführer und fuhren -- nun endlich gemeinsam -- der Grenzstation Hirschberg entgegen.
Spät am Abend, beim Wein im "Goldenen Hirsch" zu Rothenburg ob der Tauber, philosophierte der SPD-Vorsitzende über Sinn und Zweck der Veranstaltung. Von "einem Beitrag zur Entspannungspolitik" wollte er nicht reden.
Ein wenig Normalität, auch in schweren Zeiten? Brandt: "Ich wollte es so verstanden wissen."
S.110 Mit Journalisten am Grenzübergang Rudolphstein. *

DER SPIEGEL 11/1981
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