12.01.1981

Die lange Nacht der Kinder Afrikas

Schwarzafrika nach zwei Jahrzehnten Unabhängigkeit (II) / Von SPIEGEL-Redakteur Gunar Ortlepp
Die "Liemba", ein Motorschiff mit dramatischer Vergangenheit, hatte am späten Nachmittag den Hafen Bujumburas verlassen und pflügte, vom teuren Diesel gespeist, mit zehn Knoten die Stunde durch den Tanganjikasee nach Süden.
Die Passagiere waren abkassiert und die lästigen Pflichten der Buchführung getan, so daß Mr. Chatta sich erst einmal eine Freiwache gönnen konnte: Breit auf die Reling gestützt, genoß er den Sonnenuntergang und sah den Fahrgästen nach, die an uns vorüberpromenierten, den tansanischen Ingenieuren und indischen Geschäftsleuten, den alten Moslems in ihren langen weißen Hemden und dem jungen pakistanischen Liliputaner mit dem großen Transistorradio, aus dem Zaire-Musik kam.
Mr. Chatta, vor 46 Jahren in einem Dorf am Ufer des Sees geboren, inzwischen Vater von sechs Kindern, trug die Verantwortung des Zahlmeisters mit Behäbigkeit und Humor. "Sie als Deutscher", sagte er und zeigte seine breite Lücke zwischen den Schneidezähnen, "werden sich heimisch fühlen an Bord, denn immerhin befinden Sie sich auf einem deutschen Schiff."
Und er erzählte von seiner "Liemba", die einst, benannt nach einem der kaiserlichen Gouverneure Deutsch-Ostafrikas, "Götzen" hieß und im Ersten Weltkrieg, zu Lettow-Vorbecks Zeiten, gegen die Belgier vom Kongo manövrierte, bis der große Orlog verloren war und sie von ihrer Mannschaft eigenhändig versenkt wurde, damit sie nicht in Feindeshand fiel.
Von den Briten berichtete er, die das Wrack aus der Tiefe heraufgeholt und neu instand gesetzt hatten, und von den langen Jahren, als der Kahn dann altersschwach vor Anker lag und verrottete, bis er Anfang 1979 dank Weltbank-Hilfe endlich wieder flott war, um im Dienst der Tanzania Railways die rund 380 Seemeilen zwischen Bujumbura in Burundi und Mpulungu in Sambia hin- und zurückzupendeln, immer am tansanischen Ufer lang, mit etlichen Aus- und Zusteige-Stops, insgesamt dreieinhalb Tage je Trip. S.125
Ein berühmtes Schiff, die "Liemba", sie hatte viel erlebt, sagte Mr. Chatta; und komisch war das doch, wie so im Lauf weniger Jahrzehnte die Flaggen gewechselt hatten. Bis in sein, Godfrey Chattas, Mannesalter hinein war es der Union Jack gewesen, zur Kindheit seines Vaters das deutsche Schwarz-Weiß-Rot. Und was noch komischer war: Sein Großvater hatte sich sogar der Zeiten erinnern können, als es überhaupt noch keine Fahnen, keine "Götzen" und keine europäischen Kolonialmächte gab, als bis hin zum Ostufer des Tanganjikasees der legendäre Njamwesi-Fürst Mirambo herrschte und die Araber von Ujiji ihre Sklavenkarawanen auf der alten Handelsroute zur Küste und auf den schwarzen Markt hinüber zur Sultan-Insel schickten, von der es damals hieß: "Wenn in Sansibar getrommelt wird, tanzt ganz Afrika."
Wenn man es recht bedachte: Derart lang war das alles noch gar nicht her. Und seitdem hatte sich so viel so schnell verändert, daß es bisweilen schien, als flöge man davon in eine fremde Welt, unvorbereitet und verstört und dennoch im Bewußtsein, daß einem eben keine andere Wahl blieb als sich einzufügen in diese neue technische Zivilisation, sich ihr anzupassen und schnellstens nachzuholen, was die Weißen in Jahrhunderten gelernt hatten -- genau wie es Nyerere meinte, wenn er immer wieder predigte, daß die Afrikaner rennen müßten, wo die anderen gemächlich gegangen seien.
So erzählte Mr. Chatta, während die "Liemba" an der großen afrikanischen Wasserscheide zwischen Kongo und Nil entlang in die Nacht hineinfuhr, auf diesem See, an dem vor vier Menschen-Generationen ganz unmerklich die Moderne angebrochen war; an dem alles begonnen hatte, was wenig später zur imperialistischen Hetzjagd nach den Kolonien, zur Zerteilung des Erdteils in einen bunten Flickenteppich aus Britisch-Rosa und Französisch-Violett, aus deutschem Blau, belgischem Braun und portugiesischem Grün führen sollte; begonnen worden war von ein paar viktorianischen Abenteurern und Exzentrikern, die wie in einem Alptraum voller Trommelschall und Fieberwahn nur nach einem suchten: nach den Quellen des Nil, nach der "Entschleierung der Isis".
Am nächsten Morgen legten wir an vor Kigoma, und da die "Liemba" erst gegen Abend wieder auslief, ging ich an Land und besah mir den alten deutschen Bahnhof, auch das Jagdschloß Wilhelms II., dem er nie die Ehre gegeben hatte, und fuhr dann im Sammeltaxi die acht Kilometer hinaus zur Suaheli-Stadt Ujiji.
"Dr. Livingstone, I presume", begrüßte mich an der Hauptstraße ein Nachkomme versunkener Sklavenhändler-Geschlechter S.126 und wies mir den von Palmen gesäumten langen Sandweg zum See, und ich trottete durch den Staub, vorbei an Suaheli-Häuschen mit Wellblechdächern und kunstvoll geschnitzten Holzportalen, bis zur Anhöhe über dem Hafen voll bunter Fischerboote, wo der Rundstein zu besichtigen war, mit dem erlauchten Namen darauf und den Umrissen Afrikas, das ein großes Christenkreuz zerteilte, und einer Bronzetafel zur Seite, deren Inschrift kundtat, daß an dieser Stelle, unter dem Mangobaum, der einst hier stand, am 10. November 1871 jene famose Begegnung zwischen Henry M. Stanley und David Livingstone stattgefunden habe, die so ungeheuren Wirbel machte im Britannien der Queen Victoria.
Um das Denkmal herum waren neue Mangobäume emporgewachsen, in deren Blattwerk kleine Mädchen hockten und dem wunderlichen Mzungu mit der Kamera zusahen, und derweil inspizierte ich die andere Gedenktafel auf niedrigem Podest, die an den 14. Februar 1858 erinnerte, als "Burton und Speke Ujiji erreichten, von wo aus sie den Tanganjikasee erforschten" -noch so ein gepriesenes Datum; und dabei hatte ich ständig dieses Kinder-Kichern im Ohr.
Acht Monate zuvor waren sie aufgebrochen an der Festlandküste gegenüber Sansibar, mit 132 Trägern, 30 Eseln und 9000 Pfund an Proviant und Gerät, an Waffen und Munition und einem reichen Sortiment von Flitter und Glasperlen für die Eingeborenen.
In Etappen von vier Meilen pro Tag bewegte sich der endlose Treck ins Innere Afrikas, unter tagtäglich wachsenden Widrigkeiten, Strapazen, Qualen: Träger verschwanden im Busch, Lasttiere verendeten als Opfer der Tsetsefliegenschwärme, nahezu alle Instrumente gingen verloren. Speke hatte eine Bindehautentzündung und war fast erblindet, Burton litt an Malaria und notierte: "Brennende und schmerzende Augen, heiße Handflächen und Fußsohlen, wiederkehrend Schüttelfrost und Hitzewallungen, die Gliedmaßen abwechselnd eiskalt, dann schmerzhaft heiß und geschwollen, Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit, aufgeplatzte Haut, fiebrige Entzündungen, Mattigkeit, Depressionen, das alles als Folge von Leberträgheit und gestörter Gallensekretion".
Ein illustres Paar: Captain Richard Burton, der finstere Romantiker mit dem Pantherblick, egozentrisch und von maßloser Arroganz; und Captain John Hanning Speke, der Landjunker aus Somerset, ein besessener Großwildjäger, kleinlaut, geduckt und voller Groll gegen den rabiaten Kompagnon -- so wankten sie abgerissen und delirierend ins Sklavenjägernest Ujiji und machten sich sogleich, nordwärts rudernd, an die Erkundung des Sees, in dem sie, fälschlich, den Ursprung des Nils vermuteten.
Sie waren die ersten gewesen auf der Jagd nach dem Blauen Band der Afrika-Entdecker, andere folgten ihnen nach. Versehen mit Segen und Subsidien der Königlich Geographischen Gesellschaft zu London, so zogen sie durchs große Unbekannte, unermüdlich auf der Suche nach neuen mysteriösen Gewässern, die zum Reservoir des Nils gehören konnten. Und das eingesessene Afrika sah den spleenigen Weißen verwundert, verständnislos zu.
"Angenommen, ihr kommt zum großen See", erkundigte sich ein Häuptling Comoro, "was wollt ihr damit machen? Wozu das alles? Wenn ihr findet, daß der breite Strom aus ihm fließt, was dann?"
Doch Chief Comoro kannte das perfide Albion nicht, und nicht die Roval Geographical Society, die sich ihre Finanzen vom britischen Schatzamt aufbessern ließ: Eitle Forscher und naive Missionare waren zweckdienliche Pfadfinder, man konnte nie wissen, welche Wege sie dem Empire öffneten.
Als ihr ruhmreichster aber, ein Heiliger fast in viktorianischer Ära, galt der schottische Arzt und Missionar David Livingstone, der schon seit vielen Jahren durch Afrika gepilgert war. Er hatte im Süden die Kalahari erforscht, den Sambesi befahren und dessen "Viktoriafälle" entdeckt, hatte als erster Europäer S.127 den Njassasee im heutigen Malawi erblickt, als erster Weißer den Erdteil von Ost nach West durchwandert, und die Kunde, die er von ihm und seinen Bewohnern gab, unterschied sich doch sehr von den Beschreibungen anderer Afrika-Reisender.
Burton sah in den Afrikanern ein verächtliches Pack von Steinzeit-Wilden und polygamen Trunkenbolden, "bedudelte, ignorante, hoffnungslose Leute" ohne Gesittung und Moral und mit einer Religion, die ihm nichts anderes schien als "eine undeutliche und undefinierbare allgemeine Furcht".
Livingstone, der unter ihnen lebte, in ihren Hütten schlief, ihre Nahrung aß, ihre Bräuche verstand, wußte diese Furcht zu definieren und wollte sie bannen, aus der Welt schaffen mit der seligmachenden Dreieinigkeit von Christentum, Kommerz und Zivilisation.
"Die seltsamste Krankheit, die ich in diesem Land kennengelernt habe, scheint die der gebrochenen Herzen zu sein, und sie befällt freie Menschen, die gefangengenommen und zu Sklaven gemacht wurden", klagte Livingstone -das war die Ursache der großen Panik, von der er sein Afrika erlösen wollte.
Denn wenn auch die Treibjagd auf Menschenfleisch im westlichen Teil des Kontinents inzwischen abgeblasen war, so ging sie doch, ungehindert von allen abendländischen Abolitionsgesetzen, im Osten unter arabischer Regie zügig weiter: Schätzungsweise bis zu 100 000 Sklaven jährlich wurden um 1870 nach Sansibar importiert, herangeschleppt im langen Auftrieb der Gefesselten von den Häschern etwa des Mischlings Tippu Tip, der jenseits des Tanganjikasees sein riesiges Revier hatte und mit dem Tiptip seiner Gewehre Terror verbreitete unter den Stämmen des Kongo.
1865, versehen mit dem Titel eines "Konsuls in Zentralafrika", ging Livingstone auf seine letzte Reise. Er, der Größte, sollte nun ein für allemal die Nil-Frage klären, das Rätsel um das innerafrikanische Seen- und Flüsse-System endgültig lösen.
Und so verschwand er in der Wildnis und blieb verschollen, bis ihn sechs Jahre später jener Henry Morton Stanley vom "New York Herald" aufspürte, ausgerechnet unter den Sklavenhändlern Ujijis, die dem 58jährigen Fremdling, zermürbt und krank und nahezu zahnlos, ihre Gastfreundschaft gewährten, ohne zu ahnen, wie gründlich er ihnen das blühende Geschäft verderben sollte.
Livingstones Berichte über die "entsetzliche Ujiji-Sklaverei", und dazu Stanleys sensationelle Findling-Story, in der Alten wie der Neuen Welt veröffentlicht, mobilisierten die Öffentlichkeit, schürten die Entrüstung und weckten vollends das Interesse am heimgesuchten Afrika, dem durch Gesetz und Ordnung endlich der Friede gebracht werden sollte. Der Sklavenmarkt von Sansibar wurde geschlossen.
Livingstone, der Nomade Gottes, starb 1873 in einem Dorf nahe dem Bangweolosee im heutigen Sambia. Seine beiden Diener Chuma und Susi fanden ihn im Morgengrauen tot in seiner Hütte, kniend im Gebet übers Bett gesunken. Und sie weideten ihn aus und salzten ihn ein und trugen den 14 Tage S.128 lang in der Sonne getrockneten Leichnam nach Bagamojo, zu deutsch "Leg nieder dein Herz", wo ihn Ihrer Majestät Schiff "Vulture" an Bord nahm und heimbrachte nach Britannien, zur Beisetzung in Westminster Abbey.
Das Geheimnis um die Quellen des Nil, um die zentralafrikanische Wasserscheide, hat Livingstone nie ergründen können -- das schaffte erst Stanley, der von Schwarz und Weiß wenig geliebte Außenseiter unter Afrikas Erforschern, der sich in den siebziger und achtziger Jahren als ihr erfolgreichster bewährte: Dynamisch und ohne humanitäre Sentimentalitäten, mit Maximgewehren sich den Weg freischießend, so brach er wie ein gefährliches Tier durch die Vegetation, als er in beiden Richtungen den "dunklen Kontinent", das "dunkelste Afrika" durchquerte und für Belgiens König Leopold II. den Kongo zur Ausplünderung erschloß.
Stanley war Afrikas letzter Entdecker und erster Eroberer gewesen. Sein Name, ehemals manifestiert in kongolesisch-zairischen Ortsbezeichnungen wie Stanleyville, Stanley Falls und Stanley Pool, ist von der Landkarte gelöscht. Der Geist Livingstones aber geht noch immer um im Gebiet der großen Seen, und noch immer folgen die Führer Ost- und Zentralafrikas dem Dreigestirn von Christentum, Handel und Zivilisation, das dem ewigen Wanderer Livingstone ein Vierteljahrhundert lang den Weg in Afrikas Zukunft gewiesen hatte.
In Lusakas "20th Century" wurde "Moonraker" mit Roger Moore als James Bond gezeigt; im sambischen Fernsehen, auf 50 000 Geräten und zum Teil nun auch schon farbig zu empfangen, gab es "Kojak", "Raumschiff Enterprise" und "Lou Grant".
Morgens auf der tosenden Cairo Road, vorüber an den Hochhäusern mit Baustopp-Ruinen dazwischen, trugen schwarze und weiße Männer ihre Lederköfferchen durchs Gewühl, erstiegen eiligen Schrittes die Betonterrassen des Bürozentrums am Findeco Tower oder verschwanden hinter der Prachtfassade von Barclays Bank of Zambia.
Um die Mittagszeit aber waren unterm großen Affenbrotbaum im Innenhof des Lusaka Hotels sämtliche Tische besetzt, von sambischen Geschäftsleuten und Funktionären im Maßanzug, von dunklen Schönheiten in Jeans und Cowboy-Stiefeletten samt Begleitern mit Plattform-Schuhen und Schlapphut nach Italo-Western-Art, und alles zischte lebensfroh sein Mosi Lager, damit Sambias Weltrekord im Bierkonsum, vom Landesvater Kenneth Kaunda schon oft beweint, weiterhin ungebrochen bliebe.
Westlich-urban und a la mode, genußfreudig und prestigebewußt, so stellt sich, ein Jahrhundert nach Livingstone, das Sambia der stetig wachsenden Städte zur Schau. Aber es legt auch, wenigstens hier im Einklang mit dem gläubigen Präsidenten, Zeugnis ab von seiner Frömmigkeit, wenn am Sonntagabend aus den Flimmerkästen und Transistorradios die afrikanischen Kirchenchöre herausjubeln, wenn auf Bemba oder Tonga, auf Nyanja, Lunda oder Lozi die Predigten anheben, von einer englischen Stimme übersetzt und kommentiert.
"Die Kirche", sagte Kaundas Premierminister Daniel Lisulo, "spielt eine wichtige Rolle zur Förderung wirtschaftlichen Fortschritts und nationaler Einheit." Doch gewiß nicht minder wichtig ist das Englisch, an dem so viele Sambier würgen wie an einem pappigen Brei, und das sich dennoch, bei den 73 Stämmen zwischen Copperbelt und Sambesi, als unersetzlich erweist beim Aufbau von "One Zambia, one Nation".
Eine fremde Sprache, eine fremde Religion, fremde Weltbilder und fremde Ideale: Schwer ist die Geburt der Nationalstaaten Afrikas, und befremdlich für seine zwischen Stammes- und Staatsbewußtsein verirrten Gesellschaften klingen die Imperative etwa einer christlich-sozialistischen Staatsphilosophie, die sich "Sambischer Humanismus" nennt und die im Kampf gegen Hunger, Armut, Unwissenheit und Krankheit zu Disziplin, Leistung, Loyalität S.130 und Patriotismus aufzurütteln versucht.
Denn nicht Pflichten erwarten KKs Bürger von ihrem jungen Sambia, sondern Wunscherfüllungen. Nun, da die britischen Gebieter fort sind, da zudem die Macht der traditionellen Häuptlinge und Großfamilienväter und mit ihr die magische Kraft der Ahnen allmählich zu verblassen scheint, wollen sie sich ihrer Unabhängigkeit auch erfreuen dürfen -- mehr Bildung, mehr Geld, mehr Verzehr wollen sie, einen besseren Job und eine bessere Wohnung, und vor allem: ein schöneres, freieres Leben in der Stadt.
"Wenn es bloß nicht so entsetzlich teuer wäre in Lusaka", jammerte Kingsley, es war einfach katastrophal: 400 Kwacha, fast 1000 Mark verdiente er im Monat, ganz hübsches Geld für seine 24 Jahre. Doch 150 Kwacha gingen allein schon fürs winzige Apartment drauf, und dies bei Inflationsraten von 15 Prozent für Lebensmittel, für Transport, für alles, was zu haben war -- falls es zu haben war.
Kingsley Musongo, Sekundarschullehrer für Englisch und Geographie, war seit einem Jahr Tutor der deutschen Entwicklungshelfer, die er mit dem Land und seinen Leuten vertraut machen sollte. Wir saßen, Mosi bechernd, in der Luangwa Bar des Inter-Continental, in der es zur frühen Abendstunde noch halbwegs gedämpft zuging, und Kingsley erklärte mir das Problem mit dem traditionellen Leben und dem "Sambischen Humanismus".
"Die Leute, vor allem die jungen", sagte er, "denken heute nicht mehr so sehr an ihren Stamm. Sie denken aber auch nicht an den Staat. Sie denken vor allem an sich."
"Wir wollen Ein Sambia, Eine Nation aufbauen, eine humanistische Gesellschaft mit sozialistischen Idealen, unabhängig von westlichen Einflüssen. Nur: Die meisten Jungen machen dabei nicht mit, sie gehen den westlichen Weg, den Weg zum Kapitalismus, so ist es, leider."
Er war in der Nähe von Mpika geboren worden und aufgewachsen, gar nicht weit von der Gegend, wo das Livingstone Memorial an den Tod des Missionars erinnerte. Acht Kinder waren sie, sein Vater betrieb jetzt noch einen Laden da oben. Und damit rührte Kingsley an noch so einen heiklen Punkt:
Drei Jahre war es nun her, daß er sich zu Hause das letzte Mal hatte blicken lassen; und bei aller Liebe und allem Heimweh, er würde dort so bald auch nicht wieder auftauchen, bei der riesigen Familie, zu der ja keineswegs nur die Eltern und Geschwister gehörten, sondern dazu die ganze Sippschaft von Onkel und Tanten und Vettern und Basen und Neffen und Nichten.
"Wenn du heimkommst in dein Dorf, dann ist es doch nicht getan mit Hallo und Wie geht''s; du mußt etwas zu geben haben, jedem einzelnen was mitbringen, Geld und Geschenke, sonst könntest du vor Scham keinem ins Auge sehen. Und in diesen Zeiten erwartet natürlich jeder viel mehr als früher -- und das bei solchen Preisen, schon für die Miete allein." S.131
"Nein", sagte Kingsley, "nicht mit mir. Ich bin durchaus ein Befürworter der Großfamilie, prinzipiell. Aber andererseits, vom persönlichen Standpunkt betrachtet, finde ich sie doch lästig für einen jungen Menschen, der nach Selbstverwirklichung sucht."
Kingsley jedenfalls war Individualist. Vor Monaten schon hatte er die erste Auslandsreise seines Lebens beantragt und wartete nun auf seine Devisen-Bewilligung. Er wollte nach Botswana, in dessen Hauptstadt Gaborone.
"Aber Kingsley", fragte ich, "was willst du in diesem Provinznest Gaborone?"
"In Gaborone gibt es Jeans", sagte Kingsley.
"Aber Kingsley", sagte ich, "Jeans kriegst du doch auch auf der Cairo Road."
"Auf der Cairo Road", sagte Kingsley verächtlich, "gibt es nur sambische Jeans, schlecht in Schnitt und Material, miserables Zeug. Aber in Gaborone, da gibt es die echten, Levi''s und Wranglers, die muß ich haben."
Währenddessen war in der Luangwa Bar allgemeiner Frohsinn ausgebrochen, und da man kaum noch das eigene Wort verstehen konnte, sahen wir uns lieber die munteren Mädchen mit den Antennenzöpfchen und Hängegeflechten und kunstvoll getürmten Haarkronen an. Prostitution, schrie mir Kingsley ins Ohr, das sei auch so ein Übel der Moderne, unausdenkbar im Afrika der alten Tage, jenem unverdorbenen Afrika, das ihm noch immer Vorbild war, prinzipiell zumindest.
Aber persönlich gesehen war das eben anders, und so wandte er sich -"He, Schwester!" -- mit Wohlgefallen und wachsender Lust wieder dem zahlreich verkörperten Laster der Neuzeit zu, und als wir uns vorm Interconti verabschiedeten, hatte er sich gleich zwei Wünsche erfüllt, denn die Schwester trug Levi''s, hervorragend geschnitten, aus bestem Material.
"Seh'' dich morgen früh", sagte Kingsley, machte diese internationale Pilotengeste mit dem Daumen nach oben und kniff dabei auf amerikanische Manier ein Auge zu. Dann ging er mit dem Mädchen ins Dunkel hinein und griff zum Stoff, aus dem die Träume sind.
Sambia, mit einem jährlichen Bevölkerungswachstum von 3,2 Prozent, hat eine der höchsten Landflucht-Raten Afrikas. Von seinen annähernd sechs Millionen lebt inzwischen mehr als ein Drittel in städtischen Gebieten, in Lusaka vor allem (600 000 Einwohner) und in den Minen-Zentren des Kupfergürtels.
In Sambia besteht allgemeine Schulpflicht. Jedes Jahr verlassen an die 125 000 Schulabgänger die 7. Klasse, etwa 25 000 finden eine Stelle, die restlichen 100 000 stoßen hinzu zu den anschwellenden Massen der Arbeitslosen, die, bloß weg vom erbärmlichen Landleben, in die Squatter-Viertel der Städte strömen und nichts zu beißen haben, es sei denn, sie holen es sich auf eigene Faust und Gefahr, wo immer sie es kriegen, aus den Taschen der Weißen, aus den Büros der privaten und parastaatlichen Firmen, aus den Häusern der vom Reichtum Gesegneten.
Die panafrikanischen Übel der Moderne: In der Republik des Kenneth Kaunda entfalten sie sich fraglos noch üppiger als im benachbarten Tansania, und mit wahrem Schmutzaufwühler-Elan, einzigartig auf dem ganzen Kontinent, fördern die "Times of Zambia" (Motto: "Vorwärts mit der Nation") und die "Zambia Daily Mail" wetteifernd zutage, was faul ist im Staate, an Kriminalität und Korruption, an Mißwirtschaft und Verschwendungssucht oder eben an purer Faulheit.
"Drei bewaffnete Banditen überfielen bei hellichtem Tage die Kleiderfabrik Piper in Ndola und entkamen mit den Lohngeldern in Höhe von 12 119 Kwacha", meldete die "Mail".
"Das Parlament richtete gestern an das Ministerium für Inneres eine Anfrage hinsichtlich der Herkunft des Chloroforms, das, wie berichtet, von nächtlichen Einbrechern zur Betäubung ihrer Opfer verwendet wurde", informierte die "Times".
Im Zentralhospital Ndola waren 32 Lernschwestern entlassen worden, nachdem man bei Inspektion ihrer Quartiere Spritzen, Injektionsnadeln, Medikamente, Verbandswatte und Putzlappen entdeckt hatte. Im Kafue-Nationalpark wurde ein Major beim Wildern ertappt. Im Copperbelt waren 17 000 Kwacha, bestimmt für den Bau einer Straße, abhanden gekommen. In Lusaka hatten Beamte des Hohen Gerichshofs zu Lasten des erhabenen Hauses Tausende von Kwacha veruntreut, S.132 vor einem Friedensrichter bestritt Ali Simbule, ehemals sambischer Hochkommissar in Britannien, im illegalen Besitz von Smaragden zu sein.
"Disziplin, Höflichkeit und vorbildliches Benehmen -- das ist das Zeug, das große Nationen schafft", belehrte die "Times"; und die meisten Führer des Landes, so rühmte sie, schritten ja bekanntlich auch auf dem "geraden und schmalen Pfad der Zucht und Redlichkeit". Aber: "Wenn sich Spitzenkräfte, von Kabinettsministern bis hin zu hohen Polizeibeamten, in einer Flut von Kriminalfällen zu verantworten haben, dann kann dies bei den Massen, die unter der bislang schwersten Wirtschaftskrise in Sambias kurzer Geschichte ächzen, nur Verwirrung, wenn nicht Enttäuschung stiften."
Das Volk verarmt zusehends unter den horrend steigenden Preisen, es fehlt, selbst wenn erschwinglich, an vielem, an Seife, Butter, Speiseöl, an Mais. Der Staat ist hoch verschuldet und wäre längst bankrott, flössen nicht die Hilfsgelder des Westens, vor allem aus Großbritannien, den USA und der Bundesrepublik ins Land.
Aber Sambia importiert weiter die teuren Cleartone-Kosmetika, den schottischen Whisky, die Mercedes-Flottillen (obgleich die Zahl der eingeführten Personen- und Transportfahrzeuge zwischen 1976 und 1979 von 9391 auf 5324 abgesunken ist); importiert sie zum Wohl und Ansehen einer dünnen Eliteschicht von Ministern, Funktionären und Managern, Apamwamba genannt, die sich am europäischen Luxus ein Beispiel nehmen, selbst wenn sie dabei vom Pfad humanistischer Tugend etwas abirren.
"Bei der nationalen Bourgeoisie der Kolonialländer", schrieb der schwarze Revolutionsphilosoph Frantz Fanon, "dominiert der Genießertyp, weil sie sich psychologisch mit der westlichen Bourgeoisie identifiziert, deren Lehren sie aufgesogen hat. Sie folgt der westlichen Bourgeoisie in ihrem negativen und dekadenten Stadium, ohne die ersten Etappen der Erforschung und Erfindung durchschritten zu haben, die in jedem Fall eine Errungenschaft dieser westlichen Bourgeoisie sind."
Nach Fanon hat die Elite der jungen Staaten Schwarzafrikas "die Psychologie von kleinen Geschäftemachern, nicht von Industriekapitänen" -- das Resultat, auch in Sambia drastisch erkennbar: "Die Schiebungen häufen sich, die Korruption triumphiert, die Sitten verfallen."
Und Kenneth Kaunda weint.
Präsident KK, gefühlvoll, raffiniert und von politisch hellem Verstand, ein Mann der dramatischen Gebärden und vollendeter Repräsentant sambischen Charmes, weint oft und hemmungslos, wenn er zu seinen sechs Millionen Sorgenkindern spricht, um sie zur Staatsräson zu bringen.
Und es ist ja auch zum Heulen, wenn man sieht, wie jammervoll es um das Land bestellt ist, in dem nur die gewaltige Staats- und Parteibürokratie zu wachsen und zu wuchern scheint.
Sambia könnte gut und gern sich selbst ernähren. Statt dessen zahlt es, gebeutelt von permanenter Devisen-Not, alljährlich viele Millionen an harter Währung für die Einfuhr von Mais und Reis, Milch und Fleisch etwa aus dem als rassistisch verfemten Südafrika, von dem es ohnedies wirtschaftlich stark abhängt. Von Sambias Gesamtfläche, rund dreimal so groß wie die der Bundesrepublik, werden weniger als sieben Prozent als Ackerland genutzt.
Kehrt zurück aufs Land, so fleht und mahnt der Präsident, doch er predigt tauben Ohren. Zur Entwicklung landwirtschaftlicher Programme, wie Kaundas Mannschaft sie fordert und in den letzten Jahren spürbar zu fördern sich bemüht, fehlt es an geeigneten und willigen Fachkräften; und ob der Versuch viel nützt, streunende Jugendliche in ländlichen Wiederaufbau-Zentren zu sammeln und mit sanftem Zwang auf der Brache anzusiedeln, ist auch mehr als fraglich.
Die Sambier sind verwöhnt. Sie sind verzogen von früh auf dank einem noch immer stark britisch geprägten Schulsystem, das nicht gerade fürs harte und einfache Bauern-Dasein Afrikas trimmt -- beispielsweise dann, wenn eine in Cambridge entworfene Hauswirtschaftslehre zum Kochen an Elektroherden anleitet, und dies für ländliche Gebiete mit Dörfern ohne Strom; oder wenn zum Werkunterricht derart komplizierte Werkbänke aufgestellt worden sind, zum Stückpreis von zirka 80 000 Mark, daß Lehrer des Deutschen Entwicklungsdienstes versichern, so viel an technischer Perfektion sei ihnen selbst während ihrer ganzen Ausbildungszeit nicht zuteil geworden.
Die Sambier sind verblendet vom Segen und Fluch ihres Kupfers, dem sie vor Jahren noch so phantastische Devisengewinne verdankten, daß sie fest und fast ausschließlich auf ihre Kupferbarren-Exporte bauten und ihre Landwirtschaft frohen Herzens verkommen ließen.
Nun, seit dem katastrophalen Sturz der Kupferpreise von 1974, ist es vorbei mit der Pracht und Herrlichkeit: Die Minen arbeiteten jahrelang mit Verlust, die Produktionskosten stiegen, die Halden wuchsen; das Erz, das mit 55 Prozent zum Einkommen Sambias beigetragen hatte, brachte dem Staat keinen roten Heller mehr, sondern nur noch rote Zahlen. Und wenn sich die S.133 Weltmarktpreise inzwischen auch leicht erholt haben, wenn auch die Bergwerke bei gedrosselter Förderung wieder etwas Profit machen -- der Traum vom großen Geschäft scheint ausgeträumt, bis vielleicht ein neuer Korea- oder Vietnam-Krieg einen neuen Kupfer-Boom beschert.
Sambia hat viele Sorgen mit seiner Bonanza im Copperbelt. Kostspielig und dazu äußerst vertrackt ist der Transportweg aus dem Binnenland Sambia zu den fernen Häfen am Indischen Ozean, etwa auf der von den Chinesen gebauten Großen Uhuru-Bahn, die schlecht funktioniert, nach Daressalam, wo ebenfalls nichts klappt; oder auf dem Schienenstrang quer durch Simbabwe, das gestern noch Rhodesien hieß und Feindesland war, sich auch entsprechend verhielt: 1973 blockierten die Rhodesier den Sambiern, offiziell zumindest, die Brücke über die Viktoriafälle; sie blieb bis Ende 1978 gesperrt.
Und auch im Kupfergürtel selbst, wo Harry Oppenheimers Anglo American of South Africa nach teilweiser Minen-Verstaatlichung noch immer mit 39 Prozent im Geschäft ist, hat man, zusätzlich zum allgemeinen Kummer, seine Probleme.
Von den 30 000 Europäern, die heute in Sambia leben, arbeiten die meisten, vorwiegend Briten, im Minen-Distrikt -- Ingenieure, Inspektoren, Manager, Buchprüfer, Elektriker, Mechaniker. "Und die meisten von ihnen", erzählte Harry Chimowitz, "haben all die Jahre über ziemlich unverblümt mit den weißen Rhodesiern sympathisiert, sie womöglich unterstützt gegen das Land, in dem sie ihr gutes Geld verdienten und Privilegien genossen wie zu kolonialistischen Zeiten.
"Das war auch der sambischen Regierung kein Geheimnis, aber was sollte sie dagegen tun? Sie braucht die Europäer, sie ist sich klar, daß sie ohne die Qualifikationen der Europäer nicht auskommen kann, wie sollte sie auch?
"Im Unabhängigkeitsjahr 1964 gab es in Sambia etwas mehr als 1000 Sekundarschul-Absolventen und etwas weniger als 100 mit Universitäts-Diplom. Es fehlt die industrielle Tradition, das technische Verständnis. Die Minen würden einstürzen ohne die Weißen. Zambia Airways könnte nicht fliegen ohne ihre weißen Piloten.
"Ohne die Weißen käme Sambia nicht zu Rande. Es ist ja sogar angewiesen auf seine rund 350 europäischen Farmer und Rancher, zum Teil mit beachtlichen Pachtgütern von 10 000 bis 15 000 Hektar und riesigen Herden von 8000 bis 10 000 Kopf. Sambia kann im wahren Sinn des Wortes nicht leben ohne sie. Sie sichern fast die ganze Ernährung des Landes, bringen 60 Prozent seiner Agrarprodukte auf den Markt", sagte Harry mit dem rotgegerbten Bauerngesicht, und Harry S.134 kannte sich da aus: Er war selber ein weißer Farmer in Sambia.
Seine Eltern, litauische Juden, waren kurz vor der Jahrhundertwende, zur Zeit der großen Pogrome im zaristischen Rußland, nach Rhodesien ausgewandert, wo sie nebst Metzgerei eine kleine Farm betrieben, mit Viehzucht, Mais, auch etwas Tabak.
Harry, der mit Ian Smith zur Schule ging, wurde Straßenbau-Ingenieur im Dienst der Regierung. Aber da er sich schon früh zu Joshua Nkomo und dessen Bewegung für ein freies Simbabwe schlug und die Polizei ihm deshalb die Hölle heiß machte, kam er im sambischen Unabhängigkeitsjahr 1964 mit Familie herüber, hängte schließlich seinen Ingenieur-Beruf an den Nagel und begann als Landwirt, Weizen und so, nichts Gigantisches, doch genug für ein angenehmes Dasein.
"Der Farmer in Sambia hat ein gutes Leben", sagte er abends auf der Veranda, während um uns herum die Grillen ihre afrikanische Serenade zirpten. "Sicher, es fehlt an vielem, an Seife, an Ersatzteilen, man muß sich mit dem Mangel abfinden, und ab und zu wird auch mal eingebrochen. Aber wo sonst fände ich noch einmal diese Freiheit wie hier."
"Der Jammer ist, die Sambier wollen das nicht einsehen. Sie haben kein Interesse an der Landwirtschaft. Dabei verfügt Sambia über ein großes Pontential an brauchbarem Land, wenn man es richtig bestellt. Es hat zweifellos viele schlechte Böden, aber es hat auch fruchtbare, in der Zentral-, der Ost- und Südprovinz um Livingstone. Das Klima ist gut, der Regen fällt regelmäßig, nicht so wie in anderen Teilen Afrikas."
"Nach der Unabhängigkeit haben sie es mit Kooperativen versucht, und mit Traktoren. Ich ka nn mich an die dreißiger Jahre erinnern, als wir in Rhodesien acht Paar Ochsen vor den Pflug spannten, die Tausende und Tausende von Hektar pflügten. Genau das hätten sie hier auch tun sollen. Aber nein, Traktoren mußten es sein, und die brachen natürlich bald zusammen, weil es an Ersatzteilen und Mechanikern, an der ganzen Infrastruktur fehlte. Sie wollen immer rennen, bevor sie laufen können, eine Katastrophe."
"Auch die sambischen Bauern sind so ein Problem. Die meisten denken nicht kommerziell. Sie begnügen sich mit Subsistenzwirtschaft. Das gleiche Dilemma mit dem Rindvieh. Die traditionelle Herde ist groß, 40 oder 80 oder 100 Kopf, aber verkauft wird selten, höchstens wenn man den Sohn zum Studium schickt, und geschlachtet schon gar nicht, selbst wenn die eigenen Kinder hungern müssen. Denn ein Rind ist Geld auf vier Beinen, ein Statussymbol, ein Prestigeobjekt, das gibt man nicht her, mag da die Regierung noch so quengeln: Wir brauchen dein Vieh, die Stadt hat kein Fleisch."
Wir saßen auf der Veranda, Harry erfreute sich seines Feierabends, seines Sundowners; drinnen im Fernsehen lief "Kojak". "Sambia", sagte Harry, "könnte ohne Frage eine so hochentwickelte Landwirtschaft wie Simbabwe/Rhodesien haben, wo man durch intensive Bewässerung Überschüsse an Nahrung, an Mais und Weizen erzeugt. Aber die Sambier wollen nicht. Das Kupfer ist schuld. Ich fürchte, dieser Reichtum vergangener Tage hat das ganze Volk korrumpiert."
Im Nachbarstaat Malawi gibt es keine Bodenschätze und keine Korruption, hier dominiert auch nicht der bourgeoise Genießertyp. Das arme Land, sechsmal kleiner als Sambia, ernährt seine S.135 fünfeinhalb Millionen Bewohner und andere dazu.
"Wir haben gegenwärtig Nahrungsmittel für fünf Jahre gelagert", instruierte mich Frank Makoza, Chef des Informations-Departements der Republik Malawi. "1979 haben wir Sambia 30 000 Tonnen Mais geschenkt. Wir liefern jedes Jahr Mais nach Tansania und Mosambik. Unsere Wirtschaft wächst jährlich um sieben Prozent."
Frank Makoza, vormals der malawischen Botschaft zu Bonn attachiert, trug auf dem gedrungenen Körperbau des Malawiers das dezente Zivil, das den höheren Rängen der Staats- und Wirtschafts-Exekutive gewissermaßen als Uniform dient: dunkles Nadelstreifenblau mit Weste, Krawatte und passendem Kavalierstuch, dazu das Knöpfchen mit dem Porträt des Präsidenten am Aufschlag, alles sehr konservativ und gediegen und nach der saloppen Eleganz der sambischen Apamwamba-Elite doch ein verblüffender Kontrast.
Der Informations-Chef hatte den Fremdling von der deutschen Presse, der man nach einigen unangenehmen Erfahrungen aus naher Vergangenheit besser mit Vorsicht begegnete, nur begrüßen wollen, und die Inspektion blieb kurz und kollegial. "Welcome to smiling Malawi", sagte er abschließend und entließ mich mit guten Wünschen in sein Vaterland, das mir von den einen als liebenswertes "Musterländle" und "afrikanische Schweiz", den anderen als fürchterliche Zuchtanstalt beschrieben worden war, mit einem senilen Neurotiker an der Spitze, der ein ganzes Volk neurotisierte.
Malawis Industrie- und Handelszentrum Blantyre, benannt nach dem schottischen Geburtsort Livingstones, liegt etwa 700 Kilometer Luftlinie östlich von Lusaka und ist mit der alten Vickers Viscount von Air Malawi in knapp zwei Stunden zu erreichen.
Dem "Zikomo"-Flugmagazin war zu entnehmen gewesen, daß Frauen in Hosen oder kniefreiem Kleid in Malawis Öffentlichkeit nichts zu suchen hätten. Männern war das Tragen von Hosen mit ausladend weitem Schlag untersagt, auch sehr kurze oder enge Shorts sowie ungepflegte Bärte galten als unerwünscht, langes Haar war illegal.
Adrett, ordentlich, wie frisch geweißt wirkte Blantyres Victoria Avenue mit ihren modernen Bankgebäuden und Bürohäusern, den Läden, Supermärkten und gleißenden Drogerien, in denen, wenngleich zu inflationären Preisen, so gut wie alles zu haben war -für Malawis höchste Beamtenschaft, für die indischen und pakistanischen Kaufleute, die englischen Tee- und griechischen Tabakpflanzer und nicht zuletzt für die 5000 Entwicklungsexperten von Weltbank und Uno, aus S.136 Britannien, Kanada, Südafrika und der Bundesrepublik, aus Japan, Taiwan und Sri Lanka, die dem kleinen Land und seinem beladenen Bauernvolk zum Fortschritt verhelfen sollen.
Abends im Ndirande Room des Mount Soche Hotel, Empire in Rot mit Nischen, tafelten bei gedämpftem Licht und Hammondorgel vornehmlich die Expatriierten sowie Touristen aus Oranje-Transvaal. Ein dicker Bure mit Brille, die gestärkte Serviette im Kragen, schnauzte die Kellner an, wie sie anderswo im dunklen Erdteil kein Weißer mehr anzuschnauzen wagte, und die Kellner flitzen, wie sie nirgendwo sonst mehr flitzen würden.
Hier, so schien es, war die Welt noch im alten Lot.
Überall in den jungen Staaten Schwarzafrikas hängt das Porträt des Präsidenten zur Schau. Verbindlich lächelt Kenneth Kaunda aufs sambische Volk herab, strahlend zeigt Julius Nyerere den Tansaniern seine Zuversicht. Malawis Dr. Banda aber blickt so puritanisch ernst, als wolle er kundtun, daß ein afrikanischer Staatschef in diesen Zeiten nichts zu lachen habe: We are not amused.
Seine Exzellenz Ngwazi Dr. Hastings Kamuzu Banda, Präsident auf Lebenszeit, Regierungschef, unter anderem Landwirtschafts-, Justiz-, Außen- und Arbeitsminister und natürlich oberster Befehlshaber der Armee von 3600 Mann, offiziell 74 Jahre alt, ist ohne Zweifel ein eminenter Viktorianer, und ein afrikanischer Preuße dazu. Jedenfalls gilt seine tiefe Verehrung Friedrich dem Großen, dem er mit Strenge, Entschlossenheit und bislang noch immer ungebrochener Fortune nacheifert: ein absoluter Herrscher und erster Diener seines Staates, auch wenn es bisweilen so scheinen mag, als sei der Staat sein erster Diener.
Ihm, dem Oberkommandierenden zu Ehren, dem sie nach Malawis Losung "Einigkeit, Treue, Gehorsam und Disziplin" gelobt haben, marschieren und exerzieren die Jungen Pioniere zwischen 16 und 40 und verrichten, nach israelischem Kibbuz-Modell organisiert, ihren patriotischen Arbeitsdienst auf den Farmen und Gütern.
Zum Ruhme ihres Beschützers, der sie nicht nur vom Kolonialismus, sondern außerdem vom Joch afrikanischer Männer-Tyrannei befreit hat, umtanzen Malawis Frauen in festlichen Chirundu-Gewändern den Ngwazi im Maßanzug mit Fliegenwedel und grauem Ascot-Zylinder und singen ihm das Hohelied vom "Unvergleichlichen", dem "Zauberer", dem "Löwen von Malawi".
Und jedes loyale Mitglied der Kongreß-Partei, dem jeder Malawi kraft Geburt angehört, kennt die wunderbare Geschichte vom bildungshungrigen Dorfjungen aus dem Distrikt Kasungu, der mit 13 aufbrach und tausend Meilen weit barfuß nach Südafrika wanderte, der in den Minen von Witwatersrand sein Brot verdiente, dann in Amerika die Philosophie und Medizin studierte, im schottischen Edinburgh seine Studien fortsetzte und in London sich als Arzt niederließ, um nach 40 Jahren Abwesenheit heimzukehren und den Kampf aufzunehmen gegen die Briten, um Verfolgung und Gefängnis zu erdulden und schließlich, 1964, für sein vernachlässigtes, rückständiges, mit Elend geschlagenes Njassaland die Unabhängigkeit zu ertrotzen.
Aber Unabhängigkeit, so predigt Kamuzu seither dem Volk, "bedeutet nicht, daß uns das Geld wie Manna vom Himmel auf die Köpfe regnet". Sie "bedeutet nicht nur frei sein von kolonialer Herrschaft", sondern vor allem auch "frei sein von Hunger, von Armut", und um sie zu beseitigen, sei er, Kamuzu, da:
"Ich bin für mein Volk da, um es glücklich zu machen. Um glücklich zu sein, braucht mein Volk wesentliche S.137 Dinge -- an erster und wichtigster Stelle Nahrung; dann Kleidung; dann ein Dach überm Kopf. Doch wenn wir das alles wollen, für jeden Menschen genug zu essen, Kleidung, bessere Behausung, dann muß Ruhe und Frieden sein im Land, Gesetz und Ordnung."
Law and order, Disziplin und Gehorsam: Kamuzu, wie besessen vom europäischen Geist des 18. und 19. Jahrhunderts in einem, ein schwarzer Alter Fritz von orthodox-kapitalistischem Fortschrittswillen, regiert mit eiserner Faust, dem Volk zum Wohle, auch wenn dem Volk dabei nicht immer wohl ist.
Er duldet keine Opposition, keine mögliche Konkurrenz; es gibt augenscheinlich keinen zweiten Mann im Staat, dem er seine Nachfolge anvertrauen würde. Er heuert und feuert, wie es ihm paßt. Er ernennt über Nacht Minister und Funktionäre und schenkt ihnen Lehen, damit sie, wie er, der mehrfache Gutsherr und Großunternehmer, hinausgehen aufs Land, es roden und bewirtschaften, Arbeitsplätze schaffen, Kapital akkumulieren, Volksvermögen ansparen, egal in welchen Taschen.
Banda hat, indem er das Lohnniveau in den Städten niedrig hielt (offizieller Mindestlohn pro Tag: rund eine Mark), den allgemein-afrikanischen Exodus aus den Dörfern in seinem Malawi zu verhindern gewußt. Denn "das Land", so sagt er, "ist unsere Goldmine, von ihm müssen wir unsere Zukunft gewinnen", durch "harte Arbeit auf dem Feld mit Hauen und Hacken".
Vom Busch, vom Dorf müsse der Fortschritt ausgehen, so lehrt er und fördert seine Kleinbauern beim Anbau von Verkaufskulturen, von Erdnüssen, Baumwolle, Zucker, Tee, vor allem Tabak, der die Hälfte der Exporterlöse einbringt.
Tansanischer Sozialismus? Kamuzu ist Kapitalist. Sambischer Humanismus? Kamuzu denkt realistisch. "Ich bin kein Theoretiker", erklärt er. "Ich bin kein Akademiker, der Theorien verkündet, Philosophie. Ich bin ein praktischer Mensch, kein Träumer."
Entgegen aller Frontstaaten-Politik seiner nachbarlichen Amtsbrüder Nyerere und Kaunda pflegt er, zum Mißmut fast des ganzen Kontinents, enge Wirtschaftsbeziehungen mit Südafrika, in dessen Minen viele seiner Malawier arbeiten. Die Pretorianer spendeten ihm unter anderem 20 Millionen Mark für die neue Hauptstadt Lilongwe, die seit 1975 entsteht. "Die Entwicklung meines Volkes ist mir wichtiger als alles andere", sagt Kamuzu. Und um Widerstände zu überwinden, würde er "sogar mit dem Teufel paktieren, wer immer der Teufel ist".
Es gab einmal eine Zeit, da waren in Malawi die Gefängnisse voll, mit mehr als 2000 politischen Opponenten, auch mit Zeugen Jehovas, die dem Staat und seiner Fahne ihren Tribut nicht zollen wollten. Doch der Schurke der Tragödie, ein Albert Muwalo Nqumayo, Generalsekretär der Kongreß-Partei, der im Bunde mit Polizeichef Gwede für solche Zustände verantwortlich gewesen sein soll, wurde 1977 wegen versuchten Staatsstreichs verurteilt und in aller Stille aufgehängt -- und nun, so versichern Landeskenner, sei es, abgesehen von ein paar Dutzend Politischen, die noch immer gefangen in Zomba säßen, wirklich vorbei mit der Willkür; nun, von den Männern des Special Branch in hellen Staubmänteln unauffällig überwacht, herrsche tatsächlich das Recht in Malawi, sogar eine gewisse Liberalisierung sei bemerkbar. Und die Frauen tanzen, und Kamuzu sagt: "Laßt uns die Freiheit genießen, die ich euch gebracht habe."
Malawis neue Hauptstadt Lilongwe ist heute schon etwas mehr als ein kühner Reißbrett-Traum. Die breiten Alleen sind angelegt, die Bagger buddeln, die Bulldozer wühlen. Ganz allmählich wächst aus dem Busch die Zukunft empor, mit nackten Betonriesen, von gelben Kränen überragt, mit ersten Vollendungen, schlüsselfertig, bezogen --Regierungsbauten, Geschäftshäusern, einem Capitol Hotel.
Glückhaften Aufschwung soll Lilongwe der Zentral- und Nordregion bringen, die weit zurück sind hinter dem Süden Malawis mit dem bisherigen Regierungssitz Zomba und dem Wirtschaftszentrum der Nachbarstädte Blantyre-Limbe; und ein kräftiger Schub wird dabei von einem "Lilongwe Land Development Programme" erwartet, das eingegliedert ist in den großen, auf 20 Jahre angelegten Nationalen Landwirtschafts-Entwicklungsplan.
Tony Standen, über die 50, war vor einem Vierteljahrhundert als Kolonialbeamter nach Njassaland gekommen. Jetzt, im Auftrag des neuen Souveräns, diente er in alter Treue und Hingabe mit seinem integrierten LLDP zum Segen von 100 000 malawischen Bauernfamilien -- durch Landvermessung, -erschließung und -vergabe, Beratung und Schulung, Kreditbeschaffung, Fürsorge für Lagerung, Transport und Vermarktung, Häuser-, Straßen- und Brunnenbau, Erosionskontrolle und Aufforstung, Wasserversorgung, Einrichtung dörflicher Handwerksbetriebe, Verbesserung ländlicher Gesundheitszentren und vieles andere mehr, ein ehrgeiziges Programm.
Tony war kein Mann von Understatement. Ruhelos, mit weißem Wuschelhaar, offenem Hemd und gewaltigen Briten-Shorts, paradierte er vor seinen Pinn-Wänden mit den Bauern-Photos, Luftaufnahmen, Karten, Graphiken auf und ab und pries den Herrn.
"Let''s face it", sagte er: "Wo in Schwarzafrika gibt es noch ein zweites Land, das sich selbst ernähren kann? Welches andere Land verfügt über eine so beachtliche Infrastruktur, ein so extensives Straßennetz?
"Hier gibt es keine Vetternwirtschaft, keine Manipulation von Geldern wie überall sonst. Kamuzu ist wachsam. Die verschwindend kleine Elite Malawis, er hat sie unter Kontrolle. Diese Rumhurerei mit anderen Ehefrauen, wie das eine Zeitlang gang und gäbe war, damit ist''s jetzt auch vorbei. In Malawi herrschen law and order."
Und was eigentlich sei dagegen einzuwenden? Was gegen Zucht, Strenge, Gehorsam, Pflichterfüllung, Leistungsdruck, S.140 Disziplin? Was habe Europa zu dem gemacht, was es heute sei, fragte Tony und zwinkerte: "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, hab'' ich nicht recht?"
Jawohl, Exzellenz war ein echter Puritaner, ein Traditionalist mit westlichem Konzept, westlichem Geschichtsbewußtsein. Er kannte seine afrikanischen Brüder. Er wußte, daß sie weich waren wie Plastilin, man konnte sie formen. Die Kolonialherren hatten das getan, er selbst tat es, zum Wohle des Volkes, und jeder war willkommen, der ihm dabei loyal und botmäßig zur Seite stand. "Let''s face it", sagte Tony: "Der Alte macht die beste, die erfolgreichste Entwicklungspolitik in ganz Schwarzafrika."
Die Monsunwolken, die vom Monte Chiperone drüben in Mosambik heraufzogen, hingen tief über den Shire Highlands: Chiperone-Wetter.
Wir waren frühmorgens, den Proviant im Jeep verstaut, von Limbe aufgebrochen, hatten das Stammesland mit seiner tropischen Roterde hinter uns und fuhren durch die Alleen der Silbereichen, zu beiden Seiten die Teefelder, deren grün schattierender Teppich sich bis zum Horizont über die sanften Hügel wellte.
Dies war der Thyolo-Distrikt, das am weitesten entwickelte Gebiet Malawis, die Heimat der europäischen Pflanzer. Der Tee brach nur ab, wenn zwischendurch der Kaffee kam. "So wie hier könnte es, bei richtigem Management, in weiten Teilen Afrikas aussehen", sagte Volker Kobelt.
Ein Paradies. Aus der Ferne leuchtete das rote Laub der Msasabäume herüber. Und dann, dramatisch umwölkt, tauchte schemenhaft das Massiv des Mulanje vor uns auf, 3000 Meter hoch, ein Klotz von Urgestein, der unmerklich näher rückte.
Doch es ging schon auf Mittag zu, als wir den Ort Luchenza mit seinen indischen Ladenhäuschen-Reihen durchfuhren und bald darauf einbogen auf die Piste, zur Rechten die schroffen Wände des Bergs, dessen Sturzbäche wie Schneesträhnen wirkten, und schließlich durch den Busch hoppelten, direkt in einen Taleinschnitt des Mulanje hinein, und anhielten vor dem Backstein-Rohbau ohne Dach und dem Wasserspeicher-Gerüst daneben.
Etwas weiter oben, neben dem Bach, stand der Wohnwagen, umgeben von ein paar Strohhütten. Herbert Otto kam uns entgegen, in Buschjacke, einen Löwenzahn am Safarihut, einen Krokodilzahn an der Halskette.
In jüngeren Jahren hatte er im weißen Süden Elefanten gejagt. Jetzt, mit 67, fing er wieder mal neu an, leider nicht als sein eigener Herr: Er war Manager einer Tabakfarm von 2000 Hektar, die der Vorsitzenden der Frauenliga S.141 von Blantyre gehörte, ein Geschenk des Präsidenten.
Das neue Haus war bald bezugsfertig. Otto hatte die 80 000 Backsteine selber gebrannt. Aus dem holzverschalten Kellerraum drang der Duft von Mulanje-Zedern. Wir blickten aus dem Fensterdurchbruch übers fruchtbare Tal. "Yes, Bwana", sagte Otto, "aus Afrika ließe sich so vieles machen."
Unterm Zeltdach vor dem Wohnwagen servierte Ehefrau Ruth, einst Lehrerin in Windhuk, Bratwürste mit Salat. Am Baumstamm vor uns war ein Wappen mit den Farben Schwarz-Weiß-Rot angenagelt. Otto, der Hamburger, erzählte blauäugig Geschichten.
Er hatte die Buren, die Voortreckers, das tapfere Volk Ohm Krügers, immer gemocht, die perfiden Engländer nie. Als er drei war, seine früheste Kindheitserinnerung, sah er über der Elbe die Zeppeline schweben, kleine silberne Zigarren, die hinüberfuhren, um bloody London zu bombardieren. Das war 1916 gewesen. 14 Jahre später sagte er zu seinem Daddy, dem Bankdirektor: "Vater, ich will Bur werden."
So wanderte er aus ins gelobte Land und wurde Ratulani, der Jäger. Die Jagd und der Tabak, davon verstand er was. Er hatte es seinen Söhnen immer wieder eingeschärft: "Wenn ein Tabakblatt reif ist, muß es so zart sein wie die Innenseiten der Schenkel ganz oben bei einem jungen Mädchen." Madame blinzelte, die beiden Malawier räumten den Tisch ab.
"Yes, Bwana", sagte Otto, "es ist ein herrliches Land." Wir gingen hinunter zu den Riesensteinen am Wildwasser des Tuchila, der das Haus später mit Strom versorgen sollte, und spazierten dann zwischen Felsbrocken durchs fahle Gestrüpp und ausgedörrte Gehölz, und Otto zeigte mit seinem Stock auf die Tierspuren im Sand: Paviane, eine große Hyäne, eine Schlange; auch ein Leopardenpaar war im Revier.
Aber dann deutete er hinüber zum Berg, vor dem plötzlich zwei, drei Rauchsäulen aufstiegen, und wurde rabiat. "Diese Schwarzen, wenn sie bloß nicht immer so frevelhaft zündeln würden", schimpfte er. "Sie können es einfach nicht lassen, sie brennen den Busch ab. Sie mögen Christen geworden sein, doch das steckt tief in ihnen drin: Damit der Regengott wiederauferstehen kann, muß die Erde gereinigt werden."
"Außerdem", meinte Kobelt, "macht es ihnen Spaß, Feuer zu legen und Flammen zu sehen, und man kann auch besser nach kleinen Nagern, Ratten, Mäusen jagen, wenn die Sicht frei ist."
"Jedes Jahr, von der Sahel bis zum Limpopo, brennt Afrika", klagte Otto. "Und ich frage Sie, Bwana: Was nützt das ganze schöne Geld der Entwicklungshilfe, solange die Schwarzen alles daransetzen, ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören?"
"Otto hat recht", sagte Kobelt: "Die Afrikaner treiben mit ihren naturgegebenen Ressourcen den gleichen Raubbau wie wir mit der Kohle und dem Erdöl -- und eines Tages ist alles weg."
Volker Kobelt, Agrarökonom und Experte der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, war landwirtschaftlicher Projektprüfer bei der Investment and Development Bank of Malawi und mit seinen 41 Jahren ein alter Afrikaner des nachkolonialen Zeitalters: Tunesien, Obervolta, Togo, Ghana, er war rumgekommen.
Wir saßen abends nach der Rückkehr vom Mulanje vorm prasselnden Kaminfeuer, denn es war kühl im Hochland. Frau Sigrid brachte die Kinder zu Bett, James servierte seinem Master und dessen Gast das Malawi Carlsberg. Der weitläufige Raum hatte, wie sich das fürs Experten-Heim in Afrika gehörte, einen völkerkundlichmusealen Touch, mit viel Schwarz-Geschnitztem an Wänden und auf Simsen.
Drei Jahre war er bereits im Land, zwei weitere wollte er noch bleiben. Diese normalen Zweijahresverträge, mit denen die GTZ ihre Experten vor Ort schickte, davon hielt er nichts. Zwei Jahre reichten gerade aus, um sich mit der fremden Umgebung vertraut zu machen, sich einzuarbeiten und einzufühlen, aus den eigenen Fehlern zu lernen.
Außerdem, er gestand es ungefragt: "Es ist mir noch nie so gut gegangen wie hier." Die Malawier waren unwahrscheinlich freundliche Menschen, sie hatten überhaupt nichts Aufmüpfiges. Sie achteten streng auf hierarchische Hackordnung, bisweilen war''s schon komisch, ja ärgerlich: Wenn er, Kobelt, sich bei ein bißchen Gartenarbeit erholen wollte, kam sofort sein Gärtner angerannt und nahm ihm die Hacke aus der Hand: "Das ist kein Job für den Master."
Smiling Malawi, ein Musterländle. Der Präsident trieb eine vernünftige Politik, pragmatisch, effizient. Und trotzdem ließe sich noch weit mehr aus dem Land herausholen, wenn nicht auch hier die gleichen Sünden begangen würden wie überall: "Malawi könnte viele Länder des Erdteils mit Nahrung versorgen. Das Potential ist da, die technischen Möglichkeiten sind vorhanden."
Aber es fehlte eben, wie überall in Afrika, an der richtigen Pflege des Bodens. Es fehlte an bodenschützenden und -erhaltenden Maßnahmen, an Aufforstung, Terrassierung, Erosionskontrollen, Begradigung natürlicher Wasserläufe. "Malawis größtes Exportprodukt ist wertvoller Mutterboden, der von den oft sehr heftigen tropischen Regenfällen weggewaschen wird und die Flüsse hinunterschwemmt."
"In vielen Gebieten Afrikas", belehrte Kobelt, "wird der permanente Anbau von Mono-, von Verkaufskulturen gefördert. Tabak zum Beispiel, in diesem Land die Hauptkultur, ist, ebenso wie Baumwolle, äußerst bodenschädigend. Und wenn man 30, 50 Jahre vorausdenkt, werden die großen Tabak-Estates, wenn sie so weiterwirtschaften wie bisher, in Malawi eine neue Steppe oder gar Wüste geschaffen haben.
"Was Afrika braucht, ist Fruchtwechselwirtschaft. Das traditionelle afrikanische Bodennutzungssystem, mit seinem Wanderackerbau, dem bedenkenlosen S.143 Abholzen des Buschlands, ist ein Verhängnis: Da brennt man das Gras ab und rodet ein Stück Busch, man nutzt es drei bis fünf Jahre, dann läßt der Ertrag nach, und man rodet ein neues Stück. Das alte wird vom Busch zurückerobert, und je nach Regenfall und Klima kann es 30 Jahre dauern, bis die Fruchtbarkeit des Bodens wiederhergestellt ist.
"Afrika, obwohl es im allgemeinen ein dünn besiedeltes Stück Erde ist, kann sich eine solch unrationell-extensive Landwirtschaft nicht mehr leisten, und das dichter bevölkerte Malawi schon gar nicht. Bei einem Bevölkerungswachstum von 2,9 Prozent wird hier in absehbarer Zeit der potentiell nutzbare Boden knapp. Das bedeutet, daß sich der herkömmliche Wanderackerbau als unpraktikabel erweist. Denn die Fläche schrumpft, und bei permanenter Nutzung des Bodens sinkt das Fruchtbarkeitsniveau, und zum Schluß wird dann nur noch Maniok erzeugt, nur noch Stärke, kein Eiweiß, kein Protein, und dann haben wir die absolute Fehlernährung, die dicken Bäuche der Kinder."
"Aus diesem Teufelskreis müssen wir raus, indem wir das Bodennutzungssystem ändern, indem wir dem Bauern mit Hilfe moderner Landbaumethoden zu höherer Produktion verhelfen, damit er seine ständig wachsende Familie ernähren kann. Malawi, ganz Afrika muß zu einer intensiveren Form der Landwirtschaft übergehen."
"Es muß weg von der Hacke, hin zum Haken- und schließlich Scharpflug, der den Boden tiefer durcharbeitet, so daß die Pflanze sich besser entwickeln kann. Es braucht neue Sorten mit höheren Erträgen. Es muß die Düngerwirtschaft einführen, um die Leistungsfähigkeit des Bodens zu erhöhen."
"Vor allem jedoch muß es aufräumen mit dem alten afrikanischen Landrecht, nach dem der Boden Gemeinschaftseigentum ist und damit ohne Wert, so daß jeder ihn nutzt, soviel er kann, und Raubbau damit treibt. Mit anderen Worten: Es muß Individualeigentum geschaffen werden, damit der Bauer in seinen eigenen Grund und Boden investiert und ihn pflegt."
"Was Afrikas Landwirtschaft braucht, ist ein technologisch und rationell durchgeführter Strukturwandel, mit Bodenklassifizierung, Landneuverteilung -- kurz: Afrika braucht die große Bodenreform. Es braucht sie genauso, wie einst Europa sie brauchte, um seine regelmäßig wiederkehrenden Hungersnöte aus der Welt zu schaffen."
"Ein neues Landnutzungssystem: Dann könnte Afrika getrost weiter lieben und sich vermehren und noch viel größere Bevölkerungsmassen ernähren."
"Aber", sagte Kobelt und trank sein Bier.
Die Fahnenstangen an der Chileka Road bildeten eine weiße Gasse, die schwarz-rot-grünen Flaggen flatterten im Wind. Übermorgen sollte Kamuzu aus Edinburgh zurückkommen, mit der frischen Würde eines Ehren-Fellow des Royal College of Surgeons. Der Aufmarschplatz war hergerichtet zum Begrüßungsfest, zum großen Freudentanz der Frauen, die da singen würden: "Ngwazi, wir sind zur Stelle."
"Wenn Kamuzu heimkommt, erbebt das Land", hatte mir ein Malawier versichert. "Wenn der Alte stirbt, bricht das Chaos los", hatte ein Europäer prophezeit.
Auf dem Flughafen Chileka spazierten die Polizisten in steif gestärkten Khaki-Shorts, das Stöckchen unterm Arm. Die Paßbeamten in schwarzen Hosen, weißen Hemden, schwarzen Schlipsen trugen die gleiche Uniform wie ihre Kollegen in Lusaka und London. In der Abflughalle hinterm Zoll war Hochbetrieb. Die meisten Passagiere warteten auf die SAA-Maschine nach Johannesburg.
Mitten im Gewühl saß aufrecht, stumm und dünnlippig ein altes Ehepaar, sie füllig in Seide, er hager in kleinkariertem Flanell -- die letzten der Viktorianer. Unendlich gelangweilt blickten sie auf den internationalen Mischmasch der Wartenden, diese Exemplare "tückischer Völkerschaften", "halb Kinder noch, halb Teufel" (wie Kipling zu dichten pflegte), denen ihr Empire die Zivilisation gebracht hatte: Afrikaner, Inder, Pakistaner, Malaysier, Singhalesen.
Der ganze Raum war in Bewegung, alles zappelte, plapperte, schwitzte. Doch die beiden, in ihrer Aura von Splendid Isolation, saßen wie erstarrt, als säßen sie weit, weit weg im Londoner Wachsfiguren-Museum der Madame Tussaud.
Im nächsten Heft
Die Macht der Toten - Das Übel Zaires - Herz der Finsternis - Hoffnung auf die Missionare
S.126 Auf dem Tanganjikasee. * Auf dem Tanganjikasee. * S.128 Mit Großbritanniens Premier Margaret Thatcher 1979 während der Rhodesien-Konferenz in London. *
Von Gunar Ortlepp

DER SPIEGEL 3/1981
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