12.01.1981

Rolf Schneider über Jura Soyfer: „Das Gesamtwerk“

Österreichs Büchner? Der österreichische Satiriker und Erzähler Jura Soyfer, geboren 1912 in Charkow, starb 1939 im Konzentrationslager Buchenwald. -- Von Rolf Schneider, 48, DDR-Dramatiker mit West-Visum, werden in dieser Spielzeit in Düsseldorf „Sommer in Nohant“ und in Mainz „Die Mainzer Republik“ gespielt.
Die in der ersten Republik Österreich gemachte Literatur wurde obenhin durch Verfasser wie Hofmannsthal oder Karl Kraus, Franz Werfel oder Robert Musil repräsentiert: berühmte Namen, deren Trägern gemeinsam war, daß sie schon zur Zeit der inzwischen zerborstenen Doppelmonarchie debütiert hatten; es blieb diese Monarchie auch ihr unverlierbares Thema.
Wie tief der damals gepflanzte Republikanismus gleichwohl eingewachsen war, erwies sich, nach den sieben Jahren der freiwillig-unfreiwilligen Eingliederung in Adolf Hitlers Großdeutschland, bei Gelegenheit der zweiten, der jetzigen Republik Österreich. Das Heimweh nach dem Anschluß ist dahin, jenes nach etwelchen Diktatorialregimes auch; Lieblingsbeschäftigung ist die Pflege der eigenen nationalen Identität geworden, zu der auch die republikanische Überlieferung ab dem Jahre 1918 gehört.
Dabei gerät eine Kunstpraxis ins Blickfeld, deren Signet nicht mehr der weiße Backenbart des Kaisers Franz Joseph, sondern der kahle Asketenkopf des christlichsozialen Prälaten Ignaz Seipel gewesen ist.
Ein paar Autoren aus jener Ära kennt man längst auch im Ausland, Horvath etwa oder Doderer. Ein paar andere, wie Theodor Kramer und Jura Soyfer, kennen vorläufig selbst im Lande bloß die Interessierten. Nun waren diese beiden entschieden linke Leute; Soyfer war es bis in die extreme Konsequenz hinein, und derlei muß wohl das zwischen Reserviertheit und Opportunismus lüstern schwankende Verhalten des Normal-Österreichers zur Politik eher verschrecken.
Soyfer, Jahrgang 1912, war kein gebürtiger Österreicher. Er entstammte einer jüdischen Industriellenfamilie aus dem zaristischen Rußland, und sein Geburtsort hieß Charkow. 1920 flohen die Soyfers vor Oktoberrevolution, Bürgerkrieg und Enteignung in die Türkei, sie kamen schließlich nach Wien, sie etablierten sich im mittelbürgerlichen Milieu, was immerhin den Gymnasialbesuch des Sohnes garantierte.
Dessen weitere Biographie ist rasch erzählt: mit fünfzehn Jahren Anschluß an die sozialistische Schülerbewegung, nach dem Abitur Inskription an der Wiener Universität. Seit dem siebzehnten Lebensjahr schreibt er regelmäßig für künstlerisch-agitatorische Laienprogramme, später veröffentlicht er in der "Arbeiter-Zeitung" der SPÖ.
1932 reist er nach Deutschland und erlebt angewidert die Heraufkunft der Hitlerei; ab 1934 schreibt er Szenen und Verse für literarische Cabarets in Wien. 1937 wird er erstmals verhaftet, durch die Polizei des austro-faschistischen Kanzlers Schuschnigg; er wird freigelassen; als der Hitlersche Anschluß stattfindet, wird er wieder verhaftet; man bringt ihn erst ins Konzentrationslager Dachau, dann nach Buchenwald; dort stirbt er Anfang 1939 an Typhus. Er ist gerade 26 Jahre alt geworden.
Er hinterläßt ein verstreutes Werk, das nun endlich -- und übrigens mustergültig -- zusammengetragen worden ist und ein Urteil erlaubt über die Talente eines, der mit den Worten seines Freundes Hans Weigel ein "Unvollendeter" war, nach Meinung Helmut Qualtingers hingegen "Österreichs Büchner".
Er war, dies ist der erste Eindruck, ein politischer Dichter von geradezu erstaunlicher Stringenz. Es gibt von ihm buchstäblich keine zur Veröffentlichung bestimmte Zeile, die nicht auf Zeitgeschehen respondiert. Persönlich-Privates fehlt in seinen Gedichten vollständig. Es gibt keine Liebes-, keine Naturlyrik von ihm, und selbst die Briefe, die von ihm überkommen sind, auch solche an die Freundin, reden lieber von Hitler und dessen unbegreiflicher Massenwirksamkeit als von den natürlichen erotischen Sehnsüchten eines jungen Mannes.
War er ein Fanatiker? Hans Weigel hat ihn in Erinnerung als "nicht gerade ein verbummelter Student, ebenso gewiß auch kein Kaffeehausliterat, aber er führte eine Art Boheme-Leben mit Kaffeehaus-Runden bis in die tiefe Nacht". Fanatiker leben so nicht. An Kaffeehaus-Tischen sitzen die Zweifler, die Sonderlinge, die Propheten des alles relativierenden Ungefähr.
In Soyfers Versen findet sich davon nun wieder keine Spur. Die Österreicher haben in ihm ihren ersten großen politischen Lyriker nach Anastasius Grün; und da seit dem Vormärz und dessen pathetischen Gebärden drei Generationen ins Land gegangen waren und viel politische Utopie verschlossen hatten, fehlt in Soyfers Versen der Ton des Clairons: Soyfer hat Grün ein Mehr an poetischer Wahrhaftigkeit voraus.
Dabei sind seine Verse absichtsvolle Tagesprodukte. Manches ist nur noch bei Gebrauch eines zeitgeschichtlichen Nachschlagewerks verständlich, anderes zeigt die Spuren der hastigen Herstellung. Es hat auch dann noch den Gestus der schönen kalten Schnoddrigkeit in "einrich Heines Manier: Schlaf, Kindlein, schlaf. Dich schützt de" Paragraph.
" Dich treibt die Mutter schon nicht ab, Dich braucht der Staat " fürs Massengrab
" Im Wasgenwald, am Piave. Schlaf, Kindlein, schlafe. "
Das erinnert natürlich an Kurt Tucholsky. Tatsächlich holt Jura Soyfer für Österreich das politische Cabaret nach, wie es in München und Berlin schon seit der Jahrhundertwende betrieben wurde, durch Wedekind, Mühsam, Mehring, Kästner, Weinert und eben Tucholsky. Bis zu Soyfer gefielen sich Österreichs Satiriker immer in der solitären Haltung spöttisch eingestandener Vergeblichkeit; das schließt den aggressivsten S.160 unter ihnen, Karl Kraus, ausdrücklich mit ein.
Kraus war eine monomanische Natur. Der von sozialistischen Gemeinschaftsvorstellungen angerührte Soyfer erstrebte Kollektives; und eben in dem Augenblick, da Joseph Goebbels im Reich die Cabarets schließen oder per Zensur und Verhaftung entschärfen ließ, wurden sie in Wien prächtig etabliert.
Sie gediehen um die sechs Jahre, unter dem wachsenden Druck des christlichen Ständestaates von Dollfuß und Schuschnigg. Sie erstarben nach dem Anschluß; sie blühten neuerlich auf nach dem letzten Kriegsende, brachten noch einmal Talente hervor wie Qualtinger, Kreisler, Wehle und verdämmerten dann allmählich in der zahnlosen Opulenz des zweiten Nachkriegs.
Soyfer schrieb für die Cabarets "ABC" und "Literatur am Nachmarkt". Er schrieb Songs und Szenen, aus denen Szenenfolgen und schließlich "Mittelstücke" wurden: etwa einstündige, in sich geschlossene dramatische Arbeiten, die an die Stelle der in Deutschland üblichen Nummernrevuen traten. Es sind fünf solche Stücke von Soyfer erhalten; am bekanntesten wurden "Vineta" und "Der Lechner Edi schaut ins Paradies": moritatenhafte Lehrstücke, die sich in irgendeiner Mitte zwischen Sketch, Allegorie und Volksstück nach der Machart Nestroys und Horvaths bewegen.
In Wien, wo alle diese Traditionen bis heute recht lebendig sind, hatte das seinen ohnehin nur auf den Tag berechneten Effekt. Versetzen läßt es sich schwer, eigentlich fortsetzen wohl auch nicht. Es bleibt beim Ausweis einer nicht unerheblichen szenischen Phantasie, und die Sprache der kleinen Leute wurde so grauslich genau nur noch von Horvath notiert.
Jura Soyfers letzte Arbeit war ein Roman. Es sind nur Bruchstücke davon erhalten geblieben. Er ist gleichwohl die Sensation des vorliegenden Sammelbandes. Er weist nach, daß Helmut Qualtingers hochgemute Beurteilung nicht übertrieben ist.
Der Roman trägt den (vermutlich provisorischen) Titel "So starb eine Partei". Dies klingt nach schlechtem politischem Pamphlet; es hat immerhin den Vorzug der Genauigkeit. Erzählt wird nämlich der Untergang der Sozialdemokratischen Partei Österreichs im Jahre 1934.
Hätten wir dieses Buch zur Gänze, es wäre der wichtigste politische Roman, den wir in deutscher Sprache besäßen. Die Souveränität, mit der hier erzählt wird, ist bewunderungswürdig, zumal die Sprödigkeit des Stoffes bedacht sein will. Soyfer schildert Führer und Geführte und Gegner des Austromarxismus, er schildert die Macht und die Hilflosigkeit einer Massenpartei, die Stimmung in ihren Zusammenkünften, die Träume und Frustrationen ihrer S.161 Anhänger, die Korruption durch die Macht der Parteiämter.
Der Roman begibt sich in die Wohnungen des proletarischen Wien und registriert die von den Betroffenen nicht vermerkbare Trostlosigkeit des dortigen Lebens. Soyfer schildert durchschnittliche und langweilige Parteiversammlungen in einer Art, daß man meint, eine epische Außerordentlichkeit zu erfahren. Er schildert die zwischen politischem Mut und lauernder Kleinbürger-Grausamkeit unentschiedene Gemütslage in den Partei-Gliederungen, er verschweigt auch nicht den allenthalben spürbaren Antisemitismus -- bei einer Partei, deren Begründer und wichtigste Führer, Victor Adler, Friedrich Adler, Otto Bauer, jüdischer Herkunft gewesen sind.
Soyfer liefert Porträts von Personen der Zeitgeschichte, so eines Kanzlers Dollfuß: eines höflichen und eitlen Zwerges, der beim Friseur sitzt -- dies ist keine Karikatur, es ist eine Beschreibung von schlimmer Präzision und mehr als eine Karikatur.
Es gibt wenige erzählende Bücher, in denen das Zeitalter des siegreichen faschistischen Umsturzes so bis in die scheinbar unerheblichen Einzelheiten genau dargetan worden ist. Kein anderer Roman hat den wichtigsten gesellschaftlichen Organismus unserer Epoche, die politische Partei, zu seinem Gegenstand gemacht, ausgenommen Aragon in seinen "Kommunisten", die aber auch nach dem Urteil ihres Verfassers nicht gelungen sind. Soyfers Roman ist gelungen, ablesbar an den überkommenen Fragmenten.
Der Text übertreibt nirgends, und die Sprache ist von einer Art, daß sie den Vergleich mit jener Elias Canettis, einer in vielem zu Soyfer parallelen Existenz und eines glanzvollen Stilisten, keinesfalls scheuen muß.
In beiden Fällen ist Grund des Glanzes die Genauigkeit. In den Geschichten der erfundenen oder aus der Wirklichkeit genommenen Romanfiguren handelte Soyfer seine eigene Betroffenheit ab. Er hatte erlebt, wie die SPÖ, vergleichbar der SPD ein Jahr zuvor, aufrecht und fast widerstandslos kapituliert hatte vor der Diktatur von rechts. Die erste Reaktion des über diese Niederlage verzweifelten Jura Soyfer war der Übertritt zu Österreichs Kommunisten gewesen; der Roman war deutlich als schöngeistige Rechtfertigung dieser Konversion gedacht; Soyfers persönliche und literarische Motive ähnelten jenen Ernst Fischers.
Als Jura Soyfer verhaftet wurde, geschah dies aufgrund einer Verwechslung. Man hatte eigentlich den österreichischen Kommunisten Franz Marek fassen wollen. Marek wurde wie sein Freund Ernst Fischer 1969/70 aus der KPÖ ausgeschlossen. Jura Soyfer war damals schon 30 Jahre tot. Über sein Schicksal, wäre er am Leben geblieben, läßt sich nur mutmaßen.
S.159
Schlaf, Kindlein, schlaf. Dich schützt der Paragraph.
Dich treibt die Mutter schon nicht ab, Dich braucht der Staat fürs
Massengrab
Im Wasgenwald, am Piave. Schlaf, Kindlein, schlafe.
*
Von Rolf Schneider

DER SPIEGEL 3/1981
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